1995

Wenn Bauer, dann bio!

Marlene Minikus

Im saftigen Gras der Wiese gackern, picken und scharren beim Spittelmatthof an die 85 Hennen und, mitten in der Hühnerschar, ein prächtiger Hahn. Das grosse Vordach am stattlichen Hühnerhaus bietet dem Federvieh Schatten für seine Siesta oder trockenen Aufenthalt, wenn's regnet. Ein paar Schritte weiter summt es um die Bienenstöcke, und von den stadtwärts gelegenen offenen, geräumigen Schweineställen her ist hie und da ein leises Grunzen zu hören. Auf der hofnahen, ausgedehnten Weidefläche bewachen Mutterkühe ihre übermütigen Kälber. Vielleicht treffen wir sie aber auch in ihrem tiergerecht hellen und luftigen, grosszügig dimensionierten Lauf stall an oder auf dem Futterplatz vor diesem Stall, der ihnen sowohl volle Bewegungsfreiheit wie auch Rückzugsmöglichkeiten bietet: 33 Mutterkühe sind es und ihre Kälber, vier Tiere in der Nachzucht und - nur durch ein kräftiges Gitter abgetrennt - Beno, der Stier. Der kleine Bub, der ihm eine Handvoll Gras vorwirft, fürchtet das mächtige Tier mit dem Nasenring ebensowenig wie den pechschwarzen Schnurrli, den Strizzy oder den Moritz, die ständigen Haus- und Hofkatzen. Zum Spittelmatthof gehören natürlich auch Betty, die achtjährige Sennenhündin und aufmerksame Wächterin, die den Besucher anmeldet, und die Dachsbracke Gitta, Vater Grabers Jagdhündin.

Der «offene Hof»
Bereits in vierter Generation wird der im Erholungsgebiet zwischen Riehen und Basel gelegene Spittelmatthof von den Brüdern Graber bewirtschaftet: Die Brüder Graber, das sind Fredy Graber-Kull, seine Frau Jolanda und Tochter Rojjana, und Markus Graber-Liechtig, seine Frau Elisabeth und Töchterchen Salome. Auch die Eltern, Jacques und Priscilla Graber-Geiser, von denen die Söhne 1990 die Pacht übernommen haben, helfen bei Bedarf noch tatkräftig mit. Dem Umstand, dass mehrere Familien auf dem Bauernbetrieb tätig sind, ist es zuzuschreiben, dass ein «vertretbares Einkommen» erzielt und die Arbeitsbelastung tragbar gehalten werden kann, so dass auch einmal Ferien möglich sind. Fredy Graber bezweifelt, ob dies mit fremden Angestellten auch zu erreichen wäre.

Der Spittelmatthof wird als «offener Hof» geführt. Grabers setzen auf Transparenz und haben nichts dagegen, wenn einzelne Spaziergänger oder Familien mit Kind und Hund über den Hof schlendern, in die Ställe schauen oder sich auch einfach aufs Bänklein setzen. Die Familien Graber sehen darin eine soziale Aufgabe und führen ihren Hof bewusst als einen «Treffpunkt für die Stadtbevölkerung», obwohl es ihnen gelegentlich, etwa an schönen Sonntagnachmittagen, «schon ein bisschen viel» wird.

«Kumm, mer göhn zu de Säuli!», sagt die junge Mutter, die mit Kinderwagen und Kleinkind vom Spazierweg auf den Spittelmatthof einbiegt. Die knapp 130 Mastschweine sind, ihrer Altersstufe entsprechend, in verschiedenen offenen Ställen untergebracht, die dick mit Stroh ausstaffiert sind, in das sie sich einwühlen können. Die Stallkonstruktion lässt den Tieren - vom Ferkel bis zum schlachtreifen Schwein - viel Bewegungsfreiheit. Manchmal sind sie fast ebenso «wunderfitzig» wie die Buben und Mädchen, die sie betrachten, und kommen grunzend an die Abschrankung. Oft sind auf dem Spittelmatthof gleichzeitig eine ganze Anzahl Erwachsener und kleinerer und grösserer Kinder zu beobachten, die auf dem gastfreundlichen Bauerngut voll Begeisterung den Kontakt mit den Tieren gemessen.

