1999

Das unbekannte Bild eines
Kleinmeisters

Albin Kaspar

Eine aquarellierte Tuschzeichnung tauchte unlängst in einem Basler Antiquariat aLif und befindet sich jetzt im Besitz von Johannes Wenk-Balsiger. Sie sagt vieles aus über Riehens Charakter im späten 18. Jahrhundert.

Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Vor kurzem tauchte in einem Basler Antiquariat ein bisher unbekanntes Bild auf. Es zeigt den freien Ausblick von Riehen in das untere Wiesental, auf den Tüllinger Hügel und auf die weite Rheinebene. Ein faszinierender Anblick, der begeistert und erfreut.

Es handelt sich um das Werk eines nicht identifizierbaren Kleinmeisters. Zeitlich lässt es sich, durch Vergleiche mit der Büchelzeichnung von 1752 und dem Siegfriedplan von 1825, dem späten 18. Jahrhundert zuweisen. Durcir die genaue Wiedergabe einzelner Details stellt es ein wertvolles historisches Zeitdokument dar. Wir erhalten Einblick in die Welt einer vornehmen Basler Gesellschaft, die sich im Ancien Régime elegante Lustschlösschen baute und das idyllische Landleben auf ihre Weise genoss.

Das Leben auf dem Glöcklihofgut
Wir befinden uns beim Glöcklihofgut, im oberen Stockwerk des Cagliostro-Pavillons. Aus einem der nach Nordwesten gerichteten Fenster blicken wir hinaus auf die sich unseren Augen darbietende Landschaft. Auf der rechten Bildseite grüssen die ersten Häuser von Riehen. Unmittelbar vor uns verläuft die Landstrasse nach Basel. Darüber erstreckt sich die Wiesenaue, begrenzt durch den Tüllinger Berg.

Es ist früher Morgen. Die Sonne beginnt emporzusteigen, und ihr heller Schein wirft lange Schatten an Häusern und Bäumen. Soeben fährt eine elegante «Chaise» beim Glöcklihofgut vor. Beim genaueren Hinsehen erkennen wir, dass es sich um eine Phaeton-Kutsche handelt, mit offenem Klappverdeck, der beige Kasten blau gerändert, hinten mit einer Lakaistiege versehen. Es ist ein leichtes, elegantes Luxusgefährt, das die Basler Oberschicht für ihre sommerlichen Ausfahrten benutzte. In der Kutsche sitzen eine Dame und ein Herr mit breitrandigen Hüten. Ein graziler Sonnenschirm soll sie vor dem Sonnenlicht schützen. Der Kutscher in blauer Livrée und Dreispitzhut fährt die vornehmen Gäste zur Loreinfahrt. Ein Reiter begleitet sie in flottem Trab. Ein Mann mit Frack und Hut, vielleicht der Gutsbesitzer, begrüsst sie mit erhobenem Stock. Hinter ihnen treibt ein Mann in rotem Frack und breitem Hut ein mit Lastkörben beladenes Maultier gegen das Dorf. Bringt er Nachschub aus der Stadt?

Gleichzeitig führt der Gutsknecht von der Dorfstrasse her einen bäuerlichen Leiterwagen, beladen mit Fässern, Bükten, Bokten und anderem Herbstgeschirr, gegen das Tor. Die beiden Pferde sind hintereinander eingespannt, ein Gefährt, wie es für schmale Wege vor allem in den Rebbergen verwendet wurde. Wir kennen den Namen des Knechtes; er hiess Hans Breitenstein, der zusammen mit seiner Frau im Dienst der Gutsbesitzer stand, den Unterhalt der Gebäude überwachte und die zum Landgut gehörenden Felder besorgte.

Die dargestellte Szene weist auf den kommenden Herbst hin. Der Sommer beginnt sich zu neigen. Die Bäume erhalten ihre ersten Farbtupfer, es naht die Zeit der Weinlese. Sie bedeutete vor allem für die städtischen Bürger ein besonderes Ereignis, wozu jeweils viele Freunde und Verwandte eingeladen wurden.

Der Glöcklihof gehörte damals Johann Jakob Bischoff, dessen Frau Elisabeth Roschet das Landgut 1760 von ihrem Vater geerbt hatte. Bischoff zählte zum Kreis der wohlhabenden «Bändelherren». Zusammen mit seinen Söhnen betrieb er in Basel im Haus «Zum Luft» an der Bäumleingasse eine florierende Bandfabrik. Politisch betätigte er sich als Mitglied des Grossen Rates und amtierte von 1768 bis 1798 als Direktor der Kaufmannschaft.

