1997

Fledermäuse - die heimlichen Nachtflieger

Jürgen Gebhard

Obwohl auch in Riehen viele Fledermäuse leben, bekommt man sie nur selten zu Gesicht. Wer sich aber näher mit diesen fliegenden Säugetieren befasst, kommt so leicht nicht wieder von ihnen los.

Gibt es überhaupt noch Fledermäuse in Riehen? Aufmerksame Beobachter mögen sich vielleicht erinnern, da und dort eine fliegende Fledermaus gesehen zu haben, aber sonst werden sie wohl wenig beachtet. Aber wer einmal eine Fledermaus ganz aus der Nähe hat anschauen können, vergisst die Begegnung nicht so schnell, denn zu beeindruckend ist die winzige, merkwürdige Gestalt mit dem weichen, dichten Körperfell. Wenn es ein Langohr war, überraschten bei genauer Betrachtung die riesigen Ohren und mit Verwunderung wurde eventuell festgestellt, dass diese Art recht grosse Augen hat, obwohl sie zur Orientierung ein raffiniertes Echoortungssystem besitzt, mit dem sie auch in dunkelster Nacht sicher ihren Weg finden kann.

In der Region Basel wurden in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 20 Fledermausarten festgestellt. Diese Vielfalt mag verwundern, aber einschränkend muss gesagt werden, dass einige Arten nur sehr selten zu finden sind, sei es, weil sich bei uns eine Grenze ihres Verbreitungsgebietes auftut, weil sie hier nur zu bestimmten Jahreszeiten anwesend sind, oder weil sie ihre Existenzgrundlage in unserer Landschaft weitgehend verloren haben. Letzteres trifft vor allem auf die Kleine Hufeisennase zu, die bis zu Beginn der fünfziger Jahre noch weit verbreitet gewesen sein muss und oft auf den Dachböden der Bauernhäuser gesehen wurde. Heute gibt es bei uns nur noch eine kleine Kolonie an der elsässisch-schweizerisehen Grenze. Gravierende Verluste gab es auch beim Grossen Mausohr, und eine Zeitlang musste man befürchten, dass diese Art bei uns aussterben würde. Glücklicherweise haben die Bestände in den achtziger Jahren nicht weiter abgenommen. Heute darf man annehmen, dass ihre Existenz vorläufig gesichert ist; in einigen Fortpflanzungskolonien scheint die Zahl der gebärenden Weibchen sogar zuzunehmen.

Positive Entwicklungen gibt es aber auch von anderen Arten zu berichten, denn nicht alle Fledermäuse leiden unter den gewaltigen Veränderungen, die unsere Landschaft zur Zeit erfährt. Recht gut scheint es unserer kleinsten Art, der Zwergfledermaus, zu gehen. Sie bewohnt enge Spalten an der Aussenfassade von Gebäuden, manchmal besetzt sie auch Rolladenkästen und wird erst bemerkt, wenn kleine Kotkrümel auf dem Fenstersims liegen. Ihre Nahrung findet sie im Licht von Strassenlampen, wo oft viele Insekten schwärmen, aber auch entlang von Waldrändern und über stehenden oder langsam fliessenden Gewässern. Dort fängt sie vor allem kleine Fliegen und Schnaken, die sie in grosser Zahl benötigt, um satt zu werden. Im Herbst, ab September, bekommt sie in diesen Jagdgebieten allerdings grosse Konkurrenz, denn dann wandert die mit ihr nahe verwandte Rauhhautfledermaus bei uns ein. Diese von der Zwergfledermaus nur schwer zu unterscheidende, im Aussehen sehr ähnliche Fledermaus unternimmt jährlich weite saisonale Wanderungen. Wir wissen, dass sie aus einem Sommereinstandsgebiet, das sich vom Baltikum bis nach Nordostdeutschland erstreckt, nach Südwesten fliegt, um die kalte Jahreszeit beispielsweise bei uns zu verbringen.

