1998

Der amerikanische Traum

Dieter Wüthrich

Als Malermeister und jüngstes Mitglied des Weiteren Gemeinderates gehörte Ernst Wenk einst gewissermassen zur Riehener Lokalprominenz. Doch 1954 nahm sein Leben eine überraschende Wende...

Vom Tellerwäscher zum Millionär: Wer kennt sie nicht, die Legende vom armen Mann, der von der Heimat loszog, um in Amerika sein Glück zu schmieden. Nun, Millionär ist Ernst Wenk zwar nicht geworden, seit er vor nunmehr 44 Jahren seinem Heimatort - für höchstens ein Jahr, wie er damals glaubte - Lebewohl sagte. Und doch erinnert seine Lebensgeschichte in vielen Momenten an eben jenen von vielen geträumten, aber nur selten Realität gewordenen «amerikanischen Traum». Doch blenden wir zunächst einmal zurück ins Jahr 1923.

Am 10. April erblickte Ernst Wenk an der Oberdorfstrasse das Licht der Welt. Sein Vater, der beim Riehener Malermeister Spiess in die Lehre gegangen war, hatte sich während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg mit gezeichneten Porträts seiner Dienstkameraden die ersten paar Franken zusammengespart und damit nach dem Krieg ein eigenes Malergeschäft eröffnet. 1925 zog die Familie an die Rössligasse 9 um, wo der Vater ein Haus hatte bauen lassen. Im Hinterhof dieses Hauses befand sich die väterliche Malerwerkstätte, wo Ernst Wenk häufig seinem Vater bei der Arbeit zusah. Ernst Wenk erinnert sich: «Mein Vater war ein richtiger Tüftler. Ständig hat er irgendwelche Experimente unternommen, um neue Farbmischungen oder Emulsionen zu kreieren. Ich weiss noch gut, wie ich als kleiner Knirps von ihm jeweils dazu eingesetzt wurde, das grosse Rührwerk von innen her zu putzen, weil da drin kein Erwachsener Platz hatte.»

Bald schon aber war die unbeschwerte Kleinkinderzeit vorbei, und Ernst Wenk lernte den Ernst des Schullebens kennen, allerdings nicht nur im positiven Sinn. «Ich war kein guter Primarschiiler, konnte kaum stillsitzen und störte dauernd den Unterricht.» Als er in die fünfte Klasse kam, stand schon fest, dass er dereinst ins väterliche Geschäft eintreten würde. Aber Ernst Wenk hegte noch grössere Wünsche. Er habe schon damals viel gelesen, und dabei habe ihm vor allem ein Mann grossen Eindruck gemacht: Fridtjof Nansen, der norwegische Polarforscher, der 1922 für seinen Einsatz zugunsten Kriegsgefangener und staatenloser Flüchtlinge in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Für Ernst Wenk stand fest: «Ich will später einmal für den Völkerbund arbeiten.» Aber dieser kühne Bubentraum wurde jäh zerstört, als sein Vater 1935 plötzlich schwer erkrankte. «Durch eine Holzwand hörte ich meine Mutter etwas von <geplatztem Blinddarm> sagen. Als ich daraufhin meinen Vater im Spital besuchte, erkannte ich ihn kaum wieder. In der darauffolgenden Nacht ist er gestorben.»

