1997

Das Sammlerehepaar Ernst und Hildy Beyeler

Dominik Heitz

Aus den privaten Bildern des Galeristen ist eine einzigartige, weltweit bekannte Kunstsammlung geworden. Wer sind Ernst und Hildy Beyeler, die ihr Werk nun der öffentlichkeit zugänglich gemacht haben?

Sie erkennt in hohem Masse Sinn und Zweck der Fondation Beyeler, sonst hätte sie das grosse und grossartige Projekt nicht über die letzten Jahre hinweg mitgetragen und tatkräftig unterstützt. Doch da gab es für Hildy Beyeler auch schwierige Momente - Momente des Abschieds. «Wenn man sieht, wie die Bilder weg ins Museum gehen und die Wände im Haus plötzlich leer werden, dann tut einem das weh.» Hildy Beyeler war drei Monate vor der Eröffnung der Fondation Beyeler plötzlich bewusst geworden, wie nah, lieb und entsprechend auch lebensbestimmend ihr die Kunst geworden ist, die sich in ihrem Haus am Vierjuchartenweg in Riehen angesammelt hatte.

Jetzt hängen alle diese und weitere wertvolle Tableaus in geschmackvollen Museumsräumen: eben in der Fondation Beyeler. Sie haben den Weg vom privaten «Kabinett» hinaus in ein öffentliches Museum gefunden. Wie kam es soweit?

Es war im Jahr 1940
Die Erfolgsgeschichte reicht gut 50 Jahre zurück, und es ist die Geschichte von Ernst Beyeler. Ja es ist das Leben Ernst Beyelers, und das begann am 16. Juli 1921. Als Sohn des Bahnbeamten Fritz Beyeler und dessen Frau Luise wuchs er in Basel zusammen mit zwei Brüdern und zwei Schwestern auf, beendete seine schulische Laufbahn am Realgymnasium und absolvierte anschliessend eine kaufmännische Lehre in der Firma «Schmid AG Rohwolle und Rohseide». Es war im Jahr 1940, als er in direkten und engeren Kontakt mit der Kunst kam: Während des Krieges besuchte Beyeler sporadisch Vorlesungen in Nationalökonomie und Kunstgeschichte. Gleichzeitig arbeitete er bei Oskar Schloss. Schloss war aus Deutschland geflüchtet und von einem anderen deutschen Emigranten über die Grenze in die Schweiz gebracht worden. Bis 1945 führte Schloss im zweiten Stock der Liegenschaft Bäumleingasse 9 ein Buch- und Graphikantiquariat, dann starb er überraschend . Beyeler stand nun vor der Frage, ob er in diesem Metier weiterarbeiten wollte. Da er bereits einige Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt hatte, entschloss er sich, das Geschäft für die Erben weiterzuführen; allerdings legte er das Schwergewicht bald auf Graphik, Zeichnungen und ölbilder. «Bei Büchern braucht man Zeit», sagt er. «Man liest, bleibt hängen, und wenn Abend ist, scheint man nicht vom Fleck gekommen zu sein. Zur Kunst zog es mich stärker.»

1947 machte Beyeler eine erste Präsentation: Er überspannte die Bücherregale mit Rupfen und montierte an diesen japanische Holzschnitte und Graphiken von Toulouse-Lautrec. Es folgten weitere Expositionen mit Rembrandt- und Dürer-Graphiken sowie Schweizer Zeichnungen. Dann verkaufte er alle Bücher und Bücherregale, so dass er ab 1951 nur noch die Galerie weiterführte und seither eine ununterbrochene Ausstellungstätigkeit an den Tag gelegt hat. Gleichzeitig konnte die Galerie räumlich erweitert werden: Zu den anfänglich drei Zimmern im zweiten Stock kam die erste Etage dazu, dann das Parterre und das Soussol.

