1996

Die Rückkehr der Wildschweine

Marco Baettig

Ein Hauch von Urzeit schwebt seit einigen Jahren in den Wäldern von Riehen und Bettingen und nächtlicherweise bis an den Dorfrand. Nach über vierzigjähriger Abwesenheit sind die wilden Schweine - die Sauen in der Jägersprache - wieder da. Anfänglich traten sie sehr diskret auf, sie hinterliessen bloss Wühl- und Frassspuren. Heute können auch Spaziergänger das unvergessliche Erlebnis geniessen, Wildschweine im Wald zu hören oder gar kurz zu beobachten.

Die ersten Wildschweine tauchten im Riehener Bann nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Im Januar 1947 schoss der damalige Jagdaufseher Karl Meyer die erste Wildsau «seit Menschengedenken». Er schilderte sein Erlebnis in z'Rieche 1979 wie folgt: «So pirschte ich mich mit meinem vierbeinigen Jagdkameraden Lumpi gegen die Mulde fast zuhinterst in der Eisernen Hand. Plötzlich hörte ich ein Brechen und Schmatzen. Das konnten nur Wildschweine sein. Und wirklich, ich hatte mich nicht getäuscht: auf 150 Meter Distanz sah ich plötzlich sieben Wildschweine direkt auf mich zukommen. Das Jagdfieber packte und schüttelte mich, und das Herz hämmerte mir bis zum Hals hinauf. Ich betete zur Jagdgöttin Diana, sie möge mich doch beruhigen und meine Hand sicher führen... Jetzt stand plötzlich ein Wildschwein auf dem Grenzweg Stetten-Riehen. Schnell riss ich den Drilling an die Schulter. .. Der Schuss zerriss die Stille des Waldes... Ich ging sofort mit Lumpi zum Anschuss: der Schnee war hellrot gefärbt vom Lungenschweiss, aber das Wildschwein war verschwunden, über die Grenze... Ich rief Lumpi nach: <Such mein Hundb Ich dachte mit schwerem Herzen: <Diese Beute ist für mich verloren; keiner wird mir glauben, dass ich ein Wildschwein gesehen, geschweige darauf geschossen habe>... Plötzlich kam das Hundegeläute wieder näher gegen die Grenze... So schnell ich konnte, rannte ich gegen die Blockhütte. Unterdessen war es Nacht geworden, aber die schwarzen Umrisse des Wildschweines hoben sich gut vom Schnee ab, und ich gab ihm auf kurze Distanz den Fangschuss. Dann lüpfte ich den Jägerhut und rief in den winterlichen Wald: < Göttin Diana, ich danke dir! Du hast mich lange auf die Folter gespannt, bis ich die seltene Beute in meinen Besitz nehmen durfte. Aber das Erlebnis war um so tiefer>... Das Wildschwein wurde dann in der Filiale der Metzgerei Beil ausgestellt, es gab einen wahren Volksauflauf vor dem Fenster. Alle Schulkinder wollten das seltene Tier natürlich sehen. Und später wurde es im Restaurant Schützengarten vom erstklassigen Küchenchef, Herrn Etter, zubereitet und fand bei seinen Gästen reissenden Absatz.»

Des Jägers Freud' - des Bauern Leid
Erst 1978 wurde wieder ein Wildschwein in Riehen erlegt. Dann war es erneut still um das Schwarzwild, bis Ende 1990 erste Spuren im Mittelberg festgestellt wurden. Durch die grossflächigen Sturmschäden vom Februar entstanden für die Sauen Unterschlüpfe, wo sie auch den Tag ungestört und in Sicherheit verbringen konnten. Die erste Bache frischte im Mittelberg, später eine weitere im Ausserberg oberhalb des Wenkenparks. Auch ausserhalb des Waldes tauchten die Sauen des Nachts vermehrt auf und verursachten erste Schäden im Kulturland. So im Juli 1992, wo sie am Hinteren Engeliweg gleich neben dem Swimmingpool ins Maisfeld einfuhren und auch den Rasen «pflügten». Die ersten Tiere wurden aber erst 1993 erlegt, drei Stück im Mittelberg- und Ausserbergwald; 1994 waren es bereits neun. Die wildfreundliche Dickungs- und Waldrandpflege der Forstwirtschaft wertete den Wald als Schwarzwildhabitat wesentlich auf. Es entstanden immer mehr dichte Jungwuchsflächen in den stark begangenen Waldstücken auf Schweizerseite. Sie sind mehrheitlich Ausläufer der Deutschen Waldungen, wo das Wild auch gehegt wird und teilweise idealste Lebensräume vorfindet, wie etwa in den immergrünen Buchsbeständen oberhalb von Grenzach-Wyhlen.

