1998

Der Kropf und seine Bedeutung
für Riehen

Peter Nussberger

Die Geschichte des Riehener Spitals wäre unvollständig ohne ein Kapitel über den früher häufig aufgetretenen Kropf. Kropfoperationen haben das Spital weitherum bekannt gemacht.

Der Kropf und seine Bedeutung für Riehen I3er «Kropf» beziehungsweise die «Struma» ist eine vergrösserte Schilddrüse. Seit Jahrhunderten weisen Beschreibungen und Bilddokumentationen auf diese krankhafte Veränderung hin. In verschiedenen Ländern und Kontinenten beobachtet man ein gehäuftes Auftreten in gewissen Regionen (endemisches Vorkommen). So wurde in den Mittelmeerländern vor allem in Alpenregionen und in küstenfernen Gebieten ein deutlich erhöhtes Kropfvorkommen beobachtet. Im Gebiet des Nils fanden sich nach ägyptischen überlieferungen Kropfträger gehäuft in dessen Oberlauf in äthiopien sowie im Sudan. Als Ursache wurde damals vor allem die Qualität des Wassers angesehen. Daneben glaubte man auch an Umwelteinflüsse wie unterschiedliche Hygiene, andere Lebensgewohnheiten oder an einen Zusammenhang mit der topographischen Höhe. Aber auch kuriose Dinge wie Geburtsverhalten der Mütter, häufiges Schreien als Kind, gutes Essen oder Trinken von kaltem Wasser bis hin zur «Strafe Gottes» wurden als mögliche Ursachen angenommen.

Schon im Mittelalter wurde beschrieben, dass sich bei Kropfträgern, welche in andere Gebiete auswanderten, deren Strumen zurückbildeten, beziehungsweise nicht mehr weiterwuchsen. 1813 wurde von Bernard Courtois das Element Jod entdeckt, nachdem schon hundert Jahre früher beschrieben worden war, dass gewisse (jodhaltige) Wasser zur Abnahme der Kropfgeschwulst führten. 1820 beschrieb J. R. Coindet erstmals einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kropfwachstum und der heilenden Wirkung von Jod. In der Mitte jenes Jahrhunderts wurden schliesslich mehrmals Zusammenhänge über Wirkungsmöglichkeiten und Einfluss dieses Elements auf die Schilddrüsenfunktion beobachtet, sie konnten aber nicht erklärt werden. In den folgenden Jahrzehnten wurde verschiedentlich über Schilddrüsenerkrankungen publiziert; so beschrieb der Arzt Karl Adolf von Basedow 1840 vier Fälle von überfunktion der Schilddrüse mit den klassischen Symptomen: Kropfbildung, Herzjagen und grosse, vorstehende Augen.

Ebenso deuten Aufzeichnungen aus der Antike auf die Durchführung von Kropfoperationen hin. Bis ins 19. Jahrhundert wurde aber dringend von solchen gefährlichen Eingriffen abgeraten. Der bekannte Chirurg Christian-Theodor Billroth begann um 1850 mit der operativen Entfernung von Knotenkröpfen, eine damals gefährliche Operation mit oft tödlichen Komplikationen. In den Jahren von 1860 bis 1867 operierte er in Zürich 20 Kröpfe. Von diesen Patienten verstarben 40 Prozent, weswegen auch der erfahrene Operateur dringend von diesen Eingriffen abriet. Professor Theodor Kocher, der spätere Nobelpreisträger für Medizin, 1872 als Chirurg an die Universitätsklinik Bern berufen, wurde weltweit durch seine beschriebenen Fälle von operativen Schilddrüsenentfernungen und die Erarbeitung von physiologischen Zusammenhängen der Schilddrüse sowie deren Krankheitsbilder bekannt. In seiner 1883 veröffentlichten Publikation über «Kropfextirpation und ihre Folgen»1) sind auch Fälle von Professor Ludwig Georg Courvoisier, dem damaligen Chefarzt im Spital Riehen, aufgezeichnet. Auch er berichtete über die Gefährlichkeit dieser Eingriffe mit einer Sterblichkeitsrate von 12 Prozent. Weiter wies er auf mögliche Spätfolgen solcher ausgiebiger Schilddrüsenentfernungen hin, beispielsweise auf die sogenannte Hypothyreose, eine Unterfunktion dieses Organs. Als Symptome beschrieb er einen müden, schwerfälligen Gang, angeschwollene Hände, ein aufgedunsenes, faltiges Gesicht und einen kretinenhaften Ausdruck und benannte dieses Krankheitsbild Cachexia strumipriva. In der Folge dauerte es aber noch Jahrzehnte, bis erkannt wurde, dass durch Einnahme von Schilddrüsenextrakten diese Symptome, wie auch die Kropfgeschwülste selbst, günstig beeinflusst werden konnten. Erst Mitte der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts wurden die Schilddrüsenpräparate in Form von tierischen, getrockneten und gemahlenen Schilddrüsen durch synthetisches Schilddrüsenhormon ersetzt, welches zusammen mit genügender Jodeinnahme die Kropfbildung und die schwerwiegenden Schilddrüsenerkrankungen massiv reduzierte. Die in der Schweiz eingeführte Jodierung des Kochsalzes trug eindrücklich zur Verminderung des endemischen Kropfleidens bei, wurde aber wegen fehlender rechtlicher Grundlagen längst nicht von allen Ländern Europas akzeptiert, beispielsweise von unserem Nachbarland Deutschland.