«Es drängte mich, in die Tiefe vorzustossen»
Die Galerietätigkeit war zu Beginn nicht einfach; es gab finanzielle Engpässe, und es dauerte für Ernst Beyeler geraume Zeit, bis ihm - dank korrekter und sorgfältiger Arbeit - Vertrauen entgegengebracht wurde. Doch nach und nach bekam er Objekte in Kommission und konnte über jene ihn berücksichtigende Kunden ein Beziehungsnetz aufbauen. «Die Graphik wurde ständig verkauft, mit dem Geld konnte ich ein Bild kaufen; dieses verkaufte ich wieder und konnte dafür zwei Bilder erstehen - so ging das langsam vorwärts», sagt er wie selbstverständlich. Man merkt der Aussage an, dass zwischen damals und heute eine grosse zeitliche Distanz liegt, die,vor langer Zeit Vergangenes im Vergleich zu heute beinahe als klein, nicht mehr wichtig erscheinen lässt. Das vermag auch nicht zu verwundern: Damals war noch nicht von Millionen-Käufen und -Verkäufen die Rede. «Damals», so erinnert sich Beyeler, «war es noch schwierig, einen Picasso, Klee oder Mondrian zu verkaufen; Werke dieser Künstler waren noch nicht voll anerkannt.» Und doch war es gerade diese Kunst, die Beyeler mehr und mehr faszinierte. «Ich habe eine Weile auch präkolumbianische und afrikanische Kunst gezeigt und gesammelt», sagt er. «Doch dann konzentrierte ich mich nur noch auf die klassische Moderne; es drängte mich, hier in die Tiefe vorzustossen.»

Beyeler war und ist nie ein trockener Kunsthändler gewesen, stets hat er das Ungewisse, das Neue gesucht. Das war bei der Sammlung des amerikanischen Stahlmagnaten G. David Thompson so, wo es ihm gelang, das Gros von dessen Sammlung zu erwerben; 88 der 100 Klee-Werke konnte er an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf verkaufen, Werke von Cézanne, Picasso, Matisse und anderen fanden den Weg in die Kunstmuseen von Zürich, Den Haag und ins Guggenheim-Museum von New York. Zwei Jahre später nahm er Thompsons Angebot an und kaufte auf eigenes Risiko die rund 70 Werke zählende Giacometti-Sammlung, die 1963 nach zähen Manövern zur heute öffentlichen Giacometti-Stiftung in Zürich und Basel führte.

«Wir haben viele gute Kriege gehabt»
Aber nicht nur das - Ernst Beyeler umgab sich auch zu Hause mit Kunst. Im Hause von Paul Basilius Barth, das Beyeler mit seiner Frau am Vierjuchartenweg bezog, sammelte sich über die Jahrzehnte Kunst an, von der sich das Ehepaar Beyeler nicht mehr zu trennen vermochte. «Jedes Bild hat so seine kleinere oder grössere Geschichte, in diesem Sinne bereichert mich die Sammlung», sagt Hildy Beyeler. Eine der Geschichten handelt vom Picasso-Gemälde «Femme (époque des Demoiselles dAvignon)». Ernst Beyeler wollte es verkaufen, seine Frau aber war entschieden gegen dieses Vorhaben und drohte ihm ernsthaft mit einem gepackten Koffer als Druckmittel: «Wenn du das Bild verkaufst, gehe ich.» Heute sei es sein Lieblingsbild, sagt sie. Seit 49 Jahren sind Ernst und Hildy Beyeler verheiratet - eine lange und aufregende Zeit: «Wir haben viele Kriege gehabt», sagt Hildy Beyeler ironisch, «viele gute Kriege.»

Ernst Beyeler lächelt; er gibt sich weniger emotional. Aber die Sammlung liegt auch ihm so sehr am Herzen, dass er verlockende Museumsangebote aus dem Ausland ablehnte. «Es hat sich deshalb aufgedrängt, ein eigenes Museum in der Nähe zu haben, weil man die Bilder nicht gern aus den Augen verliert», sagt er. Dass das Museum, die Fondation Beyeler, nun in Riehen entstanden ist, freut ihn besonders. Dabei zeigt er sich auch froh über Riehens Volksabstimmung zum Bau des Museums. Sie hat ihn überhaupt nicht geärgert - im Gegenteil: «Die Abstimmung war mir recht, weil mit dem Resultat deutlich wurde, dass für das Vorhaben in der baselstädtischen Landge meinde eine grosse Akzeptanz vorhanden ist. Ich habe aus Riehen nur positive Reaktionen bekommen.» Weniger positiv waren die zeitlichen Bauverzögerungen von mehr als einem Jahr, doch auch das nimmt Beyeler gelassen hin. Er liebt es, zu diskutieren, neue Ideen zu entwerfen und einmal Beschlossenes - der Qualität willen - wieder in Frage zu stellen. «Der ganze Museumsbau - das sind alles Romane gewesen», sagt er, «das Glasdach, der Porphyrstein ...» Heute ist er sehr zufrieden über die geglückte Einbettung des Museums in die gefällige Landschaft, die noch landwirtschaftlich genutzt wird. Und eine kleine, kuriose Episode kommt ihm in den Sinn: «Letzthin kam ein australischer Museumsdirektor, der sagte: Das ist ja das einzige Museum mit Kühen.»

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