Die Wildschäden an den landwirtschaftlichen Kulturen konzentrieren sich auf die waldnahen Felder und die Lichtungen, so etwa im Chrischonatal oder oberhalb von Bettingen. Ab und zu geht's auch dorfwärts, bis ins Moos, wenn der süsse Mais ruft. Die Wildschäden werden den Landwirten von der Jagdgesellschaft Riehen-Bettingen nach gemeinsamer Abschätzung abgegolten. Die jährliche Schadensumme kann bis auf mehrere tausend Franken klettern. Zur Schadenverhütung werden die Bauern unter anderem aufgerufen, vorab den Mais nicht bis an den Waldrand anzubauen, um den Jägern eine Schussschneise zu schaffen. Den Bauern wird auch Zaunmaterial zur Verfügung gestellt, um die Kulturen elektrisch zu sichern. Exponierten Landwirtschaftsbetrieben bereiten die Sauen viel ärger und Mehrarbeit, die durch finanzielle Abgeltungen nicht in jedem Fall kompensiert werden können. Die Landwirte müssen wohl oder übel wieder lernen, mit dem urigen Wild zu leben. Zusammenarbeit, gutes Einvernehmen und gegenseitiges Verständnis zwischen Jäger, Förster und Landwirt bilden die beste Grundlage, die Wilddichte auf einem für alle tragbaren Niveau zu halten.

Seit Urzeiten bei uns beheimatet und einst verehrt
Unser Schwarzwild, Vertreter des europäisch-asiatischen Wildschweins, wurde bereits in der Altsteinzeit bejagt, wie dies Zahn- und Knochenfunde am Fusse der Höhlen in der Region Basel belegen. Das zunehmend mildere Klima, das Aufkommen von Eichenmischwäldern und schliesslich der Anbau von Feldfrüchten begünstigten die Lebensbedingungen für das Wildschwein zusehends. Zusammen mit dem Edelhirsch wurde es bald zum wichtigsten Jagdtier des Menschen. Erst die sesshaften Ackerbauern, die rund 5000 Jahre vor Christus die jungsteinzeitlichen Seeufersiedlungen bewohnten, begannen bei uns die Wildschweine zu domestizieren. Nomaden haben nie Schweine gehalten. Das Eurasische Wildschwein gilt heute als Stammform sämtlicher Hausschweinerassen. Es ist einer jener wenigen Urahnen unserer Haustiere, der noch freilebend unter uns weilt.

Die Begriffe Sau und Schwein stammen vom indogermanischen su und suwein ab. Die (Wild)Schweine wurden bei den Germanen hoch verehrt und zählten zu den wichtigsten Opfertieren. Ihr Gott des Ackerbaus, Freyr, verkörperte einen Eber und dessen Gattin Freya, die Göttin der Liebe und Schönheit, eine Sau.

Vom göttlichen Schwein zur verhassten Sau
Zur Zeit der Römer und im späteren Mittelalter gehörte das Wildschwein nach wie vor der heimischen Fauna an. Die nächtlichen Wühl- und Fressorgien der behenden und schlauen Schwarzkittel brachten Bauern und Behörden schon früh zur Verzweiflung. Die Sauen wurden als Schadwild und in der Folge als Freiwild deklariert, das mit allen Mitteln bekämpft werden konnte.

In der Not zogen die Bauern im Aargau gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit Fackeln und Trommeln in der Nacht durch die Wälder, um die unsichtbaren schwarzen Gesellen zu vertreiben. Zwischen 1873 und 1878 bezahlte das Finanzdepartement gar Schussgelder in der Höhe von 30 bis 50 Franken, je nach Gewicht der erlegten Stücke, und drohte den Jägern bei mangelndem Einsatz mit gerichtlichen Massnahmen.