Mit häufigen Hofführungen, gelegentlich samt währschaftem Imbiss mit Lebensmitteln aus eigener Produktion, pflegt Fredy Graber das Image des Bauernstandes und wirbt für die Anliegen des biologischen Landbaus und des Tierschutzes. Mit viel Geduld, Begeisterung und Kompetenz stehen die Pächterfamilien Graber auf dem Spittelmatthof den verschiedenen interessierten Gruppierungen Rede und Antwort: von der Schulklasse, die sich im Unterricht gerade mit ökologischen Fragen auseinandersetzt, bis zu Landwirten, die sich mit dem Gedanken tragen, ihren Betrieb ebenfalls auf «biologisch» umzustellen.

«Dr Bio-Hof z'Rieche» pflegt auch den Direktverkauf seiner Erzeugnisse. Wichtigstes Produkt des Spittelmatthofs ist das Natura Beef. Weitere Hofprodukte im Direktverkauf sind Eier und Honig, für die ausser der Laufkundschaft ein fester Kundenstamm besteht. Des weiteren sind direkt ab Hof auch Brotgetreide - Weizen, Roggen und Dinkel - und saisonale Früchte wie Kirschen oder Zwetschgen erhältlich.

«Wenn Bauer, dann <bio>!»
«Wenn Bauer, dann <bio>!», erklärt Fredy Graber aus fester überzeugung. Nachdem Fredy und Markus den Hof, auf dem sie aufgewachsen waren, von ihrem Vater übernommen hatten, begannen sie mit der drei Jahre dauernden Umstellung zum Biobetrieb. Seit 1993 gilt nun der Spittelmatthof als anerkannter «Knospenbetrieb» und muss als solcher strenge Auflagen erfüllen, deren Einhaltung auch - unangemeldet - kontrolliert wird.

«Als Biobauern produzieren wir <wie früher>, wie der Urgrossvater: ohne <Chemie>», bringt Fredy Graber das Prinzip der biologischen Produktion auf den Punkt. Allerdings verfüge man heute über bessere Geräte und Hilfsmittel als damals. Aus Verantwortung gegenüber den Konsumenten und der Umwelt verzichten die Biobauern aber auf Kunstdünger und Herbizide, Fungizide und Insektizide und dadurch gleichzeitig auch auf überproduktion und auf Rückstände in Lebensmitteln und Böden. Immer mehr Konsumenten teilen heute diese Auffassung und sind bereit, für biologisch erzeugte, gesunde Lebensmittel einen höheren Preis zu bezahlen. Der ist auch gerechtfertigt. Denn einerseits ist der Arbeitsaufwand des Biobauern für seine physiologisch wertvolleren Lebensmittel gegenüber demjenigen für herkömmlich produzierte Erzeugnisse generell höher, während andererseits die Erträge quantitativ um einen Zehntel bis einen Fünftel geringer ausfallen. Deshalb werden Ausgleichszahlungen geleistet. Auch die Gemeinde Riehen zahlt Beiträge für herbizidfreien Getreideanbau.

Dass der sehr anspruchsvolle Beruf des Landwirts und des Bauern nach einer guten, umfassenden und im Minimum vier Jahre dauernden Ausbildung verlangt, die derjenigen in andern Berufen in nichts nachsteht, liegt auf der Hand. Freude an der Natur und Liebe zu den Tieren sind zwar wichtig, genügen aber allein fürs Bauersein nicht. Die Pächter Graber bestätigen: Ohne gründliche Kenntnisse und Weiterbildung in den verschiedensten Sparten ist heute kein Bauernbetrieb zu führen.

Achtung vor der Kreatur, die auf die Bedürfnisse der Tiere Rücksicht nimmt - «eine möglichst tiergerechte Haltung» -, hat für die Grabers besonders hohen Stellenwert. Als Bio-Bauer müsse er die Kühe und Kälber jeden Tag auf die Weide lassen, erklärt Fredy Graber und fügt bei: «Aber das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand!»

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