Riehen als Endeiniegebiet
Neben anderen typischen Regionen mit einheimischen Kröpfen, wie etwa Bergregionen im Wallis und dem Waadtland, galten auch das Wiesental und Riehen vor der Kochsalz-Jodierung als Endemiegebiet. Spitznamen für Riehen wie «Kropfheim» oder etwa die noch heute an der Fasnacht aktive «Chropf-Clique» weisen auf das früher häufige Auftreten von Kröpfen in unserer Gemeinde hin. Dass diese «Jodmangel-Strumen» weitgehend verschwanden, ist aber nicht allein der Jodierung des Kochsalzes zuzuschreiben. Kamen früher Trinkwasser und Nahrungsmittel ausschliesslich aus der näheren Umgebung, vor allem aus dem Wiesental und aus dem Eigenanbau, so stammen heute viele unserer Nahrungsmittel aus verschiedensten Ländern und sind somit nicht mehr jodarm. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Häufung von Jodmangelkröpfen in den einst bekannten Endemiegebieten drastisch abnahm. Da aber neben Jodmangel noch andere Ursachen zu Schilddrüsenerkrankungen und Kropfbildung beitragen, bleiben deren weitere Erforschung, Abklärung und Behandlung bedeutungsvoll.

Erkrankungen der Schilddrüse
Die nähere Erkennung der funktionellen Zusammenhänge und Bedeutung der Schilddrüse sowie die Diagnosemöglichkeiten und Behandlung der Krankheiten erfolgten erst in den letzten Jahrzehnten relativ rasant. Funktion, Auswirkung und Zusammenhänge dieses Organs auf unseren Körper wurden um die Wende zu unserem Jahrhundert genauer erkannt und beschrieben. Die Erkenntnis, dass es sich bei der Schilddrüse um ein hormonbildendes Organ handelt, dessen Einfluss wichtig für den Energiehaushalt und die Stoffwechselregelung ist, wurde nun Schritt für Schritt bestätigt, auch wenn schon viel früher Krankheitsbilder etwa durch Mangelerscheinungen beobachtet und beschrieben worden waren. Bald wurde erkannt, dass ein Kropf eben nicht einfach ein Kropf, das heisst eine vergrösserte Schilddrüse ist, sondern eine vielschichtige Organerkrankung. So werden sowohl die Beschaffenheit dieses Organs, wie etwa Zystenbildungen, solide Geschwülste oder degenerative Veränderungen, als auch Funktionsstörungen dieser Hör mondrüse unterschieden. Selbst bei der überfunktion mit ihren unangenehmen und oft gefährlichen Symptomen wie Nervosität, Gewichtsabnahme, Herzjagen, Wärmeintoleranz und Durchfall gibt es verschiedenste Krankheitsformen. Die bereits beschriebene Basedowsche Erkrankung unterscheidet sich mit dem krankhaften Befall der ganzen Schilddrüse von den fokalen, überfunktionierenden Schilddrüsenbezirken, den autonomen oder «heissen» Knoten. Zudem gibt es verschiedene Entzündungsformen, teilweise mit über-, teilweise mit Unterfunktion, und es gibt, wie fast bei jedem anderen Organ, Tumore. Diese können gutartig wie leider auch bösartig sein und bedürfen je nach Form verschiedenster Behandlungen. Die Kenntnis der Vielfalt solcher Schilddrüsenerkrankungen macht damit auch eine oft aufwendige Abklärung notwendig. Neben Untersuchungen von Schilddrüsenhormonen und Antikörperbestimmungen im Blut unterstützen auch Ultraschall, Untersuchungen mit Radiojod und Punktionen die Vermutungsdiagnosen der untersuchenden ärzte. Diese Untersuchungen ermöglichen dann ein Behandlungskonzept, sei dies medikamentös, operativ oder mittels Radiojodbehandlung. All diese Behandlungsformen haben ihren Stellenwert im modernen Behandlungskonzept; sie kosten Geld, aber sie führen in den meisten Fällen zur Heilung dieser Krankheiten.

