1998

Das Gemeindespital Riehen an der Schwelle zur Jahrtausendwende

Matthias Spielmann

Das Gemeindespital hat seit seiner Entstehung viele Wechsel erlebt. Seit 1998 trägt Riehen die volle Verantwortung und führt das Spital zielgerichtet in die Zukunft.

Als 1907 am Spitalweg das heutige Gemeindespital erbaut wurde, ahnte niemand von den turbulenten Zeiten, die es später noch bewältigen musste. 1939 erhielt das Spital an der Schützengasse 35/37 einen Anbau. Als das Spital 1973 für das Diakonissenhaus finanziell nicht mehr tragbar war, wurde es zum Gemeindespital und administrativ vom Kantonsspital Basel geführt. Trotz dem Bau des neuen Operationstraktes, trotz dem im Jahr 1996 neu eingeführten Krankenversicherungsgesetz, dem ein bedeutender Bettenabbau folgte, und trotz der Umwandlung geriatrischer Betten in ein eigenständiges Pflegeheim funktioniert das Gemeindespital heute sehr gut, und die Riehener Bevölkerung ist stolz auf ihr Spital. Seit Anfang 1998 trägt das Gemeindespital Riehen selbst Verantwortung und hat einen neuen Verwalter.

Die Zukunft wirft etliche Fragen auf, denen in diesem Beitrag Beachtung geschenkt werden soll. Welche Veränderungen haben die Anpassungen des Krankenversicherungsgesetzes und die Spitalliste des Kantons Basel-Stadt hervorgerufen? Welche Umwälzungen hat die rechtliche Verselbständigung des Gemeindespitals Riehen zur Folge? Welche Basis soll für die neuerliche Aufnahme in die Spitalliste gemäss Spitalplanung 2002 geschaffen werden? Was muss getan werden, um möglicherweise nebst dem Gemeindeauftrag einen spezifischen Leistungsauftrag vom Kanton zu erhalten? Welche Tendenzen haben sich für die Zukunft herauskristallisiert?

Veränderungen
Das Gemeindespital Riehen ist Anfang des Jahres 1998 in eine selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt mit eigener Rechtspersönlichkeit, eigenem Vermögen und dem Recht auf Selbstverwaltung umgewandelt worden. Ferner ist die Spitalliste vom 1. Januar 1998, basierend auf dem neuen Krankenversicherungsgesetz (KVG) vom 1. Januar 1996, in Kraft getreten.

Mit dem Inkrafttreten der Spitalliste musste das Gemeindespital Riehen von bisher 127 Akutbetten gesamthaft 29 Betten beziehungsweise 23 Prozent abbauen. Es hat somit seinen Beitrag zur Realisierung der kantonalen Spitalbettenplanung in einem Höchstmass geleistet.

Zusätzlich wurden 20 Geriatriebetten in ein Pflegeheim umgewandelt. Das Pflegeheim ist somit organisatorisch und infrastrukturell im Spitalbetrieb integriert, soll sich jedoch selbst tragen und wird deshalb durch eine gesonderte Buchhaltung geführt.

Im Rahmen eines neuen, auf drei Jahre abgeschlossenen Leistungsvertrages mit der Gemeinde Riehen hat das Gemeindespital Riehen zudem den Auftrag erhalten, die medizinische Grundversorgung im Spitalbereich auf selbsttragender Basis aufrechtzuerhalten.

Leistungsangebot
Das Leistungsangebot konzentriert sich vor allen Dingen auf die allgemeine Spitalversorgung. Es wendet sich an Patienten und Patientinnen aus allen Bevölkerungsschichten, vorrangig an jene aus Riehen und Bettingen. Diese sorgten auch im Jahre 1997 für eine durchschnittliche Belegung von über 91 Prozent, was einem Kostendeckungsgrad von über 75 Prozent entspricht. Die Angebotspalette erstreckt sich von der chirurgischen, medizinischen und geriatrischen Grundversorgung bis hin zum Ambulatorium, das als einzige Institution in Riehen der Bevölkerung eine 24stündige ärztliche Betreuung anbietet.

Im weiteren können Bewohnerinnen und Bewohner von Riehen und Bettingen Spezialdienste wie Endoskopie, Röntgen und Labor sowie diverse Therapien, so etwa die Physiotherapie, physikalische Therapie und Ergotherapie, ohne Umweg beanspruchen.