Fledermäuse als Nachbarn und Hausgenossen
Schon oft wurde die Rauhhautfledermaus auch in Riehen gesehen, an zum Teil merkwürdigen Fundorten. Sehr oft wird diese Fledermaus im gestapelten Brennholz am Haus angetroffen. Meistens sind es Einzeltiere, die sich in einem engen Spalt zwischen den Holzscheiten verbergen und dort auch tiefe Frosttemperaturen aushalten. Nicht selten werden die Tiere allerdings beim Abräumen des Holzes verletzt und müssen in Pflege genommen werden. Natürlich werden sie an solch wenig geschützten Orten auch von Katzen entdeckt. Diese bringen manchmal ihre Beute unbemerkt in die Wohnung, lassen sie frei und dort werden die Fledermäuse meist zufällig mit einem grossen überraschungseffekt bemerkt. Gelegentlich fliegen sie aber auch selbst durch offene Fenster in Wohnungen und finden den Rückweg in die Freiheit nicht mehr. Auch bei Umbauarbeiten an Gebäuden wurden sie in engen Fassadenspalten gefunden, beispielsweise in der Rössligasse und der Baselstrasse. Weil vom Herbst bis zum Frühjahr jedes Jahr viele solcher Opfer gefunden werden, muss die Zahl der Wintergäste in unserer Region recht gross sein. Vermutlich halten sich in jedem grösseren, begrünten Hinterhof solche heimlichen Untermieter auf. In Weil am Rhein wurde von einer Katze eine Rauhhaut gefangen, die in Riga beringt worden war, und eine aus der Umgebung von Berlin wurde in der Schweizergasse in Basel gefunden.

Es ist aber nicht nur die Rauhhautfledermaus, die mit unserer kleinsten Art in Konkurrenz lebt, sondern auch eine nahe Verwandte, nämlich die Weissrandfledermaus. Es ist genau die gleiche Art, die wir im Tessin so häufig um die Strassenlampen fliegen sehen. Seit ungefähr zehn Jahren wird sie in der Region Basel immer zahlreicher ein Phänomen übrigens, das in ganz Mitteleuropa, vor allem in Siedlungsagglomerationen, beobachtet werden kann. Ganz offensichtlich dringt diese mediterrane Fledermausart nach Norden vor. Ist es ein Zeichen einer zunehmenden Erwärmung unseres Klimas? Beim Schulareal des Bäumlihof-Gymnasiums hat man sie schon gefunden und vermutlich ist sie jetzt vor allem im Stadtgebiet die erfolgreichste Siedlerin unter den Fledermäusen.

Leider hat noch niemand in Riehen das Quartier einer Fledermauskolonie entdeckt, beispielsweise eine «Wochenstube». So werden die Sozialgemeinschaften genannt, in denen sich die Weibchen zu einem Verband zusammenschliessen und an einem gemeinsamen Hangplatz ihre Jungen gebären und aufziehen - meist sind es Einzelkinder und nur selten Zwillinge. Zweifellos gibt es solche Wochenstuben vom Braunen Langohr, denn es wurden in Riehen schon zweimal in Gebäude eingeflogene, vor kurzem flügge gewordene Jungtiere gefunden. Diese Art wandert nicht weit und deshalb sind die beiden sicher hier zur Welt gekommen.

