1997

Riehen und die Jubiläen der Schweizergeschichte: 1648, 1798, 1848

Michael Raith

Die Ereignisse der Schweizergeschichte, auf die sich drei Jubiläen von 1998 beziehen, sind auch für Riehen bedeutsam und wirken zum Teil bis heute nach.

«1998 werden wir in der Schweiz ein Tripel-Jubiläum zu feiern haben. 350 Jahre formelle Unabhängigkeit vom Reich, 200 Jahre Helvetische Republik, 150 Jahre Bundesstaat. Es sind unterirdisch verknüpfte Daten. Die Exemtion der Eidgenossenschaft vom Reich führte 1798 dazu, dass die Schweiz ohne Koalitionspartner dem republikanischen Frankreich gegenüberstand. Also konnte die Staatsumwälzung in der Schweiz stattfinden, in Süddeutschland, wo immer kaiserliche Truppen zwischen den badischen und württembergischen standen, gerade nicht. 1848 konnte auf den Trümmern der helvetischen, mediatisierten, restaurierten und schliesslich (kantonal) regenerierten Schweiz der neue Bundesstaat errichtet werden, während die republikanischen Pläne in Süddeutschland erneut und jämmerlich Schiffbruch erlitten. Deutschland reifte sozusagen Bismarck entgegen, die Schweiz laborierte an der Verwirklichung der Volksrechte mittels Referendum und Initiative. Die Handhabung dieser Volksrechte unterscheidet uns politisch ganz fundamental von unseren deutschen und französischen Nachbarn.»

Das schrieb Markus Kutter in der 1994 von der Gemeinde Riehen herausgegebenen Broschüre «Johann Rudolf Wettstein 1594-1666 Seine Bedeutung für Riehen, Basel und die Schweiz». So wird das Jahr 1998 als reiches Jubiläumsjahr in die Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft und des Kantons Basel-Stadt eingehen: Publikationen, Ausstellungen, Festspiele und Gedenkmünzen befinden sich in Vorbereitung. Es bleibt dem Jahrbuch «z'Rieche» die Aufgabe, der Frage nachzugehen, was sich denn vor 350, vor 200 und vor 150 Jahren in unserer Gemeinde zutrug. War man sich der späteren Jubiläumswürdigkeit der Ereignisse bewusst? Eine klare Antwort kann nicht erfolgen. Zu dürftig erweist sich die Quellenlage: Protokolle, Zeitungen und Briefe fehlen weitgehend. Einzig über die Umwälzung von 1798 berichten einheimische Chronisten. Manches steht schon in Emil Iselins «Geschichte des Dorfes Riehen» (1923), in «Riehen - Geschichte eines Dorfes» (1972), in der «Gemeindekunde Riehen» (21988) und in früheren Bänden des Jahrbuches «z'Rieche», wobei in diesen Darstellungen der spezielle Kontext des Tripel-Jubiläums unberücksichtigt blieb.

Riehen 1648
Das Jahr des den Dreissigjährigen Krieg beendenden Westfälischen Friedens zu Münster und Osnabrück brachte der Eidgenossenschaft die Exemtion - also die rechtliche Unabhängigkeit - vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, bekanntlich ein Werk des damaligen Basler Bürgermeisters und früheren Riehener Obervogts Johann Rudolf Wettstein. Trotz des engen Kontakts zwischen ihm und seiner zeitweiligen Wohnsitzgemeinde dürften allenfalls einige in Riehen lebende Basler Landgutbesitzer die Tragweite der Exemtion wenigstens zum Teil erfasst haben, wobei handelspolitische überlegungen im Vordergrund gestanden sein mögen. Im Bewusstsein der Riehener Bauernschaft bildete nicht 1648, sondern der übergang an die Stadt anno 1522 die entscheidende Zäsur. Basel trat 1501 der Eidgenossenschaft bei und diese hatte sich im Schwaben- oder Schweizerkrieg von 1499 beziehungsweise im diesem im gleichen Jahr folgenden Frieden von Basel - faktisch bereits vom Reich gelöst. So kam Riehen 1522 nicht allein zur Stadt, sondern damit auch zur Schweiz, gewiss ein wesentlicher Grund, weswegen Riehen nicht etwa seiner ersten Erwähnung, sondern seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dieses Jahres des übergangs feierlich gedenkt. Wenig später vertiefte noch die Reformation (1528) die Grenze. Riehens Geschicke verliefen nun definitiv anders, was seine weit gehende Verschonung vom Dreissigjährigen Krieg (16181648) nachhaltig beweist. Immerhin sorgte die exponierte Grenzlage der Gemeinde für eindringliche Konfrontationen mit dem durch die Kämpfe geschaffenen Elend. So wird man in Riehen die Nachricht vom Frieden weniger wegen der Exemtion, sondern zur Hauptsache wegen des Kriegsendes gefeiert haben.

