1995

Als Riehen noch ein Bauerndorf war

Lukrezia Seiler-Spiess

Geschichten aus Riehen und Bettingen, aufgeschrieben nach Erzählungen, Aufzeichnungen und Gesprächen

Wenn Männer und Frauen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts in Riehen aufgewachsen sind, aus ihrer Kindheit erzählen, dann taucht aus der Erinnerung das Bauerndorf Riehen auf: ein Dorf mit schmalen Gassen, wo die landwirtschaftliche Arbeit den Rhythmus angab, Pferde und Fuhrwerke die Strassen belebten, und der Flurbannwart, der Bammert, dafür sorgte, dass auf den Feldern und an den Obstbäumen nicht gefrevelt wurde. Man kannte sich im Dorf, und man erzählte sich Geschichten über die verschiedenen Dorforiginale. Und auch die Bettinger Bevölkerung gehörte dazu und war in die Geschichten einbezogen.

Im Laufe der letzten Jahre haben mir viele, heute betagte Riehenerinnen und Riehener für das Riehener Jahrbuch aus ihrer Jugend erzählt. Dabei tauchten auch lustige Begebenheiten und Anekdoten auf. Ein bunter Strauss dieser Geschichten und Geschichtlein, die zum Teil auch in Bettingen spielen, ist hier versammelt.

Die vergessenen Hosen
Es war im heissen Sommer 1917 oder 1918, in den Sommerferien. Wir Buben, damals neun, zehn Jahre alt, strolchten im Dorf und auf den Feldern herum, wann immer wir Zeit hatten. Wir mussten natürlich auch viel arbeiten, bei den Bauern aushelfen oder ähren auflesen. Das Brot war knapp in jener Kriegszeit, und die ähren, die wir sammelten, ergaben einen willkommenen Zusatz zu unserem Mehlvorrat.

Wenn wir aber frei waren, dann gingen wir am liebsten in die Badi am Weilteich. Das Baden war unterteilt: an einem Tag badeten die Mädchen und Frauen von zwei bis vier Uhr und die Buben und Männer von vier bis sechs Uhr, am nächsten Tag war es umgekehrt. Uns Buben reichte das aber nicht aus, und oft badeten wir in der Wiese weiter. So war es auch an einem heissen Nachmittag. Zu viert zogen wir mit unseren Kleidern unter dem Arm von der Badi dem rechten Wieseufer entlang bis zur «Steinfläche», einer tieferen Stelle bei den Weilmatten, wo man gut baden konnte. Da entdeckten wir eine Wiese voller reichbehangener Pflaumenbäume! Wir hatten Hunger - wie immer - und fingen an, Pflaumen aufzulesen und uns vollzuessen. Dass wir auch ein bisschen an den Zweigen schüttelten, um den Pflaumensegen noch zu vergrössern, will ich nicht verschweigen.

Plötzlich tauchte der Bammert, «Stümpli-Sämi», mit seinem gefürchteten Spitz auf. Er hatte wohl schon eine Weile beobachtet, was wir vier Buben da auf der Pflaumenwiese machten. Nun ertönte sein Hörnli, und wir rannten davon, durch die Weidenpflanzen ans Wieseufer und durch den niedrigen Fluss auf die andere Seite. Der Spitz blieb bellend am Ufer stehen - er war wohl wasserscheu - und «Stümpli-Sämi» drohte uns mit dem Bammertstecken, aber wir lachten nur und machten uns gleich über die Kirschen her, die wir hier fanden. Plötzlich aber rief einer meiner Kameraden: «Meine Hosen! Ich hab ja die Kleider auf der anderen Seite liegen gelassen!», und verdutzt merkten wir, dass es uns allen gleich gegangen war. Wir drehten uns um und mussten zuschauen, wie «Stümpli-Sämi» gemütlich unsere Hosen und «Tschööpli» zusammenlas, unter den Arm nahm und davon ging.

