1995

Aus Liebe zur Musik: Emil Würmli komponiert Märsche

Judith Fischer

Suchend gleiten seine Finger über die Tasten der elektrischen Orgel. «Akkorde einfangen» nennt Emil Würmli sein Tun. Konzentriert und aufrecht sitzt er auf seinem Stuhl und taucht ein in die Welt der Klänge von Flöte oder Klarinette, Trompete oder Posaune. «Schön, nicht wahr?» Emil Würmli lauscht einen Augenblick lang dem warmen Flötenton. Dann zieht er neue Register und lässt seine Finger weitere Akkorde einfangen. Der 75jährige ist fasziniert von den technischen Raffinessen der Orgel, ergänzt aber fast entschuldigend, dass er sie nicht ausnutzen würde. Er brauche sie lediglich als Hilfsmittel für seine Kompositionen.

Emil Wiirmlis grosse Leidenschaft ist das Komponieren von Märschen, Polkas, Walzern und Ländlern. Mit dem Marsch «Frohes Wiederseh'n» gelang ihm 1956 der grosse Durchbruch als Komponist. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ja, er sei stolz darauf, dass dieser Marsch noch immer im Radiowunschkonzert von Radiohörerinnen und -hörern gewünscht werde. Gerne erzählt er auch von seinem ersten Marsch, dem «Marsch des Gebirgsschützen-Bataillons 8».

Komponieren ist ein «Chrampf»
Als Emil Würmli als junger Trompeter im Militärspiel im Schützenbataillon 8 spielte, setzte sich in seinem Kopf eine eigene Melodie fest, die er zu einem Marsch ausbauen wollte. Noch nicht sattelfest in der Harmonielehre war er allerdings auf Hilfe angewiesen: Er Hess sein selbstkomponiertes Stück von Carl Friedemann gegen Bezahlung bearbeiten. Damit hatte er Gewähr für Qualität, denn Carl Friedemann war als Dirigent der Stadtmusik Bern und als Lehrer am Konservatorium ein ausgewiesener Fachmann. Der Marsch wurde verlegt, und Emil Würmlis Leidenschaft war entfacht. Fortan vertiefte er sich in die Gesetze der Harmonielehre und eignete sich die Kenntnisse an, die zum Komponieren notwendig sind.

Die Melodie für ein Stück findet er auf Spaziergängen draussen in der Natur. Zuerst offenbart sie sich ihm als vage Vorstellung, bis er sie pfeifend und trällernd fassbar machen kann. Wieder zu Hause - Emil Würmli zog 1952 nach Riehen, wo seine Kinder aufwuchsen und wo er heute zusammen mit seiner Frau lebt - folgt seine Lieblingsarbeit. Er skizziert ein ungefähres Notenbild der Melodie und stellt eine Rohfassung der Direktionsstimme her. Diese Arbeit sei sehr kreativ, erzählt Emil Würmli. Danach komme allerdings der grosse «Chrampf». Aufgrund der Rohfassung muss er nun 30 bis 33 Einzelstimmen anfertigen. Während rund 120 Arbeitsstunden beugt er sich deshalb über sein Pult und füllt mit feinsäuberlicher Tintenschrift Notenblatt um Notenblatt. Weitere vier Tage sind nötig, bis er in der Endfassung der Direktionsstimme die letzte Note setzen kann. Dann darf er sich endlich Musse gönnen, kann sich zurücklehnen und einem eigenen Marsch lauschen, der auf Schallplatte, Tonband oder CD aufgenommen wurde.

Die Einleitung ist bereits verklungen, eben schwingt sich die Melodie im Hauptteil in die Höhe. Sie wird getragen von der Solotrompete. Anerkennung leuchtet aus Emil Würmlis Augen hervor. Als ehemaliger Trompeter weiss er, wie schwierig es ist, dem Instrument solch reine Töne zu entlocken.

Trompeter im Mittelalter Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Trompeter einst eine besondere Stellung unter den Musikern eingenommen hatten und dass die heutige Blasmusik sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich durch Erfindungen im Instrumentenbau und durch politisch-gesellschaftliche Veränderungen entstanden ist.

Die Trompete hatte sich zusammen mit der Pauke im ausgehenden Mittelalter an den Fürstenhöfen etabliert. Ihre Musik war dem Adel und den Kavallerien der Fürsten vorbehalten. Die Trompeter gehörten zu den angesehensten Musikern jener Zeit und erhielten die höchsten Löhne. An den Höfen erfüllten sie zeremonielle und repräsentative Aufgaben, während sie bei Kriegen und Feldzügen dem berittenen Heer Signale zum Vormarsch oder Rückzug übermittelten. Im Gegensatz zu der Kriegsmusik der berittenen Heere setzte sich die Musik der Fusstruppen aus Querpfeifern und Trommlern zusam men. Daneben fanden sich am Hof der Burgunder Herzöge feste Bläserformationen, die Bläser-Alta. Diese spielten Freiluft- und Tanzmusik mit Posaunen, Zinken, Schalmeien und Bomharten. Ebenfalls im Mittelalter entwickelten sich mit dem Aufkommen der Städte Stadtpfeifer- und Ratsmusiken. Sie wurden bei Amtshandlungen und Festlichkeiten der Bürger eingesetzt.

Einen Markstein in der Geschichte der heutigen Blasorchester setzte die Französische Revolution. Bürger und Bauern pochten auf ihre Rechte. Mit den Schlagworten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versammelten sie sich zu Massendemonstrationen. Die bisher zu militärischen und repräsentativen Zwecken eingesetzten kleineren Blasmusikformationen formierten sich zu grossen Orchestern. Damit waren sie lautgewaltig genug, das Stimmengewirr der Menschenmassen zu übertönen. Zeitgenössische Komponisten schrieben neue Musikstücke mit politischen Ideen und schufen eine eigentliche «Reformationsmusik». Diese stiess bei der Bevölkerung auf grosse Begeisterung.