Zwar hatten die Landgemeinden in den letzten Kriegsjahren wenig zu leiden. Doch sorgte eine schwache Grenzbesetzung - die Ortswehren von Riehen und Bettingen verkürzten sich die Wachtzeit mit Zechereien - für feindliche übergriffe. Fremde Heere und Soldaten respektierten oft die Neutralität schweizerischen Territoriums nicht. Wegen ihrer rechtsrheinischen Lage gerieten gerade Riehen und Bettingen immer wieder in missliche Lagen: Kühe und Pferde wurden gestohlen, aus dem Blei der Fenster der Chrischonakirche Kugeln gegossen und Leute entführt. Kriegssteuern und der Kornwucher unverantwortlicher Preistreiber führten zu starker finanzieller Belastung und zur Teuerung. Diebe, Räuber und Plünderer machten das Land unsicher. Trotzdem - oder gerade deswegen - nahmen Alkoholexzesse zu. Menschen aus dem Markgräflerland flohen in grosser Zahl nach Basel und in die Landgemeinden: von den 94 Täuflingen des Jahres 1638 waren lediglich 36 einheimische Kinder aus Riehen und Bettingen. Manchmal schleppten die Flüchtlinge auch Epidemien ein. Und 1640 liessen sich sogar Wölfe blicken. Trotzdem ist dem schrecklichen Krieg der Erwerb der dritten Landgemeinde - Kleinhüningen - zu verdanken (1640) sowie die ursprünglich militärisch gedachte tröstliche Zuversicht «man sollte ... zu Riechen sorg geben». Diese furchtbare Zeit fand, was man noch lange wusste, 1648 ein Ende.

Am 24. Oktober jenes Jahres wurde der Friede unterzeichnet. Vielleicht war die Kunde davon schon nach Riehen gedrungen, als fünf Tage später in der noch unver grösserten Dorfkirche Pfarrer Samuel von Brunn das Buschi Hans Jacob, fünftes Kind von Johannes Köbelin (1610-n. 1653), «der Schreiner allhie», und von «Bärbel Egerin» (=Barbara Eger, geb. 1611) taufte. Die Quellen schweigen sich über das Schicksal Hans Jacob Köbelins aus: vielleicht starb er früh oder wanderte aus. Die Familie blühte jedenfalls später nicht mehr in Riehen.