Das Ehepaar Bischoff-Roschet liess das ererbte Landgut in Riehen zeitgemäss ausbauen. Der Garten erhielt ein ba rockes Kleid nach französischer Mode, und an der strassenseitigen Ecke wurde ein hübscher Gartensaal errichtet. Um 1783 wurde dieses Gebäude zu einem chinesischen Pavillon mit Türmchen und Glöckchen umgebaut. Es sollte für die Séancen der nach dem Vorbild des geheimnisvollen Grafen Cagliostro gegründeten ägyptischen Loge dienen.

Am rechten Bildrand ist ein schmales Randstück des neu eingerichteten Anwesens sichtbar. Es gewährt uns einen kleinen Einblick in die Eleganz des ehemaligen französischen Gartens, der bisher nur im Ryhiner-Plan von 1786 schema tisch dokumentiert war. Eine hohe Mauer schliesst den Park gegen die Strasse ab. Ein Tor neben dem Herrschaftshaus führt zu einem baumbestandenen Hof entlang des Gebäudes. Wir bemerken die ersten Bäume der in typischer Kastenform geschnittenen Kastanienallee. Ein Zaun trennt diesen Ehrenhof vom eigentlichen Garten. Vier symmetrisch angeordnete, kunstvoll angelegte Rasenbeete bilden das Zentrum des Ziergartens. Längsseits begleiten kleine, oval geschnittene Buchsbäumchen, auf der Schmalseite ein zierliches Mäuerchen die bekiesten Wege. In den Ecken stehen kugelförmige Orangenbäumchen.

Das Riehener Bauernhaus
Während die ankommenden Gäste begrüsst und in den Hof geleitet werden, gleitet das Auge des Betrachters über die Szene hinweg auf die dahinterliegenden Häuser. Von seinem leicht erhöhten Standpunkt aus reicht sein Blick weit in die Baselstrasse hinein und zum Teil über die Dächer hinweg. Mit genauem Auge und präziser Feder erfasst der Künstler die Fassaden und Dachformen. Seine Liebe zum Detail erweist sich für die Bauforschung als grosser Glücksfall. Wir erhalten dadurch einen Eindruck vom ursprünglichen Zustand der Riehener Bauernhäuser, bevor sie im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zu den uns bekannten stattlichen Bauernhöfen ausgebaut worden sind. Charakteristisch sind vor allem die kleineren Bauvolumen, steile Giebel, am Wohnhaus angebaute niedrigere Scheunen und eine Vielzahl von Anbauten und Nebengebäuden. Auf der rechten Strassenseite, versteckt hinter dem Glöcklihof an der Ecke Baselstrasse/Bettingerstrasse, stand damals noch ein kleines Bauernhaus mit einem Vor garten. Um 1836 baute es der Landarzt Johann Jakob Weissenberger zu einem geräumigen Wohnhaus um. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste es zusammen mit den drei Nachbargebäuden (ehemals Baselstrasse 2-8) der heutigen Busschlaufe und einem Neubau weichen.

Die nachfolgenden Gebäude stehen heute noch: Das Dannacherhaus mit einem auffallend hohen Giebel, Scheune und Wohnhaus des heutigen Café «Arte», das ehemalige Gasthaus «Dreikönig», das Fischerhaus und das Wettsteinhaus. Neben dem «Dreikönig» erkennen wir einen kleinen Schopf, der auf dem Parzellenplan von 1825 bereits fehlt. Das danebenliegende Fischerhaus wurde um 1781 von Johannes Fischer umgebaut und erhielt damals seine uns vertraute Gestalt. Auf der linken Strassenseite präsentiert sich die Giebelseite des Hauses Baselstrasse 1, rechts von einem Waschhaus und hinten links von einem Holzschopf begrenzt. Dahinter reihen sich in bunter Folge die Dächer der um die Kirche gruppierten Bauten: links das grosse Krüppelwalmdach der ehemaligen Zehntenscheune, daneben das Pfarrhaus, dann das Klösterli mit einem Teil der früheren Kirchenburg, überragt vom Kirchturm mit den roten Ecksteinen, der Turmuhr und dem leuchtenden Hahn auf der Turmspitze.