Der Tod des Vaters sei für ihn ein Schock gewesen, erinnert sich Ernst Wenk. Die Träume vom Aufbruch in die grosse weite Welt zerrannen, denn Ernst Wenks Mutter, die beim Tode ihres Gatten erst gerade 34 Jahre alt war, wollte dessen Geschäft unbedingt weiterführen. Deshalb blieb auch Ernst Wenk nichts anderes übrig, als in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Und so begann er nach dem Ende seiner Schulzeit in Basel eine Lehre als Maler bei Malermeister Adolf Schuhmacher. An seine Lehrzeit hat Ernst Wenk keine guten Erinnerungen: «Eine <Krampferbude> war das, und ich bin als Lehrling einfach eine billige Arbeitskraft gewesen.» Ernst Wenk liess sich aber nicht unterkriegen, und als er 17 Jahre alt war, hatte er seinen Lehrabschluss in der Tasche und trat unverzüglich seiner Mutter in der Leitung des väterlichen Geschäftes zur Seite. Das Ende seiner Lehrzeit fiel mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zusammen. Wie alle jungen militärdiensttauglichen Männer wurde auch Ernst Wenk zum Aktivdienst eingezogen. Nebenher absolvierte er Kurse an den Kunstgewerbeschulen in Basel und Zürich und bestand nach den damals vorgeschriebenen fünf Jahren Berufserfahrung die Meisterprüfung. Kurze Zeit später übernahm er den väterlichen Betrieb als Geschäftsführer. In dieser Zeit lernte Ernst Wenk auch seine erste Frau kennen. Der Ehe war indessen kein langes Glück beschieden. «Wir waren eben grundverschieden, obschon wir alles versuchten, um unsere Ehe zu retten.» Immerhin, das Malergeschäft florierte, nicht zuletzt dank gut ausgebildeten und selbständigen Angestellten und vorzüglichen Lehrlingen, wie sich Ernst Wenk zurückbesinnt. Und: «Der Malerberuf war damals sehr vielseitig.

Neben der Flachmalerei galt es, anspruchsvolle Kunden zu bedienen und sich auch mit schwierigen Aufgaben wie der fachgerechten Restaurierung von historischen Gebäuden zu befassen.»

Als Lehrmeister pflegte Ernst Wenk natürlich einen regen Kontakt mit seinen Lehrlingen. Immer mehr begann er sich deshalb für die pädagogischen Elemente seiner Lehrmeistertätigkeit zu interessieren. Bestärkt wurde er in seinem Interesse dank seiner Bekanntschaft mit Ernst Müller, dem damaligen Leiter des Erziehungsheimes «Erlenhof». Offenbar erkannte dieser Ernst Wenks gutes Gespür im Umgang auch mit schwierigen Jugendlichen und wollte ihn deshalb als seinen Nachfolger im «Erlenhof» aufbauen. Doch dazu bedurfte es einer pädagogischen Ausbildung, und der Weg dorthin führte nur über einen Maturitätsabschluss.

Verantwortlich für das Geschäft zu sein und gleichzeitig nochmals die Schulbank zu drücken - diese Doppelbelastung konnte sich Ernst Wenk zunächst nicht vorstellen. Bis er eines Tages in der Zeitung auf ein Inserat mit dem Titel «Maturitätskurs für Berufstätige» stiess. Ernst Wenk zögerte nicht lange und meldete sich für diesen Maturitätskurs an. Tagsüber das Malergeschäft zu führen und am Abend zur Schule zu gehen, das sei schon eine grosse Belastung gewesen, erzählt Ernst Wenk. Kam dazu, dass er sich in jener Zeit in der Riehener Gemeindepolitik zu engagieren begann. Eines Tages wurde er nämlich von Albert Schudel, dem damaligen Herausgeber und Alleinredaktor der Riehener-Zeitung, angefragt, ob er nicht für den Weiteren Gemeinderat kandidieren wolle. Zu dieser Ehre sei er nur gekommen, weil eine bekannte Lokalgrösse gleichen Namens abgesagt habe und man nun eben mit einem anderen Kandidaten mit diesem in Riehen prominenten Familiennamen die Wahlliste schmücken wollte. «Ich habe zugesagt, ohne auch nur im entferntesten mit meiner Wahl zu rechnen», blickt Ernst Wenk zurück. Die Wählerschaft schenkte ihm, dem 25jährigen «Newcomer», zu seiner eigenen grössten überraschung das Vertrauen. Und so zog Ernst Wenk als damals jüngstes Mitglied ins Riehener Gemeindeparlament ein.