Riehen 1798
Die Zeit von der Französischen Revolution (1789) bis zum Ende Napoleons (1815) war in ganz Europa und auch im damals erst gut tausend Einwohner zählenden Riehen ausserordentlich bewegt. Aufgeklärtes Denken zog in Basel und auch in Riehen ein, wobei die allgemein erhobene Forderung nach Vernunft und Tugend etwas eigentümlich mit freimaurerischen Vorlieben, wie sie etwa der im Glögglihof wirkende Krankenheiler «Graf» Alessandro Cagliostro verkörperte, kontrastierten. Basler Landgutbesitzer, Pfarrer und Lehrer brachten das neue Gedankengut von der Stadt ins Dorf. Es stiess auch auf Widerspruch. Anhänger des Hergebrachten fanden sich oft im Kreis der dadurch Bevorzugten, also in alten Eliten, in Riehen beispielsweise im durch den Pietismus der Brüdergemeinde geprägten Untervogtszweig der Familie Wenk. Anhänger des Neuen gruppierten sich deswegen unter solchen, die entweder von der politischen Macht ausgeschlossen oder durch Lektüre und Reisen zu modernen Ansichten gelangt waren. Dazu gehörte in Riehen neben einigen städtischen Landgutbesitzern etwa die Rössliwirtsippe Stump. Es gab auch viel Verbindendes: Brücken vom Alten zum Neuen und wieder zurück schlugen die Lebenswerke von Johann Rudolf Huber, von 1794 bis 1800 Pfarrer in Riehen, und von Johann Lukas Le Grand, von 1792 bis 1798 letzter Obervogt der Stadt in den heutigen Landgemeinden.

Die Philosophie der Zeit blieb nicht in der Theorie stecken. Der Ruf nach Gleichheit erscholl. Die Riehener beklagten ihre gegenüber den Städtern schlechtere Stellung. Konkret ging es um Zins und Zehnten, die Nutzung der Wälder sowie um die Ausbildung der Jugend: die Universität Basel etwa stand den eigenen Landbürgern nicht offen. Die Forderung nach Gemeindeautonomie und Demokratie wurde zwar noch nicht erhoben, folgerte aber aus den Menschenrechten. Zunächst behauptete sich das Alte noch zäh. Bürgermeister und Rat der Stadt Basel dachten nicht daran, ihre Macht mit der Landschaft zu teilen. Die aus Untervogt, Weibel und Geschworenen bestehende Gemeinderegierung wurde entweder direkt im Basler Rathaus oder indirekt durch den Obervogt ernannt. Ein Wahlrecht stand den Riehenern nicht zu.

Was die Leute damals aber wohl mehr beschäftigte, waren die Kriegsfolgen der Revolution. Schon 1789 hielten sich aus dem Sundgau geflohene Juden in Riehen auf. Im Jahr 1792 begann der Krieg zwischen Frankreich und dem nominell deutschen - in Wirklichkeit österreichischen Kaiser. österreich lag damals nahe: es reichte bis nach Wyhlen. Und auch die Grenze zu Frankreich zog sich nur wenige Kilometer von Riehen entfernt hin. Kein Wunder, dass Riehen jahrelang unter Grenzverletzungen und -Besetzungen, Durchzügen, Einquartierungen, Landstreichern sowie Epidemien zu leiden hatte. Bekannte Riehener Ereignisse dieser Zeit waren der am 26. Dezember 1795 erfolgte Austausch von Franzosen in kaiserlicher Gefangenschaft gegen die französische Königstochter Marie Thérèse Charlotte und die letzte Huldigung der dörflichen Untertanen vor einer städtischen Ratsdeputation am 12. Juni 1796. Trotzdem kam das Ende des Ancien Régime. Der Riehener Weibel Hans Jakob Schultheiss schrieb im Anschluss an den Austausch über ein Essen mit Freiheitsfreunden: «Da wir den Auftrag gehabt... auf zu warten, und auch mit zu trinken, welches auch geschächen und nun die neüwe einrichtung in Franckreich Freyheit und Gleichheit auch empfunden».

Über den Jahreswechsel 1797/1798 spielte sich im Staate Basel eine unblutige und im Falle Riehens gar eine gemütliche Revolution ab. Die alte Regierung kapitulierte und trat ab, alle Titel wurden abgeschafft, den Landbürgern die Rechtsgleichheit gewährt und sogar die Uhren der Stadt nach denen der Landschaft gerichtet. Dass in den heutigen Landgemeinden alles so friedlich verlief, war das Verdienst der Herren oder - wie die Anrede nun lautete - der Bürger Le Grand und Huber.