Das Riehener Spital und die Schilddrüsenchirurgie
Wie schon erwähnt, liegt das Riehener Spital in einem ehemaligen Kropfendemiegebiet und wurde deshalb mit diesem Krankheitsbild konfrontiert. Es ist den früheren Chefärzten zu verdanken, die sich mit grosser Sachkenntnis in der Behandlung der allgegenwärtigen Kropfkrank heiten engagierten, dass diesen besondere Beachtung geschenkt wurde. Erste Berichte und Fallbeschreibungen über Kropfoperationen im Riehener Spital durch Professor Ludwig Georg Courvoisier, welcher 1871,28jährig, als Chirurgischer Leiter ans Diakonissenspital berufen wurde, veröffentlichte Professor Theodor Kocher 1883 in seiner Publikation über «Kropfextirpation und ihre Folgen». Operationen an der Schilddrüse waren zu jener Zeit Pionierleistungen und mit einem hohen Risiko behaftet. Mit der Zeit wurde die Schilddrüsenchirurgie zu einem Schwerpunkt in der operativen Medizin des Riehener Spitals. Nach Courvoisiers Berufung im Jahre 1900 zum Ordinarius für Chirurgie an die Universitätsklinik Basel blieb ihm für das Spital Riehen kaum mehr genügend Zeit, so dass Dr. Emanuel Veillon, der von seinem Vorgänger als äusserst geschickter Chirurg beurteilt und entsprechend gefördert wurde, 1903 das Chefarztamt übernahm. Veillon hatte die Spitalleitung 40 Jahre lang inne. In dieser Zeit profilierte er sich zu einem hervorragenden Schilddrüsenchirurgen und wurde für sein Können weit über die Grenzen hinaus bekannt. Das Riehener Diakonissenspital wurde unter seiner Führung auch zu einem medizinischen Zentrumsspital für badische Arzte und Patienten. Operierte Veillon in den ersten Jahren seiner Amtsübernahme gegen 50 Kröpfe pro Jahr, so waren es in seinen letzten Jahren oft gegen 350. über jede Operation wurde genau berichtet und eine Operationsskizze angelegt, eine Tradition, die auch seine Nachfolger bis heute pflegen. 1943 übergab Veillon die chirurgische Leitung an Dr. Carl Felix Geigy, welcher, zusammen mit seinem Stellvertreter und späteren chirurgischen Chefarzt Dr. Andreas Staehelin, das inzwischen weitherum bekannte Spezialgebiet der Schilddrüsenchirurgie weiterführte. Daneben wurde den beiden ärzten die grosse Aufgabe zuteil, die chirurgische Grundversorgung für Riehens Bevölkerung und die wei tere Region sowie für den süddeutschen Raum sicherzustellen. In manchen Jahren wurden im Spital Riehen bis zu 500 Schilddrüsen operiert. Die Sammelstatistik ergibt, dass im hiesigen Spital bis Mitte 1998 12 267 operative Eingriffe an der Schilddrüse durchgeführt wurden. Wenn auch gegenwärtig die Häufigkeit von Kröpfen in unserer Gegend deutlich abgenommen hat und somit die Strumachirurgie zahlenmässig nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher einnimmt, so wird doch bis heute die Chirurgie der Schilddrüse sorgfältig und mit modernem, angepasstem Standard in unserem Gemeindespital Riehen erfolgreich weitergeführt.

Anmerkung
1) Prof. Theodor Kocher: «Kropfextirpation und ihre Folgen», Archiv für klinische Chirurgie, 29/254 Prof.Theodor Kocher, Archiv für klinische Chirurgie, 29/254

Literatur
Prof. Dr. med. F. Merke: Geschichte und Ikonographie des endemischen Kropfes und Kretinismus J. Köbberling: Geschichtlicher Abriss, Struma, Springerverlag Schweizerisches Gesundheitsamt und Rotes Kreuz, Vom Kampf gegen den Kropf, 1923
 


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