Zwei Bereichen - dem Strassenbau und dem lokalen Kulturleben - widmete er in den folgenden vier Jahren seine grösste Aufmerksamkeit. Vehement setzte er sich gegen eine geplante Verbindungsstrasse zwischen der Bettingerstrasse und der Wettsteinstrasse zur Schmiedgasse und für den Erhalt der dortigen Parkanlagen ein. Noch heute ist Ernst Wenk stolz darauf, zehn Prozent der zur Referendumsabstimmung notwendigen Unterschriften persönlich gesammelt zu haben.

An vorderster Front stand Ernst Wenk auch beim Bau des neuen Landgasthofes, wo er sich insbesondere für eine einwandfreie Akustik im Dorfsaal engagierte. Und er gehörte zu den Mitgründern der ältesten noch heute bestehenden kommunalen Kulturkommission, der «Kunst in Riehen». Unter Ernst Wenks ägide fanden im neu erbauten Dorfsaal die ersten Klassikkonzerte statt. Mit dem Pianisten Peter Zeugin und dem Grafikerehepaar Celestino und Marianne Piatti verband ihn eine enge Freundschaft. Und so war es denn auch Peter Zeugin, der am 10. Oktober 1951 den Dorfsaal mit einem Mozart-Rezital musikalisch einweihte. Die Einladungskarte zu dieser doppelten Premiere hatten übrigens Celestino und Marianne Piatti gestaltet.

Ernst Wenks lokalpolitische Karriere währte nur vier Jahre. Bei den darauffolgenden Gemeindewahlen wurde er nicht mehr wiedergewählt. Mit eine Rolle mag dabei seine persönliche Situation gespielt haben. Denn in den prüden 50er Jahren galt eine intakte Ehe bei den Wählern - die Frauen hatten damals ja auch in der Lokalpolitik noch nichts zu sagen - als schwergewichtiges Kriterium für eine politische Laufbahn. Und ein in Trennung lebender oder geschiedener Lokalpolitiker wurde schnell einmal - zumindest hinter vorgehaltener Hand - als moralisch untragbar betrachtet.

Beruflich indessen schritt Ernst Wenk weiter voran. Noch während seines politischen Mandates bestand er die Maturität. Jetzt war der Weg endlich frei für eine pädagogische Ausbildung als Primär- und Sekundarlehrer. An der Universität Basel studierte er zudem Pädagogik und klinische Psychologie.

Vielleicht würde Ernst Wenk heute auf ein erfülltes Leben als Riehener oder Basler Schulmeister zurückblicken können, wenn, ja wenn nicht ein alter Freund seines Vaters, ein gewisser Jack Schweizer aus Rochester im Staate New York, bei dessen Bruder Emil an der Inzlingerstrasse Ernst Wenk nach seiner Scheidung mit seinen zwei Kindern eine Zeitlang wohnte, ihm den Vorschlag gemacht hätte, sein Studium an der Universität Basel zu un terbrechen und ein Jahr an der Universität von Rochester weiterzuführen. Für Ernst Wenk war dieses Angebot ein willkommener Anlass, vom familiären Malergeschäft, das er während seiner ganzen Studienzeit gewissermassen nebenher geleitet hatte, wegzukommen. Und weil er überzeugt war, dank seinem beruflichen Hintergrund auch in Amerika Arbeit zu finden, stieg Ernst Wenk auf das Angebot ein. «Ich dachte damals allerdings nicht daran, drüben zu bleiben», erinnert sich Ernst Wenk. Allenfalls ein Jahr sollte sein Aufenthalt in den USA dauern, meinte er damals. Für ein Studentenvisum war er allerdings bereits zu alt, und so musste er bei der amerikanischen Botschaft ein reguläres Auswanderervisum beantragen.

Einige Wochen später bestieg er das Flugzeug nach London. Von dort reiste er nach Southampton und schiffte sich nach New York ein. Noch vor seiner Abreise hatte er seine familiären und geschäftlichen Angelegenheiten geregelt. Die Leitung des Familienbetriebes übergab er seinem Schwager, wobei dieser zur Bedingung gemacht hatte, dass Ernst Wenk nie mehr ins Geschäft zurückkehren dürfe.

