1997

75 Jahre Dorfzeitung Tradition als Verpflichtung

Christian Schmid-Cadalbert

«'s Blettli», wie die Riehener-Zeitung oft liebevoll genannt wird, hat in den 75 Jahren seines Bestehens das Leben im Dorf mitgeprägt und wesentlich zum Selbstverständnis der Riehener Bevölkerung beigetragen.

Seit dem 25. November 1922 erscheint eine Zeitung für die Gemeinden Riehen und Bettingen in der Riehener Druckerei Schudel. 75 Jahre Existenz zeugen davon, dass mehr Menschen in Riehen und Bettingen die «RiehenerZeitung» mit Interesse, Achtung oder gar Zuneigung akzeptieren, als mit Groll ablehnen. Wäre es anders oder erachteten sie ein lokales Presseerzeugnis als unnötig, gäbe es die Zeitung nicht mehr. Meines Erachtens sind dafür vor allem drei Gründe verantwortlich: die seit 75 Jahren bewiesene Loyalität des Unternehmens Schudel zu Riehen und Bettingen, ortskundige, kompetente und verantwortungsbewusste Chefredaktoren und das Bestreben der Gemeinden Riehen und Bettingen, im kleinen Kanton Basel-Stadt neben dem übermächtigen Zentrum Basel ein Eigenleben zu führen und nicht zu Schlafgemeinden zu verkommen.

Eine Lokalzeitung muss in einer lokalen Presselandschaft neben regionalen und überregionalen Tages- und Wochenzeitungen und neben Gratisanzeigern ihren eigenen Platz finden und behaupten. Das ist insofern nicht einfach, als sie Gemeinde- und Gemeinschaftsidentität viel aktiver und direkter mitprägt und -trägt als Presseprodukte, die grössere Räume bewirtschaften. Sie muss in das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben eines Kleinraumes vermittelnd und kritisch berichtend eingreifen, ohne einzelnen Ansprüchen zu erliegen oder neben allen Interessen vorbeizuschreiben.
 
Eine Vorgeschichte
Am 1. November 1913 erschien erstmals der «Anzeiger für Riehen und Umgebung», der «jeden Freitag in allen Geschäften und Haushaltungen gratis» abgegeben werden sollte. Als Drucker und Verleger zeichnete Albert Schudel-Bleiker (1877-1941).

Albert Schudel senior, aus Schaffhausen zugewandert, hatte auf St. Chrischona als Buchbinder gewirkt und sich dann in Riehen, wo er 1915 eingebürgert wurde, selbständig gemacht. Im Jahr 1911 übersiedelten er und seine Frau Mina mit ihrem Papeterie- und Einrahmungsgeschäft von der Baselstrasse an die Schmiedgasse 6, wo der kleine Druckereibetrieb durch das Aufstellen einer Schnellpresse etwas erweitert werden konnte.

Der auf dieser Schnellpresse gedruckte «Anzeiger» enthält vor allem Inserate zum bar zu bezahlenden Insertionspreis von 15 Rappen pro einspaltige Petitzeile. Inhaltlich weisen die Inserate auf eine von Landwirtschaft und Handwerk geprägte ländliche Kommune. Ferkel, Hunde, Heu, guter Mist, Bienenstöcke und Pferdedecken werden zum Kauf, schöne äcker zur Pacht angeboten. Eine Fuhrhalterei bietet Breakfahrten für Hochzeiten und Private mit dem Landauer an und eine Weissnäherin sucht Kunden. Eine «Umschau» im Stil alter Volkskalender glossiert das Weltgeschehen.