In ganz Europa wurde das Schwarzwild über Jahrhunderte mit allen Mitteln mehr bekämpft denn bejagt und gebietsweise - so in England und Skandinavien - ausgerottet. Dank seiner hohen Fruchtbarkeit und Intelligenz, gepaart mit einer ausserordentlichen Anpassungsfähigkeit und schnellem Reaktionsvermögen, konnte es jedoch seine völlige Ausrottung verhindern.

Das heimliche Wild - unheimlich erfolgreich
In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war in der Schweiz vom Schwarzwild wenig zu spüren. Im Mittel wurden pro Jahr unter 50 Tiere erlegt. Sie kamen in der Regel aus dem französischen Jura und aus dem Schwarzwald und lebten vor allem in den ausgedehnten Wäldern der Jurakette.

Interessant ist die Tatsache, dass nach Kriegswirren im nahen Ausland jeweils Einwanderungen festgestellt werden konnten. So in der Nordwestschweiz nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und noch weit stärker nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Sauen die nördliche Schweiz «überrannten» und sich über das Mittelland bis in die Voralpen verbreiteten. Rhein und Aare bildeten kein Hindernis. Wildschweine, ob noch im Frischlingskleid oder ausgewachsen, sind hervorragende Schwimmer.

Dank des Einsatzes der rührigen Schweizer Jäger war das Mittelland gegen Ende der fünfziger Jahre wieder schwarzwildfrei, und der Bau der Nationalstrasse N1 entlang des Juras verhinderte weitere Einwanderungen. Für die nächsten 15 Jahre blieb es ruhig, die Abschüsse in der nördlichen Schweiz gingen zurück.

Der Bärendienst der Landwirtschaft oder Mais sei Dank
Die Schweizer Bauern sorgten dafür, dass sich die Nahrungsgrundlagen für die Borstentiere entscheidend verbesserten. Zwischen 1970 und 1985 stieg die Maisanbau fläche von rund lO'OOO auf gegen 70'000 Hektaren und die Jagdabschüsse nahmen von 70 auf 675 Stück zu. Der Mais wurde zur Leibspeise der Wildschweine. Kaum eingesät, werden die Saatlinien mit der Nasenscheibe umgepflügt und Korn für Korn aufgenommen. Hat er die Milchreife und die grösste Süsse erreicht, sind die Sauen kaum mehr zu bremsen - ausser mit frischen Eicheln. Seit der Mensch kultiviert, interessieren sich die Wildschweine für seine Feldfrüchte. Als typische Allesfresser und sprichwörtliche Feinschmecker finden sie immer Kulturen im optimalen Reifestadium, die höchsten Genuss bieten: Getreide in der Milchreife, süsse Früchte, Trauben, Kartoffeln, jungen Klee oder tiefgründige, humose Naturwiesen mit reichhaltigem Angebot an Insektenlarven und Regenwürmern. Rund ein Zehntel der Nahrung ist tierischer Herkunft und besteht unter anderem aus Aas, Mäusen, Amphibien, Reptilien.

Als ausgesprochener Opportunist weiss das Wildschwein die Folgen des landwirtschaftlichen Strukturwandels bestens zu nutzen: Grossflächige Kulturen und Brachflächen ersetzen die Wälder, die zunehmend vom Menschen in Beschlag genommen werden und dienen als Tageseinstand oder Kinderstube und bieten Nahrung in Hülle und Fülle. Die fortschreitende Vergandung der vorab südlichen Alpentäler als Folge der Abwanderung der Bevölkerung schafft neue Lebensräume für Wildschwein - und Wolf notabene. Das Schwarzwild ist heute wieder europaweit auf Expansionskurs. In der Schweiz werden seit 1990 jährlich zwischen 1500 und 2300 Wildschweine erlegt. Die Bestände haben mittlerweile eine Grösse erreicht, wo es nicht ohne weiteres gelingt, auch nur den jährlichen Zuwachs abzuschöpfen. Doch die jagdliche Regulation der Bestände ist nicht nur zum Schutz der Landwirtschaft eine Notwendigkeit, sondern auch im Sinne des Wildes. Denn mit zunehmender Wilddichte wird der Lebensraum übernutzt und damit steigt auch das Risiko von parasitären und Infektionskrankheiten wie der Schweinepest.

