1997

Die ehemalige Brauerei im Lindenhof

Bernard Jaggi

Riehens Vergangenheit ermöglicht immer wieder Entdeckungen: Wussten Sie, dass es in unserem Dorf einst eine Brauerei gab? Auf dem Lindenhofareal gibt es noch bauliche Zeugnisse dafür.

Der Lindenhof an der Baselstrasse 11 im alten Dorfkern von Riehen ist ein Komplex aus mehreren Bauten, die vorwiegend aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammen. In diesem zum agrarisch besiedelten Dorfkern gehörigen Gebiet verbergen sich im Boden und in Teilen der Parzellenmauern bestimmt noch etliche Reste spätmittelalterlicher Besiedlungen, obgleich die Urkunden nicht weiter zurück als ins 17. Jahrhundert (1657) verweisen. Dass auf diesem Areal durch verschiedene Brandzerstörungen und nachfolgende Bautätigkeit vieles grundlegend verändert worden war, wurde bei der baugeschichtlichen Untersuchung der örtlichen Gegebenheiten offenkundig.

Auf beiden Seiten einer schmalen Parzelle, die sich relativ weit gegen die Wiesenaue hin erstreckt, gruppieren sich die unterschiedlichsten Bauten eng nebeneinander. Auf der rechten Seite liegen mehrere Häuser in einer Reihe hintereinander, zuvorderst an der Strasse das ehemalige Restaurant «Lindenhof», dessen Betrieb im Zuge der jüngsten Renovationsarbeiten endgültig eingestellt wurde. Auf der linken Seite im rückwärtigen Raum erhebt sich prägnant ein einzelner Bau: die ehemalige Brauerei.

Der Gründung des Brauereibetriebs im Jahre 1844 waren umfassende Erneuerungen sowie Grundstückszusammenlegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorausgegangen: So wurde zunächst um 1807 nach einer Brandkatastrophe - dem zukünftigen Brauereistandort gegenüber ein zweigeschossiges, von der Strassenflucht zurückgesetztes Gebäude errichtet. Jedoch erst mit dessen Erweiterung zur Strasse im Jahre 1862 entstand der heutige Restaurantflügel mit seiner charakteristischen Giebelfront.

Im Gegensatz zu diesen relativ jungen Bauphasen bewahrte der schlichte Zwischenbau unmittelbar dahinter in seinen Grundmauern doch eher ältere Strukturen. Davon zeugt insbesondere der eigenartige «Halbkeller» unter dem Haus, der über eine quer durchs massive Mauerwerk führende Kellertreppe von der Hofseite her erschlossen war.

Das Einfamilienhaus am hintersten Ende der Zeile entstand 1940. In den Jahren 1948 und 1955 fanden verschiedene Umbauten im Restaurant statt. 1995 wurden der Restaurantflügel, der Zwischenbau mit Küche und die Brauerei umfassend renoviert und zu Wohnungen umgebaut. Ein bestimmt nicht leichten Herzens gefällter Entscheid für die Eigentümer war dabei die endgültige Aufgabe des mehr als 150 Jahre alten Wirtshausbetriebs1).

Die Brauerei
Im Jahre 1844 entstand auf dem Lindenhof vis-à-vis der rechten Bebauungsreihe eine Brauerei. Die Plazierung des Gebäudes am linken Rand und im hinteren Teil der Parzelle ist Bestandteil einer umfassenden Erneuerung des 1837 zusammengelegten Grundstücks. Auf der Fläche davor befand sich eine Behausung, die 1836 einem Brand zum Opfer fiel2).

Bereits zehn Jahre später, 1854, kam das Grundstück samt Brauerei an die Gant. Im Zusammenhang mit dieser Versteigerung fanden verschiedene brauereitechnische Begriffe Erwähnung wie beispielsweise Hauptkessel, Pechkessel, Weichhütte, Bierpumpe, Krahn und Zubehör. Im Jahre 1875 musste ein neues Kesselhaus mit einem Dampfkessel eingerichtet werden.

1882 ereignete sich ein Feuerausbruch, der allerdings wenig Sachschaden verursachte.

Im Jahr 1891 entstand im Hinterhof eine Kegelbahn. 1931 wurden anstelle der vorderen Schöpfe an der Parzellenmauer vier Autoboxen eingerichtet.

Als 1911 der Bildhauer Theodor Seckinger-Schmid mit seiner Familie die Liegenschaft übernahm, mussten einige bauliche Verbesserungen und Umbauten vorgenommen werden.

