1995

Riehen und seine Obstbäume

Dominik Zurfluh

Während 300 Jahren prägten Hochstamm-Obstbäume Riehens Landschaftsbild und machten das Dorf bis Mitte dieses Jahrhunderts zu einem grossen Obstgarten. Kirschen und Weintrauben sind die berühmtesten Früchte Riehens. Das Image unserer Gemeinde beruht nicht zuletzt auf den Riehener Kirschen, die als jahreszeitlich erste einheimische Sorte auf den Schweizer Markt gelangen, und denen eine vorzügliche Qualität nachgesagt wird. Ihr Vorkommen und ihre Qualität weisen auf das relativ warme Klima hin. Die Kirschbäume bilden auch den schönsten Schmuck des Ortes, was Emil Iselin mit den Worten ausdrückt: «Die Dorf schaff verschwindet stellenweise fast im Frühjahr im bräutlichen Blütenschnee von Alleen bienenumsummter Kirschbäume.»

Die Vollblüte der Kirsche tritt in der Rheinebene durchschnittlich am 2. April, in Riehen am 4. April und auf St. Chrischona am 14. April ein. Abweichungen vom Durchschnitt können bis zu fünf Wochen betragen, das heisst, dass schon im März das Aufbrechen der Blütenknospen den prachtvollen Blust der Kirschbäume einleiten kann. So beginnt die Kirschenernte in guten Jahren bereits Ende Mai. Damit kommt Riehen den übrigen Kirschengebieten der Schweiz um ungefähr zehn Tage zuvor. Die Preise der frühen Sorten waren lange Zeit recht hoch, und die Früchte fanden reissenden Absatz. Unter den frühen Sorten stand die Jenzierkirsche an erster Stelle, etwas später folgten die roten Herzkirschen, die Stettener und schliesslich die Weichselkirschen. Riehen konnte seine Vorzugsstellung auf dem Kirschenmarkt bis vor ungefähr fünfzig Jahren behaupten.

Inzwischen ist der Wert der erstfrühen Sorten gebrochen worden. Schuld daran sind Kirschenimporte aus Italien und die wenig überzeugende Qualität der Erstfrühen. Schädlinge, Krankheiten (zum Beispiel die Pfeffingerkrankheit) und klimatische Unbill (grosses Absterben 1947 und 1949) trugen ebenfalls zum Rückgang des Kirschenanbaus bei.

Immer weniger Kirschbäume
Zwar ist mit viel Mühe, etwa durch die Umstellung auf Niederstammkulturen und subventionierte Neuanpflanzungen 1950 und 1951, eine Qualitätsverbesserung versucht und partiell auch erreicht worden. Aber Riehen hat sich verändert, und damit wurde auch das Landschaftsbild nachhaltig beeinflusst. Als Folge tiefgreifender Veränderungen in unserem Dorfbann ist der Feld- und Streuobstbau stark gefährdet: Zwischen 1951 und 1989 nahm die Zahl der Hochstamm-Obstbäume von 49621 auf 2074 ab. Vom verbleibenden Bestand wurden zudem 65 Prozent als kränkelnd, krank oder absterbend eingestuft. Die Ursachen für die zahlenmässige Abnahme und den schlechten Zustand der Bäume sind vielfältig. Die Gemeinde ist während dieser Zeit stark gewachsen. Damit hat auch der Baulandbedarf zugenommen. Die verbleibende landwirtschaftliche Fläche wird vermehrt für den Intensivackerbau verwendet. In den möglichst grossen Ackern stören Obstbäume. Um möglichst viel Ackerfläche zu erhalten, wird auch im Wurzelbereich der Bäume gepflügt. Schon nach kurzer Zeit stirbt der Baum ab, und der Acker ist wieder ein Stück grösser.

Massgebend an der massiven gesamtschweizerischen Reduktion der Obstbäume beteiligt war aber die eidgenössische Alkoholverwaltung. Durch ihre kurzsichtige Handlungsweise - das Ausrichten von Fällprämien - ging der Schweizerische Obstbaumbestand im gleichen Zeitraum von einstmals 16 Millionen auf fünf Millionen zurück. Da die Obstbauern für das Fällen der Bäume Geld bekamen, für die aufwendige und arbeitsintensive Pflege aber keinen Rappen sahen, wurden etliche Obstsorten ausgerottet oder bis auf fast unauffindbare Einzelexemplare dezimiert. Diese schicksalhafte Entwicklung ist uns erst heute richtig bewusst geworden.

Verschiedene Stressfaktoren begünstigen Obstbaumsterben
Die verbleibenden Bäume wurden zudem immer weniger und unsachgemässer gepflegt. Da die Flächen zwischen den Obstbäumen auch als Mähwiesen genutzt werden, entstehen beim Mähen mit landwirtschaftlichen Maschinen Anfahrschäden. Oft wird aus arbeitstechnischen Gründen mit dem Ladewagen zu nahe an die Krone gefahren, so dass grössere äste abgerissen werden. Diese und andere Verletzungen sind Infektionsstellen für Krankheiten und Pilze.