Weil im Sommer bei den meisten Fledermäusen die Männchen getrennt von den Weibchen leben, gibt es bei einigen Arten auch reine Männchenkolonien. In der Region Basel ist das beim Grossen Abendsegler so, der bevorzugt in Baumhöhlen wohnt. Manchmal sind diese Quartiere bis in den Herbst und Winter hinein besetzt. Leider werden gelegentlich solche Quartierbäume gefällt. Schon mehrmals war dies in den Langen Erlen und am Ausserberg der Fall. Diese Waldgebiete sind übrigens recht gute Fledermausgebiete, weil es dort immer noch ältere Bäume mit Specht- und Fäulnishöhlen gibt. Bei der Waldnutzung ist es sehr wichtig, solche Refugien zu erhalten. Die oft geäusserte Vermutung, dass Fledermauskästen aus Holz oder Holzbeton ein vollwertiger Ersatz für den Verlust der natürlichen Quartiere sein könnten, stimmt so nicht. Es hat sich gezeigt, dass in diesen künstlichen Wohnhöhlen zwar akzeptable mikroklimatische Bedingungen herrschen können. Für einige Arten, wie zum Beispiel die Abendsegler, können sich dennoch nachteilige Nebenwirkungen ergeben. In Basel wurde bei Pfleglingen festge stellt, dass diese ihre Krallen auf Holzbeton so stark abnutzen können, dass sie nicht mehr funktionstüchtig sind. Die geschädigten Fledermäuse können sich dann im Schlafquartier nicht aufhängen und sich deshalb auch nicht mehr putzen. Sie sind damit in ihrer Lebenstüchtigkeit so stark beeinträchtigt, dass sie nicht lange überleben. In einem Vogelnistkasten, der im Riehener Wald hing, wurden die Skelette von drei Kleinen Abendseglern gefunden. Die Fledermäuse waren in den Meisenkasten aus Holz eingeflogen und konnten später nicht mehr hinaus, weil die Innenwände zu glatt zum Klettern waren und so das Ausflugloch für sie unerreichbar blieb. Solche Dramen wie im Vogelnistkasten spielen sich in unserer Kulturlandschaft immer wieder ab, denn oft fallen Fledermäuse bei der Quartiersuche in Behältnisse mit glatten Wänden, aus denen sie nicht mehr entweichen können, und verenden.

Weil die Fledermäuse äusserst mobil sind und bei ihren Jagdflügen auch kilometerweite Exkursionen unternehmen, können eigentlich alle in der Region bisher nachgewiesenen Fledermausarten einmal in Riehen angetroffen werden. Dies zeigt allein schon der Fund einer Zweifarb fledermaus, die im Oktober 1993 am Steingrubenweg in ein Kinderzimmer eingeflogen war. Solche Nachweise sind immer dem Zufall überlassen, denn es ist vollkommen unmöglich, eine regionale Fledermausfauna mit einer ähnlichen Genauigkeit zu erfassen, wie wir das bei einem ornithologischen Inventar gewohnt sind. Deshalb ist es so wichtig, dass jeder Fund gemeldet wird. Erst so können Fachleute die Art genau bestimmen und sich ein immer perfekteres Bild über die momentane Entwicklung erarbeiten.

Schutz der Fledermäuse
Glücklicherweise werden Fledermäuse bei uns immer beliebter, sie verlieren mehr und mehr ihr negativ geprägtes Gruselimage. So kommt es auch, dass viele Leute den Fledermäusen helfen möchten, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Spontan wird zunächst daran gedacht, im Haus irgendwelche Unterkünfte zu schaffen oder Kästen anzubieten, in denen sie wohnen könnten. Doch wer das tut, dabei in seiner Erwartungshaltung grosse Ansprüche hat und glaubt, in einem Kasten oder auf einem Dachboden würden sich rasch Fledermäuse ansiedeln, der wird bald enttäuscht sein. Fledermäuse verhalten sich in dieser Beziehung nicht wie beispielsweise Meisen, die schnell ein angebotenes Quartier beziehen. Einige Fledermausarten sind diesbezüglich recht konservativ und bleiben ihren angestammten Unterkünften treu. Ausserdem scheinen Fledermäuse in unserer Landschaft nicht primär unter einer Quartiernot zu leiden.

Vielerorts könnte es gewinnbringender sein, die Ernährungsgrundlage zu sichern, indem wir unsere Gärten, äcker und öffentlichen Grünanlagen möglichst wenig mit fnsektiziden belasten. Wenn eine grosse Vielfalt einheimischer Pflanzen gepflegt wird, deren Blüten und Früchte unsere Insektenwelt ernährt, ist sehr viel für die Fledermäuse getan. Wir wissen heute, dass gerade die Schmetterlingsjäger unter ihnen sehr in ihrer Existenz bedroht sind, weil ihnen die Nahrungsgrundlage entzogen wurde. Wer deshalb beispielsweise dem Geissblatt, der Nachtkerze, dem Sommerflieder oder einer der vielen anderen für Schmetterlinge wichtigen Blütenpflanzen in seinem Garten ein Plätzchen reserviert, hilft indirekt einer bedrohten Fledermauswelt.

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