1998

Kulturpreisträgerin 1997:
Regula Huegli, Malerin und Zeichnerin

Regula Suter-Raeber

Bereits 1994 ist die Malerin Regula Huegli im Riehener Jahrbuch vorgestellt worden. Nun wird sie mit der Laudatio als Trägerin des Kulturpreises gewürdigt.
  
Eine Annäherung an das Werk von Regula Huegli ist möglich durch das Eingehen auf die drei «Orte», wo die Künstlerin lebt und arbeitet, wo ihr zeichnerisches und malerisches Werk kontinuierlich, aber auf unterschiedliche Weise entsteht und die ihr alle drei geistige und seelische Heimat sind. Kenntnisse über den Werdegang, über Arbeitsweise, Werkformen, Motive und Materialien in Regula Hueglis Kunst führen ebenfalls an das Wesentliche ihres persönlichen und einzigartigen Werkes heran, das seine innere Folgerichtigkeit und Ordnung hat und dem Namen der Künstlerin - Regula heisst Massstab oder Regel - Ehre macht.

Die drei «Heimatorte»
Der erste «Heimatort» ist Basel-Stadt, mit der Wohnung in Riehen und dem Atelier am Rhein, im Atelierhaus Klingental. Von der fast am Dorfrand gelegenen Wohnung aus unternimmt Regula Huegli jeden Tag Spaziergänge durch die Felder oder fährt mit dem Velo durch die Langen Erlen, beobachtet Lichteinfälle und Wolken, nimmt mit allen Sinnen Wetter und Jahreszeiten wahr.

Die tägliche Arbeit findet regelmässig im Atelier statt, im sogenannten «Labor». Die Forschung an dem, «was die Welt zusammenhält», ist für Regula Huegli die gemeinsame Ebene von Leben und Kunst, und ihre Bilder sind seit eh und je das Resultat dieser Forschung. Systematisch setzt sie sich jeweils mit einem frei gewählten Motiv auseinander, zurzeit mit dem Sechseck. Viele zeitintensive Vorstudien, darunter auch naturwissenschaftlich-mathematische Untersuchungen, gehen einer definitiven Bildgestaltung voraus. Zu gegebener Zeit entsteht aus diesen präzisen Vorarbeiten ein Bild: in einem Zug, aus vielen unterschiedlichen Impulsen heraus, die rational nicht kontrollierbar sind, in einem schöpferischen Zustand der Künstlerin, die teilweise überrascht ist von dem ihr zum Motiv spontan Zufallenden, es jedoch aufnimmt und das Weitertreiben der Arbeit in eine unbekannte Richtung zulässt. Das fertige Werk steht dann da als etwas Neues und Eigenes, Theorie und Ratio übersteigendes. Es wird noch lange der kritischen Prüfung unterzogen, bevor es, endgültig abgeschlossen, in eine Ausstellung entlassen wird. Die aus den Jahren 1995 bis 1997 stammenden Werke sind auf die eben beschriebene Weise entstanden. Zugrunde liegt ihnen jeweils ein Punktraster. Aus der Verbindung der Rasterpunkte mit Strichen hat die Künstlerin ein Netzwerk aufgebaut, aus dem heraus sich Schalen, geometrische Formen wie Kreise und Segmente, gebildet haben. Sie sind mit Aquarellfarbe und Tusche über Bleistift auf Papier gearbeitet, den gebräuchlichen Medien von Regula Huegli.

Das Atelier in Basel ist aber auch ein Ort des Kontaktes: mit andern Künstlern, mit interessierten Freunden und vor allem auch mit den Schülern, die hier einmal pro Woche mit grossem persönlichem Engagement unterrichtet werden. Regula Huegli spricht von sich als von einer «Mal-Mutter», die ihren Kindern anstelle von Muttermilch geistige Nahrung spendet.

