1999

Geistliche Musik im Wandel der Zeit

Cyrill Schmiedlin

In der St. Franzislaiskirche fand erneut die Uraufführung eines Chorwerks statt. Mit der «Franziskanischen Gottesdienstmusik» von Caroline Charrière feierte der Kirchenchor im Rahmen des festlichen Jubiläumsprogramms.

Geistliche Musik im Wandel der Zeit
Im Jahr 1999 feiert der Kirchenchor zu St. Franziskus wie auch die Pfarrei das einhundertjährige Bestehen. Kirchenmusik ist - man erkennt es aus dieser Parallele - in der Riehener Pfarrei von allem Anfang an offensichtlich ein wichtiges Anliegen gewesen. Das drückt sich nicht zuletzt auch im Umstand aus, dass sich der Chor immer wieder für neue Kompositionen einsetzte und Gottesdienstmusik uraufführte. An dieser Stelle seien drei solche Werke etwas näher vorgestellt. Dabei wird uns bewusst werden, wie sehr sich im Zeitraum der letzten fünfzig Jahre, das heisst seit dem Bestehen des heutigen Franziskus-Kirchenbaus, die Anforderungen an Kirchenmusik gewandelt haben.

Die Messe von Johann Baptist Hilber
Im Jahr 1950 übergab die Pfarrei zu Riehen und Bettingen ihrem Kirchenchor zum Einzug in die Kirche des Heiligen Franz als Zeichen des Dankes für fünfzig Jahre treue Mitgestaltung an Gottesdiensten die «Messe zu Ehren des HL Franz von Assisi für gemischten Chor und Orgel» von Johann Baptist Hilber.1) Johann Baptist Hilber war damals Direktor der Luzerner Kirchenmusikschule und zugleich einer der prominentesten schweizerischen Kirchenkomponisten. Wahrscheinlich hatte der damalige Riehener Pfarrer Hans Metzger persönliche Kontakte zu Hilber. Unklar ist, ob die Messe ein Auftrag war. Jedenfalls ist sie von der Pfarrei dem Franziskus-Chor gewidmet, der sie uraufführte.

Das Werk ist noch ganz «Messe» im herkömmlichen Sinne. Das heisst, dass das altbekannte griechisch-lateinische «Messordinarium» gemäss den festen Teilen des katholischen Gottesdienstablaufes - Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei - gestaltet wurde. Aussergewöhnlich ist in dieser Vertonung, dass das Credo teilweise einstimmig im Stil des gregorianischen Chorals gesetzt ist. Lassen wir den Komponisten aber selbst zu Wort kommen. Im Vorwort hält er fest: «Diese Messe wurde mit vollem Bedacht als kurze und leichte Messe geschaffen. Sie ist nicht eine anspruchsvolle Festmesse, nur von leistungsfähigen Chören zu bewältigen, sondern sie möchte in erster Linie dem sonntäglichen Hochamt und den kleineren Kirchenchören dienen. Sie hat keine Soli, sondern ist ganz Chor und Gesamtklang. Die Messe ist dem Heiligen Franz von Assisi geweiht, dem <minnigen Troubadour Gottes>, der mit seinem unsterblichen (Sonnengesang) alles Erschaffene zu gemeinsamem Gotteslobe aufruft. Daher sei ihrem Vortrag alles Gesuchte und Eigenwillige fern und alles Liebe und Einfache nah. Ihr bester Vortrag ist andächtiges Bitten, Preisen und Danken im Geiste des lieben Poverello von Assisi.»2)

Uns heutigen Menschen mutet dieser Text vielleicht schon recht naiv und antiquiert an; aber wir haben ihn nicht nur wegen des inhaltlichen Informationswertes wiedergegeben, sondern auch, um das gefühlsbezogene Argumentieren der Zeit vor fünfzig Jahren nachzuempfinden.