Das separate Pflegeheim, das im Spital untergebracht ist, wird mit 20 Betten betrieben. Es gewährleistet die Betreuung und Pflege der Pensionäre sowie einen hausärztlichen Dienst rund um die Uhr.

Finanzielles Ziel
Das Minimalziel des Unternehmens lautet Eigenwirtschaftlichkeit, also selbsttragend zu sein, das Maximalziel heisst: Erwirtschaften eines Gewinnes.

Der Einwohnerrat Riehen hat den Antrag eines Globalbudgets einschliesslich des Kostenbeitrags von jährlich je 5,3 Millionen Franken für die Jahre 1998 bis 2000 zu Lasten der laufenden Rechnungen der Einwohnergemeinde Riehen bewilligt.

Warum überhaupt ein Kostenbeitrag? Das neue Krankenversicherungsgesetz machte die bis anhin freiwillige Krankenversicherung obligatorisch. Sie stellt eine gute medizinische Grundversorgung der Bevölkerung sicher. Was die Grundversicherung betrifft, wird eine Tagespauschale zwischen öffentlichen oder öffentlich subventionierten Spitälern und Krankenkassen vereinbart, die maximal die Hälfte der Kosten der Spitäler deckt. Das heisst: Die öffentliche Hand nimmt die Deckung der restlichen Kosten vor.

Und welche Bedeutung hat nun das Globalbudget? Es ist das ausgehandelte finanzielle Entgelt für den Leistungsauftrag der öffentlichen Hand, sprich der Gemeinde Riehen. Wird ein überschuss des Ertrags zuzüglich Kostenbeitrag gegenüber dem Aufwand erreicht, so verzeichnet das Gemeindespital Riehen einen Gewinn, anderenfalls einen Verlust.

Kurzfristig wird das Ziel nicht erreicht werden können, da die Anstrengungen für die Umstrukturierung einen erhöhten Aufwand zur Folge haben. Die Abwanderung der Versicherten in die 3. Klasse wie auch der Bettenabbau sorgen für Ertragseinbussen.

Die im Laufe des nächsten Jahres einzuführenden Führungsinstrumente (als Ergänzung der bereits existierenden Kostenstellenrechnung) werden zur Kostentransparenz beitragen und gleichzeitig eine weitere Entscheidungsgrundlage für das Management liefern, um wichtige Massnahmen zur erwünschten Kostenoptimierung einzuleiten.

Konzentration aufs Kerngeschäft
In der vorerwähnten Situation spielen Kostenoptimierungsmassnahmen eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich wird die Zusammenarbeit mit anderen Spitälern und Institutionen angestrebt. Nicht kostendeckende Bereiche sollen ausgegliedert werden. Konkret besteht schon eine Zusammenarbeit im Bereich des Beschaffungsmarketings. Bereiche wie Küche und Wäscherei wurden bereits ausgelagert. Das heisst, wir konzentrieren uns auf das Kerngeschäft. Weitere Optimierungsmassnahmen werden zurzeit geprüft.

Flexible Arbeitszeitmodelle, die dem zyklischen Arbeitsanfall im Gesundheitswesen gerecht werden könnten, sind in Betrieb. Die bestehende Versicherungsstruktur wird überprüft.

Die Einführung eines Qualitätskonzeptes ist in Vorbereitung. Es werden zusätzliche Dienstleistungen im kulinarischen Bereich angeboten wie beispielsweise ein Getränke-Zimmerservice und ein A-la-carte-Angebot. Im Eingangsbereich verkaufen wir neuerdings kleine Blumensträusse. Die Zimmerausstattungen sowie die gesamte interne Beschilderung werden erneuert. Das Führungshandbuch verbessert den Informationsfluss und regelt sämtliche Handhabungen. Anstellungsbedingungen und -Verträge gemäss privatwirtschaftlichen Kriterien - bedingt durch die Loslösung vom Kantonsspital sind in Ausarbeitung. Stellenbeschriebe und Qualifikationsgespräche wurden eingeführt.

Kritische Grösse
Rasante Veränderungen im Gesundheitswesen sind im Gange. Zurzeit findet die zweite Teilrevision des Krankenversicherungsgesetzes mit dem Schwerpunkt Spitalfinanzierung statt, die um das Jahr 2002 in Kraft treten wird. Das gesamte Konzept wird überarbeitet.

