1995

Junge Riehener Sportlerinnen: Zwei Eisprinzessinnen ohne Illusionen

Yvonne Reck Schöni

Junge Riehener Sportlerinnen: Zwei «Eisprinzessinnen» ohne Illusionen Fünf Minuten nach zwölf. Es hat geläutet. Schüler und Schülerinnen des Bäumlihofgymnasiums stürmen, schlendern, schlurfen aus dem grauen Betonklotz - nicht alle haben es gleich eilig. Die einen schwingen sich aufs Velo oder Mofa, andere bewegen sich Richtung Bushaltestelle, wenige wohnen in der Nähe und gehen zu Fuss heim. Da und dort stehen noch Grüppchen beieinander. Tratschen und klönen, ernsthaft diskutieren oder einfach nur blödeln - auch das gehört zum Schulalltag.

Caroline und Kathrin Heitz aus Riehen sind längst weg. Sie gehören zu jenen, die es nach Schulschluss immer eilig haben. Für den Klassentratsch muss ihnen in der Regel die Pausenzeit genügen. Denn punkt 12.05 Uhr werden sie von ihrer Mutter mit dem Auto abgeholt. Nicht weil die beiden Mädchen zu bequem wären, selbständig nach Hause zu gehen, oder weil Mutter Annekäthi Heitz ihre Töchter übermässig behütete. Der Grund für den täglichen Service ist das etwas ausgefallene und sehr aufwendige Hobby der beiden Teenager: sie sind Eiskunstläuferinnen. Davon gibt es noch andere, aber die Geschwister Heitz sind ein bisschen talentierter als andere in der Region. Und ein bisschen ehrgeiziger.

Wörth-Lernen im Auto
Wenn Mutter Heitz jeden Tag die zwölfjährige Caroline und die eineinhalb Jahre ältere Kathrin vom Gymi abholt, dann tut sie dies, um die beiden auf die Kunsteisbahn St. Margarethen zu chauffieren, dort gute anderthalb Stunden zu warten, bis das Training zu Ende ist, und sie anschliessend wieder zur Schule oder eben nach Hause zu bringen. Mittagessen gibt's im Auto. Frau Heitz gehört gewiss zu den routiniertesten Sandwich-Streicherinnen von Riehen. Sechs Lektionen, verteilt auf fünf Tage - soweit der Trainingsplan von Kathrin und Caroline im Winter, wenn die Basler Eisbahn offen ist. Fast noch aufwendiger wird es in der Zwischensaison. Wer im Eiskunstlauf etwas erreichen will, kann es sich nicht leisten, von März bis Oktober die Schlittschuhe aufs Eis zu legen.

Im März hat immerhin noch die Eishalle im deutschen Weil am Rhein offen, anschliessend gönnt man sich eine sechswöchige Trainingspause. Vor und nach den Sommerferien aber bleibt nur noch die Sporthalle im elsässischen Mulhouse. Das bedeutet: eine Stunde Hinfahrt, meist im abendlichen Stossverkehr, denn das Training beginnt um halb sechs, zwei Stunden warten am respektive trainieren auf dem Eisfeld, eine knappe Stunde Rückfahrt. Und das dreimal pro Woche. Am Wochenende geht es zur Abwechslung auch mal in Eishallen nach Laufen oder Olfen. Während der Autofahrten lernen die beiden Franzi-, Englisch- oder Lati-Wörtli, so ist die Zeit nicht ganz verloren. Viel Musse für weitere Hobbys, ausgiebige Stadtbummel mit Freundinnen oder sonstige Aktivitäten, bleibt da natürlich nicht.

Macht das wirklich Spass?
Die Frage drängt sich auf: «Stinkt euch das nicht manchmal? Habt ihr nie das Gefühl, bei so intensivem Training etwas zu verpassen?» Nein, überhaupt nicht, tönt es unisono aus den Mündern von Kathrin und Caroline. «Das Eislaufen macht uns einfach riesig Spass.» Punkt. Die zwei Mädchen bemühen sich gar nicht erst um weitere Argumente. Und die strahlenden Gesichter, die Offenheit und Spontaneität der beiden im Gespräch geben keinen Anlass, an ihrer echten Begeisterung zu zweifeln.

Ein einziges Mal nur, erzählt Kathrin, hätten sie eine Krise gehabt. Das war im sommerlichen Trainingslager in Grindelwald. «Da hat uns der Trainer tagelang nur angeschrien, so sehr wir uns auch anstrengten. Da haben meine Schwester und ich schon zu überlegen begonnen, was unsere nächste Sportart wird. Aber Ende Lager war der Trainer wieder nett.»