Die Grundwasserabsenkungen sowie die sich ständig verändernden Grundwasserstände - verursacht durch die
Hochstammobstbaum-Bestand
  1951 1961 1971 1981 1989 1994
Kirsche 7 575 5 718 1 273 839 542 644
Zwetschgen 12813 7 950 784 555 346 462
Apfel 11 689 8 956 567 434 289 476
Birnen 8316 5 343 117 97 89 160
Nussbäume 1 154 951 60 107 55 136
Weitere 8 074 4 492 53 42 27 111
Total 49 621 33 410 2 854 2 074 1 348 1 989
Wasseraufbereitungsanlagen unseres Kantons - sind ein zusätzlicher Stressfaktor, den mancher Baum nicht überlebte. Als weiterer «Glanzpunkt» unserer verfehlten Agrarpolitik ist noch die Milchwirtschaft aufzuführen. Durch die Milchpreisgarantie entstanden immer grössere Milchkuhbestände. Deshalb werden Parzellen mit Feldobstbäumen als Weide genutzt. Bei starkem Regen oder sengender Sonne sucht das Vieh gerne Schutz unter den Schatten spendenden Baumkronen. Durch Kratzen und Fegen fügen die Tiere den Stämmen beträchtlichen Schaden zu. Mit den Hufen verletzen sie den Wurzelhals, und durch langes Treten unter den Bäumen verdichten sie den Boden. Ein um den Stamm gewickelter Stacheldraht tut dem Spieltrieb der Tiere keinen Abbruch - im Gegenteil, sie fühlen sich erst recht animiert, mit ihren Hörnern den Stamm zu bearbeiten. Damit können sie die Rinde an den Bäumen so stark verletzen, dass diese innert weniger Wochen absterben. Mögliche und wirksame Baumschutzmassnahmen werden in den meisten Fällen aus wirtschaftlichen Gründen unterlassen.

Schäden durch Mäuse
Kaum jemandem ist heute noch bekannt, dass es früher einmal den Beruf des Mausers gegeben hat. In der Gemeinde Riehen kennt man zwar noch immer die Mäuseschwanzprämie, die aber kaum mehr in Anspruch genommen wird. Wegen der fehlenden Mäusebekämpfung sowie durch das Verschwinden der natürlichen Feinde konnten sich vor allem zwei Mausarten stark vermehren, die unsere Obstanlagen schwerwiegend schädigen können: die Wühl- oder Schermaus (Arvicola Terrestris) und die Feld- oder Springmaus (Microtis arvalis). Die Feldmaus benagt die Rinde unmittelbar über der Erdoberfläche und kann selbst stattliche Bäume im vollen Ertrag stark schädigen und zum Absterben bringen. Der Feldmausbefall ist im Frühling besonders gut an den oberirdischen Laufgängen zu erkennen. Sauberes Mähen, insbesondere im Spätherbst, vermindert die Einnistung der Feldmäuse. Der schlimmste Wurzelschädling für unsere Obstbäume ist jedoch die Wühlmaus. Ihr Auftreten ist an den oft dicht unter der Erdoberfläche verlaufenden, mit Erdauswürfen versehenen Wühlgängen zu erkennen. Die Wühlmaus bevorzugt frische, saftige Wurzeln an jungen und alten Bäumen und kann mit ihren Nagezähnen die Rinde von der Baumwurzel bis zum Stamm völlig abnagen.

Die sich laufend verschlechternden Umweltbedingungen machen den Bäumen ebenfalls mehr und mehr zu schaffen. Der Schädlingsbefall wird immer stärker, und Krankheiten greifen immer weiter um sich. Schorf, Mehltau und krebserregende Pilze werden immer häufiger registriert. Der Obstbaumkrebs gelangt durch Wunden in das Holz und veranlasst das Gewebe zu krebsartigen Wucherungen. Von einer Infektionsstelle kann sich der Pilz über mehrere Zentimeter ausbreiten und die Rinde völlig zerstören. Bei Birnen tritt der Gitterrost immer häufiger auf. Bei starkem Befall werden die Früchte abgeworfen. Die Zunahme dieser Krankheit ist auf die vermehrte Anpflanzung von Wacholdern während den 70er und 80er Jahren in den Hausgärten und Parkanlagen zurückzu führen. In den öffentlichen Grünanlagen wurden die Sorten, welche als Wirtspflanzen in Frage kommen, wieder ausgerissen. In den Hausgärten werden trotz Einfuhrverbotes nach wie vor neue Pflanzen gesetzt. Der HalimaschPilz verursacht seit langem immer wieder Ausfälle bei fast allen verholzten Pflanzen. Bakterienbrand und Feuerbrand Monilia sind weitere Bakterienkrankheiten. Die Pfeffingerkrankheit, die in Riehen wohl bekannteste Viruskrankheit, schädigt nicht nur den Kirschbaum, sie verseucht auch den Boden, so dass es am gleichen Standort über Jahrzehnte nicht mehr möglich ist, nochmals Kirschbäume zu pflanzen.