Der zweite «Heimatort» ist eine kleine Wohnung in Cannerò bei Verbania, direkt am Ufer des Lago Maggiore gelegen. Seit 1959 verbringt Regula Huegli ihre Ferien hier, anfänglich mit ihren Kindern. Zunehmend wird es ein Ort des Rückzugs, der Abgeschiedenheit und Stille, wo sie ebenfalls täglich konsequent malt und zeichnet, jedoch auf ganz andere Art und Weise: In Büchlein aus handgeschöpftem Nepalpapier, etwa im A5-Format, hält sie die jeweiligen äusseren Eindrücke und inneren Erfahrungen in der Reihenfolge und Dichte, in der sie sich einstellen, fest - spontan und unüberarbeitet. In einem Zustand des Offenseins lässt sie immer wieder die überwältigend weite Seelandschaft mit ihren wechselnden Stimmungen auf sich wirken, hält malend fest, was sie besonders berührt und was dadurch ausgelöst wird und sich weiterentwickelt. Frei strömen ihre intuitiven Antworten auf die Blätter, ebenso frei wie sich die eigenen Stimmungen und Gefühle, persönliches Glück oder ungelöste Probleme, in Chiffren oder Metaphern bei diesem, das Unbewusste einlassenden Malen Blatt für Blatt niederschlagen. In diesem spontanen Arbeiten kommt sie zum Wesentlichen, zu sich selbst.

Bei jedem Aufenthalt am Lago Maggiore entstehen diese sogenannten «gemalten Tagebücher», von deren Schönheit, Frische, persönlicher Sprache und auch Intimität die drei Abbildungen in diesem Artikel einen kleinen Eindruck vermitteln. Mit der Abreise von Cannerò ist für Regula Huegli jeweils eine Lebensphase abgeschlossen. So ist es ihr auch möglich, sich von den Tagebüchern zu distanzieren, sie in Ausstellungen zu zeigen und zu verkaufen, gleich wie die im Basler Atelier entstandenen Werke. Doch ist Verkäuflichkeit kein Kriterium beim Schaffen eines Werkes. Dieses geht aus einer inneren Notwendigkeit hervor, gehorcht nicht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Weit entfernt ist der dritte «Ort» der geistig-seelischen Heimat. Es ist das Himalaja-Gebiet. Seit ihrem ersten Auf enthalt in Katmandu, 1985, weiss Regula Huegli intuitiv, dass sie diesem Gebiet und seiner Kultur innerlich zutiefst verbunden ist. Sie verbringt nun manchmal mehrere Wochen bis Monate in Nepal, öffnet sich Religion, Philosophie und Kunst, die sie nicht als etwas Fremdes, sondern als Vertrautes, Langgesuchtes empfindet und in die sie, auch als Schülerin bei tibetanischen Mönchen, tiefer und tiefer eindringt. Die neuen Erfahrungen - darunter sehr wichtig, dass für die dort lebenden Menschen Kunst und Leben eins sind - tragen dazu bei, sich selbst besser kennenzulernen und dementsprechend auch die künstlerischen Aussagen noch individueller, präziser zu formulieren. Diese werden, wie am Lago Maggiore, in «gemalten Tagebüchern» aufgezeichnet, unterscheiden sich aber von jenen durch die neuen Inhalte, die sich aus dem Dialog mit der ganz andern Landschaft, Kunst und Philosophie ergeben.

Neben diesen «gemalten Tagebüchern» führt Regula Huegli im Himalaja auch sogenannte «Unterwegsbüchlein». Seit 1974 schreibt sie auf ihren vielen Reisen in kleine A6-Büchlein Wesentliches in Stichworten auf und hält die wichtigen optischen Eindrücke in Skizzen fest - als ihre «Fotografien». Es sind nicht gestaltete Künstlerbücher; das hier gesammelte Material dient später der Erinnerung, wird im Atelier Anregung für bildnerische Vorgänge.

Das bisher Dargelegte erlaubt vorerst folgende Aussagen: Leben und Arbeit von Regula Huegli haben heute feste Strukturen, die kontinuierliches, phasenweises künstlerisches Schaffen gewähren. Auf dieser Grundlage sind Offensein und Unterwegssein möglich. Ausgangspunkte für das künstlerische Werk sind persönliche Interessen, Neugier, Engagement, Staunen. Das Werk entsteht in der Stille, in Zwiesprache mit der äusseren oder inneren Welt. Die Arbeitsmethoden sind selbstentwickelt und unterschiedlich, entsprechen dem Intellekt und der Intuition der Künstlerin. Die Werke selbst sind individuell, echt und wahr in Aussage und Form.

