1998

Der verborgene Schatz

Stefan Suter

Wie sehr der dörfliche Alltag in Riehen durch eine ungewöhnliche Geschichte gestört wurde: Handschriftliche Prozessprotokolle mit Zeugenaussagen in einem strafrechtlichen Inquisitions verfahren des Jahres 1750 lassen es erahnen.

Nur schwer zu rekonstruieren ist eine eigenartige Geschichte, die sich in Riehen im Jahre 1750 abgespielt und für einige der Betroffenen ein übles Nachspiel im Gefängnis gehabt hat. Der Kern des Falles handelt von einem Fremden, der in jenem Jahr in Riehen und Lörrach in Erscheinung trat und alsdann unbekannterweise verschwand.

Der Fremd
Aus den Inquisitionsprotokollen lassen sich aufgrund der diversen Zeugenaussagen verschiedene Angaben über den Fremden zusammentragen, der die ganze Angelegenheit initiiert hat: Den Beteiligten war der Mann unter dem Namen Gottfried Zauner bekannt. Er soll aus dem Tirol stammend gewesen sein, nach einer anderen Zeugenaussage gleichwohl Schweizerdeutsch gesprochen haben. Von mittelmässiger Statur und in der Regel schwarzbraun gekleidet sei er gewesen. Ein genaueres Bild des Fremden zu entwerfen, ist aufgrund der sich teilweise widersprechenden Zeugenaussagen schwierig. Jedenfalls soll dieser Zauner - und hier beginnt die eigenartige Geschichte - einem Riehener mit Namen Jantz vorgegaukelt haben, bei der Stettener Kapelle liege ein Schatz begraben. Möglicherweise war es Friedlin Jantz (1726-1806). Noch wahrscheinlicher ist, dass es sich um Jacob Jantz-Trächslin gehandelt hat. Er ist am 19. April 1696 geboren worden.

Sein Todestag ist jedoch in den Riehener Kirchenbüchern nicht vermerkt. Vielleicht hat er nach dem Strafverfahren das Weite gesucht oder ist womöglich auch ausgewiesen worden. Jedenfalls ist seine Gattin 1770 im «Siechenhus zu St. Jakob» verstorben.

Zauner gaukelte dem Jantz vor, auf sein Geheiss könne auch ein weiterer Schatz gehoben werden, und liess zu diesem Zwecke Jantz, dessen Frau und Kinder das 19. Kapitel aus dem Buch Hiob und drei Psalmen lesen. Tatsächlich hörte darauf die Familie des Jantz des Nachts vor dem Fenster eine heulende Menschenstimme. Dies führte nun zum grossen Auftritt von Zauner, der allerhand Zeichen an die Tür- und Fensterpfosten angebracht hatte und angeblich den Geist fragen ging, ob Jantz und dessen Familie den Schatz heben könnten. Der Geist habe zweimal mit Ja geantwortet, fn einer weiteren Nacht sei der Geist wiederum erschienen, und Zauner habe diesen gefragt, wo der Schatz zu finden sei. Der Geist liess mitteilen, er brauche 204 Pfund Basler Währung, um dies zu bewerkstelligen. Daraufhin begab sich Jantz zu seinem Schwager und Nachbarn Singeisen, um ihm von der Geschichte zu berichten. Das Unglaubliche geschah am Tag darauf.

Jantz eilte nach Basel und besorgte sich das Geld. In der dritten Nacht erschien der Geist - vermutlich die heulende Stimme vor dem Fenster - wiederum. Jantz, seine Familie und der Schwager Singeisen seien am Tisch gesessen. Sie hätten die Bibel gelesen und Psalmen gebetet. Nach dem Gebet habe der «Geistmann» (Zauner) die 204 Pfund in ein Paket eingewickelt und es dem Geist in den Keller gebracht. Ferner stellte er einen Korb in den Keller, damit der Geist den Schatz auch verstauen konnte. Hierauf kehrte Zauner wieder in die Wohnung des Jantz zurück, und es wurde weiter gebetet. Immerhin stellte Zauner den anwesenden Personen in Aussicht, in dieser Nacht noch werde der Geist den Schatz in den Korb im Keller legen. Die Glaubwürdigkeit des Zauner wurde noch dadurch verstärkt, als er die Anwesenden ermahnte, am Morgen den Schatz in Frieden zwischen allen anwesenden Personen zu teilen. Ferner müsse man unbedingt den Armen etwas abgeben.