Bildung von Laienorchestern anfangs des 19. Jahrhunderts
In der Schweiz wurde diese Musik bekannt, als 1798 französische Besatzungstruppen einmarschierten. Sie brachten klanggewaltige Militärkapellen mit, von denen sich auch die Schweizer Bevölkerung mitreissen liess. Bald wurden nach dem Vorbild der französischen Kapellen die ersten Stadtmusiken gegründet. In diesen Stadtmusiken spielten in der Regel Profimusiker. Bald wollten aber auch die Bauern und Städter, die von den Ideen der Französischen Revolution beflügelt waren, aktiv am Musikgeschehen teilnehmen. Sie postulierten Vereinsfreiheit. In dieser Situation kam ihnen eine Erfindung im Instrumentenbau entgegen. Um 1813 wurden die Ventile für Blechblasinstrumente erfunden, womit es wesentlich leichter wurde, ein Instrument zu erlernen. Der Bildung von Laienorchestern stand nichts mehr im Wege, und es entstanden zahlreiche Blech-, Harmonie-, Bürger-, Feld-, Stadt- und Dorfmusiken.

Musikalische Vorbilder in der Familie
Mit vielen dieser Orchester ist Emil Würmli verbunden. Einerseits haben sie seine Märsche in ihr Marschrepertoire aufgenommen, andererseits spielte er selbst als Trompeter nicht nur im Militär, sondern auch in verschiedenen Blas Orchestern mit: In der Region Basel waren dies die Stadtmusik Basel, die Zoll- und Polizeimusik und die «Rhybuebe», die er aus einer Formation der Polizeimusik mitgegründet hatte. Zuvor war er in den jeweiligen Musikvereinen seines Wohnortes tätig gewesen. Seine ersten Orchestererfahrungen hatte er als Knabe in der Musikgesellschaft «Alpenrösli» in Gommiswald (Kanton St. Gallen) gemacht. Vorbild war ihm nicht nur sein Vater, der das «Alpenrösli» dirigierte, sondern auch seine Mutter und Verwandte, die sich musikalisch betätigten. Das Musizieren wurde Emil Würmlis Lieblingsbeschäftigung.

Beruflich ging er jedoch andere Wege. Als gelernter Herrencoiffeur arbeitete er zuerst an verschiedenen Orten der Schweiz, bis er sich 1944 in Liestal zum Grenzwächter ausbilden liess. 1946 erfolgte erneut ein Berufswechsel: Emil Würmli wurde Polizist. Als solcher war er auf den Polizeiwachen «Spiegelhof», «Horburg», «Clara» und während über zehn Jahren in Riehen stationiert. Aus gesundheitlichen Gründen wurde ein letzter Wechsel notwendig, und Emil WürmIi arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Detektiv bei der Basler Jugendanwaltschaft.

Emil Würmli erinnert sich lebhaft daran, wie er sich in all seinen Berufsjahren immer gegen Vorgesetzte hatte durchsetzen müssen. Einst sei er von starken Kopfschmerzen geplagt gewesen und habe deshalb während des Dienstes in einem Café eine Tasse Kaffee getrunken. Ein solches «Vergehen» habe ein eifriger Vorgesetzter nicht dulden können. Dieser habe sich hingesetzt und «einen Schauerroman auf seiner Schreibmaschine» verfasst. Erholung von solchen Ereignissen fand Emil Würmli in der Musik. «Beim Komponieren bin ich mein ei gener Herr und Meister. Niemand kann mir hier dreinreden.»

Ständiger Kampf um Anerkennung
Emil Würmli sind allerdings auch in der Musikwelt die Lorbeeren nicht in den Schoss gefallen. Neid und Missgunst seien seine ständigen Begleiter gewesen. Vertrugen es «seinesgleichen» nicht, dass er sich als Trompeter aus den eigenen Reihen ans Komponieren wagte, so äugten die musikalisch Geschulten misstrauisch auf den «Emporkömmling». Ohne Musikstudium im Hintergrund habe er immer um Anerkennung bei den Profi-Musikern kämpfen müssen.

Doch Emil Würmli liess sich nicht beirren. Er komponiert nun bereits sein 130. Werk. In Blasmusikkreisen ist er bekannt, und für sein musikalisches Schaffen hat er schon mehrere Preise erhalten. Stolz ist er auf den «FolkloreTeil», den er im Fernsehstudio des Schweizer Fernsehens entgegennehmen durfte. Die Erinnerung an eine lustige Geschichte, die sich im Studio ereignet hatte, zaubert auf seinem Gesicht tiefe Lachfalten hervor. Dann setzt er sich zufrieden wieder vor seine elektrische Orgel und fährt fort «Akkorde einzufangen». Mit seinem inneren Ohr scheint er bereits das Blasorchester zu hören, das seinen Noten Leben einhauchen wird.

Literatur
Alfred Benz: «Zum Thema Blasmusik», in Sales Kleeb (Hrsg.) u.a., A. Benz - Ein Leben für die Blasmusik, Zürich 1990 Walter Biber, «Aus der Geschichte der Militärmusikkorps in der Schweiz», in: Ders.
Wolfgang und Armin Suppan, «Das neue Lexikon des Blasmusikwesens», Freiburg und Tiengen "1994: Blasmusikverlag Schulz GMBH.

Mündliche Hinweise über die geschichtlichen Zusammenhänge erhielt ich von Baidur Brönnimann, Dirigent der Metallharmonie Binningen und der Stadtmusik Laufen.


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