Aus der schon mehrfach erzählten Geschichte der 1798er Vorkommnisse in Riehen ist folgendes besonders erwähnenswert: am 21. Januar fand die erste demokratische Wahl statt. Die Riehener wählten vier Ausschüsse, das heisst je einen auf fünfzig berechtigte Bürger. Diese Ausschüsse wirkten als Wahlmänner zur Bestimmung von 15 Landschäftlern einer Dreissigerkommission mit der Funktion eines Verfassungsrates. Folge der Beratun gen bildete eine Nationalversammlung; sie zählte 60 Mitglieder, darunter 20 vom Lande. Aus Riehen war in allen diesen Gremien als allseits akzeptierter Volksrepräsentant der ehemalige Untervogt, Johannes Wenk-Roth, im Meierhof, mit dabei. Der französischem Vorbild nachempfundene Zentralismus der Helvetik hob aber schon im April 1798 die Selbständigkeit der Kantone auf, was am 18. dieses Monats zum Ende der Basler Nationalversammlung führte. In ihr hatte neben Johannes auch Martin Wenk (1751-1830) gesessen: Angehöriger des 1640 in die Stadt ausgewanderten Zweiges der Riehener Familie, von Beruf Gerber und später Basler Bürgermeister. Er gehörte wie sein Riehener Vetter der Brüdergemeinde an. Am 22. Januar 1798 fanden überall zu Lande und zur Stadt Freiheits- und Verbrüderungsfeste statt. Bekannt ist das Bild der unter den neuen schwarzweiss-roten Fahnen auf dem Basler Münsterplatz Feiernden. Der Freudentaumel griff auch auf Riehen und sogar auf Bettingen - über. Vor der Dorfkirche hielt Bürger Johann Jakob Unholz (1764-1833), Schuhmacher, nachmaliger Gemeinderat und Gründer der seit spätestens 1805 an der heutigen Adresse Baselstrasse 46 befindlichen Handelsfirma (Haushalt-Center Wenk), unter einem Freiheitsbaum eine stark religiös geprägte Rede: vielleicht stand ihr Bürger Pfarrer Huber in irgendeiner Weise Gevatter. Es gab solche Verbindungen von Glaube und Revolution, vorherrschend waren sie nicht.

Obwohl die bis 1803 dauernde Staatsepoche der Helvetik unterschiedliche Beurteilungen erfährt, ist für Riehen und die übrigen Gemeinden der Landschaft Basel - doch festzuhalten, dass das Jahr 1798 zumindest die relativ demokratische Wahl der Volksvertreter gebracht hat. Damit kam man einem heute selbstverständlichen Freiheitsideal einen wesentlichen Schritt näher.

Zu den negativen Seiten der Helvetik gehört die Bespitzelung der Bevölkerung. Im Mai 1798 wurden von oben in den Gemeinden sogenannte Agenten eingesetzt, in Riehen der Rössliwirt Johannes Stump-Bertschmann (1746-1814) und in Bettingen Jacob Müri («Mühry»)-Kammüller (1765-1813), ebenfalls Wirt. Sie mussten an den Unter-Statthalter Matthias Mieg (1745-1829) nach Basel berichten über «Ereignisse», «Massregeln so ergriffen wurden», «Gerüchte so ausgebreitet, und Schriften so gelesen werden», «Wirkungen derselben auf die Einwohner der Gemeinde», «Nahmen der Bürger die besondere Aufmerksamkeit verdienen, und wegen was» sowie «Allgemeine Beobachtungen». Die Fichen des Zeitraums vom 4. Juli 1798 bis zum 30. April 1799 sind erhalten geblieben. Meistens beteuern die Agenten, es sei in ihren Gemeinden alles ruhig. Das tönt dann so: «Freiheit. Gleichheit. An den Statthalter Mieg. Ich weiss nichts zu melden, alss dass biss dahin Frieden und Ruhe in dieserer gemeine herrschete d[a]t[um], den. 4ten July. 1798. Gruss und Bruderliebe der Agent Jacob Mühry v[on]. Bettigen.» Ausführlicher schreibt auf vorgedrucktem und mit der Tellenszene als helvetischem Symbol verzierten Formular «Der Agent Johannes Stump Rössleinwirt der Gemeinde Riehen an den Unter-Statthalter Mieg des Bezirks Basel» am 13. August 1798: «Es wurde lesten Freytag Nachts dem Bürger [Johann Bernhard] Sozin [Socin (1721-1801), von Basel, Besitzer eines Landgutes an der Oberdorfstrasse 13] in sein gut gestiegen wurde ihm eine fette gans & eine Enten gestollen», «wurde auf den Däter an der gemeind[eversammlung] 2 L[o]u[is]dor gesetzt wen es könte an Tag gebracht werden ich glaub es Möchte von fremden Schlechten gestehen geschehen sein», «von gerächten oder Schriften ist mir nichts bekant das in unserer gemeind gelessen werde als die Oberrheinische Zeitung», «Durch das glaub ich nicht das böse Wirkungen in der gemeind geben könte», «Dato kan ich Ihnen von keinem Bürger das besondere auf Merksamkeit verdient etwas Melden», «für eine algemeine gut achtung wird für unsere gemeind gesorgt», «Gruss und Bruderliebe Johannes Stump Agent in Riehen».