Nach dieser Ankündigung und dem Abschluss der Gebete verabschiedete sich der «Geistmann» von den Anwesenden und gab an, er müss^ noch verschiedene andere Orte besuchen. Sein Versprechen, am nächsten Morgen zu erscheinen, löste er nicht ein. Hingegen stellte man mit grossem Erschrecken fest, dass die 204 Pfund weg waren. Dies alles berichtete der Lörracher Jacob Sütterlin, welcher am 10. November 1750 einvernommen wurde. Sütterlin erzählte, Jantz habe das Fehlen seiner 204 Pfund festgestellt und «habe sehr gejammert». Sütterlin habe den «Geistmann» allerdings im «Schwanen» in Lörrach gesehen. Dieser habe «lamentiert» und gesagt, es sei ihm ohnehin mehr um die Erlösung des Geistes als um die Hebung eines Schatzes gegangen. Als Sütterlin den Zauner einige Tage später in Basel zufälligerweise traf, teilte ihm dieser mit, Jantz solle fleissig beten und sonst nicht darüber reden.

Dem betrogenen Jantz blieb auch nicht viel anderes übrig, denn er hatte sich des Aberglaubens und der verbotenen Schatzgräberei schuldig gemacht, was ihm natürlich die Offentlichmachung seines Falles erschwerte. Gleichwohl hat die Obrigkeit von dieser Angelegenheit erfahren, und die Herren Sieben - sieben Delegierte aus dem Rat - nahmen die Ermittlungen nach damaligem Strafprozess als reines Inquisitionsgericht auf. Heikel wurde die Geschichte besonders für den Riehener Gärtner Jacob Gysin. Der Lörracher Jacob Sütterlin berichtete nämlich, Gysin sei zu ihm nach Tumringen gekommen und habe ihn aufgefordert, bei der vermeintlichen Schatzgräberei mitzuwirken. Da es damals drei Jacob Gysin in Riehen gab, ist eine genaue Zuordnung nicht einfach. Der eine ist am 28. Juni 1716 getauft worden, ein anderer am 1. Januar 1701 (Hans Jakob Gysin-Sütterlin), und in Frage kommt auch dessen Sohn Hans-Jacob (1729-1804).

Auf der Fluch
Im Auftrag der Inquisitionsrichter ordnete der Riehener Obervogt die Verhaftung des Jacob Gysin an. Das Unterfangen scheiterte aber. Gysin hatte sich bereits abgesetzt und war auf der Flucht. An seiner Stelle griff man mit unglaublicher Härte gegen andere, möglicherweise Verdächtige ein, und es wurde die Verhaftung dreier Riehener Männer angeordnet. Da es damals in Basel noch kein eigentliches Gefängnis gab, sperrte man die Untersuchungshäftlinge in verschiedene Stadttürme. Der erste, Marx Löliger (1706-1755?), wurde im Spalentor eingekerkert und verhört. Löliger wurde vorgeworfen, Geld erhal ten und somit am ertrogenen Geld des Zauner partizipiert zu haben. Löliger stritt alles ab. Der Fremde habe im übrigen bei ihm weder übernachtet, noch habe er sonstwie mit ihm «Umgang» gehabt. Nach dem Verhör, welches am 28. November 1750 stattfand, marschierten die sieben Herren weiter in das Eselstürmlein (ehemaliger Turm beim Steinenberg), um den dort eingesperrten Konrad Unholz (evtl. geb. 1707 oder 1731) zu verhören. Auch dieser bestritt vehement, mit der Angelegenheit irgend etwas zu tun zu haben. Er habe niemandem ein Leid zugefügt. Schliesslich gelangten die Herren Sieben in die Bärenhaut (ehemaliger St. Albanschwibbogen beim Eingang der Rittergasse) und befragten den eingesperrten Hans Martin (1706-1776?). Auch dieser gab an, überhaupt nichts zu wissen. Zur Johanniszeit habe ihm Jantz einmal ein Büchlein übergeben. Darin sei das Buch Hiob gewesen und der 130. Psalm. Er habe dies gelesen und es wieder zurückgegeben. Auf die Frage, ob er wisse, dass sein Schwager mit einem Fremden in den Keller gegangen sei, antwortete er mit Nein. Unklar bleibt, ob hier die dörfliche «Omertà» zum Ausdruck kam oder ob die eingesperrten Personen tatsächlich von nichts wussten.

