1996

Das Oberdorf - ein beschaulicher Ort der Ruhe

Albin Kaspar

Ein würdevoller Brunnen aus rotem Sandstein weist uns den Weg in die Oberdorfstrasse. Unermüdlich ergiesst sich der Wasserstrahl in den breiten Steintrog. Auf seiner Vorderseite finden wir die Jahreszahl 1867 eingemeisselt. Hier mussten die Hausfrauen und Mägde aus der Umgebung mühsam das kostbare Wasser holen. Hinter dem Brunnen erheben sich heute langgestreckte Mehrfamilienhäuser mit fliessendem Wasser, Badezimmer und Fernseher. Noch vor kaum fünfzig Jahren befand sich an dieser Strassenecke die Rösslikaffeehalle, wo alkoholfreie Getränke zu günstigen Preisen angeboten wurden. Theodor Sarasin-Bischoff, der wohlhabende Eigentümer des gegenüberliegenden Sarasingutes, hatte 1890 diese Kaffeehalle mit einem Bibliotheksraum erbaut und als gemeinnützige Institution für die Riehener Bevölkerung bestimmt.

Wir wenden uns auf der anderen Strassenseite dem «Sängerstübli» zu. Es ist die einzige Wirtschaft im Oberdorf und seit kurzem die älteste noch bestehende in Riehen überhaupt. Ein Jakob Bertschmann von Bettingen hatte sie 1856 eröffnet. Im gleichen Haus betrieb er die offizielle Salzwaage und einen Krämerladen, welcher dem Krämergässchen an der Rückseite seinen Namen gab. Hier trafen sich die Oberdörfler beim abendlichen Schoppen oder bei ihrem Einkauf im «Schaube-Lädeli», genannt nach dem späteren Eigentümer Johannes SchaubBurckhardt.

Das schön restaurierte Eckhaus mit dem schmuckvollen Riegelwerk im oberen Stockwerk markiert, zusammen mit dem gegenüberliegenden Brunnen, einen stimmungsvollen Auftakt zu einem Spaziergang durch die Oberdorfstrasse. Eine kunstvoll geschnitzte Holzsäule an der Hausecke verrät dem aufmerksamen Beobachter das hohe Alter (1745) und den Namen des Erbauers des Gebäudes (M. L. = Marx Löliger). Ein Gang durch die Oberdorfstrasse gleicht einer Reise durch die Geschichte Riehens. Das «obere Dorf» gilt als einer der ältesten Teile unseres Dorfes, als eine der Urzellen unserer Gemeinde. Verschiedenste Epochen und Zeitströmungen haben hier im Laufe der Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen.

Die rechte Strassenseite hinauf stehen noch weitere restaurierte Bauernhäuser. Sie bilden zusammen mit den Gebäuden am Davids- und am Krämergässchen einen verträumten Winkel. Gelungene Renovationen haben sie uns als Zeugen des einstigen dörflichen Charakters erhalten. Sie vermitteln noch jenen Eindruck einer Dorfgasse, wie sie viele Jahrhunderte hindurch das Strassenbild prägte.

Beim Weitergehen versperrt uns plötzlich eine rotweisse Barriere den Weg. Wie eine Schneise zerteilt die Wiesentalbahn das obere Dorf, trennt es noch stärker vom Dorfzentrum mit seinem geschäftigen Leben. Gross war der Unmut der Betroffenen, die der neuen Technik ihre Häuser opfern mussten. Nur gegen heftigen Widerstand vermochten die Erbauer 1862 den Schienenweg hier durchzuführen.

Hinter den Geleisen ragen ein eiserner Gitterzaun mit einem Gittertor und dahinter mächtige Linden empor. In angemessener Zurückhaltung verbirgt sich hier ein herrschaftliches Haus mit einem eindrucksvollen Eingangsportal. Wir stehen vor dem Stammhaus des Diakonissenhauses.

Vor gut vierhundert Jahren erbauten sich an diesem Ort reiche Basler Familien ein Landgut mit einem schön angelegten Park hinter dem Haus. Hier erlabte sich die vornehme Basler Gesellschaft während den heissen Sommermonaten, genoss das angenehme Klima und den reichen Ertrag der Gärten und Reben. Christian Spittler, der unermüdliche Förderer und Gründer christlicher Anstalten, konnte 1852 diese Liegenschaft kaufen und übergab sie der neu gegründeten Diakonissenanstalt und ihrem Spital. Hier wurden Dienerinnen Jesu Christi in Werken der barmherzigen Liebe unterrichtet. Gegen 2000 Diakonissen sind bis heute in das Diakonissenhaus Riehen eingetreten und wurden hier ausgebildet, bevor sie ihren Weg in Spitäler, Heime und Missionsdienste fast auf der ganzen Welt antraten.

Gegenüber auf der anderen Strassenseite grüsst freundlich ein älteres Ehepaar, das dort in seiner Alterswohnung den verdienten Lebensabend geniesst. Einst grüssten von dort vornehme Basler Bürger aus ihrem Landsitz, in welchem sie während der heissen Jahreszeit lustwandelten. Johann Bernhard Socin, ein Basler Ratsherr, hatte sich im 18. Jahrhundert dieses Landgut erbauen lassen. Die Landarmenkommission erwarb die geräumige Liegenschaft mit dem grossen Garten und baute sie 1835 zum sogenannten Landarmenhaus um, einem Vorläufer des späteren Altersheimes. Hier konnten kranke und alte Bürger von Riehen, die mittellos waren, ihren Lebensabend verbringen, jedoch nicht so geruhsam wie heute. Sie mussten tatkräftig mithelfen in der Küche, im Garten und auf dem Felde. Noch heute dient das grosse ökonomiegebäude im grossen Garten dahinter der Bewirtschaftung des umfangreichen Landpfrundgutes. Als an der Inzlingerstrasse das neue Altersheim entstand, wurden die alten Gebäude an der Oberdorfstrasse nutzlos und schliesslich 1959 abgerissen.