Schon eher Mühe mit dem Wahnsinnsaufwand hat Mutter Heitz. Ihr Engagement als Chauffeuse ist enorm. Und das ist noch nicht mal alles. An ihr liegt es auch, sich mit anderen Eltern um das gemeinsame Mieten von Eisfeldern zu kümmern, Lermine mit dem in Luzern lebenden Trainer zu koordinieren, mit der Schneiderin die Wettkampfkleidchen zu besprechen, wieder und wieder den Lunch einzupacken und vor allem zu warten, warten, warten... «Es ist ein eigentlicher Halbtagesjob», so Annekäthi Heitz. «Manchmal hängt's mir schon zum Hals heraus.» Auf der anderen Seite ist da die Freude darüber, dass die Mädchen etwas Vernünftiges machen, sich für etwas engagieren, nicht nur so herumhängen.

Nicht im Traum an sowas gedacht...
Der Verdacht, Frau Heitz gehöre zu jenen übereifrigen, karrieresüchtigen Eislaufmüttern, die ihre Töchter als künftige Eisprinzessinnen sehen, gar verpasste Mädchenträume im eigenen Nachwuchs verwirklichen möchten, so wie man das eben aus den Medien hinlänglich kennt, dieser Verdacht kommt bei ihr gar nicht erst auf. Nie im Leben hätte sich die Naturwissenschafterin träumen lassen, dass sich ihre Mädchen einmal dem Eiskunstlauf verschreiben würden. Eher dachte sie, dass aus ihren Töchtern dereinst Schwimmerinnen würden, denn ins Schwimmen gingen sie schon, bevor sie das Eis entdeckten. Nun denn - der sportliche Werdegang verlief anders als erwartet. Und irgendwann gab es auch kein Zurück mehr. Wenn man einmal so viel investiert hat, die Töchter unaufhörlich Fortschritte machen, die Freude am Sport ungebrochen ist - wer könnte da plötzlich sagen: «So, ab heute mag ich nicht mehr. Schaut selber, wie ihr euch arrangiert...»

Angefangen hat alles beim Fangisspielen auf der Kunsteisbahn Eglisee. Fünf respektive knapp sieben Jahre alt waren die beiden Maitli bei ihren ersten, wackligen Versuchen auf dem rutschigen Element. Weil sie grossen Spass am Eislaufen hatten, durften sie einen KinderGruppenkurs am Mittwochnachmittag besuchen. Die Heitz-Mädchen fielen auf. Sie lernten alles ein bisschen schneller, guckten sich Dinge von den älteren ab und machten es nach. Die Kursleiterin, der das Talent natürlich nicht entging, schlug Privatlektionen vor. Zunächst war es die nun achtjährige Kathrin, die einmal pro Woche zwanzig Minuten lang Privatunterricht auf der Kunsti St. Margarethen erhielt. Ein Jahr später trat auch Caroline in die Fussstapfen ihrer «grossen» Schwester. Von da an nahm die Sache ihren Lauf. Zwei Lektionen im zweiten Winter, dann der erste von sechs Tests: Inter-Bronce. Es folgten Bronce, Inter-Silber, dann Silber, wo Kathrin jetzt steht. Ihr nächstes grosses Ziel ist in Griffnähe, es heisst Inter-Gold. Schafft sie das diesen Winter, dann ist sie die jüngste Eisläuferin der Region auf diesem Niveau.

Sowohl Kathrin als auch Caroline sind heute SEV-Läuferinnen (SEV = Schweizer Eislaufverband), das heisst, sie sind aufgrund ihrer bestandenen Tests und ihres Alters zu den Qualifikationen für die Schweizer Meisterschaft zugelassen - ein beachtlicher Erfolg.

Strenge Tests erfordern starke Nerven
Jeder Test ist ein Nervenkrieg par excellence. Da geht man nicht einfach aufs nächstbeste Eisfeld und zeigt, was man kann, so wie wir das vielleicht vom Krebsli- oder FröschliTest im Schwimmen kennen. «Für den Silber-Test mussten wir zum Beispiel nach La Chaux-de-Fonds», erzählt Kathrin. Aufstehen um fünf Uhr früh, Hinfahrt mit Eltern und Lrainer, dort angekommen erstes Vorführen der geforderten Pirouetten und Sprünge. «15 von 25 schafften das und durften anschliessend ihre Kür laufen. Ich kam als erste dran.» Das sei zwar nicht unbedingt ein Vorteil, aber «so hatte ich keine Zeit, nervös zu werden». Strenge Preisrichter bewerten die jungen Sportlerinnen und Sportler. Wird sauber gefahren? Sind genug Sprünge im Programm - gestandene, versteht sich? Drehen die Pirouetten schnell und rund genug? Nur fünf der 25 Angereisten gingen mit dem begehrten Silber nach Hause. Eine glückliche Kathrin gehörte dazu, nicht zuletzt wohl wegen ihrer ausserordentlichen Sprungstärke. Für die anderen gilt: ausser Spesen nichts gewesen. Nächster Versuch im nächsten Jahr.