Kurze Biographie
Nur kurz sei auf Regula Hueglis Werdegang und auf die Entwicklung des künstlerischen Werkes eingegangen. Ein Artikel von Annemarie Monteil im Riehener Jahrbuch 1994 gibt darüber ausführlich und einfühlsam Auskunft. Regula Huegli ist 1936 geboren, als Kind musikliebender und -ausübender Eltern. Schon früh zeigt sich ihre künstlerische Begabung; Malen und Zeichnen sind ihre Lieblingsbeschäftigungen. Ihren immer geäusserten Wunsch, Malerin zu werden, verwirklicht sie nach bestandener Matura 1955: In Paris besucht sie 1955/56 Kurse an der Académie Chaumière. In Zürich bildet sie sich bis 1960 an der Kunstgewerbeschule zur Zeichenlehrerin aus, ihr Hauptlehrer ist der Bildhauer Ernst Gubler. Daneben studiert sie an der Universität Kunstgeschichte und Archäologie.

Aus der 1958 geschlossenen Ehe mit Gottfried Huegli gehen drei Töchter, geboren 1959,1963 und 1968, hervor. 1965 zieht die Familie nach Basel.

In den ersten Jahren der Mutterschaft war Regula Huegli kaum künstlerisch tätig. Erst 1968 gelang es ihr, mit bewundernswerter Selbstdisziplin, ihre Pflichten als Frau und Mutter mit kontinuierlich schöpferischer Arbeit zu verbinden. 1969 stellte sie zum erstenmal in Basel aus. 1972 erhielt sie, zusammen mit Erich Münch, vom Basler Kunstkredit den Auftrag für ein Wandbild an einer Aussenmauer des Felix-Platter-Spitals. Sowohl die baselstädtische wie die basellandschaftliche Kunstkreditkommission schätzten das Werk der jungen Künstlerin und unterstützten es durch Ankäufe. Später, in den 80er Jahren, ging das Künstlerstipendium des Kantons Basel-Stadt viermal an sie.

Seit 1972 hat Regula Huegli regelmässig Einzel- oder Gruppenausstellungen, in Basel (vor allem in der Galerie Brambach), an vielen Orten der Schweiz (in Bern, Zürich, Aarau, Winterthur), aber auch im Ausland (in London, in Stuttgart, in Freiburg im Breisgau).

Persönliche Ausdrucksweise
Regula Huegli ist nun zu der ihr entsprechenden Ausdrucksweise gekommen, deren Ziel es nicht mehr ist - wie an der Kunstgewerbeschule Zürich gelernt -, die Realität direkt wieder| zugeben, mimetisch, «gegenständlich» zu malen. Innere Zustände, äussere Gegebenheiten schlagen sich nun in Zeichen, als Chiffren für Erlebtes und Geschautes, in den jeweils gemässen Formen, Farben, Ordnungen nieder. Eine persönliche Bildsprache ist entstanden, in der sich experimentieren lässt, die wandlungsfähig ist, die jedoch ihre Konstanten hat bis heute.

Früh beginnen sich die abstrakten Formen zu hieroglyphenhaften Umrissen zu vereinfachen. Regula Huegli setzt sie waagrecht nebeneinander, «schreibt» mit ihnen und schafft mit diesem «eigenen Alphabet» Kompositionen, die wie ein Puzzle imaginärer Schriftzeichen aussehen. Bald malt sie mit diesen erfundenen Buchstaben über ein Blatt mit eigenen handschriftlichen Notizen und fängt dabei dessen Impulse während des Malprozesses auf. Das Reagieren auf etwas Vorgegebenes, zuerst auf Eigenes, später auf Fremdes, wird zu einem wichtigen Arbeitsprinzip: So legt sie zum Beispiel auf die Seiten von alten, abgegriffenen Gebetbüchern und Notenalben, erstanden auf Flohmärkten, ihre kalligraphischen und figürlichen Skizzen und stellt später fest, dass immer wieder geheimnisvolle und überraschende Bezüge zwischen ihren künstlerischen Absichten und dem Inhalt der Blätter entstanden sind. Das gleiche gilt beim übermalen von gestempelten Briefmarken, einer künstlerischen Tätigkeit, die sie seit 1977 regelmässig ausführt. Auch die selbstpräparierten Malgründe, zusammengeschichtet und -geklebt aus fremden, handgeschöpften Papieren oder aus eigenem, Färb- und Zeichenspuren enthaltenden Abfallpapier, haben dieselbe inspirierende Funktion. Offen reagierend auf Vorgegebenes oder Einfallendes, Eigenes und Fremdes zu neuer Einheit verbindend - diese bereits früher festgestellten Wesensmerkmale von Leben und Kunst bestätigen sich noch einmal in dieser Arbeitsweise.

