1998

Die Riehener Vogelwelt

Georges Preiswerk

1984 berichtete das Riehener Jahrbuch letztmals über die bei uns heimische Vogelwelt. Die folgende Zusammenfassung zeichnet die seither in Riehen erfolgte Entwicklung nach und gibt einen überblick über den Bestand an Brut- und Gastvögeln.

In den Jahren 1992/93 wurde in den Kantonen BaselStadt und Baselland ein Vogelinventar vorgenommen. Die gesamte Fläche der beiden Basler Halbkantone wurde in Quadratkilometer aufgeteilt, und Vogelkundler durchkämmten in diesen zwei Jahren während der Brutzeit das ganze Kantonsgebiet. Der Brutstatus (mögliches, wahrscheinliches oder sicheres Brüten) wurde für jede Art in jedem Quadratkilometer erfasst und in einem über 300seitigen Bericht zusammengestellt. Bei einigen selteneren Arten wurden die momentanen Brutbestände möglichst genau registriert. Je nach Vielfalt der Vogelpopulation wurden die Regionen in Defizit-, Durchschnitts- oder Wertgebiete eingeteilt. Fehlten in einem Gebiet eine oder mehrere zu erwartende Arten, wurde es den Defizitgebieten zugeteilt. Waren hingegen diese typischen Arten vorhanden, wurde es als Wertgebiet eingeschätzt. Mögliche Massnahmen zur Erhaltung oder Verbesserung der Situation des Vogelbestandes wurden erörtert. Die am häufigsten genannten Massnahmen zielten auf eine Verminderung des Einsatzes von Düngemitteln und anderen «Hilfsstoffen» sowie auf die Erhaltung gewisser Strukturen in der Landschaft wie zum Beispiel Hecken oder Hochstamm-Obstgärten hin. Die Bedeutung einer extensiven und schonenden Nutzung vieler dieser Orte wurde immer wieder hervorgehoben. Nicht nur im Wald und in landwirtschaftlichen Gebieten könnte eine wesentliche Verbesserung der Umweltbedingungen für Vögel erreicht werden, sondern auch in Siedlungsgebieten. So sollten Grünanlagen und Hausgärten naturnaher angelegt werden, damit beispielsweise Wildkräuter, deren Samen die Nahrungsgrundlage vieler Vogelarten sind, eine grössere Verbreitungschance hätten.

Lohnende Biotope  
Die Wieseebene bei den Langen Erlen, die vor allem aus Acker- und Wiesland besteht und mit Hochstamm-Obstgärten, Familiengärten und Sportanlagen durchsetzt ist, wurde zu den Defizitgebieten gezählt. Im offenen Kulturland fehlen typische Vogelarten wie Feldlerche und Goldammer. Das Rebhuhn findet seit 1975 wegen der Landwirtschaft und der intensiveren Erholungsnutzung hier keinen Lebensraum mehr. Die Artenzahl in den Hochstamm-Obstgärten wird, gemessen an vergleichbaren Lebensräumen, als drastisch reduziert beschrieben. Arten wie Gartenrotschwanz, Neuntöter und Hänfling fehlen grösstenteils, ganz zu schweigen von Steinkauz, Rotkopfwürger und Wendehals, die schon in den siebziger Jahren verschwunden sind.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt man für das Gebiet Wenkenmatte bis Mittelfeld, das auch als Defizitgebiet aufgelistet ist.

Erfreulicherweise werden der Schlipf und das Waldgebiet der Langen Erlen zu den Wertgebieten gezählt. Am Schlipf brüten noch Wendehals, Hänfling und Zaunammer. Auch mehrere Gartenrotschwänze sind dort angesiedelt. Im Waldteil der Langen Erlen kann man noch den Kleinspecht finden, und mehrere Pirolpaare sind dort heimisch. Die Mittelspechtpopulation ist von regionaler Bedeutung. Die Wiese mit den angegliederten Kanalsystemen ist geeigneter Brutraum für die Wasseramsel. Vom Eisvogel wird dieses Gebiet für die Nahrungssuche genutzt, doch brütet dieser schmucke Vogel im benachbarten Deutschland.

Die Regionen östlich von Riehen, die vom Maienbühl über das Autal/Mittelberg bis nach Bettingen/St. Chrischona reichen, gehören ebenfalls zu den Wertgebieten. Die relativ grosse Bedeutung dieses Bereiches für den Mittelspecht wird im Vogelinventar hervorgehoben sowie das Vorkommen von Pirol, Kleinspecht, Schwarzspecht, Mönchsmeise, Gartenrotschwanz und Wendehals. Ob wohl das Autal dadurch zu den Wertgebieten gehört, wird auf das Fehlen von Neuntöter und Goldammer aufmerksam gemacht, da dort die Niederhecken mit Dornenbüschen fehlen, welche für diese zwei Arten unentbehrlich sind. Der Wald des Ausserbergs mit seinen alten Eichen ist für die Mittelspechtpopulation von regionaler Bedeutung und zählt somit zu den Wertgebieten.