In der vergangenen Saison 1994/95, bei den Qualifikationen für die Schweizer Meisterschaft, startete Kathrin in der Kategorie «Nachwuchs», Caroline bei der «Jugend». Beide erreichten in ihrer Gruppe den 14. Rang; die ersten neun waren für die Teilnahme an der Schweizer Meisterschaft qualifiziert. Vielleicht klappt es in diesem Winter? Regionale Konkurrenz jedenfalls kennen die HeitzSchwestern kaum. Die Eislauftalente in der Region Basel sind dünn gesät. Das hat nicht zuletzt mit den strukturellen Bedingungen in Basel zu tun. «Andere Regionen, wo ganzjährig Eis zur Verfügung steht, haben klare Vorteile», betont Annekäthi Heitz. Basel sei diesbezüglich Provinz.

Die jüngere Caroline ist genauso begabt wie ihre Schwester, absolviert grundsätzlich das gleiche Programm, nur eben alles ein Jahr später. Während Kathrin eher die sportliche, zielstrebige Läuferin ist, liegen Carolines Stärken besonders im künstlerischen Ausdruck. Und wie geht das nun weiter? Träumen die beiden von einer Eislaufkarriere à la Denise Biellmann? Mitnichten. Dazu sind die intelligenten Mädchen viel zu realistisch. Was Kathrin wirklich noch erreichen möchte, ist der Gold-Test. Das dürfte für Caroline dereinst nicht anders sein. Dazwischen aber liegen noch Hunderte von Lektionen, noch mehr Trainingsstunden, diverse Clubmeisterschaften und zahlreiche Wettkämpfe wie «Säntis-Cup», «Eiger-Trophy», «Goldener Schneeball» und wie sie alle heissen.

Gute Lebensschule
Noch wichtiger als die ganze Eislauferei aber ist für beide die Schule. Sie sind sehr gute Schülerinnen, sonst hätten die Eltern wohl schon längst interveniert. Und dadurch, dass die Freizeit der beiden Mädchen arg eingeschränkt ist, arbeiten sie um so effizienter an ihren Schulaufgaben. «Sie wissen einfach, dass ihnen nicht viel Zeit dazu bleibt», sagt Annekäthi Heitz.

Die Eltern, beide Botaniker, freuen sich darüber, dass ihre Töchter auch im naturwissenschaftlichen Bereich sehr interessiert sind. Auf Exkursionen und Bergtouren in den Ferien oder an Wochenenden kommen sie begeistert mit. Kathrin zeigt überdies grosses Interesse an Sprachen. Die Eislauferfolge haben den beiden den Kopf also nicht verdreht. Das Berufsziel «Eisprinzessin» steht nicht zur Diskussion.

Ähnlich nüchtern beurteilt auch der technisch versierte Trainer Zdenek Dolezal, ein 64jähriger Tscheche, die Zukunftsaussichten der HeitzTöchter. Sein Urteil: «Sie liegen irgendwo zwischen überdurchschnittlicher Begabung und Talent.» Denn Talente, so nennt der einstige Europameister und Vize-Weltmeister im Paarlauf (1958) nur gerade Ausnahmekönnerinnen wie eben eine Denise Biellmann.

Den Eltern Heitz ist das nur recht. Sie haben die Mädchen ohnehin nie in den Spitzensport gedrängt. Dennoch kann Annekäthi Heitz den sportlichen Ambitionen ihrer Töchter viele gute Seiten abgewinnen: «Dadurch haben sie viel an Lebenserfahrung gewonnen, etwa die Erkenntnis, dass Konsequenz, Ausdauer und Exaktheit zum Erfolg führen. Sie haben gelernt, ihre Zeit einzuteilen. Oder auch, sich selbst zu überwinden. Denn bei so einer Kür auf dem Eis ist man schon auf sich allein gestellt.» So gesehen hat sich für die Familie all der zeitliche Aufwand, das persönliche Engagement, das Mitfiebern und Mitleiden - von den enormen Kosten ganz zu schweigen gelohnt. So oder so. Ob sich nun weitere sportliche Erfolge einstellen oder nicht.

Personen
Annekäthi Heitz-Weniger (*1948)
Kathrin Heitz (*1981)
Caroline Heitz (*1983)
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