1999

Sportpreisträger 1998:
Erfolg dank Teamgeist und Gruppendynamik

Rolf Spriessler

Der Speerwerfer Pascal Joder und die Werfergruppe des Turnvereins Riehen haben den Sportpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 1998 zLigesprochen erhalten.

Der 1979 geborene Pascal Joder hat in der Saison 1998 etwas geschafft, das zuvor noch keinem Mitglied des Turnvereins Riehen gelungen ist - er hat sich als Leichtathlet für die Junioren-Weltmeisterschaften qualifiziert. Dabei hatte der Schweizerische Leichtathletikverband Ende Juli /Anfang August nur gerade eine Athletin und zwei Athleten nach Annecy in Frankreich entsandt.

Der Speerwurf-Wettkampf vom 31. Juli war in der 98erSaison dann allerdings der einzige, der Pascal Joder gründlich misslang. Er war zwar gut in Form, wirkte aber im Kopf blockiert, war wie abwesend und hatte sich wohl auch selbst zuviel vorgenommen. Er blieb knapp unter der 60-Meter-Marke, belegte unter 25 Athleten den 23. Platz und schied so schon im Qualifikationswettkampf aus.

Doch wie erwähnt: Bereits die Qualifikation für die Junioren-WM, die er sich mit einem Wurf auf 68,39 Meter am Qualifikationsmeeting in Düdingen vom 27. Juni 1998 gesichert hatte, war ein riesiger Erfolg. Pascal Joder zeigte darüber hinaus eine bemerkenswert konstante Saison mit zahlreichen Wettkampfwürfen über 63 Meter, er war Erster der Schweizer Juniorenbestenliste 1998, und er wurde auch überlegen Junioren-Schweizer-Meister. Pascal Joders Fernziel ist die Teilnahme an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Und sollte er sich tatsächlich im Laufe der kommenden Jahre qualifizieren, hat er gegenüber vielen anderen Schweizer Leichtathleten einen grossen Vorteil: Er hat bereits einen internationalen Grossanlass erlebt und kann seine Lehren ziehen aus der Erfahrung in Annecy.

Allerdings war der Wettkampfverlauf in Annecy - betrachtet man seine bisherige Entwicklung - untypisch für Pascal Joder. Im September 1994 nahm er - damals in der Kategorie Männliche Jugend B - erstmals an Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften teil, und er sorgte damals in Frauenfeld mit seinem völlig unerwartet erreichten Titelgewinn für eine der grössten überraschungen des Anlasses. Es folgten eine Silbermedaille und eine Bronzemedaille bei der Jugend A, Platz fünf und der SchweizerMeister-Titel bei den Junioren: Bei fünf Teilnahmen an nationalen Nachwuchstitelkämpfen stand er also viermal auf dem Podest. Oft war es dem Gymnasiasten, der diesen Sommer die Wirtschaftsmatur bestanden hat, schon gelungen, auch nach Formbaissen gerade bei wichtigen Wettkämpfen in Topform zu sein und zu reüssieren.

Doch zurück zu Pascal Joders überraschendem Jugend-Schweizer-Meistertitel im Jahr 1994. Dieser Erfolg war ausschlaggebend dafür, dass unter der Regie von Dieter Dunkel der Aufbau der aktuellen Werfergruppe des TV Riehen begann.

Der 1949 geborene Dieter Dunkel, einst selber aktiver Leichtathlet beim Turnverein Riehen, begann vor über 25 Jahren damit, seine damals 13jährige Schwester Katrin im Speerwerfen gezielt zu fördern und zu trainieren. Bald wurde ihm klar, dass ein gutes Mehrkampftraining die beste Basis ist für gute Wurfwettkämpfe. Katrin Dunkel wurde zur während Jahren zweitbesten Speerwerferin der Schweiz. In der ewigen Bestenliste des Landes belegt sie noch heute den fünften Platz.

Mit guter Bewegungsbeobachtung, Einfühlungsvermögen und innovativen Lrainingsideen - im Geschoss über seinem Pelzwarengeschäft am Klosterberg war beispielsweise während Jahren ein Kraftraum eingerichtet, wo Athletinnen und Athleten und auch die von ihm betreuten Riehener Handballerinnen trainierten - arbeitete sich Dieter Dunkel als Trainer bis zum Disziplinenchef und Disziplinencoach Speer für die Männer und Frauen der Schweizer Leichtathletik-Nationalmannschaft empor.