Besonderheiten des Brauereihauses
Die Brauerei entstand als freistehendes Gebäude. Nur ein kürzerer Teil an der Nachbarparzelle stand in Kontakt zu einem ehemaligen Hintergebäude, was durch den versetzten, unbefensterten Fassadenabschnitt auf der Rückseite nahegelegt wird. Keller und Erdgeschoss sind massiv gemauert, das Stockwerk ist zusammen mit dem Dachstock in Fachwerk errichtet. Das Dach präsentiert sich gegen die Strasse mit einem Walm, auf der Hinterseite hingegen mit einem stehenden Giebel. Das als Industriegebäude konzipierte Haus wurde mit zwei parallelen Gewölbekellern, mit sogenannten Malzböden sowie einem Warenaufzug, der zwischen Keller und hohem Erdgeschoss vermittelte, ausgestattet.

Besonders eindrücklich sind die hohen, mehr als sechs Meter unter Terrain liegenden Gewölbekeller. Das Ende dieser beiden langen, parallel nebeneinanderliegenden Tonnenkeller befindet sich ausserhalb der Gebäudeflucht, da der ganze Kellergrundriss in der Längsachse um drei bis vier Meter gegen hinten versetzt unter dem Haus angelegt ist.

Das zwischen Gewölbekappen und hoher Erdgeschossdecke eingefügte Zwischengeschoss im hinteren Drittel des Gebäudes wurde 1874 als «Gährkeller» zusammen mit einem hölzernen Anbau an der Hinterfassade errichtet.

Obwohl die oberirdischen Geschosse im Lauf der Zeit mehrfach zu Wohn- und Gewerbezwecken umgebaut wurden, verraten allenthalben räumliche wie technische Besonderheiten die ursprüngliche Nutzung. So hat sich im Erdgeschoss strassenseitig neben dem quer durchs Gebäude stechenden Mittelgang ein grosser Lagerraum erhalten, in den der Warenaufzug aus dem Keller mündet. Die aussergewöhnliche Höhe von 4,5 Meter beschliesst eine Gewölbedecke aus Eisenschienen und speziell geformten Gewölbebacksteinen. Diese für die damalige Zeit recht fortschrittliche Konstruktion überspannt die gesamte Geschossdecke. Der Teil rechts des Mittelgangs wurde durch den Einbau des Zwischengeschosses verändert und später mit einer höhergelegenen Parterre-Wohnung, die vom hinteren Hof her zugänglich war, ausgebaut.

Das Obergeschoss war ursprünglich völlig offen, ohne jegliche Unterteilungen. Dies zeigte die nach dem bauseitigen Abbruch der Wohnungstrennwände freigelegte Tragstruktur deutlich. Auf der Plattform der Eisen/Ton-Gewölbedecke des Erdgeschosses stand ein hölzerner Skelettbau mit Längsunterzug auf zwei Stützen und querlaufenden Deckenbalken, die gleichzeitig das liegende Dachwerk darüber einbinden. Die Holzstützen der Mitteltragachse waren in allen Richtungen mit Kopfstreben verspannt. Diese haben sich jedoch nicht erhalten. Mit dem Einbau der Wohnungstrennwände wurden die zumeist hinderlichen Strebehölzer entbehrlich. Die Aussenwände dieses Stocks sind in Fachwerk errichtet, einzig die vordere Hälfte des nachbarseitigen Abschnitts ist gemauert, was auf frühere Zusammenhänge mit Nachbarbauten zurückzuführen ist.

Der Umbau der Brauerei zu Wohnzwecken ist in der Baueingabe von 1911 belegt. Während im Erdgeschoss der vordere hohe Raum mit dem Warenaufzug als neue Werkstatt eingetragen ist, sind die beiden hinteren Räume im Zwischengeschoss vorderseitig als Keller, dahinter als Nagelschmiede aufgeführt. Im Obergeschoss präsentieren sich die beiden Wohnungen beidseits des Mittelgangs, so wie sie sich beinahe unverändert bis 1995 erhalten haben. Die Wohnung des Malermeisters Karl Schmid mitsamt der integrierten Malerwerkstätte war zur Strasse hin orientiert, die hintere Wohnung belegte die Familie Seckinger1). Der Wohnungseinbau im Zwischengeschoss erfolgte erst 1930.

Nach dem Tod von Theodor Seckinger im Jahre 1927 ging der Lindenhof auf die heutige Besitzerfamilie Schanz über.

 
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