1997

Autoren in Riehen Valentin Herzog

Dominik Heitz

Viele in Riehen kennen Valentin Herzog: als Lehrer am Gymnasium Bäumlihof, von der Arena-Literatur-Initiative, deren Mitbegründer er ist, durch seine Bücher und Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften.

1985 war es Urs Widmer, 1986 folgte als zweiter Alain Claude Sulzer, dann kamen 1987 Rosmarie Tscheer und 1988 Rolf Hochhuth, zwei Jahre darauf folgte Hermann Kesten und 1991 René Regenass: Eine Autorin und fünf Autoren in oder aus Riehen hat er bisher im Riehener Jahrbuch vorgestellt. Jetzt ist er selber an der Reihe: Valentin Herzog.

Soeben hat er zusammen mit seiner Frau Sylvia Herzog-Cherbuin die gemeinsamen Tagebücher «Nichts von dem, was uns begegnet, haben wir je gesehen...» (mit Aquarellen von Sylvia Herzog) im Basler Janus-Verlag herausgebracht. Und schon sitzt ein weiteres Projekt in seinem Hinterkopf fest: «Marokko - eine Zeitreise». Ein grosser Essay soll es werden über mittelalterliche wie antike Lebensformen und Produktionsweisen, denen man in jenem nordafrikanischen Land auf Schritt und Tritt begegnet.

Seit seinem beachtlichen Erfolg mit dem reportagemässigen und auch als Reiseführer nutzbaren Buch über die Etrusker hat die literarische Arbeit in grösserem Stil den am Gymnasium Bäumlihof Deutsch und Geschichte Lehrenden nicht mehr losgelassen. «Zu den Etruskern unterwegs» hiess jener 1986 erschienene «individuelle Reisebegleiter». Er entstand als Resultat einer für Herzog überraschenden Begegnung mit der etruskischen Kultur. Herzog erinnert sich: «Immer schon war ich von den Etruskern fasziniert. Bis Anfang der achtziger Jahre hatte ich geglaubt, es gäbe diese Welt nur in Museen. Als ich aber mit Freunden eine Reise nach Umbrien und Latium machte, sah ich die grossartigen Grabstädte, die unterirdischen Heiligtümer, die Tempelreste dieser Kultur plötzlich in Stein, Erde und Ton vor mir.» Als Herzog 1982 jene Reise unternahm, konnte er sich nur auf sehr wenig Literatur über die Etrusker abstützen; bloss ein einziger brauchbarer Reiseführer geriet ihm in die Hände, und auch der war schon ein wenig veraltet. So publizierte er im Anschluss an diese Reise mehrere grosse Artikel in verschiedenen Zeitungen. Doch das umfangreiche Material rief nach einer grösseren Arbeit. Also ging er zum Basler GS-Verlag und konnte seinen knapp gefassten und doch anregend zu lesenden Reiseführer erfolgreich im GS-Verlags-Programm plazieren: Seit einigen Jahren ist «Zu den Etruskern unterwegs» vergriffen.

«Reisen und Schreiben gehören für mich immer zusammen »
Valentin Herzog reist, wenn es ihm die Zeit erlaubt, gerne und viel. Ob dieser Drang in seiner Kindheit begründet liegt, sei dahingestellt. Jedenfalls waren seine Kinder- und Jugendjahre nicht geprägt von einem ausgesprochen idealen Familienleben, sondern getrübt durch den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen. Am 6. September 1941 kam Valentin Herzog in Erfurt zur Welt. Dann lebte er mit einem Kindermädchen zuerst in Berlin, später bis 1946 im Allgäu, während seine Mutter Johanna HerzogDürck in Berlin blieb und der Vater Edgar an verschiedenen Frontabschnitten Kriegsdienst zu leisten hatte. Erst Ende 1946 fand die Familie in München wieder zusammen. Doch echte Geborgenheit sollte Valentin Herzog auch dann nur in seltenen, glücklichen Momenten kennenlernen. Seine Eltern verwandten alle Kraft und Zeit darauf, in München eine neue Existenz zu gründen, beteiligten sich am Aufbau des Instituts für Psychotherapie, schrieben Bücher und erneuerten ihre psychotherapeutischen Praxen. Ihr Sohn, damals noch keine zehn Jahre alt, konnte den wissenschaftlichen Gesprächen seiner Eltern nicht folgen und fühlte sich solchermassen als Einzelkind häufig ausgeschlossen. Bis 1959 besuchte er die üblichen Schulen, dann bereiste er nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium Griechenland, Israel und Italien, studierte Geschichte, Germanistik, Italienisch und Zei tungswissenschaft in München, Hamburg sowie Basel und promovierte hier 1969 mit einer Dissertation über Conrad Ferdinand Meyer. Zu jener Zeit war er bereits vier Jahre mit Sylvia Cherbuin verheiratet und lebte in der Rolle des Familienvaters für seine zwei, später drei Söhne Samuel, David und Benjamin. «Zehn Jahre lang haben wir damals keine grössere Reise unternehmen können», sagt Herzog.