Das Werk hat eine grosse Verbreitung erfahren. Und es findet sich wohl kaum ein deutschschweizer Kirchenchor, der es nicht gesungen hätte. Johann Baptist Hilber liess sich namentlich im Kyrie von ostkirchlichen Klängen inspirieren, was den Leuten gefiel. Im Grunde aber stellt die Messe eine Vertonung dar, die - etwas vereinfacht gesagt geradesogut am Ende des 19. Jahrhunderts hätte entstehen können. Die aktive Beteiligung der Gemeinde beschränkt sich bei dieser Gottesdienstmusik auf das Hören; auf ein Mitsingen - etwa im Wechsel mit dem Chor - wurde traditionsgemäss verzichtet. Das wäre heute undenkbar. Entsprechend problematisch ist natürlich auch die Verwendung solcher Kirchenmusikform im derzeitigen Gottesdienst, denn die liturgischen Anforderungen und Schwerpunkte haben sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil tiefgreifend geändert. Das Latein wurde relativiert. Das Verständnis für die Gottesdienstform wurde neu definiert. Die Stellung von Priester, Kantor und Gemeinde wurde frisch überdacht. Der «einfache Gläubige» wurde mündig. Und heute hat die Gemeinde eine zentrale Rolle im Gottesdienst. Kirchenmusikalisch drückt sich das folgerichtig darin aus, dass ihr, der wichtigsten Rollenträgerin, auch gesanglich ein aktiver Part zugeordnet wird.

Das Werk von Ansgar Sialm
In diesem Sinn und Geist schuf der Liestaler Komponist Ansgar Sialm den «Gottesdienst am Hohen Donnerstag» für Chor, Kantor, Gemeindegesang und Orgel. Der Titel «Messe» wird hier also bewusst vermieden. Das Werk entstand 1992 als Auftrag des Diözesanen Cäcilienverbandes des Bistums Basel. Damals stellte man fest, dass eine Vertonung der wichtigen und reichen GründonnerstagsLiturgie praktisch fehlte. Und in der Einführung schrieb Ansgar Sialm: «Der Kompositionsauftrag hatte als Grundlage von den Originaltexten auszugehen und die musikliturgische Situation an diesem ersten der drei österlichen Lage zu berücksichtigen. Der relativ umfangreiche Text verlangt nach einer straffen, konzentrierten Aussage, soll die Abendmahlsfeier musikalisch nicht überladen wirken.»3)

Die Konzentration auf Wesentliches prägt das Werk in der Tat. Sialms Musik stellt sich ganz in den Dienst des Wortes und der Liturgie. Es werden keine Konzessionen im Sinne gefälliger Klänge oder eines Entgegenkommens an den üblichen bekannten Musikgeschmack eines breiten Publikums gemacht. Die musikalische Sprache ist nichttonal, es gibt keine Tonarten, und daher ist sie für viele gewöhnungsbedürftig. Sie fordert sowohl vom Zuhörer wie von den Musizierenden Toleranz und Offenheit. Ist man bereit, sich auf diese Tonsprache einzulassen, ist die Musik sehr ergreifend; ihre Intensität liegt nicht an der Oberfläche. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie anspruchsvoll und tief die Symbolik der Feier der kirchlichen Liturgie im allgemeinen und jene des Gründonnerstags-Gottesdienstes im besonderen ist, so darf und muss im übrigen auch die Musik anspruchsvoll sein! Hier ist sie undekorativ, verdichtet aber den liturgischdramatischen Inhalt hervorragend. Text oder auch einzelne Wörter eines Satzes werden durch entsprechende Klänge «gemalt», wie wir es bereits von Bach her kennen. Nur sind die Schranken der Tonalität - der Bezug auf eine Tonart - gefallen. Kontrahenten von Neuer Musik kann übrigens immer wieder entgegengehalten werden, dass auch die Zeitgenossen Bachs diesen aufforderten, einfacher und verständlicher, also nicht so neu - «frembde Töne» - zu schreiben. Ansgar Sialm versteht es besonders meisterhaft, die Orgelvor- und -Zwischenspiele orgelgemäss und wohlproportioniert zu setzen. Wir denken, dass dieses Werk alles in allem ein ideales Vorbild zu einer neuen Gottesdienstmusik abgibt.