Eine wichtige Position im künstlerischen Werk nehmen die Buchobjekte ein. Sie gehen in die 70er Jahre zurück. Auf die ersten, 1977 entstandenen, alten überschriebenen Gebetbücher wurde bereits hingewiesen. Anschliessend folgen die auf handgeschöpftes, oft hauchdünnes Nepalpapier gemalten Bücher und Tagebücher, bis heute 52 an der Zahl. Das Buch, das geeignete Medium der bildenden Kunst für das Festhalten von zeitlichen Abläufen, von Phasen einer Wandlung, von sich ändernden Stimmungen und formalen Entwicklungen, das Buch als Ausdrucksträger des «panta rhei», des Fliessenden, kommt der Lebenshaltung des Unterwegsseins, des In-Bewegung-Seins von Regula Huegli nah.

In den Buchobjekten wie in den Einzelwerken kehren wenige Motive immer wieder. Es sind dies seit Beginn der 70er Jahre: - Das Wasser, das ureigene Element von Regula Huegli, in seiner Verbindung mit Licht, Landschaft und Natur, mit den Tages- und Jahreszeiten.

- Menschliche Figuren, allein oder zu zweit, mit ihren Gemütszuständen, Beziehungen und Ausstrahlungen. Dazu gesellt sich - seit einem dank der ChristophMerian-Stiftung ermöglichten Aufenthalt in Peking 1988 - eine Flötenspielerin, die auf das Bild der einzigen taoistischen Unsterblichen zurückgeht. Sie wird zugleich Muse und Identifikationsfigur von Regula Huegli.

- Becher und Schalen seit 1985, die gebräuchlichsten Gegenstände im Himalaja, die auch Sinnbilder für Bewahren und Entlassen sind.

- Schale und Kern/Keimling, Kelch und Blüte.

- Abstrakte Muster, die oft aus Punktrasterungen, jedoch auch aus dem Abdruck von Haushaltgegenständen hervorgehen.

Diese Hauptmotive stellen sich während der Jahre immer wieder ein, nehmen ihre einmalige künstlerische Form aus der jeweiligen Situation im Dialog mit Regula Huegli an.

Regula Hueglis Kunst, so kann abschliessend festgestellt werden, ist seit den 70er Jahren kontinuierlich gewachsen, «nach dem Gesetz, wonach sie angetreten». Sie hat sich bis heute entfaltet, ist reich und reif geworden. Kunst und Leben sind eine Einheit, bedingen sich gegenseitig. Auch Regula Hueglis Hobby, die Meteorologie, hängt mit Kunst und Leben zugleich zusammen. Ihr Werk ist auch Ausdruck einer kunstschaffenden Frau. Dadurch, dass sie ihre eigene Person, und damit auch ihr Frausein, annimmt und ganz in die Arbeitsweisen und Inhalte ihrer Kunst einbringt, ist ihre Kunst auch Frauenkunst, ganz selbstverständlich, ohne ideologische oder kämpferische Züge.

Im Gespräch hat Regula Huegli über ihre innere Verpflichtung gesprochen, mit ihrer Kunst den Mitmenschen etwas zu geben, dem Betrachter über das Auge Nahrung für Seele und Geist anzubieten; ein Werk muss dazu nicht schön sein, aber wahr und in sich stimmend; es soll in der Essenz Energie sein, ein Energieträger, von dem eine Kraft ausgeht, die das Bewusstsein des Gegenübers zu verändern beginnt. Ihre Werke erfüllen diesen hohen Anspruch. Sie fordern den Betrachter emotional und intellektuell zu einem Dialog. Sie geben ihm in ihrer Individualität die Möglichkeit, sich selbst als Individuum zu erkennen, zu sich zu finden, und sie schenken ihm mit ihren lebendigen, reichen Ordnungen Momente des Glücks.

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