Die Folgen dieses Handelns sind klar sichtbar. Abgestorbene oder gefällte Hochstämmer wurden immer seltener ersetzt. Die baumfreien Flächen nahmen zu, der verbleibende Bestand überalterte laufend. Die historisch gewachsene Kulturlandschaft Riehens verarmte zusehends. Damit verminderte sich auch die Qualität des Naherholungsgebietes Riehens. Noch nicht sichtbar, aber um so bedeutender ist, dass das ökologische Gleichgewicht immer weiter zerstört wurde und noch wird.

Durch diese Umwandlung der Landschaft verliert die Bevölkerung und vor allem die Jugend zunehmend den Bezug zur Natur und zu einer umweltbewussten Landwirtschaft. Das Obst wird zum anonymen Produkt, das aus dem Ausland oder einer Obstfabrik (eingezäunte Niederstamm-Intensivkulturen) stammt.

Die Umstellung auf einen intensiven Obstbau mit Niederstammkulturen in Reih und Glied ist aus landwirtschaftlicher Sicht verständlich, sie verändert jedoch das Landschaftsbild einschneidend. Es ist abzusehen, wie trostlos und steril eine Felder-, Wiesen- und Ackerlandschaft ohne Obstbäume in Zukunft aussehen könnte.

Gemeinde fördert Anbau von Hochstamm-Obstbäumen
Die Kehrtwende in dieser Situation brachte 1984 für Riehen der Anzug von Kari Senn betreffend Schutz und Erhaltung von Hochstamm-Obstanlagen. Dem Gemeinderat war die prekäre Lage der Riehener Obstbäume nicht unbekannt. Mit wachsender Besorgnis verfolgte er das Verschwinden der Hochstammkulturen, das vor allem im Grundwasserschutzgebiet der Breitmatten, Hüslimatten und Zwischen Teichen augenfällig manifest wurde. Aber auch im Mittelfeld sind die einst so zahlreichen Hochstämmer fast ganz verschwunden. Der Gemeinderat nahm deshalb den Anzug zum Anlass, von der Firma Tilia AG in Zusammenarbeit mit der Gemeindegärtnerei ein Gutachten über die Möglichkeit der Erhaltung einer minimalen Anzahl Hochstamm-Obstbäume in Riehen ausarbeiten zu lassen.

Gestützt auf dieses Gutachten über die Bedeutung und den Zustand der Riehener Hochstamm-Obstbäume vom März 1987 und auf die Empfehlungen der gemeinderätlichen Obst- und Rebbaukommission beschloss der Gemeinderat im September 1988 verschiedene Massnahmen. Ziel ist die langfristige Erhaltung von mindestens 1500 Hochstamm-Obstbäumen in landwirtschaftlich genutzten Zonen im Gemeindegebiet Riehen. Dieses Ziel versucht man vor allem mit einer finanziellen Beihilfe an die Bewirtschafter von Hochstamm-Obstbäumen zu erreichen. In jährlichen Pflanzaktionen werden Jungbäume zum symbolischen Preis von zehn Franken abgegeben; für regelmässig geschnittene Bäume wird frühestens im fünften Jahr nach der Pflanzung eine jährliche Pflegeprämie von 30 Franken (heute 36 Franken) entrichtet. Weitere Massnahmen sind:
- Aufnahme eines Inventars der durch Pfeffingerkrankheit verseuchten Standorte
- Pflanzenschutzkonzept für die Grundwasserschutzzone
- Führen eines Hochstammbaum-Katasters zur Kontrolle und Ergänzung von Daten sowie für Erkenntnisse der weiteren Entwicklung
- Anschaffung eines Blattnassschreibers als Schorfwarngerät
- Beiträge zur Förderung der öffentlichkeitsarbeit und Verkaufs- oder Verteilaktionen mit Hochstammobst durch interessierte Organisationen.

Die Hochstamm-Pflanzaktionen sind bisher sehr erfolgreich verlaufen. 1992 wurde das Ziel, 1500 Hochstamm-Obstbäume zu erhalten, erstmals erreicht. Die Bäume sind aber noch immer stark überaltert und in einem schlechten Zustand. Von 1989 bis 1994 wurden von der Gemeindegärtnerei insgesamt 434 Jungbäume abgegeben. Und 1995 wurde gar zu einem eigentlichen Hoffnungsjahr; noch nie wurden soviele Jungbäume gepflanzt.

Zu den Hochstamm-Obstbäumen zählen Apfel-, Birn-, Kirsch-, Zwetschgen-, Pflaumen-, Pfirsich-, Aprikosen-, Quitten- und Nussbaum, dessen ausgewachsene Stammlänge (Boden bis Kronenansatz) mindestens 150 Zentimeter beträgt. Er hat eine natürliche Kronenform (Mitteltrieb und drei bis fünf Leitäste), weder Fächer- noch Spalier- noch Buschform. Der Pflanzabstand zwischen Einzelbäumen beträgt mindestens acht Meter; Gruppen von maximal sieben Obstbäumen können enger zusammenstehen.


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