1996

Kulturpreisträger 1995: Johannes Wenk-Madoery und Hans A. Jenny

Christian Schmid-Cadalbert

Mit Johannes Wenk-Madoery und Hans A. Jenny zeichnet die Gemeinde Riehen dieses Jahr zivei Männer mit dem Kulturpreis aus, deren eine kulturelle Leidenschaft das Sammeln ist. Ihre ganz unterschiedlichen Sammlungen pflegen sie mit einer Prise Besessenheit gewürztem Fleiss und nutzen sie wie fruchtbaren Boden, auf dem sie, wiederum auf ganz unterschiedliche Weise, Kulturarbeit leisten. Dass die Kulturpreisjury beide zusammen auf den Preisschild hob, liegt am Unterschiedlichen, an der Unvereinbarkeit ihrer Konzepte. Sie entschied sich für eine gemeinsame Kür und Belobung, damit die auf das Sammeln gegründete Kulturarbeit in der ganzen gebotenen Vielfalt Anerkennung und Wertschätzung finden kann. Johannes WenkMadoery wurde bereits im Jahrbuch 1978, Hans A. Jenny im Jahrbuch 1992 in einem längeren Porträt vorgestellt. Beim nachfolgenden Text handelt es sich um die - leicht gekürzte Laudatio von Christian Schmid-Cadalbert.

«Sammler?» fragt der in Frankreich lebende Kunsthistoriker Krzysztof Pomian, «Ein harmloser Besessener, der seine Zeit damit verbringt, Briefmarken einzuordnen, Schmetterlinge auf Nadeln zu spiessen oder sich an erotischen Drucken zu delektieren? Oder im Gegenteil ein schlauer Spekulant, der Liebe zur Kunst vorgibt, um zu niedrigen Preisen Meisterwerke zu erstehen und sie dann mit gewaltigen Profiten weiterzuverkaufen. Oder schliesslich ein Herr der guten Gesellschaft, Erbe mit Schloss und wertvollem Mobiliar, mit einer Gemäldesammlung, aus der er die schönsten Exemplare auf den Hochglanzseiten von Nobelillustrierten abbilden und be wundern lässt. Drei Bilder, drei Meinungen, denen gemeinsam ist, dass sie uns eine Figur aus der Anekdote präsentieren. Der Sammler wird nur ernstgenommen, wenn er mit gewaltigen Summen um sich wirft. Und eine Sammlung wird nur dann geachtet, wenn sie als Investition in den unterirdischen Tresoren einer Bank ruht und ihr Wert mit Gold nicht aufzuwiegen ist. Auf andere Art sieht man darin nur ein narzisstisches und leicht frivoles Amüsement. Eine Lappalie.»

Die Gemeinde Riehen sieht das nicht so, denn sie zeichnet mit dem Kulturpreis für das Jahr 1995 mit Hans A. Jenny und Johannes Wenk-Madoery zwei Männer aus, deren eine kulturelle Leidenschaft das Sammeln ist. So verschieden die Preisempfänger auch sein mögen, sie haben jenem Paragraphen des Reglements betreffend Ausrichtung eines jährlichen Kulturpreises zu genügen, der lautet, der Preisempfänger müsse in Riehen seinen festen Wohnsitz haben oder zur Gemeinde in einer besonderen Beziehung stehen. Wer fragt, was Johannes Wenk mit Riehen zu tun hat, ist entweder ortsunkundig, was noch hingehen mag, oder er leidet an partieller Riehener Blindheit, da das Wenksche Geschäfts- und Wohnhaus im Dorfzentrum fast nicht zu übersehen ist. Der 1930 Geborene wuchs in Riehen auf, lebt und arbeitet bis heute in Riehen und hat auch in Zukunft nicht die Absicht, das Dorf zu verlassen.

Der nur um ein Jahr jüngere, also 1931 geborene Hans Jenny lebt und arbeitet zwar heute in Tecknau, aber er ist zweifellos ein Riehener. Die aus Lörrach stammende Mutter und der Bündner Vater erwarben das Riehener Bürgerrecht, und Hans Jenny selbst lebte bis zum 27. Lebensjahr in der Gemeinde, die er aus verschiedenen Blickwinkeln kennenlernte. Vater Jenny war Gärtner und noch heute rauschen die Bäume, die er in vielen Herrschaftsgärten gepflanzt hat, für Sohn Hans auf besondere Weise. Mutter Jenny kaufte bei Wenks im Laden ein. Hans Jenny und Johannes Wenk waren zusammen im CVJM. Die Preisträger sind sich also nicht fremd.

