1997

Daniel Giger - ein Riehener will auf den Olymp

Rolf Spriessler

Daniel Giger stand 1997 bereits als Bob-Weltmeister fest, als ihm der Titel wieder aberkannt wurde. 1998 will er nun seine Chance an den Olympischen Spielen in Nagano wahrnehmen.

Sonntag, 2. Februar 1997: Die Schweizer Bobwelt jubelt. Tausende von Zuschauern feiern in St. Moritz ihre Helden. Die drei Schweizer Teams von Reto Götschi, Christian Reich und Marcel Rohner haben nach Abschluss der Viererbob-Konkurrenz soeben das Siegerpodest bestiegen. Beim Sieger von Reto Götschi ist mit Daniel Giger auch ein Riehener mit dabei.

Es wäre der wohl grösste internationale Erfolg eines Riehener Sportlers überhaupt gewesen, wenn ... - ja, wenn nicht noch gleichentags bekannt geworden wäre, die Materialprüfungskommission habe die Disqualifikation aller drei Schweizer Schlitten beantragt und die Rennjury habe dem Antrag stattgegeben.

Der grösste Bob-Skandal aller Zeiten
Anlässlich des Weltcupfinals wurde die Disqualifikation der Schweizer Viererbobs bestätigt und der Deutsche Wolfgang Hoppe nachträglich zum Weltmeister erklärt. Der grösste Bob-Skandal aller Zeiten war perfekt. Die Schweizer hatten Achsen verwendet, die nicht dem Reglement entsprochen haben sollen - ein fragwürdiger Entscheid, wenn man bedenkt, dass die Bobs vor dem Wettkampf geprüft und für gut befunden worden waren und dass nach dem Rennen nur gerade die drei Schweizer Bobs, nicht aber diejenigen der jetzigen Medaillengewinner nochmals kontrolliert wurden.

Es begann am Turnfest in Muttenz...
Doch blicken wir zurück. Es ist Juni 1994, bei wunderschönem Wetter geht in Muttenz das Kantonalturnfest beider Basel über die Bühne. Unter der Regie des Baselbieter Bob-Nationaltrainers Rico Freiermuth findet im Rahmen der Plauschwettkämpfe auch ein Wettbewerb im Bobanschieben statt. Daniel Giger gewinnt sowohl die Einzelwertung als auch - zusammen mit drei Vereinskollegen vom TV Riehen - die Mannschaftswertung und bekommt eine Einladung zu einem nationalen Testwettkampf der Bobbremser - also jener Leute, die hinter dem Piloten sitzen und dafür sorgen, dass die Startzeiten möglichst schnell sind. Und tatsächlich schafft der 1965 geborene Daniel Giger den Sprung in das Bob-Team von Dominik Scherrer, mit dem er die Saisons 1994/95 und 1995/96 bestreitet. An den Europameisterschaften 1995 schaut im Viererbob ein ansprechender 8. Platz heraus.

Nach zwei Saisons bei einem eher durchschnittlichen Piloten wollte Daniel Giger mehr. Er schaute sich um und landete den ganz grossen Coup: Er stiess zum Team des aufstrebenden Spitzenpiloten Reto Götschi aus Hausen am Albis, bei dem mit dem Ormalinger Beat Seitz (als Sprinter des TV Rothenfluh ein gern gesehener Gast an den Leichtathletik-Meetings des TV Riehen auf der Grendelmatte) und dem Aargauer Guido Acklin bereits zwei Athleten aus der Region dabei waren. Das Team holte sich Anfang 1997 im Viererbob sowohl den Schweizermeistertitel als auch den Europameistertitel. Dazu kamen zwei Weltcup-Siege, nämlich in Königssee (im Rahmen der Europameisterschaften) und beim Finale in Nagano.

Der olympische Traum
Und da wäre es, das «Zauberwort» dieses Winters für Daniel Giger: Nagano. Diese japanische Stadt ist im Februar 1998 Gastgeber der Olympischen Winterspiele. Und die sind das ganz grosse Ziel des Rieheners. Die Qualifikation dafür wird allerdings nicht einfach sein. Im Zweier- und im Viererbob können jeweils nur zwei Schweizer Teams starten - und mit Reto Götschi, Christian Reich und Marcel Rohner verfügt die Schweiz über drei WeltklasseTeams, die alle für eine Olympiamedaille gut wären. Die Entscheidung über die Selektionen fällt in den Weltcuprennen und an der Schweizermeisterschaft.

Nach drei Saisons im Viererbob liebäugelt Daniel Giger diesen Winter auch mit dem Zweierbob. Keine Ambitionen hegt der Bankangestellte, der sich zum Organisator weitergebildet hat und zum Projektleiter avancierte, als Pilot. «Um damit noch zu beginnen, bin ich zu alt», sagt er.