Zahlreiche Häuser fielen in jenen Jahren der Spitzhacke zum Opfer. Innert weniger Jahre verschwanden auf der linken Strassenseite beinahe alle noch vorhandenen Bauernhöfe, angefangen von der Rösslikaffeehalle bis oben zum Haus Oberdorfstrasse 53. An deren Stelle erheben sich jetzt zahlreiche Wohnblocks. Das Bild des geruhsamen bäuerlichen Oberdorfes veränderte sich grundlegend. Die Landwirtschaft ging stark zurück, die Bauernhöfe verschwanden. Ausserdem wurde zu jener Zeit die Schützengasse, einst eine der kleinen Nebengassen, die zu den Feldern hinausführten, zu einer bedeutenden Durchfahrtstrasse quer durch das mittlere Oberdorf bis zur Inzlingerstrasse ausgebaut. Der Verkehr nahm lawinenartig zu. Die vielgerühmte Ruhe und Abgeschiedenheit begann zu schwinden.

Erhalten haben sich nur wenige Häuser im oberen Teil der Strasse. Geblieben sind auch die alten Brunnen. Der mittlere, der sogenannte «Füchslinbrunnen», steht heute an der Ecke zur neugebauten Schützengasse. Dahinter erblicken wir eine weitere Alterssiedlung, die grösste auf Riehener Boden. Sie wurde 1970/72 von der Gemeinde erbaut und trägt den Namen «Zu den drei Brunnen». Gemeint sind damit die drei an der Oberdorfstrasse gelegenen Dorfbrunnen, die seit jeher die Bevölkerung mit frischem Quellwasser versorgen.

Mehrere soziale Einrichtungen finden sich hier auf kleinem Raum um diese Brunnen versammelt: Diakonissenhaus, Gemeindespital, Altersheim mit der Alterssiedlung und schräg gegenüber das Bischoffstift. Das letztere entstand als Stiftung von Hieronymus und Dorothea Bischoff-Respinger. Den Basler Landgutsbesitzern hatte gerade das Oberdorf einiges zu verdanken. Die Ehegatten Bischoff-Respinger besassen das Elbs-Birrsche Landgut, die heutige Musikschule. Weil «die Wohnungen für Arme (schon damals) immer seltener und teurer werden», und sie in Riehen «so manche glückliche Tage verlebt haben», Hessen sie um 1860 das Bischoffstift erbauen, ein Mehrfamilienhaus mit einfachen Wohnungen zu niedrigen Mietzinsen. 1890 und 1922 wurde das Stift erweitert und 1980 durchgehend erneuert.

Der obere Teil des Oberdorfes bildet zusammen mit der angrenzenden Sternengasse und dem Stiftsgässchen das Herz des Oberdorfs. Für die Alteingesessenen beginnt das Oberdorf ja erst nach der Eisenbahn. An diesem Ort befand sich noch vor hundert Jahren der uralte Dinghof des Klosters St. Blasien im Schwarzwald. Von hier aus verwaltete der Meier die Klostergüter. Hier versammelten sich die Dinghofleute zum Gericht.

Noch verschiedene andere, zum Teil versteckte alte Bauwerke findet der aufmerksame Betrachter in dieser verwinkelten Gegend. Dazu gehören zum Beispiel die Reste des ehemaligen Burckhardtschen Landgutes, das dritte Landgut an der Oberdorfstrasse (siehe auch Artikel Seiten 4-17 und 18-27). Nicht weit davon entfernt verbirgt sich hinter Bäumen das wohl älteste Riegelhaus von Riehen. Im heutigen Bau erblicken wir noch grosse Teile des im 16. Jahrhundert errichteten Gebäudes. Seit über hundert Jahren gehört es der Familie des gegenwärtigen Besitzers Andreas Wenk. Ein glücklicher Zufall hat es vor dem drohenden Abbruch bewahrt und durch eine geschickte Renovation der Nachwelt erhalten.

Oberhalb des Hauses gewahren wir den dritten Dorfbrunnen. Er wirkt ein wenig abseits und verloren. Einst bildete er den Mittelpunkt der Häusergruppe in diesem obersten Dorfteil, der auch die Häuser an der unteren Schlossgasse und an der Bäumligasse miteinbezog. Zwei Häuser brannten nieder und wurden nicht mehr ersetzt. Dadurch weitete sich der Raum. Die Bäumligasse als alte Verbindung nach Stetten, der Fussweg nach Inzlingen und die Schlossgasse vereinigen sich hier zu einem kleinen Platz. Oberhalb desselben lockt eine kleine Grünanlage. Wir setzen uns auf eine Bank unter die Linde. Ein leises Plätschern weckt alte Erinnerungen. Da fliesst doch der Aubach aus dem Autälchen. Frei und ungebunden floss er einst durch die Strasse hinunter bis zur Bachtelen. Er bildete die eigentliche Lebensader der Strasse und diente zu mancherlei Zwecken. Die moderne Infrastruktur machte ihn überflüssig. Er wurde in Röhren gefasst, unter die verbreiterte Strasse gezwungen und so allmählich vergessen.

Ähnlich abgeschieden, beinahe verträumt, wirkt die Oberdorfstrasse. Gegen alle Widerwärtigkeiten der Zeit versucht sie, ein Ort der Ruhe und der Beschaulichkeit zu sein und zu bleiben.

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