Mit dieser anekdotischen Anmerkung sei dem Riehenersein Genüge getan und der Blick auf die Kulturbiographie der Preisträger gerichtet. Beide sehen ihre Kulturarbeit als eine vermittelnde, Menschen zusammenbringende, Verbindungen schaffende Tätigkeit. Sie soll den Menschen Freude an der Kultur im breitesten Sinn vermitteln.

Jede Notiz bekommt bei Johannes Wenk ihren Platz
Wer bei Johannes Wenk in Riehen über die Schwelle geht, betritt so etwas wie eine Zentralkammer des regionalen Gedächtnisses. Erste Wegweiser sind die geschnitzten Medaillons des Archivschrankes im Parterre, die Motive wie den Tüllinger Hügel, die Chrischona und den Riehener Dorfkern zeigen. öffnen sich die Türen, stehen dichtgedrängt die ledergebundenen Archivbände mit dem Material zur Familie, zum Geschäft, zu Riehen und der Region. Treppauf führt der Weg vorbei am Schrank mit der Tonbandsammlung von Hebelreden der letzten Jahrzehnte, von Lesungen regionaler Autorinnen und Autoren und von Riehener Stimmen. Bilder und Möbel erzählen längst vergangene Regiogeschichten, und oben in der Wohnung stehen prallvolle Büchergestelle den Wänden entlang. Hier locken Hebels Werke und jene über Hebel in einer der umfangreichsten Hebelbibliotheken. Daneben Werke regionaler Geschichte und Literatur. In Schränken wieder eng, Seite an Seite, braune und grüne Archivordner mit Materialien zu Hebel, Hebelbund und Hebelfeier, zur regionalen Literatur, zu regionaler Geschichte, zum regionalen Leben und Geschehen. Keine Notiz und keine Rechnung scheint zu unbedeutend, kein Zeitungsausschnitt zu banal, keine Postkarte, kein Foto zu nichtssagend, dass es nicht den ihm zustehenden Platz im sauber geführten Wenkschen Universum zugewiesen bekäme, wo seine Bedeutung erst evident wird.

Das Archiv über Hebel und die Regio umfasst 180 Bände, jenes über die Familie Wenk und Riehen wieder 180 Bände. 220 Spulen zählt das Stimmenarchiv, 350 Dias das Lichtbilderarchiv über Riehen von 1900 bis 1950. In die Tausende gehen die Legionen der Bücher und Zeitschriften.

Ein ausgewiesener Hebelkenner
Ein Prunkstück der Wenkschen Hebelbibliothek ist eine Ausgabe aus dem Jahr 1820, in der die Karlsruher Künstlerin Sophie Reinhard zwölf grossformatige Radierungen zu einigen Hebelgedichten schuf. Johannes Wenk wurde dieses besonders schöne Buch von einem Bewunderer seiner Sammlung geschenkt. Eher exotisch ist eine japanische Ausgabe des «Kannitverstan», gedruckt 1950 in Tokio. 193 Jahre sind seit dem ersten Erscheinen der alemannischen Gedichte vergangen. Damit dokumentiert Johannes Wenks Hebelbibliothek nicht nur die grosse Ausstrahlung von Hebels Werk, sie zeigt auch über 190 Jahre aus der Geschichte der Buchdruckerkunst, der Buchgestaltung und der Buchillustration.

Johannes Wenk wuchs im offenen Haus eines heute über 190jährigen Riehener Traditionsunternehmens auf, das über Geschäftspartner, Freundschaften, Bekanntschaften und nicht zuletzt auch über die Dienstmädchen aus dem Badischen stark in der Region verankert war und ist. In diesem Haus erlebte Johannes Wenk seinen Vater nicht nur als Geschäftsmann, sondern auch als engagierten Bürger, der in der Gemeinde verschiedene öffentliche ämter innehatte, und als interessierten Genealogen, der über die Familien- und Geschäftsgeschichte ein Archiv führte. Von diesem Vater hat sich Johannes Wenk schon früh für das Sichten, Sammeln und Ordnen begeistern lassen, von ihm übernahm er das Archiv und baute es mit Fleiss und Umsicht, zusammen mit der Bibliothek, zur heutigen Sammlung aus, die internationales Ansehen geniesst.

Die Sammlung Wenk ist ein öffentliches Gedächtnis Riehens und der Region. Johannes Wenk gewährt nicht nur jedem Zutritt, der Daten oder Artefakte in diesem Bereich sucht, er unterstützt die Suchenden auch mit seinem Wissen und weist sie nicht selten auf neue, ihnen selbst nicht bekannte Wege. Es gibt heute kaum eine Publikation oder Ausstellung und kaum eine umfassende wissenschaftliche Arbeit über Hebel, welche ohne das Material der Sammlung Wenk und die Beihilfe von Johannes Wenk auskommt. Der Dank dafür ist vielstimmig und kommt aus vielen Teilen der Welt. 1988 ist Johannes Wenk für seine Hebelarbeit mit der Hebelplakette geehrt worden.

