1997

Besuch in Siebenbürgen: Die Pfingstwallfahrt von Schomlenberg

Gerhard Kaufmann

Mit 300 000 Pilgern ungarischer Muttersprache ein Grossereignis, ist die traditionsreiche Wallfahrt für Riehens rumänische Partnerstadt Csikszereda ein alljährlicher Höhepunkt.

Am Pfingstwochenende 1997 weilte eine Delegation des Gemeinderates Riehen auf Einladung von Bürgermeister Dr. Cedö Caban Istvan in Riehens siebenbürgischer Partnerstadt Csikszereda1). Anlass der Einladung war die Pfingstwallfahrt von Csiksomlyo (deutsch: Schomlenberg). Csiksomlyo ist etwa zwei Kilometer vom Stadtzentrum Csikszeredas entfernt. Die in einer lieblichen Gegend eingebettete, von einer doppeltürmigen Barockkirche dominierte Siedlung ist heute Teil von Csikszereda, Hauptort des Kreises Harghita.

Etwas siebenbürgische Geschichte
Siebenbürgen, flächenmässig etwa doppelt so gross wie die Schweiz, ist seit 1919 Teil Rumäniens. Das Schicksal, über Jahrhunderte hinweg Grenzregion zum osmanischen Reich zu sein, haben dem zwischen der ungarischen Tiefebene und dem Karpatenbogen gelegenen Land eine bewegte Geschichte und eine verschiedenen Ethnien entstammende Bevölkerung beschert: Ungarn, Szekler (ein ungarisch sprechendes Grenzvolk türkischer Abstammung2)), Rumänen, deutschsprachige Siebenbürgersachsen sowie zum Teil sesshaft gewordene Roma.

Die Sprachen- und Völkervielfalt findet ihre Entsprechung in einem bunten konfessionellen Gemisch: Präsent im Gebiet des historischen Siebenbürgens sind die römisch-katholische und die griechisch-orthodoxe Kirche, letztere weitgehend identisch mit dem rumänischen Volksteil. Die protestantischen Glaubensbekenntnisse finden sich sowohl in der lutheranischen wie auch in der kalvinistischen Ausprägung.

Diese ethnische und konfessionelle Vielfalt blieb nicht ohne Spannungen, sie hat die Geschichte Siebenbürgens nachhaltig geprägt.

Siebenbürgen - Land der Toleranz
Wie das übrige Europa ist auch Siebenbürgen von mitunter mit Schwert und Scheiterhaufen ausgetragenen konfessionellen Auseinandersetzungen nicht verschont geblieben. Dennoch gilt Siebenbürgen als Land der Toleranz. Dazu beigetragen hat die Grenzlage und der über Jahrhunderte andauernde Kampf gegen den gemeinsamen äusseren Feind. Vereint galt es, die aus der ungarischen Tiefebene hervorbrechenden oder über die Karpatenpässe drängenden Osmanen abzuwehren. Begünstigt durch das Erlebnis des gemeinsamen Abwehrkampfes ist im Laufe der Jahrhunderte die Einsicht gewachsen, dass ein erträgliches Zusammenleben so unterschiedlicher Mentalitäten und Kulturen nur auf dem Boden gegenseitig geübter Toleranz möglich sei. Diese gelebte Toleranz kommt sehr schön zum Ausdruck in einer Volkshymne der Siebenbürger Sachsen, die mit den Worten beginnt: «Siebenbürgen, Land der Duldung jedes Glaubens sichrer Hort, Mögst du bis zu fernen Tagen als ein Hort der Freiheit ragen und als Wehr dem treuen Wort.»

Von der jeweiligen Obrigkeit ist diese Entwicklung zumindest nicht behindert worden, auch wenn es nicht an Versuchen gefehlt hat, eine Volksgruppe gegen die andere auszuspielen. Um die das Reich abschirmenden Untertanen bei der Stange zu halten, namentlich aber um die Zuwanderung aus dem deutschsprachigen Raum zu för dem, war man im fernen Budapest und im noch ferneren Wien, entgegen den üblichen Gepflogenheiten, gerne bereit, der «Grenzwache im Karpatenbogen» gewisse Freiheiten zu lassen; Freiheiten, die im übrigen Reich nicht gewährt wurden. Dies gilt nicht nur in konfessioneller, sondern auch in wirtschaftlicher, fiskalischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Das 1781 von Joseph II erlassene Toleranzpatent festigte de jure das, was in Siebenbürgen schon seit Jahrhunderten praktiziert wurde. Da sich das beschriebene Toleranzbewusstsein in der Geschichte Siebenbürgens schon sehr früh herausgebildet hat, war auch der Gegenreformation in dieser Wien-fernen Provinz kein durchschlagender Erfolg beschieden.