Erst 1976 kam er durch seine Arbeit am Gymnasium Bäumlihof wieder zum Reisen. Es war eine Maturreise, sie führte nach Sizilien und weckte in ihm die Lust zu zeichnen und zu schreiben. «Ich konnte damals für die National-Zeitung in der <NZ am Wochenende> eine Doppelseite über Sizilien publizieren. Seither gehören für mich Reisen und Schreiben immer zusammen.»

Stets hat Valentin Herzog auf Reisen ein Skizzenbuch bei sich, in dem er Bilder, Eindrücke und Erlebnisse schriftlich und zeichnerisch festhält. Mittlerweile haben sich zwanzig solcher Reisetagebücher angesammelt «Material», das die literarischen Arbeiten Herzogs formal und inhaltlich beeinflusst. Auch sein äusserst lesenswertes Werk «Bastarde der Wölfin - Lebenszeichen aus Rom» trägt tagebuchartige Züge. Fast ein halbes Jahr verbrachte er mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn Benjamin in Rom, der geschichtsträchtigen Metropole. Zwei weitere Jahre beschäftigte ihn dann die «Rom»-Arbeit; viel Literatur las er über diese Stadt. So entstand ein 400 Seiten starkes Buch, in dem der Leser zum einen erfährt, wie die Herzogs in Rom gelebt haben. «Zum anderen sind immer wieder Kapitel eingeschaltet mit dem Versuch, Realitäten des antiken Roms darzustellen, die auch dem durchschnittlich gebildeten Leser nicht unbedingt geläufig sind», sagt Herzog. So lesen wir etwa über Vor- und Nachteile der Sklaverei, werden in das Liebesleben der Römer eingeführt und erfahren manches über Ess- und andere Lebensgewohnheiten.

Und dann der literarische Zirkel in Riehen
So reich Valentin Herzogs Sprache, so schlicht erscheint sein Arbeitszimmer in seinem Hause an der Morystrasse 96. Bücher und ein paar etruskische Objekte stehen in Regalen, auf zwei kleinen Ablagen liegen Tabakspfeifen und auf dem Pult steht ein Computer mit Drucker. Sonst aber wirkt der Raum nüchtern. Doch wenn man die Bücher und Ringordner öffnet, tun sich Welten auf.

Eine Welt - und für Herzog eine wesentliche - ist die «Arena-Literatur-Initiative Riehen». Anstoss dazu gab der Verkehrsverein Riehen (VVR); er gelangte an Herzog mit der Frage, ob im literarischen Bereich in Riehen nicht etwas zu machen sei. Bewusst wurde die Frage an Herzog herangetragen, denn er war damals in den siebziger Jahren für die National-Zeitung und spätere Basler Zeitung der ständige Berichterstatter über literarische Veranstaltungen im Räume Basel.

Die Anfrage des VVR trug Früchte: 1978 gründeten Paul Müller, damaliger VVR-Präsident, und Lukrezia Seiler-Spiess, damalige Redaktorin des Riehener Jahrbuchs, zusammen mit Beatrice Coerper und Valentin Herzog als Vorsitzendem die «Arena-Literatur-Initiative Riehen». Seit fast zwanzig Jahren besteht der literarische Zirkel nun schon, und rund 200 Autorinnen und Autoren haben in dieser Zeit in Riehen gelesen. Manchmal kamen viele Zuhörer - bei Luise Rinser waren es 1200 -, manchmal wenige, im schlimmsten Falle zwanzig. Es lasen inter national bekannte Schriftsteller wie Eric Ambler, Cees Nooteboom oder Inger Cristensen, es traten über die nationalen Grenzen beachtete Schweizer Autoren wie Christoph Geiser, Urs Widmer und Martin R. Dean auf, und es wurde ganz jungen Riehenern wie Samuel Herzog oder Albert E. Debrunner eine Chance gegeben, ihre ersten literarischen Versuche der öffentlichkeit vorzulegen.