Auch viele Publikationen oder Ausstellungen, welche die Region selbst oder Riehen zum Thema haben, sind auf Gegenstände oder Quellen aus der Sammlung Wenk angewiesen. Johannes Wenk ist nicht nur Mitinitiant des Dorf- und Spielzeugmuseums Riehen, zu dessen Sammlung er viele Ausstellungsobjekte beigesteuert hat, er war auch während 28 Jahren Mitglied der Museumskommission. Von 1961 bis 1989 war Johannes Wenk zudem im Vorstand des Heimatschutzes Riehen und von 1974 bis 1987 im Vorstand der Bürgerkorporation. Von 1975 bis 1987 beteiligte er sich auch mit seiner Frau Irma WenkMadoery, die seine geschäftliche und private Tätigkeit aktiv mitträgt, zusammen mit Hans und Gertrud Kräftiger sowie Samuel und Hanna Schudel an der Organisation der Autorenabende in Riehen.

Johannes Wenk lebt in vorbildlicher Weise den Geist des grenzüberschreitenden, vermittelnden und in der Region verwurzelten Denkens und Handelns Johann Peter Hebels. Mit seiner Neugier, seinen vielfältigen, der Region verpflichteten kulturellen Tätigkeiten, seiner Kraft und Energie, mit der er sich seiner Sammlung und seinen öffentlichen Aufgaben widmet, hat er das kulturelle Leben Riehens und der Region gefördert und mitgestaltet. Dabei blieb er meist bescheiden im Hintergrund. So antwortete er auch auf die Frage, ob er, nach dem Rücktritt aus dem aktiven Geschäftsleben, nicht das Werk über die Region schreiben wolle: «Nein, denn ich bin ein guter Kaufmann, aber ein schlechter Schriftsteller.»

Hans A. Jenny: der Kompendialist
Ob Hans Jenny sich als schlechten Kaufmann bezeichnen würde, hat er nicht verraten, aber er sammelt und schreibt. über dreissig kulturgeschichtlich-populärwissenschaftliche Bücher gehen zurzeit auf sein Konto und er ist noch nicht federlahm geworden; als Verfasser hat er 1993 den Kulturpreis der Basellandschaftlichen Kantonalbank erhalten. Hans A. Jenny ist ein sammelnder, schreibender, radioschaffender, lehrender, exkursionsleitender, über alle nur möglichen Zäune grasender Kompendialist, ein Stück Wildwuchs im Land gut gepflegter, säuberlich abgegrenzter Gärten, ein Unikum und auch ein wenig ein Traumtänzer. In Tecknau hat er ein ehemaliges Bauernhaus zu einer Bücher- und Sammlerschatzhöhle mit labyrinthischem Charakter umgebaut. Im ehemaligen Viehstall stehen statt Kühe Regale auf dem Läger, Bücher füllen die Futterkrippe, Bücher füllen Raufen und Wände. Stuben, Nebenstuben, Kammern und Estrich stehen voll von Regalen und Schränken, die ihrerseits wieder voll Bücher, Sammelbände, Illustrierte, Hefte und Broschüren sind über 65 000 an der Zahl. Hans Jenny betreibt schriftstellerische und kulturhistorische Vernetzung und setzt sich mit seinem ganzen Wissen und Wesen dafür ein, die Kul tur zu einer Attraktion zu machen und den Menschen die Freude an ihr zu vermitteln.

Hans Jenny versteht sich als Kulturhandwerker; wie kam er zu diesem Beruf? Er machte als junger Mann eine kaufmännische Lehre und arbeitete als Kaufmann in der Speditionsbranche. Aber schon zu dieser Zeit liebte er das Reisen und noch mehr die Bücher. Das Taschengeld von Fr. 4.85, das er vom Lehrlingslohn von Fr. 24.85 abzweigte, gab er vor allem in Buchhandlungen und Antiquariaten aus. So lernte er, weil die Mittel beschränkt waren, das geduldige Suchen und Aufspüren von kleinen und grossen Schätzen, und am wohlsten war ihm wohl dort, wo die Büchergestelle kein Ende nehmen wollten.