Bevor er zum Bobsport kam, hatte Daniel Giger schon beachtliche Erfolge als Leichtathlet beim TV Riehen. Als Kugelstösser war er Kantonalmeister beider Basel, an den Schweizer Leichtathletikmeisterschaften 1996 belegte er den hervorragenden 6. Platz.

Aller Anfang ist schwer...
Dabei war sein Debüt als Leichtathlet im zarten Alter von sechs Jahren gar nicht so vielversprechend gewesen. Damals mit Abstand der Jüngste, wurde er von den anderen Kindern gehänselt. Bei seinem zweiten Training in der Turnhalle Wasserstelzen lief der Dreikäsehoch kurzerhand davon und stapfte ganz allein durch halb Riehen nach Hause zurück - die Familie wohnte damals in der Nähe des Gemeindespitals. Schliesslich fand er den Anschluss zu seinen Vereinskollegen doch, half seinem Vater Karl Giger, der seinerzeit die Jugendriege des Turnvereins unter sich hatte, als Leiter und hatte als NachwuchsLeichtathlet bis ins Juniorenalter ansprechende Erfolge. An den Junioren-Schweizermeisterschaften gewann er eine Bronzemedaille.

Dann folgte eine fünfjährige Pause. «Ich habe in jener Zeit so ziemlich alles getan, was man als Sportler nicht tun sollte», erzählt er. Doch irgendwie habe er dann den Rank doch noch gefunden, als er sich als 25jähriger gesagt habe, so könne es nicht mehr weiter gehen, und zum TV Riehen zurückgekehrt sei. Von diesem Moment an hat er mit ungeheurem Trainingseifer und viel Disziplin eine erstaunliche sportliche Entwicklung durchgemacht.

Daniel Giger zieht Bilanz: «Sport ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Er hat mir viel gegeben, auch in meiner persönlichen Entwicklung. Ich habe gelernt, Schwierigkeiten zu meistern, und ich bin selbstsicherer geworden.» Er ist auch sensibel geblieben, denn im Medienrummel und im Kreise jener, die nur in erfolgreichen Zeiten jubelnd mit dabei sind, fühlt er sich sichtlich nicht wohl. «Starallüren» hat er wahrlich keine. Das hat sich auch jüngst am Dorffest vom September 1997 wieder gezeigt, wo er am Stand des TV Riehen eine Bobanschiebebahn betrieb. Wohl die wenigsten der zahlreichen Gäste, die sich ihre Zeit messen Hessen, haben mitbekommen, dass sie von einem Europameister und Olympia-Anwärter bedient worden waren...

Nun steht Daniel Giger vor seiner grössten Bewährungsprobe. Mit Reto Götschi hat er einen Teamchef, der nichts dem Zufall überlässt. Erstmals hat Götschi für einen gemeinsamen Aufbauplan gesorgt. Die Trainingspläne stammen von einem Ostdeutschen Spezialisten für den Schnellkraftbereich, der in Leipzig Sportwissenschaft studiert hat. Bereits im Sommer hat sich Daniel Giger voll auf die Bob-Vorbereitung konzentriert und eine sehr laue Leichtathletik-Saison in Kauf genommen. Im Kugelstossen blieb er um rund eineinhalb Meter unter seinen Vorjahresresultaten. Dennoch reichte es auch in diesem Jahr an den Schweizermeisterschaften, die diesmal in Basel stattgefunden haben, im Kugelstossen auf den guten 8. Schlussrang.

Trockenübungen in Sihlbrugg
In Sihlbrugg hat das Team Götschi, um das sich ein engagierter Fanclub gebildet hat, die ersten Meter der Startbahn von Nagano nachgebaut. Dort lässt sich nun auch ohne Schnee das Anschieben und Einsteigen mit den genau richtigen Neigungsverhältnissen üben. Das ist Bobsport live, denn diese Sportart hat schon immer von den Tüftlern und «Spinnern» gelebt.

Neu zum Team gestossen ist der Dübendorfer Jürg Schaufelberger. Damit soll die Belastung mit sechs Weltcuprennen plus Schweizermeisterschaft innerhalb von nur drei Monaten auf mehr Schultern verteilt werden, was den Athleten die nötigen Ruhepausen verschafft und auch bei eventuellen Verletzungen Handlungsspielraum erlaubt.

Zu Daniel Gigers Lieblingsbeschäftigungen zählt das Velofahren. überhaupt hält er sich sehr gerne draussen auf, sei es nun zum Training, auf einem Spaziergang im Wald oder im Garten seiner Eltern. Und ausserdem hebt er es zu kochen - vor allem Desserts. Und mit seiner Mitgliedschaft bei der Bezirksfeuerwehr setzt er eine Familientradition fort, ist doch sein Vater erst vor kurzem als Feldweibel abgetreten. Als Bezirksfeuerwehrmann versteht er sich auf den präzisen Einsatz im richtigen Moment und sicher nicht zuletzt auch aufs Festen. Für Nagano wären das bereits zwei vielversprechende Voraussetzungen ...

^ nach oben