Nun war guter Rat teuer. Wir versteckten uns eine Weile in der Steinsäge am Bachtelenweg und beratschlagten, was wir tun sollten. In den Badehosen heimgehen war nicht ratsam, denn dann mussten wir unsern Eltern bekennen, dass wir «an dr Schneuggi» gewesen waren. Zwetschgen- oder Kirschen-Frevel galt damals als recht schlimmes Vergehen, bildeten doch diese Früchte für viele Leute einen wichtigen Teil des Einkommens. So beschlossen wir, zum «Stümpli-Sämi» heim ins Oberdorf zu gehen. Wie reumütige Sünder standen wir vor ihm und baten um unsere Kleider. «Ich hab's mir gedacht, dass ihr kommt; wehe, wenn ich euch das nächste Mal erwische!», schimpfte «Stümpli-Sämi», aber er war eigentlich gar nicht so unfreundlich, wie wir gefürchtet hatten. Er schrieb uns auf und liess uns dann laufen; er wusste, dass wir wieder «an d'Schneuggi» gehen würden - wie alle Riehener Buben. Hans Schultheiss-Degen

Der belohnte Streich
Es war an einem prachtvollen Sonntagnachmittag. Wie gewohnt traf ich mich mit meinem Jugendfreund Werner Friedlin an der Baselstrasse um zu besprechen, was wir unternehmen wollten. Wir beschlossen, durch den Riehener Wald zu streifen.

Auf dem Heimweg kamen wir beim alten Bauernhaus Baselstrasse 18 vorbei, wo später Konrad Hügi seine Bäckerei und Kaffeehalle baute. Im Stall hatte der Milch händler Eduard Felder, der an der Grendelgasse wohnte, junge Pferde eingestellt, mit welchen er handelte. Einige der jungen Tiere drängten sich um die zweiteilige Türe, deren obere Hälfte offenstand, und streckten den Kopf heraus. Wir hatten Bedauern mit den Tieren in ihrer Gefangenschaft und kamen auf den Gedanken, die Türe ganz aufzumachen und den Füllen die Freiheit zu geben. Die Pferde, die schon einige Zeit nicht aus dem Stall gekommen waren, stürmten los in Richtung Dorf.

Nun packte uns das schlechte Gewissen. Wir rannten hintendrein, kreuz und quer durchs Dorf, die Schmiedgasse hinauf und durch alle Gässlein. Mit Hilfe anderer Buben konnten wir die Pferde, die schon bis in die Rössligasse vorgedrungen waren, einfangen und zurück in den Stall treiben.

Inzwischen war auch der Besitzer eingetroffen. Als alle Tiere glücklich wieder im Stall waren, sagte Felder: «So Buben, das ist aber schön von euch, dass ihr mir geholfen habt, die Pferde einzutreiben.» Wir sahen uns heimlich an und dachten, hoffentlich erfährt keiner, was wir angestellt haben. Aber Felder rief: «Kommt jetzt Buben, ihr müsst ein <Zobig> haben!», und nahm uns mit ins <Dreikönig> an der Baselstrasse und Hess uns ein währschaftes z'Vieri servieren. Hans Schultheiss-Degen

Der falsche Baum
Mein Mann Ernst Strohbach besuchte die Sekundärschule in Riehen. Gerne nahm er den Heimweg über die Mohrhalde hinauf nach Bettingen, wo er zu Hause war. Dabei erlebte er einst eine kleine Geschichte, die er oft erzählte: «An einem schönen, heissen Junitag sah ich auf dem Heimweg oben an der Mohrhalde einige Leute auf dem Feld bei der Arbeit. Der Bauer - ein bekannter Riehener Landwirt - rief mir zu: <He, komm mal hierher! > Ich fragte verwundert: <Warum?>, und erhielt den Bescheid: <Du kannst zum Baslerhof hinaufgehen und uns Bier holen, wir haben Durst. > Ich versuchte mich herauszureden, das sei doch schwer, denn es gab damals nur Literflaschen, und ich sollte vier davon bringen. Aber es nützte mir nichts: <Nimm den Korb da und geh, du bist doch ein starker Bub.> So ging ich halt zum Baslerhof und holte das Bier. Mit viel Mühe schleppte ich die Flaschen auf die Matte und wurde dann vom Bauern noch angeschrien, dass es aber nun sehr lange gedauert habe.

Dann wurde der Bauer aber freundlicher und sagte: <So, jetzt kannst du auf den Baum dort klettern und Kirschen essen, soviel du willst.» Das liess ich mir nicht zweimal sagen.