Mit dieser Erfahrung im Hintergrund machte er sich 1994 daran, mit Pascal Joder und dem zwei Jahre älteren Nicola Müller zwei Talente aus der Jugendriege des Turnvereins Riehen zu formen. Wenig später kam Stefan Müller hinzu, ein Athlet, der zwar für die LV Winterthur startet, aber auch Mitglied des TV Riehen wurde, in Basel eine Ausbildung absolvierte und während der letzten drei Jahre voll in die Wurfgruppe integriert war. Vor allem für Pascal Joder wurde Stefan Müller zu einem wichtigen Trainingskollegen.

Nach und nach stiessen weitere Athletinnen und Athleten hinzu. Im Jahre 1998 gehörten auch die Brüder Raphael und Benjamin Schüle, die Diskuswerferin Katja Tschumper und die Kugelstösserin Karin Joder, die jüngere Schwester von Pascal, zum harten Kern der Gruppe. Katja Tschumper kommt aus der Region Biel, wohnt aber seit einigen Jahren in Riehen. Die heute 24jährige Polizeibeamtin war zweimal Medaillengewinnerin an Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften. Die 1981 geborene Karin Joder qualifizierte sich im Kugelstossen 1998 erstmals für die Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften.

Der Teamgeist und die Konkurrenz spornten die Mitglieder der Gruppe zu überdurchschnittlichem Engage ment im Training und zu guten Wettkampfergebnissen an. Dabei war es nicht nur so, dass sich Nicola Müller, Pascal Joder und Stefan Müller gegenseitig zu immer besseren Leistungen trieben, auch weniger talentierte oder unerfahrenere Gruppenmitglieder steigerten ihre Bestleistungen beträchtlich. Weil die Gruppe von den Leadern mitgezogen wurde und zugleich den Spitzenleuten eine Umgebung bot, in der sie - nicht nur auf dem Sportplatz Geborgenheit und Kameradschaft fanden, ging der Sportpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 1998 schliesslich nicht nur an Pascal Joder, sondern zur Hälfte auch an die gesamte Gruppe.

Pascal Joder war sechseinhalb Jahre alt, als ihn sein Cousin Michael Unholz motivierte, in den Turnverein Riehen einzutreten. Er kam ins Training, um den «Plausch» zu haben, und auch wenn er bald zu den Besten gehörte, war er lange Zeit nicht einer, der speziell auf seine Resultate achtete. Mit seiner lebhaften Art und seiner unbändigen Energie brachte er so manchen Jugi-Leiter ins Schwitzen. «Pflegeleicht» war Pascal, der seine Meinung auch dann deutlich zu sagen pflegt, wenn diese vielleicht nicht allen passt, wohl noch nie. Aber wenn es darauf ankam und ankommt, konnte und kann man auf ihn zählen.

An der Leichtathletik fasziniert den eingefleischten FC Basel-Fan die Vielseitigkeit: «In der Leichtathletik braucht man Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit - alles in einem. Es dominiert nicht eine bestimmte Fähigkeit, wie das bei anderen Sportarten der Fall ist», sagt er. Und in der Leichtathletik sei er ganz alleine für seine Leistung verantwortlich. Da könne es nicht passieren, dass er - wie bei einer Mannschaftssportart - zwar persönlich eine gute Leistung bringe, aber trotzdem das Spiel verliere.

Begeistert ist Pascal Joder von der Techno-Bewegung. Einerseits liebe er die Lautstärke, den Rhythmus, den Bass, andererseits gefalle ihm auch das Klima innerhalb der Szene, denn an «Raves», den Techno-Veranstaltungen, gingen die meist jugendlichen Gäste sehr offen aufeinander zu und seien nicht so distanziert wie sonst. IJberhaupt ist Pascal Joder, der zum Spass auch schon einmal verschiedene Bierflaschen sammelt, kein Kind von Traurigkeit und gibt abends hin und wieder «einen durch». Und das gehört auch zur guten Stimmung, die bei den Werfern des TV Riehen derzeit auf und neben dem Sportplatz herrscht.

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