Neun bis zehn Lesungen fanden pro Jahr statt, darunter auch Rezitationen und musikalisch-literarische Veranstaltungen. Die «Arena-Literatur-Initiative» hat auch eigentliche Werkaufträge vergeben, die vor knapp zehn Jahren im Band «Texte in der Arena» zusammengefasst und publiziert worden sind. Mehrfach hat Valentin Herzog für diese Publikation selber zur Feder gegriffen, wobei insbesondere sein Nachwort lesenswert ist, weil es die Geschichte der «Arena-Literatur-Initiative» aufrollt und ein bemerkenswertes Bild von Riehen vermittelt, wie es vielleicht nur ein Neuzuzüger mit hoher literarischer Begabung so prägnant beschreiben kann.

All das spornt Valentin Herzog immer wieder an, weiterhin selber schriftstellerisch tätig zu sein. Seit zwei Jahren hat er ein Romanmanuskript in der Schublade liegen, «das aber nochmals sehr gründlich überarbeitet werden muss», sagt er; näher will er sich dazu nicht äussern. Und Gedichte? «Ich schreibe sehr wenig Gedichte; ich bin dieser Form gegenüber sehr misstrauisch.» Was Herzog hingegen mag, sind Kurzgeschichten - «es ist eine Form, die ich zeitlich in den Griff kriege».



Der Wegelagerer von Valentin Herzog

Nach einer Nacht in der Wüste fahren wir vom Erg Chebbi, dem Sandberg, zur Oase von Rissani. Die Piste führt westwärts übers flache Reg, manchmal teilt sie sich, manchmal laufen verschiedene Stränge zusammen; das kann verwirrend sein, aber verfahren sollte man sich nicht in dieser Einöde aus hellem Sand und schwärzlichem Geröll, wenn man die allgemeine Richtung von Zeit zu Zeit mit dem Kompass überprüft.

Noch bevor die ersten Palmen von Rissani am Horizont auftauchen, ist ein Oued zu überqueren, eines dieser Flussbetten, wie sie überall die Wüste durchziehen. Alle paar Jahre wälzen sie einmal für wenige Stunden ungeheure Wassermassen, den Rest der Zeit bilden sie mit ihren Steilrändern, ihrem Geschiebe, ihren Sandlöchern einfach ein Geländehindernis.

Kurz vor dem Oued ist uns eine einsame, fensterlose Hütte aufgefallen, an deren Mauer ein rotes Motorrad lehnt. Also muss es hier irgendwo einen Menschen geben. Sucht er nach Versteinerungen? Gräbt er einen Brunnen? Hofft er, den wenigen Reisenden, die hier vorbeikommen, irgend etwas zu verkaufen?

Wir stehen also am Rand des Oued, blicken nachdenklich in das gut hundert Meter breite, von tief zerfurchten Geröllmassen angefüllte Flussbett. Einst gab es hier eine betonierte Furt, aber ein Unwetter hat nur noch ein Gewirr von aufgeworfenen oder zerbrochenen Betonplatten übriggelassen. Der Weg teilt sich hier: Die eine Piste verliert sich flussabwärts zwischen Felsen und Tamarisken, die andere führt steil nach unten und dann neben den Trümmern der Furt durchs Flussbett; sie scheint zwar ziemlich sandig, müsste aber doch passierbar sein. Also nehmen wir Anlauf, rumpeln hinein in die weiche Masse, werden hin und her geschleudert, rollen und schlingern aber immer noch vorwärts, wirbeln fürchterliche Sandwolken hoch, dann schlägt der Wagenboden auf, die Räder beginnen durchzudrehen, wir sitzen fest. Ziemlich genau in der Mitte des Flussbetts.

Der Klappspaten ist schnell zur Hand. Lächerlich klein wirkt er angesichts dieser Sandmassen. Doch bleibt keine Wahl: Ich werde wohl - bei glühender Mittagshitze - ein paar Stunden schaufeln müssen. Hoffentlich schaffen wir's vor Einbruch der Dämmerung! Mit Hilfe von aussen ist hier kaum zu rechnen.