Die einer wechselvollen Geschichte entspringende konfessionelle Vielfalt findet in unserer Partnerstadt Csikszereda durch zahlreiche Kirchenbauten ihren sichtbaren Ausdruck: Neben der Wallfahrtskirche von Csiksomlyo stehen in der Stadt selbst eine weitere römisch-katholische Kirche, je ein griechisch-orthodoxes und ein griechischkatholisches Gotteshaus sowie ein reformierter Predigtsaal. Eine zweite reformierte Kirche für die rasch wach sende Gemeinde ist im Bau. Bemerkenswerterweise ist dieser Kirchenbau einer der ersten Neubauten in der Stadt nach der 1989 erfolgten Wende.

Übrigens ist am Ende des ersten Weltkrieges laut darüber nachgedacht worden, Siebenbürgen nach schweizerischem Vorbild und entsprechend seiner konfessionellen und ethnischen Struktur zu «kantonalisieren» und zu einem selbständigen Staat zusammenzufügen. Zweifellos wäre ein solcher lebensfähig gewesen und hätte, unter der Voraussetzung des inneren Zusammenhaltes, zu einem Instrument der Stabilität in Südosteuropa werden können. Für eine Verselbständigung Siebenbürgens war es 1919 allerdings zu spät. Das Königreich Rumänien war nicht bereit, sich um die Früchte seines von den EntenteMächten forcierten Kriegseintritts bringen zu lassen.

Die Pfingstwallfahrt von Schomlenberg
Wie dargelegt, hat auch in Siebenbürgen die Verbreitung des neuen Glaubens nicht immer einen friedlichen Verlauf genommen. So hat sich 1567 die szeklerische Bevölkerung der Gebiete Csik, Gyergyo und Kaszon zur Verteidigung des angestammten Glaubens gegen den reformierten ungarischen Adel erhoben und diesem am Pfingstsamstag desselben Jahres auf dem Schomlenberg, nahe Csikszereda, eine erfolgreiche Schlacht geliefert. Diesem Ereignis wird seit nunmehr 430 Jahren jährlich in einer eindrucksvollen Prozession gedacht.

Für unsere Partnerstadt Csikszereda ist die Pfingstwallfahrt, deren Bedeutung weit über den religiösen Gehalt hinausgeht, das herausragende Ereignis des Jahres.

Die Teilnehmer an der Pfingstwallfahrt sind ungarischsprachige Menschen katholischen Glaubens aus dem heutigen Rumänien, verstärkt durch Pilgergruppen aus Ungarn und der ungarischen Diaspora ausserhalb Rumäniens. Distanzen von über 60 Kilometer zurücklegend, streben die Pilger, oft in mehreren Tagesetappen, vielfach zu Fuss oder auf Pferdewagen, aber auch mit der Bahn und mit Bussen, dem Wallfahrtsort zu. Für nicht wenige, so zum Beispiel für die in der Moldau wohnenden Csango (nach Alt-Rumänien ausgewanderte Ungarn) gilt es dabei, auf der mehrtägigen Pilgerwanderung einen der Karpatenpässe zu bewältigen. Schliesslich strömten am diesjährigen Pfingstsamstagmorgen über 300000 Menschen (das Sechsfache des Fassungsvermögens unseres Fussballstadions St. Jakob) auf einer ob Csiksomlyo gelegenen Naturarena zusammen, alle mit Blick auf einen gewaltigen, im Freien aufgebauten Altarraum. Der sich über Stunden hinziehende Aufmarsch der vom jeweiligen Ortsgeistlichen eskortierten Pilgerzüge ist von beein-, druckender Vielfalt. Akustisch untermalt wird der Einzug der in einzelne Dorfgemeinschaften gegliederten Scharen durch die von den Pilgern gesprochenen Rosenkranzgebete, Schellen und dem Spiel einzelner Blasmusikformationen. Mitgetragene Heiligenbilder, Kreuze, Fahnen und frisch belaubte Buchenzweige in unübersehbarer Zahl prägen das Bild. Die vorwiegend aus dem ländlichen Raum stammenden Pilgerinnen und Pilger tragen auch heute noch die farbenfrohe Tracht ihrer Region oder die Insignien ihres Berufsstandes, so zum Beispiel die aus den Bergbaugegenden stammenden Knappen ihre Bergmannstracht. Der Bedeutung des Anlasses entsprechend wird die Messe von einem hohen geistlichen Würdenträger aus Ungarn zelebriert, dieses Jahr von Kardinal Dr. Laszlo Paskei, Bischof von Esztergom-Budapest, andere Jahre auch schon vom Erzbischof der Diözese Gran, Primas von Ungarn. überflüssig zu erwähnen, dass 1950-1989, das heisst zur Zeit des kommunistischen Regimes, die Pfingstwallfahrt von Csiksomlyo verboten war.