Die neu errichteten Naturschutzgebiete im Autal und beim Eisweiher haben dem Kanton Basel-Stadt das Vorkommen einiger Arten gesichert, und es sind sogar neue Arten dazugekommen. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang Höckerschwan, Stockente, Teichhuhn, Blesshuhn, Teichrohrsänger und Sumpfrohrsänger. Die Anwesenheit eines singenden Drosselrohrsängers im Autal im Juni 1995 kann man als Sensation bezeichnen, auch wenn es wahrscheinlich nicht zu einer Brut gekommen ist. Die erwähnte Vogelliste macht deutlich, wie wichtig die Errichtung von Biotopen wie Weihern, Sümpfen und Röhricht in unserer sonst trockengelegten Landschaft ist. Man wird schnell mit interessanten und neuen Arten der einheimischen Vogelliste belohnt. Aber oft sind in solchen Gebieten spezielle Strukturen, wie zum Beispiel schmale Schilfstreifen beim Weiher im Autal, störungsanfällig. Und leicht können die dort ansässigen Brutvögel, allen voran der Teichrohrsänger, aus ihrem Brutgebiet vertrieben werden, wenn sich die Besucher eines Reservates nicht streng an die vorgeschriebenen Wege halten. Die Information von Passanten ist deshalb von zentraler Bedeutung.

Baumfalke: Regelmässiger Brutvogel in Riehen
Die Arten, die im Bericht von 1984 noch als ausgestorben erwähnt sind, seien hier nochmals aufgelistet: Rebhuhn, Kuckuck, Wiedehopf, Rotkopfwürger, Gelbspötter und Dohle. Im vorliegenden Bericht sind sie höchstens noch in der Liste der Gastvögel zu finden.

Auch wenn heutzutage viele Trends mit negativer Auswirkung auf die Natur unvermindert weitergehen, gibt es doch einige erfreuliche Erfolge in den Bemühungen zur Erhaltung der Tier- und Pflanzenwelt. Der weltweite hemmungslose Einsatz von Pestiziden führte mehrere Greifvogelarten an den Rand der Ausrottung. So brüteten zu Beginn der siebziger Jahre höchstens noch zwei oder drei Wanderfalkenpaare in der ganzen Schweiz. Da alle Greifvögel unter totalen Schutz gestellt wurden und gleichzeitig der Pestizideinsatz drastisch eingeschränkt wurde, haben sich die Bestände von Sperber, Habicht, Wanderfalke und Baumfalke wieder erholt. Besonders erfreulich ist, dass seit 1995 ein Wanderfalkenpaar in der Stadt Basel in einem bereitgestellten Nistkasten brütet. Diese Greifvogelart weitet ihre Jagdzüge oft bis nach Riehen und in die Langen Erlen aus.

Die erste baselstädtische Brut des Baumfalken, einer weiteren bedrohten Falkenart in der Schweiz, fand 1990 in Riehen statt und war für die Vogelfachwelt eine Sensation. Auch wenn der Baumfalke immer noch viel seltener als der Turmfalke ist, gehört er seither zu den regelmässigen Brutvogelarten Riehens.

Entenweiher als Zwischenstation für Watvögel und Enten
Das Vogelleben einer Region sollte man nicht nur bezüglich der Brutvögel bewerten. Von ebenso grosser Bedeutung ist es, wenn ein Gebiet von durchziehenden oder überwinternden Vögeln als Rastplatz genutzt werden kann. Zahlreiche Vogelarten des hohen Nordens verbringen den Winter im tropischen Afrika. Das bedeutet, dass diese Vögel für den Hinweg ins Winterquartier 5000 bis 10000 Kilometer zurücklegen. Beim überqueren des Mittelmeeres oder der Sahara müssen mehrere hundert oder gar mehr als tausend Kilometer ohne Zwischenhalt überflogen werden. Aus diesem Sachverhalt lässt sich die überragende Bedeutung geeigneter und nahrungsreicher Rastgebiete abschätzen, die es den Zugvögeln ermöglichen, ungestört ihre Energiereserven für diese aussergewöhnlichen Leistungen aufzutanken. Mit der Errichtung einiger kleiner Naturschutzgebiete wie den verschiedenen Weihern im Autal, dem Eisweiher und dem «Entenweiher» sowie dem Reservat der Ornithologischen Gesellschaft Basel (OGB) wurden Schritte in die richtige Richtung gemacht. Seit 1995 wurden beim Entenweiher regelmässig während der Zugzeit von Ende Juni bis Mitte Oktober durch kontrollierte Wasserabsenkungen Schlickflächen hervorgeholt. Dadurch wird auf einfache Weise ein Biotop hergestellt, das für die durchziehenden Watvögel (Limikolen) eine unerlässliche Nahrungsquelle auf ihrem Weg ins tropische Afrika darstellt.