Mit 28 Jahren begann Hans Jenny als Freischaffender für Zeitungen zu schreiben. Für die Riehener-Zeitung schrieb er manches Jahr unter dem Pseudonym Riocho historisch-kuriose Feuilletontexte und als Erlehätzle Glossen zum aktuellen Geschehen. Beim Doppelstab-Verlag, der zeitweise sieben Zeitungen herausgab, wurde er schliesslich Chefredaktor. Er machte den «Doppelstab» zu einem offenen Forum journalistischer Auseinandersetzungen, wie man es heute vergeblich suchen würde. Aurel Schmidt und Max Thürkauf schrieben für ihn. Jahrelang liess er Toya Maissen, die als dezidierte linke Journalistin mit ihren Arbeiten nicht leicht unterkam, unter männlichem Pseudonym Doppelstab-Leitartikel schreiben, auf die er, manchmal heftige, Erwiderungen schrieb, wenn sie ihn stachen. In dieser offenen Arena gab er auch der aufmüpfigen Studenten- und Arbeiterbewegung Hydra, der alternativen Longo Mai-Bewegung und der PdA Raum für die Teilnahme an der verbalen Auseinandersetzung. Dies aus der damals schon festen überzeugung, dass eine Gesellschaft sich nur dann wirklich demokratisch nennen darf, wenn alle ihre Meinung äussern dürfen. Hans Jenny war als Theaterkritiker auch an den meisten Abenden unterwegs; aus dieser Zeit datiert die Bekanntschaft mit Alfred Rasser, für dessen «HD-Soldat Läppli» er das erste Programmheft schrieb.

Anfang der siebziger Jahre, als der Doppelstab-Verlag den Verleger wechselte, entschloss sich Hans Jenny, ganz für sein Ideal des Kompendialisten zu leben. Er machte sich zuerst als Buchautor selbständig und baute ab Mitte der siebziger Jahre die Bibliothek in Tecknau auf. Das war zuerst eine schwierige, finanziell kaum lebbare Existenz.

Frühe Tecknau-Besucher erinnern sich, wie Hans Jenny auf einem Feldbett in einem feuchten, kahlen Raum schlief und wie er im Spätherbst und Winter im Mantel am Schreibtisch sass. Aber er hielt durch und blieb optimistisch. Immer mehr Menschen wurden auf den Tecknauer Kompendialisten Hans Jenny aufmerksam. Für Radio DRS arbeitete er an verschiedenen Projekten mit, und bei Radio Basilisk betreut er zusammen mit Christian Heeb das Regio-Quiz «Casino». An der Volkshochschule und in anderen Bereichen der Erwachsenenbildung leitet er Kurse; auch in Schulklassen wird er als beseelter und feuriger Erzähler geschätzt. An Privat-Programmen bietet er nostalgisch-romantische Abende im BücherparadiesPanoptikum, Führungen durch die Geheimnisse des alten Basel und Friedhofsführungen auf dem Wolf-Gottesacker an. Mehr und mehr nutzen Wissenschaftler und Laien seine einzigartige Bibliothek, die zu verschiedenen Themen einmalige Schätze bietet.

Unter seinen Büchern zeugen die dreibändige Sammlung «Schweizer Originale» und das Bändchen «Baselbieter Originale» für Hans Jennys Liebe zu Originalen. Sein Interesse für die Anekdote dokumentieren der Band «Basler Anekdoten» und die Broschüre «Riehener Anekdoten». Ihr, der oft Geschmähten, wendet er sich zu in der überzeugung, dass auch sie die Geschichte mitprägt. In den Bänden «Wir bitten zu Tisch» und «Die verrückte Nostalgia» lässt er vergangene Sensationen und Frivolitäten aufleben. Warum? Weil, so Jenny, in einer Zeit immer neuer technischer Rekorde, «die sympathische, lebenswarme, vielleicht ein bisschen kindliche und naive, im Grunde genommen aber doch sehr herzerfrischende Verwunderung» verloren gegangen ist. Zu den nicht abgeschlossenen Arbeiten Hans Jennys gehört die Sicherung der Zukunft seines Archivs, von dem diese herzerfrischende Verwunderung ausgeht.

Hans Jenny und Johannes Wenk-Madoery sind sehr unterschiedliche Menschen. Eines aber eint sie neben ihrem Riehenertum: ein manchmal an Besessenheit grenzender, nie erlahmender Fleiss, mit dem sie sich während ihres ganzen Erwachsenenlebens dem Sammeln, dem Vermitteln, der Grenzen überschreitenden kulturellen Arbeit gewidmet haben und, jeder auf seine Weise, weiter widmen werden. Sie sind, noch einmal sei's gesagt, Kulturarbeiter im besten Sinne des Wortes.

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