Manchmal kommt der Mensch im Agenten deutlich zum Vorschein, etwa wenn Stump im Zusammenhang mit der Unterbringung von Soldaten schreibt: «Ein Traguner welcher eine frau mit gebracht hat kan bey der Einquartierung nicht gleich ein quartier bekomen so nam ihn der Agent freywillig an in Sonderheit weil er ein schöne junge Frau mit sich gebracht hat» (24. September 1798). Müri, sonst immer darauf bedacht, die Verhältnisse in Bettingen so rosig wie möglich zu schildern, vermerkt - ausnahmsweise wütend - in der Rubrik der zu Denunzierenden: «Ich alss Agent musste so viel alss die gantze gemein verschreiben, von wegen wass, dass wie, es Ihnen bekant ist, dass Alle Sontag die Gemeinde zusamen beruften werden soll, Ihnen zu Bublizieren wass uns anbefohlen ist, aber es bey unss bald so, dass ich Einen Sontag für den anderen nicht kan Gemeinde halten von wegen wass, dass Einmahl für dass andere nicht mehr alss 8. oder 10. Bürger an die Gemeinde komen.» (8. Oktober 1798).

Im Gegensatz zu den in Riehen vermutlich nicht besonders wahrgenommenen Jahren 1648 und 1848, wurde die Zäsur von 1798, gleichgültig, ob man sie begrüsste oder nicht, als solche empfunden. Sie brachte - wenigstens auf dem Papier - die Freiheit und als neue Errungenschaft demokratische Wahlen.

Riehen 1848
Das für Riehen einschneidendste Ereignis des 19. Jahrhunderts blieb die Trennung des Staates Basel in die Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft (1832/3). Das Thema ist noch heute unerledigt. Die in ihren Folgen ebenfalls ausserordentlich bedeutsamen Anfänge des Schweizerischen Bundesstaates scheinen vor 150 Jahren die Gemüter in den Landgemeinden aber nicht sonderlich bewegt zu haben, ganz im Gegensatz zu einem fürchterlichen Hagelschlag, der Riehen am 19. Juli 1847 ereilte.

In der Schweiz herrschte politische Unrast, Radikalfreisinnige bekämpften Konservative, auch im dem Alten verpflichteten Kanton Basel-«Stadttheil» befürchtete man einen Umsturz. Diesem kam am 1. April 1847 eine neue Kantonsverfassung zuvor. Aber noch immer standen sich die Meinungen unversöhnlich gegenüber, wie das knappe Ja des Grossen Rates vom 6. November 1847 zur Teilnahme am Sonderbundskrieg bewies. Das Neue setzte sich in der Eidgenossenschaft durch. Wieder nahm der Grosse Rat ohne Begeisterung die neue Bundesverfassung zur Kenntnis: Ihm passte weder die freisinnige Vorherrschaft im Bund noch der Verlust alter kantonaler Kompetenzen. Aber er musste am 7. August 1848 ein «Gesetz über die Art und Weise, wie der Entwurf der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei der Bürgerschaft von Basel=Stadt zur Abstimmung gebracht werden soll» verabschieden.