Ebenso realitätsnah wie die Häuser gibt der Maler den Zustand der Dorf- und Landstrassen wieder. Auf beiden Strassenseiten verlaufen offene Wassergräben, die das Abwasser der Dorfbrunnen und der Haushaltungen sammeln und unterhalb des Dorfes in die Wiesen leiten. Aus der Bettingerstrasse fliesst das Immenbächlein offen über die Strassenkreuzung, um dann nach rechts in die Wiesenmatten abzuzweigen. Neben dem Wasserlauf und der Fahrstrasse verläuft ein Fussweg. Schmale Bretterstege erlauben es, trockenen Fusses über diese Gräben zu gelangen.

Der landschaftliche Reiz
Im Mittelpunkt der Zeichnung steht jedoch die weite Landschaft. Die linke Bildhälfte wird beherrscht von der Erhebung des Tüllinger Hügels, bekrönt durch die weithin sichtbare Kirche von Tüllingen. Der dunkle Schatten einer Wolke liegt wie zufällig auf dem Berg und betont dadurch die baumbestandene Kuppe des Hügels. Auf seiner besonnten Südflanke dehnt sich das grosse Rebgebiet des Schlipfs. Links davon erblicken wir die Weiler Mühle, daneben den Kirchturm und einige Häuser von Weil, in der Ferne begrenzt durch die blauen Schatten der Vogesen. Rechts von Tüllingen leuchtet der Kirchturm von Lörrach, und dahinter sieht man das Schloss Rötteln. Im Hintergrund erkennen wir schwach die Umrisse des Blauen. Darüber erhebt sich der leicht bewölkte Westhimmel, der über die Hälfte des Bildes beansprucht. Weit und frei steigt er in die Höhe und erhält durch die verschwebenden Formen der Vogesen und des Schwarzwaldes im Hintergrund eine besondere Tiefe von eindrucksvoller Schönheit. Es liegt etwas Abgeklärtes über der ganzen Landschaft.

Das Geniessen solcher landschaftlicher Reize entsprach dem im 18. Jahrhundert neu erwachten Naturgefühl. Inspiriert von Jean-Jacques Rousseau und Albrecht Haller entdeckte die gebildete städtische Oberschicht ihre Liebe zur Natur und zum Landleben. Sie unternahm Reisen, erbaute Landhäuser und liess ländliche Szenen und beliebte Landschaften von Malern naturgetreu abzeichnen.

Auch die Familie Bischoff-Roschet holte einen der sogenannten Kleinmeister nach Riehen, um die Aussicht aus ihrem neuerbauten Pavillon festzuhalten. Im Jahre 1813 erbte der Sohn Johann Jakob Bischoff-Merian, der bereits den Wenkenhof besass, den Glöcklihof. Durch Erbteilung kam das Bild auf den Wenkenhof. Laut einer Widmung auf der Rückseite schenkte es Louise Burckhardt-His 1901 ihrer Nichte Marguerite Lobler als Dank für ihre treue Pflege. Heute befindet es sich in Riehener Privatbesitz bei Johannes Wenk-Balsiger.

Die Absicht des Künstlers
Das Werk des unbekannten Kleinmeisters ist eine aquarellierte Tuschzeichnung auf Papier, auf einem Papierrahmen angebracht. Die Originalgrösse beträgt 51 x 24 Zentimeter. Unten links ist eine Inschrift erkennbar, deren Tinte jedoch völlig verflossen, verblasst und damit unleserlich geworden ist. Eine abgestufte Färb- und Formensprache verleiht dem Werk eine frische Lebendigkeit. Die Häuser, Bäume und Figurengruppen im Vordergrund sind naturgetreu wiedergegeben. Kräftige Farben an Dächern und einzelnen Bäumen und Sträuchern herrschen vor, zum Teil überdeckt mit glänzendem Weiss, das den Lichteinfall der Sonne widerspiegelt. Im Mittel- und Hintergrund hingegen dominieren dezente Farben. Die Bäume der Wiesenaue erscheinen nur noch schematisch gezeichnet. Es handelt sich hier eher um eine vereinfachende, idealisierende Darstellung der Landschaft mit Hervorhebung einzelner markanter Elemente.

Wunschgemäss zeichnete der Künstler auf, was den städtischen Herrschaften in Riehen gefiel. Das reale Landleben interessierte ihn nicht. Ausser dem Gutsknecht sehen wir keinen einzigen Bewohner von Riehen. Die Häuser des Dorfes dienen nur als Kulisse für die ländliche Idylle. Wichtig erschienen allein der Genuss des eigenen Landgutes, die nahende Weinlese, der Empfang illustrer Gäste in repräsentativer Umgebung, der reizvolle Anblick der unberührten Natur.
 
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