Andere Inserate weisen jedoch auf den Anbruch einer neuen Zeit mit zunehmendem Verkehr und weiträumigeren ökonomischen Verflechtungen. Am 7. Oktober 1908 wird Riehen durch die Strassenbahn an Basel angeschlossen. Diese Wende muss Albert Schudel senior gespürt haben, als er für das damals etwa 3500 Seelen zählende Dorf Riehen und für Bettingen 1913 einen «Anzeiger» schuf, der Basels Gewicht durch einen weit ins Badische hinaus reichenden Verbreitungsraum grenzübergreifend auszugleichen suchte. Doch der Erste Weltkrieg machte der grenzoffenen Zeit ein Ende und liess den «Anzeiger» früh scheitern. Bis 1916 erschien er nur noch vereinzelt. Das Verbreiten von Meldungen musste nun wieder der Ausscheller übernehmen. Zwei auswärtige Gratisblattverleger, einer davon ein Deutscher, versuchten ohne Erfolg, die durch die Einstellung des «Anzeigers» entstandene Lücke zu füllen.

Der zweite Anlauf gelingt
Im Herbst 1922 entschliesst sich Albert Schudel senior, das «Anzeige- und Verkehrsblatt für Riehen und Bettingen» in einem veränderten regionalen Raum mit markanten Grenzen neu erscheinen zu lassen. Wieder gibt ein Umzug, diesmal von der Schmiedgasse 6 ins umgebaute Bauernhaus Schmiedgasse 9/11, den Anstoss zum Neubeginn. In der ersten Nummer vom 25. November begrüsst der Verkehrsverein Riehen das Unterfangen unter anderem mit folgenden Worten: «Schon längst wurde darüber geklagt, dass die behördlichen Erlasse und sonstigen Vorgänge in der Gemeinde, die für die Bevölkerung Interesse bieten, besonders den ausserhalb des Weichbildes Wohnenden nie oder nicht rechtzeitig zur Kenntnis gelangen.»

Der Verleger präzisiert in einer Geleitadresse, wer ausserhalb des Weichbildes wohnt, und schreibt: «Insbesondere aber werden die Bewohner der Aussenquartiere, man denke nur an die neuen Siedlungen der Heimstättengenossenschaften <Gartenfreund> und <Niederholz>, das Erscheinen meines Blattes begrüssen. Es wird sie über alles Wichtige, das hier vorgeht, informieren und ihnen eine enge Fühlungnahme mit dem eigentlichen Dorfe sichern.»

Albert Schudel senior, der für seine Zeitung das badische Grenzland durch den ersten Weltkrieg verloren hat, richtet sein Interesse nun also speziell auch auf die neuen Siedlungen und baut damit auf die Expansion der Gemeinde. Ab 1923 darf sich die Zeitung im Untertitel «Amtlicher Anzeiger für Riehen und Bettingen» nennen; 1927 wird das Ausschellen offiziell abgeschafft. Bald schon zeigt sich, dass die Zeitung nicht allein über Inserate finanziert werden kann. Ein Versuch der Finanzierung mittels freiwilliger Beiträge und einer vom Verkehrsverein unterstützten Subvention Privater scheitert. Als 1925 erstmals ein Abonnementspreis von 4 Franken jährlich erhoben wird, führt dies zu Diskussionen in den Gemeinderäten, aber erst die unmissverständlichen Kommentare des neuen Herausgebers Albert Schudel junior (geb. 1910) über die nationalsozialistische Diktatur führen 1941 zum heute mutlos scheinenden Verbot des Wortes «amtlich». 1933 erhält die Zeitung den weniger schwerfälligen Titel «Riehener-Zeitung» (RZ).

Die Gesichter der Zeitung
Vom Anfang ihres Erscheinens bis Ende der fünfziger Jahre erscheint die Zeitung als grundsätzlich vierseitiges Blatt, das bei Bedarf auf sechs, acht oder zehn Seiten erweitert werden kann. übers Ganze gesehen teilen sich der redaktionelle Teil und der Inseratenteil den zur Verfügung stehenden Platz. Ab 1960 ist sie sechsseitig und erweitert ihren Umfang über die Jahre sukzessive bis zum heutigen Durchschnittsvolumen von zwölf bis zwanzig Seiten.