Die Komposition von Caroline Charrière
Die dritte Komposition, die hier vorgestellt werden soll, wurde anlässlich des Festgottesdienstes vom 5. September dieses Jahres uraufgeführt und ist ein Werk, das der Kirchenchor St. Franziskus zu seinem 100-Jahr-Jubiläum der Pfarrei schenkte. Die Komponistin heisst Caroline Charrière und lebt in Freiburg. Es war das Anliegen der Pfarrei, einen Kompositionsauftrag an eine jüngere Komponistin zu erteilen, die nicht im deutschsprachigen Raum etabliert ist.

Entstehen sollte ein Franziskanischer
Gottesdienst, der chortechnisch einfach gehalten ist und alle Teile des Gottesdienstes unter Einbezug der Gemeinde vertont. Es ist also «Gebrauchsmusik», die zum festen Repertoireteil des Chores werden kann. Der Geist soll franziskanisch sein, und deshalb wurde das Werk genau dieser Komponistin aufgetragen. Denn vor geraumer Zeit hatte man in Riehen die Möglichkeit, Teile ihrer kleinen A-cappellaMesse (für vierstimmigen Chor ohne Begleitung) zu hören. Ihr Stil liess erkennen, dass sie eine grosse Affinität zum Gesang besitzt. Dazu kommt, dass ihre Kompositionen völlig unprätentiös sind, also eine franziskanische Grundbedingung erfüllen.

Wir wollen hier einen Briefteil wiedergeben, in dem sich Caroline Charrière zu ihrer Arbeit äussert: «Welche Freude, eine Franziskus-Gottesdienstmusik zu schreiben! Zunächst, weil ich am liebsten für die menschliche Stimme schreibe, welche Mittlerin zur Seele ist. Ich bin auch glücklich darüber, das Schreiben für die Orgel zu ent decken, weil mich dieses Instrument schon seit langem interessiert. Und schliesslich ist es eine grosse Freude, diese Vertonung mit den Texten des Hl. Franz von Assisi zu assoziieren. Denn mir scheint, dass meine Musik zur Einfachheit und zur Tiefe dieses grossen Heiligen gut passen kann. Im Grunde genommen ist es vor allem ein Geisteszustand, der mich geleitet hat. Ich habe mich ins neue Katholische Gesangbuch vertieft auf der Suche nach Melodien und Texten, die folgende Themengruppen illustrieren können: Einfachheit, Freude, Friede, Liebe zur Natur als Gottes Schöpfung. Was die musikalische Schreibweise betrifft, habe ich darauf geachtet, dass sie zwar zeitgemäss ist, mit einigen Dissonanzen oder Polytonalitäten (mehrere Tonarten erscheinen gleichzeitig), aber ohne bis zu einer wirklich <zeitgenössischen> Sprache zu gehen. Vielleicht werde ich mehr mit den Orgelstücken oder mit den Teilen für den Solokantor experimentieren...»1) Auch Caroline Charrière stellt Beziehungen zwischen dem Textinhalt und der Melodie her. Es sind hier weniger Intervalle, die symbolisch eingesetzt werden; die kompositorischen Mittel sind vielmehr die Geste der Melodie, das «Ausholen» und die Gestaltung der Melodie- und Phrasenlänge, die Tonhöhe und die mit ihr verbundene Intensität. Die durchaus traditionellen Klänge des Chores werden durch dissonante Orgelakkorde angereichert. Oder eine Orgelstimme singt zu einem Akkord der übrigen Stimmen einen dissonanten Ton, «parfümiert» also gleichsam den Klang. Dies ist eine Technik, die schon Claude Debussy angewandt hat.

Caroline Charrière scheut die Kürze nicht. Die einzelnen Teile dauern bisweilen nur zwei Minuten. Auf diese Weise gelingt es ihr auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die Zuhörer sowie die Mitsingenden an dieser Konzentration teilhaben zu lassen.

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