Oder doch? S. deutet hinauf zu dem Hügel, wo wir jene Hütte gesehen haben. Dort zeichnet sich eine Gestalt gegen den Himmel ab. Wie sie mit bedächtigen Schritten näherkommt, erkennen wir einen nicht mehr jungen, drahtigen Mann, der zwei lange, offenbar aus einem alten ölfass geschnittene Bleche unter dem Arm trägt und eine Schaufel auf der Schulter. Als er neben unserem Auto steht, streift er wortlos seine Babouschen ab und macht sich an die Arbeit, schaufelt mit raschen Bewegungen, legt seine Bleche aus, weist mich mit knappen Gesten an, wo ich meinen Spaten ansetzen, wann ich einsteigen und den Motor starten muss. «Sir!» murmelt er dann jeweils («Geh!»). Meterweise bewegt sich der Wagen durch den Sand, verbiegt die Bleche, rutscht ab, bleibt neuerdings stecken. Nach einer guten Stunde steht der Wagen wieder auf festem Untergrund. Der Alte steckt wortlos eine Hundert-Dirham-Note ein und stapft davon.

Der zweite Pistenzweig führt tatsächlich zu einer Stelle, wo sich der Oued problemlos durchfahren lässt, bald rollen wir weiter Richtung Rissani, stossen auf eine staubige WüstenAuberge, erholen uns im Schatten des Gastraums von unserem Schrecken und stellen uns plötzlich die Frage, warum die Piste, die direkt in dieses hoffnungslose Sandloch hinunterführt, nicht, wie das sonst üblich ist, mit ein paar quergelegten Steinen gesperrt war. Der Besitzer der Auberge, der uns kühles Wasser und frischen Tomatensaft auftischt, lächelt: Er hätte Bescheid gewusst, er hätte uns vor der Falle gewarnt. Sollen wir uns nachträglich ärgern - über unsere Dummheit oder über die Tücke, mit der unser moderner Wegelagerer die Pistenmarkierung manipuliert und sich damit rasch einen stattlichen Tagesverdienst erworben hat?

Wir stellen fest, dass die Geschichte ihren Charme hat, jedenfalls wenn sie ausgestanden ist. überdies erinnert sie an Sagen der Antike und des Mittelalters, in denen kräftige Riesen oder menschenfressende Ungeheuer an unwegsamen Orten lauern, um aus den Nöten vorbeiziehender Reisender Profit zu schlagen. Verglichen mit ihnen, war unser Retter sehr bescheiden.

Je länger wir über die Episode nachdenken, desto bewusster sehen wir Charakter und Situation der Menschen in diesen Wüstengebieten - und überhaupt in Marokko: Ihre ökonomische Lage ist so aussichtslos, dass sie sich Tugenden wie Solidarität unter Verkehrsteilnehmern oder Hilfsbereitschaft gegenüber dem der Verhältnisse unkundigen Fremden gar nicht leisten können. Wenn Reisende vorbeikommen, die von Gegebenheiten des Landes keine Ahnung haben, dafür aber Autos, Fotoapparate, unzerrissene Kleider und sonstige Reichtümer in unvorstellbarem Ausmass besitzen, so muss man eben jede ihrer Schwächen ausnützen, um ein paar Dirham zu ergattern. Nur solche Rücksichtslosigkeit gibt eine überlebenschance.

Wer auf eigene Faust durch Marokko reist, muss lernen, diese Haltung zu akzeptieren.




Publikationen
«Ironische Erzählformen bei Conrad Ferdinand Meyer» (Dissertation), Francke-Verlag, Bern 1970; «Zu den Etruskern unterwegs - ein individueller Reisebegleiter», GS-Verlag, Basel 1986; < Texte in der Arena» (als Herausgeber und Koautor), GS-Verlag, Basel 1988; «Bastarde der Wölfin - Lebenszeichen aus Rom», Janus-Verlag, Basel 1992; «Am Ende deckt doch Efeu alles zu», GS-Verlag, Basel 1993; «Nichts von dem, was uns begegnet, haben wir je gesehen... - Tagebücher aus Marokko» (Koautorin und Illustratorin Sylvia Herzog-Cherbuin), Janus-Verlag, Basel 1997. Erzählungen in verschiedenen Periodika und Anthologien, zuletzt: «Das unverwechselbare Rot der Bougainvillea» (in:«Heimat wo denn? Texte aus der Nordwestschweiz», 1989); «Die Lüge von Stans» (in: «Baselbieter Heimatbuch», 1991); «Seelandschaft mit Stimmen» (in: Basellandschaftliche Zeitung», 1993); «Feldpost oder der napoletanische Kongress über Kriegsverbrecher und Kriegsverbrechen» («logophag», Basel 1994). Zahlreiche Literaturkritiken und Reiseberichte in Zeitungen und Zeitschriften; dort sind auch Essays erschienen, unter anderem über Spekulationsgeschäfte am Telefon, das Burnout-Syndrom, den neuen Schweizer Knigge, den Garten als Kunstwerk, den Frauenhandel in Europa.

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