Bis ins Jahr 1976 geht im redaktionellen Teil Welt-, Landes- und Kantonalpolitisches dem Lokalen voraus. Dieser für eine Lokalzeitung eher ungewöhnliche Anspruch, die Aufmerksamkeit von Lesern und Leserinnen durch einen Blick über die Gemeindegrenzen zu fesseln, mag von den Anfängen und aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges her verständlich sein. Im Konzert der elektronischen und der Printmedien war er in den siebziger Jahren längst obsolet. Ebenso überholt hatte sich im Erscheinungsbild das Arbeiten ohne Bilder mit gezeichneten Vignetten. Schwarzweissfotos wurden nur vereinzelt für Porträts eingesetzt und in grösserem Umfang für die Illustration von Spezialreportagen und -berichten.

Im Jahr 1977 gibt Albert Schudel junior der RiehenerZeitung mit einem durchgehend bebilderten redaktionellen Teil und einer weitgehenden Konzentration auf das Lokale das Gesicht, das sie noch heute trägt. In der Ausgabe vom 7. Januar 1977 schreibt er, die RZ habe sich «im Laufe der Jahre vom kleinen <Chäsblettli> zu einer normalen Zeitung ^ausgewachsen*».

«Mit der heutigen änderung wollen wir betonen: Die Riehener-Zeitung ist das Lokalblatt der beiden Landgemeinden. Deshalb erscheint der lokale Teil schon auf der ersten Seite.»

Damit betont Schudel im veränderten medialen Umfeld nicht nur die Position, die der Zeitung wirklich zusteht, er öffnet der Lokalpolitik und den für die Landgemeinden auf kantonalem und eidgenössischem Parkett amtenden Politikerinnen und Politikern auch jenen bevorzugten Raum, um den sie die städtischen Amtsträgerinnen und -träger bis heute nicht selten beneiden.

Nachzuholen bleiben die wichtigsten Stationen der Seitengestaltung. Im Jahr 1922 beginnt die Zeitung kleinfor matig und zweispaltig. Ab dem 1. Januar 1927 vergrössert sie das Format und wird dreispaltig. Am 16. April 1948 erhält die Riehener-Zeitung das heutige Format und wird vierspaltig, 1982 wird sie fünfspaltig.

In einem Brief vom 14. April 1948 schreibt der damalige Präsident des Verkehrsvereins an den Herausgeber Albert Schudel junior, die Integrationsfunktion der Zeitung betonend: «Das Eigenleben unseres Dorfes wäre ohne das kräftige Bindeglied eines wöchentlich erscheinenden Blattes nicht mehr denkbar. Sie haben viel dazu beigetragen, den Zusammenhang unter den eingesessenen Bewohnern des Dorfes aufrecht zu erhalten; Sie haben es aber auch verstanden, bei einer grossen Zahl der neu in Riehen Niedergelassenen Verständnis und Liebe zum alten Dorfe zu erwecken.»

Die Wachstumskurve der Gemeinde Riehen zeigte in jenen Jahren steil nach oben. Von 1945 bis 1950 wuchs die Bevölkerung von knapp 8000 auf über 12000 Einwohner; Riehen entwickelte sich nach Anzahl Einwohner vom Dorf zur Stadt. Vordringlich wäre schon damals gewesen, der rasch wachsenden Gemeinde ein neues Wir-Gefühl zu vermitteln und nicht, rückwärtsgewandt, nur die Liebe zum alten Dorf zu vermitteln. Dass es die RZ um Jahrzehnte verpasste, dieser Lokalaufgabe auch durch Veränderung des äusseren Erscheinungsbildes Rechnung zu tragen, haben wir bereits erwähnt. Noch heute dürfte die emotionale Anbindung des dorfkernfernen und stadtnahen Niederholzquartiers eine nicht zu vernachlässigende Aufgabe sein; Riehen ist politisch und kulturell stark, vielleicht zu stark, zentrumsorientiert.