Der Erfolg dieser Massnahme liess nicht lange auf sich warten. Der etwa amselgrosse Waldwasserläufer, der schon ab Mitte Juni (!) auf dem Zug nach Afrika in der Schweiz gesehen werden kann, ist nun regelmässiger Gast im Reservat. Auch überwintern seit der Einführung der Wasserspiegelabsenkung alljährlich über zwanzig Krickenten auf den OGB-Weihern. Das Brutgebiet dieser kleinen Entenart zieht sich von den baltischen Staaten über Finnland bis nach dem Norden Russlands. Im Gegensatz zum unauffälligen Waldwasserläufer fällt die Krickente den meisten Passanten auf, da sie durch das Beispiel der zahmen anwesenden Stockenten ihre natürliche Scheu sehr bald verliert und sich füttern lässt. Es ist aber zu hoffen, dass diese nördliche Ente ihre Scheu vor dem Menschen schnell wieder zurückgewinnt, da die Rückreise in ihre Brutorte durch Jagdgebiete führt. Seit 1992 ist auch die versteckt lebende Wasserralle bei den OGB-Weihern und beim Eisweiherreservat regelmässig zu sehen oder zu hören.

Um die OGB-Weiher auch für weitere Watvogelarten attraktiv zu gestalten, muss der Anflug zum Wasser offener gestaltet werden. Das heisst, dass einzelne hohe Bäume, die direkt am Wasser stehen, gezielt entfernt werden müssen. Die schon vorhandenen Inselchen sollen möglichst wenig bewachsen sein, damit sie von den Wasserund Strandvögeln als Ruheplatz genutzt werden können. Da gleichzeitig mehr Licht auf die Weiher einfällt, könnte sich, wie schon vor etwa dreissig Jahren, wieder ein Schilfgürtel ausbreiten, was die natürliche Vielfalt des Reservates weiter erhöhen würde. Mit weiteren solchen Verbesserungen könnten zusätzliche Arten bei den OGB-Weihern als Gast angelockt werden, wie beispielsweise der Flussuferläufer oder der Bruchwasserläufer, der dem Waldwasserläufer in Grösse und Aussehen sehr ähnlich ist. Auch wenn das Fällen von Bäumen von vielen Leuten als brutaler Eingriff in die Natur angesehen wird, ist es doch eine unverzichtbare Massnahme, um für die erwähnten Vogelarten einen neuen Rastplatz zu schaffen.

Nächtliche Überflüge
Das Rheinknie bei Basel ist ein wichtiger Knotenpunkt mehrerer Routen der Zugvögel. Von Norden kommend, folgen die Vögel dem Oberrhein nach Basel. Viele Vögel aus Nordost-Europa ziehen vorwiegend in südwestliche Richtung. Ihnen dient der Hochrhein vom Bodensee bis Basel als Leitlinie. Der von Nordost nach Südwest sich hinziehende Jura bildet die Fortsetzung der Zugroute bis zur Burgunder Pforte, von wo aus die Vögel weiter nach Südfrankreich bis Spanien oder Afrika ziehen. Tagsüber macht vor allem der Greifvogelzug in der Region Basel auf diese Zugrouten aufmerksam. Die zahlreichen Vogelarten, die nachts über unsere Region ziehen, kann nur ein geschultes Ohr nach ihrem Ruf bestimmen. Im folgenden ist eine Liste der Vögel aufgeführt, die der Autor nachts über Riehen gehört hat, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Graureiher, Nachtreiher, Wachtel, Kranich, Kiebitz (auch am Tag ziehend zu beobachten), Flussregenpfeifer, Bekassine, Grosser Brachvogel, Waldwasserläufer, Bruchwasserläufer, Rotschenkel, Dunkler Wasserläufer, Grünschenkel, Flussuferläufer, Lachmöwe, Feldlerche, Rotkehlchen, Wachholderdrossel, Amsel, Rotdrossel, Singdrossel, Ortolan.

Zwischen den Verantwortlichen der OGB-Weiher und der Abteilung Wasser der Industriellen Werke Basel (IWB) besteht eine fruchtbare Kooperation. Da alle Vorschläge für eine Biotopaufwertung auch von den IWB, als verantwortliche Stelle für das Grundwasser, gutgeheissen werden müssen, ist eine gute Zusammenarbeit unerlässlich. Für die Anliegen der Natur hatten die IWB-Verantwortlichen stets ein offenes Ohr. Die hier beschriebenen Fortschritte wären ohne weitgehendes Entgegenkommen der IWB nicht möglich gewesen.

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