Grossanlässe dieser Art pflegen in Mitteleuropa mit einer organisatorischen Generalstabsarbeit und entsprechendem Mittel- und Personaleinsatz einherzugehen. Nicht so in Csikszereda: ein paar wenige Verkehrspolizisten auf den zur Pilgerstätte führenden Strassen, drei bereitgestellte Ambulanzen, um allfällige Hitzeopfer abzutransportieren, Hessen erkennen, dass die Bewohner eines ganzen Landesteils gleichzeitig einem gemeinsamen Ziel zustrebten. Die gesamte Veranstaltung lief denn auch äusserst diszipliniert und wie von einer unsichtbaren Regie gesteuert ab. Etwas Unruhe und Bewegung in die Massen brachte dann das just nach Abschluss der Messe mit Blitz, Donner, Sturmböen und Hagel losbrechende Unwetter.

Die religiöse Bedeutung der Pfingstwallfahrt
Die Pfingstwallfahrt von Csiksomlyo ist zunächst einmal Ausdruck echter und tief empfundener Volksfrömmigkeit. Als Mitteleuropäer ist man versucht zu sagen: «Hier ist die (katholische) Welt noch in Ordnung.»

Durch eine Gewährsperson bin ich über die religiöse Bedeutung dieses Anlasses wie folgt aufgeklärt worden: «Die Wallfahrt hat zwei Aspekte, einen geschichtlichen und einen geistlichen. Der geistliche Aspekt besteht wiederum aus zwei Aspekten: die marianische Frömmigkeit des Volkes und der Ablass (im theologischen Sinne des Wortes), das bedeutet: wenn der Gläubige von zu Hause losgeht und eine lange Strecke, möglichst zu Fuss, zurücklegt, tut er das, um sich an das Vergangene zu erinnern und auf Grund des Vergangenen in der Gegenwart den Glauben und die Tradition der Vorgänger treu zu bewahren (geschichtlicher Aspekt), Maria, die Gottesmutter, zu verehren, die auch den Vorfahren in ihrem Kampf für den rechten Glauben durch ihre Fürsprache geholfen hat (marianische Frömmigkeit). Nicht zuletzt hofft und glaubt der Pilger, dass er durch Gebete, durch die Beichte (innere Bekehrung), durch die heilige Messe und durch körperliche Inanspruchnahme (Selbsthingabe der persönlichen Existenz) seine Sünden und deren Folgen, das heisst ihre zeitliche Strafe, von Gott nachgelassen werden.»

Soweit die religiöse Würdigung der Pfingstwallfahrt. Für eine Volkskundlerin müsste es verlockend sein, auch den fol kloristisch-ethnologischen Aspekt dieses Anlasses zu beleuchten.

Die politische Dimension der Pfingstwallfahrt
In offiziellen Verlautbarungen unausgesprochen, aber um so spürbarer, bildet das jährliche Zusammenströmen von 300 000 Menschen ungarischer Muttersprache eine gewaltige Demonstration für das sich als Minderheit im rumänischen Staat behauptende Ungarentum.

Das Kollektiverlebnis, «wir sind eine gewaltige Heerschar, wenn wir uns zu gemeinsamem Tun zusammenfinden», hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Lebensgefühl dieser um politische Anerkennung kämpfenden und meist nicht mit irdischen Gütern gesegneten Menschen.

Nicht so leicht einzuordnen ist die Bedeutung der Teilnahme des Hauses Habsburg an der diesjährigen Pfingstwallfahrt. Als Ehrengäste durchschritten Angehörige der Familie Otto von Habsburgs1) zusammen mit der hohen Geistlichkeit das Spalier der sich für die Messe bereithaltenden Pilgerscharen. Ob in dieser Huldigung wohl eine rückwärts gerichtete Sehnsucht mitschwingt nach der k.u.k. Doppelmonarchie, in deren Staatsverband Siebenbürgen bis 1918 recht gut aufgehoben war?

Klar ist hingegen das Folgende: ein Volk, das sich derart seiner Kultur und seiner geschichtlichen Wurzeln bewusst ist, wie eben das ungarisch-szeklerische, hat auch als Minderheit gute Chancen, sich zu behaupten und der um sich greifenden kulturellen Nivellierung zu widerstehen.

 




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