Eine Schwarzwildpopulation verdoppelt sich in einem Jahr, kann sich unter optimalen Lebensbedingungen aber auch verdreifachen. Eine Bache wirft pro Jahr, je nach Alter, vier bis neun Frischlinge und beteiligt sich schon im ersten Lebensjahr an der Fortpflanzung. Auf den Verlust eines Wurfs antwortet sie mit einer neuen Rausche (Brunft).

Das hohe Lied der Familie und Sippe
Wildschweine sind - mit Ausnahme der adulten Keiler ausgesprochen soziale Tiere mit engen Familienbanden, die sie über Jahre pflegen. Die Bache mit ihren Frischlingen bildet die kleinste Zelle innerhalb einer Population. Die Fürsorge der Mutter ist bemerkenswert. Zum Gebären baut sie aus herbeigeschleppten ästen, Zweigen, Moos und Gras eine Hütte, den Wurfkessel, in dessen Schutz sie die Kleinen zur Welt bringt. Die ersten Lebenswochen sind kritisch für die gestreiften Frischlinge. Ohne die Wärme der Mutter und der Behausung könnte ihre Körpertemperatur gefährlich absinken.

Frischlinge dürfen ihre Kindheit in vollen Zügen gemessen. Ihre Mutter ist bereit, sie gegen jegliche Feinde zu verteidigen. Auch den Menschen, der ihnen unerwartet zu nahe kommt, wird sie schon mal durch lautes Blasen warnen und, wenn nötig, durch ein paar Meter Scheinangriff in die Flucht zu schlagen versuchen. Es genügt, ruhig wegzugehen, und bei allem Schreck sollte man nicht vergessen, sich des einmaligen Anblicks zu erfreuen. Nur verletzte Wildschweine können wirklich gefährlich werden.

Wildschweine werden bei uns noch im ersten Lebensjahr geschlechtsreif. Mit den pubertierenden Keilern macht die Mutter wohlweislich kurzen Prozess: Sie vertreibt sie energisch aus der Familie. Bald schon leben sie einzelgängerisch und verlassen definitiv das Wohngebiet der Familie, um sich in der Fremde fortzupflanzen. Die Töchter hingegen bleiben bei der Mutter und bilden später mit den gemeinsamen Nachkommen einen Familienverband oder eine Rotte. Alle Mitglieder einer Wildschweinrotte sind also mütterlicherseits verwandt, und in der Regel ist es die älteste Bache, die sogenannte Leitbache, die die Führung übernimmt. Sie ist die zentrale Integrationsfigur der matriarchalisch organisierten Sippe. Das wissen auch die Jäger. Die verantwortungsbewussten werden sie unter allen Umständen schonen. Führende Bachen mit gestreiften Frischlingen sind ohnehin von Gesetzes wegen geschützt. Intakte Sozialverbände leben über Jahre in einem festen Heimgebiet, sind also standorttreu.

Wer mit aufmerksamen Augen durch den Wald streift, stösst auf Suhlen der Wildschweine, diese morastigen Stellen für die kühlenden Schlammbäder im Sommer, und erkennt an den Trittsiegeln die Grösse der Besucher. In der nahen Umgebung sind Baumstämme vom Schlamm getüncht; an diesen sogenannten Malbäumen wird die Schwarte (Fell) ausgiebig geschrubbt. Auch Einschläge der Hauer von Keilern sind ablesbar. Deutliche Wechsel verbinden diese Aktivitätszentren, führen zu Mastbäumen wie Eichen, Edelkastanien, Buchen und in Dickichte, wo verschiedenartige Lager, die Schlafkessel, oder gar ein Wurfkessel anzutreffen sind. Im Frühjahr 1996 wurden in den Wäldern von Riehen und Bettingen bereits mehrere Bachen mit Frischlingen gesichtet.

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