Die Zeitungsmacher
Der Zeitungsgründer Albert Schudel-Bleiker leistete mit seinen beiden Zeitungsgründungen Pionierarbeit. Er setz te mit seiner unanzweifelbaren Loyalität zu den Landgemeinden ein Vorbild, das bis heute wirkt. Sein Sohn Albert Schudel-Feybli, der die Leitung der Zeitung zum Jahreswechsel 1938/39 übernahm, zeigte dieselbe Loyalität in der schwierigen Zeit des Zweiten Weltkrieges mit Mut und Fantasie, Konflikte mit der Zensurbehörde nicht scheuend. Auch als Unternehmer blieb er Riehen treu; 1967 bezog er mit seinem Unternehmen den heutigen Standort am Schopfgässchen. Hier können nicht alle Personen genannt werden, die zusammen mit Albert Schudel junior und später als seine Nachfolger unter der Herausgeberschaft seines Sohnes Christoph Schudel für die RZ arbeiteten. Erwähnung verdienen Samuel Schudel und Hans Kräftiger, der als «Bebbi» über ein Vierteljahrhundert die Kolumne «Zwischen Wiese und Birs» schrieb und ab 1976 als vollzeitlicher Redaktor bei der RZ tätig war.

Mit Nicolas Jaquet erhielt die RZ 1982 den ersten vollamtlich tätigen Redaktionsleiter. In seinem ersten Edito rial schrieb er: «Wichtige Funktion der Riehener-Zeitung ist es auch, als Wächter zu fungieren und an gewissen Dingen Kritik zu üben. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht immer jedermann passen wird.»

Jaquet leitete die Redaktion der RZ bis 1991 und übergab sie dann an Bartolino Biondi, der die RZ aus beruflichen Gründen im August 1994 verliess. Seit September 1994 ist Dieter Wüthrich Chefredaktor der RZ. In der Ausgabe vom 7. Oktober 1994 äussert er sich über die «grosse Aufgabe» des «Blettli» im Zeitalter der Reiz- und Informationsüberflutung: «Einmal wöchentlich und trotzdem aktuell über all jene Ereignisse, Probleme und Schwierigkeiten, aber auch erfreulichen Begebenheiten zu berichten, die die Menschen in Riehen und Bettingen beschäftigen. Dies ist die uns selbst gestellte Informationsaufgabe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wir wollen unseren Leserinnen und Lesern mit unserer Berichterstattung und manchmal auch mit einer vielleicht nicht immer bequemen Stellungnahme jenes Hintergrundwissen vermitteln, das ihnen eine zusätzliche Identifikationsmöglichkeit mit ihrem Wohn- und Lebensraum ermöglicht.»

Ausblicke
Die Riehener-Zeitung ist eine bestandene und erfolgreiche Lokalzeitung. Sie vermochte sich, trotz aller Modernisierungsstürme in der bewegten Medienlandschaft, bis heute zu behaupten. Die Weichen zu diesem noch anhaltenden Erfolg stellte Albert Schudel junior 1977 mit dem konsequenten Bekenntnis zur lokalen Aufgabe. Die Zeitung schaffte diesen Erfolg jedoch nicht nur aus eigener Kraft. Sie verdankt ihn auch, etwas pathetisch ausgedrückt, dem Verlangen ihrer Lesergemeinde, beheimatet zu sein. Beheimatet sein kann man aber nur im Präzisen. Solange die RZ qualitativ zum präzisen Beheimatetsein beiträgt, sollte ihr nicht bange sein. Es sei denn, der lokale Heimatbegriff verliert in der globalen Vernetzung jede Bedeutung.

Literatur
50 Jahre Riehener-Zeitung, RZ vom 19. 12.1971. - Rolf Soiron: Schweizerkreuz und Christenkreuz. Zur Haltung der «Riehener-Zeitung» im Zweiten Weltkrieg. In: z'Rieche 1978, S. 29^5. - Nicolas Jaquet-Anderfuhren: Riehen im Zweiten Weltkrieg. In: z'Rieche 1985, S. 77-108 passim. - Dieter Wüthrich: Vom «Blettli» zur gestandenen Lokalzeitung. In: RZ vom 5. 11. 1993, S. 1 und 3. - Diverse Beiträge in der RZ vom 6. 12. 1996, S. 8 und 9.

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