Bürgermeister Felix Sarasin (1797-1862), Besitzer eines Landgutes in Riehen und einer Fabrik in [Lörrach-]Haagen, wandte sich an die «Wertheste[n] Mitbürger! Der Allmächtige leite die in sämmtlichen Kantonen für diese hochwichtige Angelegenheit stattfindenden Berathungen und Abstimmungen zum Segen für das Gesamtvaterland.»

In Riehen wurde die Gemeinde am 17. August 1848, einem Donnerstag, versammelt. Wahlberechtigt waren Bürger, die «keine Armensteuern geniessen» und weder Falliten noch Akkordanten [= eine bestimmte Form von Schuldnern] waren. Ihre Namen wurden aufgerufen, wer annehmen wollte, legte seine Stimmkarte in ein weisses und wer verwerfen wollte, in ein schwarzes versiegeltes Kästchen. Die Beteiligung in den Landgemeinden (53,4%) lag geringfügig unter derjenigen in der Stadt (58,5%), doch stimmten sie weit eindeutiger zu: Basel 86,8% Ja, Kleinhüningen 93,8% Ja, Riehen 94,3% Ja und schliesslich Bettingen 100,0% Ja! Bald kam Riehen auch zu seinem ersten Nationalrat: Achilles Bischoff (1795-1867) residierte zuweilen im Klösterli.

Höhere Wellen als all das, warfen wohl die drei Badischen Aufstände von 1848/49, welche Lörrach für wenige Tage zur Hauptstadt Deutschlands beförderten. Je nach Kriegsglück flohen Revolutionäre und Anhänger des Grossherzogs in die Schweiz und hier oft in das nächstgelegene Riehen. Der Lörracher Arzt und Politiker Eduard Kaiser (1813-1903) berichtete in «Aus alten Tagen Lebenserinnerungen eines Markgräflers 1815-1875» folgendes: «Längs dem Wiesendamm eilte ich nun südwärts im Morgengrauen der Grenze zu, traf nur einige friedsame Bauern auf meinem Mattenweg und kehrte im schweizerischen Grenzort Riehen im Wirtshaus zum <Rössle> ein, als man eben den Gästen den Morgenkaffee kochte. Ich traf oben in dem Gastzimmer eine grosse Kolonie badischer Flüchtlinge an, worunter auch meinen jüngsten Bruder, den Artilleristen, der sich von seinem Korps, das zwei Tage vorher in die Schweiz übergetreten war, getrennt hatte und bei meiner Schwester, der Pfarrerin, in dem nahe gelegenen Tüllingen ein Versteck und gute Verpflegung gefunden hatte. Da aber gleich bei meiner Schwester nach ihm gesucht wurde, so war er rasch nach Riehen durch die Reben hinunter gehuscht, und so trafen wir uns beim Kaffee.» (Juli 1849). In Riehen lag damals eine eidgenössische Grenzbesetzung. Ein nicht eruierter Adjutant namens Felix Dürholz, wohl aus der Stadt Solothurn stammend, schrieb damals seiner Freundin: «Ich erzählte Ihnen letzthin ich sei in Basel eingerückt und gut einquartiert. 2 Tage darauf erhielt ich ... den Auftrag hierher nach Riehen zu gehen ... So wäre ich nun 3 Tage hier und alle 3 Tage von Morgen früh bis Abends in grösster Aktivität, denn Sie müssen begreifen, es gibt sehr viel zu schreiben. Dieses Dorf ist y4 Stunde von Loerrach, eine sehr schöne Lage, aber nicht wohlhabend, ich bin hier schlecht einquartiert, aber es sind gute Leute,... Unsere Vorposten der Feldwache sind einige Schritte von der badischen Grenze entfernt, ... Wenn man die nassen Flüchtlinge betrachtet, ich sage Ihnen, es schaudert mich...» Damit schliesst sich der Kreis. Flüchtlinge an der Grenze, ein Thema, das Riehen auch im 20. Jahrhundert treu geblieben ist.