Jacob Gysins Rückkehr
Wie bereits ausgeführt, war Jacob Gysin bei Auffliegen der Angelegenheit verschwunden. Er wurde einige Zeit später allerdings von einem Verwandten des Jantz mit Namen Singeisen in Hüningen angetroffen, ohne dass die beiden etwas miteinander geredet haben sollen. Anfang 1751 kehrte Gysin in seine Heimatgemeinde zurück und wurde sofort verhaftet. Mit nicht gerade zahmen Methoden forderten ihn die Herren Sieben auf, er solle die «Wahrheit sagen, um sich gewisses Ungemach zu ersparen», was als Androhung der Folter zu verstehen war. Belastende Momente gegen Gysin wurden aufgrund zweier Punkte gefunden. Zum einen hatte der Lörracher Jacob Sütterlin behauptet, Gysin habe ihm gesagt, er solle zum «Geistmann» nach Riehen kommen. Zum andern machte ihn die Flucht sehr verdächtig. Gysin entgegnete, er habe sich einzig und allein deswegen abgesetzt, weil seine Frau «gar grausam ihme getan habe». Er habe sich hauptsächlich in Hüningen aufgehalten. Gysin bekannte, den Fremden Gottfried Zauner gekannt zu haben. Als er in Lörrach Gartenarbeiten verrichtet hatte, habe er im Re staurant «Schwanen» übernachtet. Dort war auch Zauner anwesend. Ansonsten habe er mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun. Hingegen bestätigte Gysin eine etwas mildere Variante der Gespenstergeschichte. Als er des Nachts Wache schieben musste, habe er ein Gespenst «verspüret». Vor vier Monaten sei Singeisen - ein Schwager des Jantz - an einem Sonntag zu ihm gekommen. Sie seien zusammen im Wirtshaus «Dreikönig» eingekehrt. Dort habe ihn Singeisen gefragt, ob er nicht meine, dass Konrad Unholz und der Löliger das Geld hätten. Singeisen habe ihn aufgefordert, er solle aussagen, diese würden über das Geld verfügen. Er wolle es Gysin und seine Kinder sein Leben lang «geniessen lassen».

Betrogene oder Betrüger?
Letztlich blieb unklar, ob der inzwischen spurlos verschwundene Zauner den Jantz und seine Kollegen im Alleingang betrogen hatte oder ob einige Dorfgenossen am Betrug partizipierten. Die Inquisitionsrichter wollten einem Hinweis nachgehen, wonach sich Gysin, Unholz und Löliger im neu entstandenen Wirtshaus «Beim Hörnli» getroffen hätten, um diese Sache zu besprechen. Alle verneinten aber konsequent und blieben bei ihren Aussagen.

Unklarheiten
Den Untersuchungsrichtern gelang es nicht, die Geschichte restlos ans Licht zu bringen. Es kam zu nochmaligen Verhören aller Beteiligten, und insbesondere führte man nun geradezu modern anmutende Konfrontationseinvernahmen zwischen den Angeschuldigten durch. Gysin gestand weiterhin, die Anwesenheit von Geistern bei der Wache «gespürt» zu haben, bestritt jedoch jegliche Teilnahme am Betrug. Bei allen Konfrontationseinvernahmen blieben die Angeschuldigten bei ihren Aussagen. Selbst der geschädigte Jantz gab zu Protokoll, er glaube nicht, dass Jacob Gysin geholfen habe, ihn zu betrügen. Einzig sein Schwager Singeisen scherte leicht aus und berichtete, Gysin habe ihm mitgeteilt: «Trau dem Marx (Löliger) nicht.» Alle Beteiligten hat die Inhaftierung in den Stadttürmen hart mitgenommen. Jacob Gysin ersuchte die Inquisitionsrichter untertänig um Verzeihung für seine Flucht. Er wolle hierfür alle Strafe auf sich nehmen. Aber er habe zu keiner Zeit irgend etwas Schlechtes ausgeführt, und niemand könne etwas übles über ihn aussagen. Hierzu berufe er sich auf die gesamte Gemeinde.

Hartes Strafmass?
Leider geben die Inquisitionsprotokolle über die getroffenen Strafen gegen die Beteiligten keine Auskunft. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Zauner das ertrogene Geld mit sich genommen hat und die Basler Behörden ihn nicht dingfest machen konnten. Nach dem Motto «die letzten beissen die Hunde» sind jedoch einige Riehener Knechte der dörflichen Unterschicht, die teilweise das Bürgerrecht noch nicht erhalten hatten, monatelang unter schweren Bedingungen in verschiedenen Stadttürmen eingesperrt gewesen. Nicht nur die genaue Strafe, sondern auch das weitere Schicksal der Beteiligten ist aufgrund der fehlenden Zuordnung nicht leicht möglich. Auffällig ist jedoch, dass das Sterbedatum einiger der in Frage kommenden Personen in den Riehener Kirchenbüchern nicht vermerkt ist. Möglicherweise sind sie nach der Schmach, im Gefängnis gewesen zu sein, weggezogen oder wurden gar des Landes verwiesen, was im 18. Jahrhundert auch gegenüber eigenen Bürgern noch möglich war.

Naivität
Der Fall von 1750/51 ist ein Beispiel dafür, wie der bäuerliche Alltag durch einen Betrugsfall plötzlich in seinem gewohnten Rhythmus gestört wurde, vielleicht für nicht betroffene Dorfgenossen aber auch spannende Abwechslung bot. Erstaunlich ist die grenzenlose Naivität des Geschädigten, die möglicherweise mit Unwissen und schlechter Ausbildung erklärbar ist. Ein anderer Beweggrund mag aber noch viel bedeutsamer sein: Gerade wer arm oder aus anderen Gründen hoffnungslos leben muss, hofft auf den übernatürlichen Schatz oder Gewinn. Daran hat sich seit 1750/51 wenig geändert.

Quellen
StABS Criminalia 4.39 Historisches Grundbuch Riehen
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