Kurz nach seiner Ankunft in Rochester schrieb sich Ernst Wenk an der dortigen Hochschule im Fach Soziologie ein. Um sich seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, nahm er eine Stelle an als Pfleger in der Psychiatrischen Abteilung der Geriatrie des Universitätsspitals.

In dieser ersten Zeit in den USA hielt er die Kontakte mit seinem alten Freund Ernst Müller aufrecht. Und mehr als einmal überlegte sich Ernst Wenk, ob er nicht doch in die Schweiz zurückkehren sollte, um dessen Angebot einer Stelle im «Erlenhof» anzunehmen. Doch es sollte nicht dazu kommen. Denn bald darauf lernte er seine zweite Frau kennen. Doch auch dieser zweiten Verbindung war kein langes Glück beschieden. Denn während es seine Frau nach Tucson/Arizona zog, verspürte Ernst Wenk zunächst wenig Lust, gen Westen zu ziehen. Schliesslich liess sich die Familie aber doch in Tucson nieder. Allerdings fand Ernst Wenk dort keine Arbeit. Sein Versuch, ein Erziehungsheim für Jugendliche aufzubauen, scheiterte. Seine Ehe ging ebenfalls in die Brüche. «In jener Zeit war ich von meinem Leben in Amerika schwer enttäuscht und wäre am liebsten in die Schweiz zurückgekehrt», gesteht Ernst Wenk heute.

Schliesslich gelang es ihm aber doch, auch beruflich wieder Tritt zu fassen. Er erhielt eine provisorische Anstellung als klinischer Psychologe am grössten psychiatrischen Gefängnis der USA, der California Medicai Facility im kalifornischen Vacaville, und als er das Staatsexamen bestanden hatte, wurde ihm die Leitung der psychologischen Abteilung am Reception Guidance Center in Tracy in Kalifornien anvertraut. Dort führte er mit Insassen Tests und Interviews durch, die als Entscheidungsgrundlage für deren weiteren Aufenthalt dienten, fn jener Zeit begann Ernst Wenk sich vor allem mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Kriminalität entsteht und welche pädagogischen und entwicklungspsychologischen Präventionsmassnahmen diese zu verhindern vermögen. Seine diesbezüglichen Forschungen und Erkenntnisse machten Ernst Wenk in den darauffolgenden Jahren in den Vereinigten Staaten zu einer anerkannten Kapazität. Zahlreiche Berufungen als Projektleiter zeugen von der Anerkennung und Wertschätzung, die ihm sowohl private Institutionen als auch Behörden und Regierungsstellen, ja sogar die Vereinten Nationen und der Europarat entgegenbrachten.

Neben der ganz praktischen Arbeit als Psychologe mit delinquenten Jugendlichen und Erwachsenen umfasst Ernst Wenks Lebenswerk eine ganze Reihe von Fachpublikationen auf seinem Spezialgebiet. Darüber hinaus gab er seine Erkenntnisse den Studierenden verschiedener amerikanischer Universitäten und Hochschulen weiter.

Heute, im Ruhestand, arbeitet er mit verschiedenen Forschergruppen zusammen, die seine gesammelten wissenschaftlichen Daten von über 4000 Straffälligen weiteranalysieren.

Ernst Wenk lebt seit über dreissig Jahren mit seiner dritten Frau Edith im kalifornischen Davis. Seine Wurzeln hat er indessen nicht vergessen. Fast jedes Jahr kehrt er für einige Wochen an seinen Geburtsort zurück. Hier, in seinem Elternhaus an der Rössligasse, hat er immer noch eine Wohnung. Und er freut sich, auch nach über 40 Jahren in der Fremde, immer wieder alte Bekannte zu treffen. Und auch wenn sich sein Heimatdorf in all diesen Jahren doch spürbar verändert habe, so sei es für ihn jedesmal auch ein «Nach-Hause-Kommen». «Im Härz bin y halt doch e Riechemer bliibe...»

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