Nach einiger Zeit zogen der Bauer und seine Leute ab, und ich war allein auf weiter Flur. Da, auf einmal ertönte das Hörnli vom Bammert. Natürlich hatte er mich auf dem Baum gesehen und kam eilends daher. <Was machst du da droben, komm sofort herunter!> Ich sagte: <Nein, ich hab Angst vor dem Hund.> <Komm herunter, ich halte den Hund schon. Wie kommst du dazu, Kirschen zu stehlen?> Ich wehrte mich und erzählte ihm, dass mir der Bauer, der hier auf dem Feld gearbeitet hatte, das erlaubt habe, weil ich ihm und seinen Leuten Bier im Baslerhof geholt hätte. <So, so>, sagte der Bammert, <so, so, das gleicht dem Bauern - dieser Baum gehört ja gar nicht ihm!> » Marie Strohbach-Tanner

Das Bad im Mühleteich
Die folgende Geschichte spielt im letzten Jahrhundert, als Jakob Hartmann-Stump-Wenk die grosse Mühle an der Weilstrasse betrieb.

An einem kalten Wintertag brachte Hans Jakob Schlup, ein junger Bettinger Bauer, einen Sack Korn zum Mahlen in die Mühle. Hans Jakob war bärenstark und überquerte mit dem schweren Sack auf dem Rücken den Steg über den Mühleteich. Doch der Steg war vereist, Hans Jakob rutschte aus und fiel ins eiskalte Wasser des Teichs. Jakob Hartmann nahm den Durchnässten in die warme Stube und sagte zu ihm: «Zieh dich aus und wärm dich am Ofen, meine Magd Vreni soll dir trockene Kleider bringen.» Nun war aber Vreni die Verlobte des Hans Jakob. Als sie mit den Kleidern in die Stube trat und ihren Hans Jakob im Adamskostüm am Ofen sah, rief sie voll Entsetzen: «Nein, so einen <Grüsel> heirate ich nicht!»

Dabei blieb es. Vreni löste die Verlobung auf, heiratete einen anderen und bekam eine Tochter. Hans Jakob aber blieb viele Jahre lang ledig. Erst fünfundzwanzig Jahre später heiratete er, im Alter von 52 Jahren, und zwar die Tochter «seiner» Vreni. Man sagt, die Ehe sei immer gut gegangen. Paul Bertschmann

Die Rösslirytti im Meierhof
Eine Rösslirytti auf dem Platz im Meierhof - das kann man sich kaum vorstellen! Und doch kam es zum Klappen. Es war wohl im Jahre 1907 oder 1908. Der durchreisende Besitzer einer Rösslirytti bat meinen Vater, sein Karussell im Hof unseres Bauernbetriebs im Meierhof aufstellen zu dürfen. Die beiden Männer besprachen alles genau, und der Hof wurde ausgemessen, ob er gross genug sei. Und siehe da, es ging, und wir Kinder jubelten darüber.

Meine Geschwister und ich durften gratis fahren und benützten das auch reichlich. Die Nachbarn mussten die Musik in Kauf nehmen, und das ging ihnen schwer auf die Nerven. Die Dorfkinder aber kamen in Scharen in den Meierhof, um die Rösslirytti zu bestaunen und gelegentlich auch darauf zu fahren.

Weniger Freude an der Rytti hatte unser Rossknecht. Der Pferdestall befand sich in der hinteren Ecke des Hofes, und so wurde der Platz sehr knapp, wenn er die Tiere aus dem Stall nehmen und zum Tränken an den Ochsenbrunnen führen musste. Nur mit Schwierigkeiten brachte er die Pferde an der Rösslirytti vorbei. Und so dauerte denn die Herrlichkeit auch nur eine Woche. Dann wurde die Rösslirytti zu unserem Leidwesen abgebrochen und zog wieder weiter. Für uns aber blieb sie eine schöne Erinnerung. Marie Strohbach-Tanner

«Weisch mer kei Uusred?»