Schweizergeschichte wird an den Grenzen der Schweiz wohl anders erlebt als im Landesinnern. Die grossen Jahre 1648,1798 und 1848 gewinnen aus dem Riehener Blickwinkel ein eigentümliches Gewicht. Die Grenze gefährdet und schützt zugleich, sie birgt und öffnet. Man weiss sich mit der trinationalen Region verbunden, aber dankend auch, wo das Zuhause ist.

Literatur
Burckhardt Paul: Geschichte der Stadt Basel von der Reformation bis zur Gegenwart, Basel 21957 Gemeinde Riehen (Hg.): Johann Rudolf Wettstein 1594-1666 Seine Bedeutung für Riehen, Basel und die Schweiz, Riehen 1994 His Eduard: Basler Staatsmänner des 19. Jahrhunderts, Basel 1930 Kaiser Eduard: Aus alten Tagen Lebenserinnerungen eines Markgräflers 1815-1875, Lörrach 1910 (Reprint Weil am Rhein 1981) Kantonsblatt Basel-Stadt 1848 Lehmann Fritz: Die Aufzeichnungen des letzten Riehener Untervogts Johannes Wenk-Roth im Meyerhof, RJ 1964 Raith Michael: Aus der Geschichte des Gemeinderates von Riehen, RJ 1969 Raith Michael: Johannes Stump und Samuel Wenk - zwei Riehener Politiker des beginnenden 19. Jahrhunderts, RJ 1971 Raith Michael: Die hochgeehrten und wohlweisen Herren Obervögte Die Bedeutung der Landvogtei für Riehen, RJ 1990 Raith Michael: Weibel Hans Jakob Schultheiss erinnert sich, R] 1990 Raith Michael: Die baselstädtischen Landgemeinden und der Kanton Basel-Landschaft, Baselbieter Heimatbuch 18, Liestal 1991 Raith, Michael: Johann Rudolf Huber (1766-1806) «Prophet der Revolution»?, BZGA, Basel 1991 Rosen Josef: Chronik von Basel Hauptdaten der Geschichte, Basel 1971 Wackernagel, Rudolf (Hg.): Akten der Basler Revolution 1798, Basel 1898

Quellen
StABS Politisches KZ 15b Polizeirapporte des Unterstatthalters des Distrikts Basel 1798 und Privatarchiv Johannes Wenk-Madoery

Personen
soweit nicht im Text vorgestellt: Bourbon, Marie Thérèse Charlotte, Prinzessin von, spätere Herzogin von Angoulême (1778-1851).
Cagliostro, Graf Alessandro bzw. Balsamo, Giuseppe (1743-1795), Hochstapler, Abenteurer, Krankenheiler, Freimaurer, Alchimist. Huber-Battier-Stähelin, Johann Rudolf (1766-1806), Professor der Geschichte, Pfarrer, Magister.
Kutter, Markus (*1925), Dr. phil., Historiker, Publizist, Werber, Mitglied des Grossen Rates.
Le Grand-Lindenmeyer, Johann Lucas (1755-1836), Theologe, Seidenfabrikant, Obervogt, Direktor Helvetische Republik, Philanthrop. Schultheiss-Wenk-Sieglin, Hans Jakob (1730-1810), Weibel, Landwirt, Chronist.
Von Brunn-Platter, Samuel (1606-1684), Magister, Pfarrer. Wenk-Roth, Johannes (1752-1820), Landwirt, im Meierhof, Untervogt, Agent, Mitglied Gemeinderat und Grosser Rat, Beisitzer Distriktgericht, Präsident Gescheid und Zivilgericht, Bannbruder.
Wettstein-Falkner, Johann Rudolf (1594-1666), Kanzlist, Mitglied Stadtgericht, Obervogt, Bürgermeister.


 


^ nach oben