Neue Versicherungsprodukte sowie der Eeistungsausbau des Krankenversicherungsgesetzes werden einen Einfluss auf die Prämiengestaltung und auf die Versicherungsstruktur der Patienten haben.

Ein weiterer externer Einflussfaktor, der sich negativ auf das Rechnungsergebnis auswirkt, ist - bedingt durch die Kostenexplosion der Krankenkassenprämien - die Abwanderung der Zusatzversicherten in die allgemeine Versicherungsklasse.

Gesamtschweizerisch nehmen die durchschnittliche Aufenthaltsdauer und Belegung tendenziell ab, was wiederum zu Ertragseinbussen führt.

Was die spitalinternen Veränderungen betrifft, hat das Gemeindespital durch den erfolgten Abbau der Akutbetten eine kritische Grösse erreicht. Die optimale Gestaltung der betrieblichen Ablaufprozesse könnte bei einem weiteren Abbau nicht mehr gewährleistet werden. Bei zu geringen Betten- und Patientenzahlen lassen sich die Erfordernisse nach effizienter Leistung einerseits und nach Sicherstellung der Funktionsfähigkeit des Akutspitals mit den entsprechenden Präsenzzeiten der medizinischen Fachbereiche anderseits nicht mehr in Einklang bringen. Fixkostenanteile müssten auf eine geringere Anzahl Patienten verteilt werden. Dies würde die Existenz des Gemeindespitals Riehen gefährden.

Dank deutlich kürzeren Kommunikationswegen und der finanziellen Eigenverantwortung des Gemeindespitals Riehen wird der Entscheidungsprozess vorangetrieben. Mit den neuen Strukturen, kann auf Herausforderungen und Veränderungen auf dem Gesundheitsmarkt rasch und flexibel reagiert werden.

Eigenwirtschaftlichkeit
Es gibt ausschlaggebende Gründe für die weitere Aufnahme des Gemeindespitals Riehen in die Spitalliste 2002. Einerseits ist das Gemeindespital Riehen für Basel-Stadt kostenneutral, sofern der Kanton darin nicht mit Blick auf die Belegung der eigenen Spitäler eine unliebsame Konkurrenz sieht. Im Falle einer Abwanderung von Riehener Patienten nach Basel-Stadt aber müsste der Kanton die Kosten für die grundversicherten Patienten übernehmen.

Ausserdem will die Gemeinde dieses Spital und ist bereit, dafür einen Obolus zu entrichten. 1997 wies das Gemeindespital Riehen, abweichend vom aktuellen Trend, eine überdurchschnittlich hohe Belegung von 91 Prozent aus - dank einem guten Anteil an zusatzversicherten Patienten; durch den Bettenabbau stieg die Belegung im ersten Semester 1998 sogar auf 96 Prozent, was zu Kapazitätsengpässen führte. Mittelfristig ist auch eine Eigenwirtschaftlichkeit durchaus realistisch.

Das Gemeindespital wird seine Angebotspalette bedarfsgerecht abstimmen und versuchen, neue Märkte zu erschliessen. Weiter möchte das Gemeindespital die finanzielle Belastung aus der Grundversicherung verteilen und strebt deshalb eine Zusammenarbeit auf kantonaler Ebene in Form eines zweiten Vertragspartners für einen Leistungsauftrag an. Eine Abstimmung der medizinischen Angebote mit anderen Spitälern, unter Einhaltung des Leistungsauftrags der Gemeinde, könnte die Folge sein.

Stärken des Gemeindespitals Die grösste Stärke des Gemeindespitals liegt vor allen Dingen in der individuellen Betreuung seiner Patienten. Auch besteht eine kompetente Anlaufstelle für medizinische Behandlungen in der ambulanten sowie stationären Grundversorgung. Eine Patientenbefragung im zweiten Quartal 1998 über die Zufriedenheit bringt dies klar zum Ausdruck: 87 Prozent bezeichneten das Gemeindespital als sehr gut, 13 Prozent als gut; keine einzige Stimme entschied sich für mässig oder gar für schlecht.

Der Auftrag der Spitalverwaltung heisst: Das Gemeindespital Riehen nach privatwirtschaftlichen Kriterien zu führen; die Kostenoptimierung ohne Leistungsabbau voranzutreiben; eine hohe Patientenzufriedenheit sicherzustellen sowie geplante Qualitätssteigerungsprojekte einzuführen und vor allen Dingen die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Spitälern in der Region zu fördern.

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