Der «Puurli-Peter» - er hiess mit richtigem Namen Peter Senn und lebte von 1848 bis 1910 - war ein weit herum bekanntes Bettinger Original. Gerne Hess er etwas mitlaufen, das nicht niet- und nagelfest war, und des öfteren beschäftigte er die Gerichte. Da er aber immer wieder versuchte, sich mit Witz und den abstrusesten Ausreden aus der Sache zu ziehen, war man ihm nicht allzu böse.

Einmal hatte «Puurli-Peter» eine Sense entlehnt bei Daniel Gassler, dem damaligen Besitzer des Baugeschäfts Seckinger an der Baselstrasse 19. Auf dringendes Mahnen brachte er sie schliesslich zurück und anerbot sich, sie gleich selber in den Schopf zu hängen. Als er eine Zeit lang nicht mehr auftauchte, wurde Gassler misstrauisch, schaute im Schopf nach und entdeckte «Puurli-Peter», der mit seiner Sense auf dem Rücken schon gegen das Dorf zu schritt. Er rannte ihm nach und rief: «He, was machsch du mit mynere Sägese?» Doch «Puurli-Peter» konterte ganz unschuldig: «Ich ha si doch nur welle dängele loh!»

Ein andermal waren auf einer Baustelle über Nacht Ziegelsteine abhanden gekommen, und bald wurde «PuurliPeter» verdächtigt, sie entwendet zu haben. Trotz eifrigem Suchen fand man aber nichts auf seinem Hof, bis einer auf die Idee kam, im Güllenloch nachzuschauen. Und richtig, da waren sie versteckt. Als man «Puurli-Peter» herbeirief und ihm die Backsteine zeigte, rief er im Tone der grössten Entrüstung: «Wär het mir das gmacht?»

Auch im Geldausleihen war er gross. Ich erinnere mich gut, wie er eines Tages zur Mittagszeit zu uns nach Hause kam ins Bauernhaus meiner Grosseltern an der Rössligasse 44. Er schaute uns beim Mittagessen zu, trank einen Most und sagte schliesslich zu meinem Vater: «Du Oskar» - er duzte alle Leute -, «du Oskar, kannst du mir nicht 2 Mark 98 ausleihen? Ich sollte beim Zoll eine Güllenpumpe abholen, aber ich hab kein Geld, um den Zoll zu bezahlen.» Mein Vater, der wohl wusste, dass Zollgebühren nicht in Mark, sondern in Franken erhoben wurden, und der auch ahnte, dass sein Geld wohl kaum zum Zoll, sondern eher ins «Sängerstiibli» wandern würde, antwortete: «Weisst du was, Peter, ich bring das Geld grad selber dem Zollbeamten Günthert, dann kannst du nachher deine Ware abholen.» Worauf der «Puurli-Peter» etwas verdutzt dreinschaute, seinen Most austrank und sich bald darauf verabschiedete, ohne die Güllenpumpe nochmals zu erwähnen.

Und noch ein letztes Müsterchen: Als «Puurli-Peter» wieder einmal vor Gericht erscheinen musste, traf er dort meinen Vater, der auf dem Gericht arbeitete. Peter nahm meinen Vater beiseite und sagte leise zu ihm: «Du Oskar, weisch mer kei Uusred?» Paul Bertschmann


Anmerkung
Marie Strohbach-Tarmer hat ihre Geschichten selber notiert. Die anderen Begebenheiten wurden aufgrund von Tonbandaufnahmen und Gesprächen von Lukrezia Seiler-Spiess aufgezeichnet.

Personen
(soweit nicht schon im RRJ oder im RJ 1986 ff. vorgestellt):
Maria Verena (Vreni) Winter (1838-?) aus Otlingen. Sie heiratete in erster Ehe 1873 den Witwer Johann Jakob Bertschmann (1826-1875) aus Bettingen sowie - nach dessen Tod - in zweiter Ehe Johannes Rohlin (1836-1888), Landarbeiter, von Tannenkirch, in Riehen. Maria Sophia (1862-1933), Tochter von Maria Verena Winter. Sie wurde adoptiert oder legitimiert und erhielt den Familiennamen Rohlin. (Hans) Jakob Schlup (1829-1910), Landwirt von Bettingen, auch «Hammer(er)bobbi» genannt nach seiner Mutter Magdalena geb. Hammerer (1800-1877) Karl (Carl) Günthert (1863-1925), Zollbeamter
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