1998

Ein Gefäss für die künstlerische Auseinandersetzung

Maria Iselin-Löffler

Die ehemaligen ökonomiegebäude des Berowergutes sind saniert und stehen als «Kunst Raum Riehen» der Gemeinde zur Verfügung.

Als das Projekt Sammlung Beyeler in Riehen konkrete Formen anzunehmen begann, wurde rasch klar, dass die Kommission für Bildende Kunst, die im Berowergut seit Ende der siebziger Jahre regelmässig und mit grossem Erfolg ihre Ausstellungen durchgeführt hatte, künftig auf die Nutzung dieses Gebäudes würde verzichten müssen.

Konsequenterweise wurde bereits im Vorfeld der denkwürdigen Referendumsabstimmung vom 6. Juni 1993, bei der es um Beitragsleistungen der Einwohnergemeinde Riehen an das Museum im Berowerpark ging, ein Realersatz in Aussicht gestellt. Dieser Realersatz ist mit der Eröffnung des «Kunst Raum Riehen» Wirklichkeit geworden.

Der Entstehungsprozess und die Risiken, die ihm innewohnten, lassen sich am besten mit einem Gedicht von Christian Morgenstern beschreiben:

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurch zu schaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein grosses Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick grässlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
Nach Afri -od- Ameriko.

 
Der Zwischenraum, nämlich der Raum zwischen der internationalen Kunstszene, die durch die Fondation Beyeler repräsentiert wird, und der lokalen Kultur Riehens, war glücklicherweise kein architektonisches Niemandsland, sondern die historischen ökonomiegebäude des Berowergutes, die heute den «Kunst Raum Riehen» beherbergen, waren ein geschlossenes Ensemble zweckorientierter Bauwerke.

Der Architekt, der sich mit dem Zwischenraum zu befassen hatte, Rolf Brüderlin, kam auch nicht in Versuchung, den Zwischenraum durch die Errichtung eines grossen Hauses zu vernichten und einen grässlichen und gemeinen Anblick zu schaffen. Und der Senat - in diesem Fall Riehens Einwohnerrat - hatte auch keinen Anlass, den «Anblick einzuziehen»: im Gegenteil, er hat den Vorgang finanziert.

Da nach schweizerischer Rechtsauffassung der Souverän, das Volk, über dem Senat steht, hatte das ganze Projekt noch die Feuerprobe einer weiteren Referendums abstimmung, diesmal über den Projektierungskredit für die Sanierung der ökonomiegebäude Berowergut, zu absolvieren, und es hat auch diese Abstimmung am 25. Juni 1995 glänzend bestanden. Und zu guter Letzt stellen wir fest, dass auch der Architekt nicht ins Exil hat gehen müssen.

Christian Morgensterns Gedicht ist 1905 entstanden. Morgenstern, aufgewachsen in München als Sohn eines Malerehepaars, wurde bekannt als Theaterkritiker und als übersetzer der Werke Ibsens. Als humoristischer Lyriker ist er zwar ein literarischer Aussenseiter geblieben. Seine Auffassung des Humors als Form der Abstraktion aber hat in einer gewissen Weise die Entwicklung in der bildenden Kunst in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vorweggenommen, die beispielhaft in der kreativen Auseinandersetzung zwischen Wassili Kandinsky und Arnold Schönberg sichtbar geworden ist.

Wer Morgensterns Gedicht «Fisches Nachtgesang» betrachtet, das nur aus Zeichen besteht, wird unwillkürlich an Piet Mondrians axialsymmetrische, in blassen Grau-, Blau- und Gelbtönen gehaltene «Compositionen» zwischen 1911 und 1914 erinnert. Von Morgensterns Lyrik führt auch eine noch wenig erforschte Spur zu Dada und zum Surrealismus.

Doch zurück zum «Kunst Raum Riehen»: Von der «Zwischenzeit» der bildenden Kunst, die von der Fondation Beyeler mit Werken Monets, Cézannes und Van Goghs gepflegt wird, darf eine Analogie zum «Zwischenraum» Morgensterns und schliesslich zu unserem Kunst Raum Riehen gezogen werden. Riehen hat im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts eine Tradition als ein Hort der künstlerischen Auseinandersetzung entwickelt, als ein Ort, an dem in aller Stille neue Tendenzen mit traditionellen Auffassungen konfrontiert werden konnten und können. Dabei geht es nicht ausschliesslich um die bildende Kunst, sondern auch um die Musik, um die Architektur.

Diese Tradition zu pflegen, hat sich die Kommission für Bildende Kunst in Riehen zur Pflicht gemacht. 
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