1994

Neue Schule in Riehen

Liselotte Kurth-Schläpfer

Dieser Titel bewirkt wohl noch immer unterschiedliche Reaktionen und stösst auf die skeptische Frage: Ist neu auch besser? Wer denkt nicht an die jahrelangen politischen Auseinandersetzungen, in der sehr gegensätzliche Auffassungen über das Reformwerk aufeinander prallten. Wer befasste sich nicht irgendwann mit der Frage, was denn Schule eigentlich soll. Schule - «Sie ist die Bemühung, Kindern zu helfen, in der jeweiligen Gesellschaft erwachsen zu werden und in diesem Vorgang sich selbst zu bewahren», sagt der Pädagoge Hartmut von Hentig. Die Erwartungen an die Schule sind unterschiedlich. Je nach dem Licht, in welches sie gerückt wird, kann sie als Lieferantin des begehrten Nachwuchses in Wissenschaft und Wirtschaft gesehen werden oder ebenso hoffnungsvoll als Stätte des Ganzwerdens inmitten zerbröckelnder Haltungen den Werten gegenüber, auf die eine demokratische Gemeinschaft baut.

Zwei äusserliche Merkmale der bisherigen Schule springen ins Auge: Die Kinder werden sehr früh aufgeteilt in die unterschiedlich anspruchsvollen Zweige der Mittelstufe. Bereits in der 4. Klasse werden sie ihrem Leistungsvermögen entsprechend dem Gymnasium, der Real- oder der Sekundärschule zugewiesen. Diese Schulen unterscheiden sich auch durch das unterschiedliche Ansehen, das sie geniessen.

Die Zweige der Mittelstufe sind räumlich und organisatorisch getrennt. Die dem Gymnasium zugewiesenen Kinder verlassen die Gemeindeschulen, kaum sind sie zehn Jahre alt.

Sind das die Voraussetzungen für eine zeitgemässe und kindgerechte Schule? Schule und Lernen müssen die Kinder nicht nur auf eine Berufstätigkeit vorbereiten, sondern umfassend auf ihr Verhalten als verantwortungsbewusste Mitmenschen in Familie, Nachbarschaft und Gemeinwesen. Solidarisches Handeln und Denken muss gefördert werden, die Perspektive darf nicht auf den persönlichen Erfolg eingeengt werden. In einer Gruppe, welche die Gesellschaft spiegelt, ist man nicht einfach oben oder unten. Jedes Kind erfährt darin Zustimmung oder Ablehnung, Gelingen oder Versagen, und trägt seinen Teil bei zur Lösung von Problemen. Miteinander lernt man die Werte kennen, die eine Gesellschaft prägen und übt die schwierige Zustimmung zur Verschiedenheit. Diese überlegungen führen zu zwei wesentlichen Merkmalen der neuen Schule:

Sie vermeidet Trennungen in ihrem Mittelbau, ermöglicht aber flexible Formen der Gruppierung von Kindern, um deren Fähigkeits- und Leistungsprofil gerecht zu werden.

Sie versieht die Kinder nicht schon früh mit der Etikette «erfolgreich», «mittelmässig» oder «schwach».

Das neue Schulgesetz, das auch in den Landgemeinden Zustimmung fand, bewirkt, dass alle Kinder, die im Sommer 1994 die Primarschule abschlössen, weiterhin in Riehen zur Schule gehen. Sie werden erst nach dem 7. Schuljahr dem Gymnasium oder der Weiterbildungsschule zugewiesen. Diese weiterführenden Schulen müssen sie auswärts besuchen.

Ein neues Kapitel Schulgeschichte ist aufgeschlagen. Doch will ich zuerst in den schon geschriebenen Kapiteln blättern, um all jene Menschen nicht zu vergessen, die früher Gestalter einer lebendigen Schule im Dorf waren. Ich will auch verdeutlichen, dass die jetzigen Lehrkräfte Wegbereiter der neuen Schule sind. Nur auf diesem Hintergrund kann dereinst ein bedeutsames neues Kapitel Riehener Schulgeschichte angefügt werden. Die Reform darf nicht als vereinzelte Erscheinung zu einem bestimmten Zweck gesehen werden, sondern muss in grösserem Zusammenhang Sinn bekommen.

Lauteten die Urteile über die alte Riehener Schule meistens ungünstig, so begann doch im 19. Jahrhundert eine erfreuliche Entwicklung. Die Gemeinde unternahm grosse Anstrengungen für das Schulwesen. So wurde zum Beispiel 1877 eine Extrasteuer für den Bau des Schulhauses am Erlensträsschen erhoben. Mit Hilfe des Staates kamen die erforderlichen Mittel von 74000 Franken zusammen. Das erste wirkliche Schulhaus wurde 1879 fertiggestellt.

Die Zeiten waren schlecht. Obschon die Riehener doppelt so viele Steuern bezahlten wie die Städter, war die Gemeinde in grossen finanziellen Schwierigkeiten. Es entstand deshalb ein Programm zur übernahme einzelner Verwaltungsgeschäfte durch den Staat. Man untersuchte nicht lange, wo die Preisgabe der Selbständigkeit eine blosse finanzielle Erleichterung und wo sie zudem eine Entmachtung der Gemeinde zur Folge hatte. Nicht einmal die Abtretung der Gemeindeschulen gab viel zu reden. Sie wurden 1891, kurz nach der Einführung der achtjährigen Schulzeit, dem Kanton überlassen. Seither trägt dieser deren sämtliche Kosten. An die Stelle der früheren Schulkommission trat die Inspektion der Schulen von Riehen und Bettingen, die in erweiterter Form heute noch besteht. Die Geschäfte übertrug man einem «Inspektor für die Landschule» im Nebenamt; er war entweder Lehrer oder Rektor in Basel. Erwähnenswert ist vielleicht die Tatsache, dass in der Gemeinde wenige Lehrer und Lehrerinnen aus eingesessenen Familien wirkten, dass sich aber viele zugezogene Persönlichkeiten für das Gemeinwesen engagierten. Es heisst auch, dass der Selbständigkeitsgedanke den neuen Generationen hauptsächlich von den nach Riehen gewählten Lehrkräften aus den verschiedensten Kantonen nicht ohne Erfolg näher gebracht wurde.

1957 erhielten die Landschulen ein eigenes Rektorat. Es wurde im Rüdinschen Landgut untergebracht, das seit einem Jahr renoviert und freundlich herausgeputzt ist. Als einzigem Rektorat im Kanton sind ihm alle Schularten der Volksschule unterstellt. Dass die Orientierungsschulklassen wie die bisherigen Primär-, Sekundär- und Realklassen ebenfalls dem Rektorat der Schulen von Riehen und Bettingen unterstellt würden, war auf der Seite des Kantons leider nicht unbestritten.

Im November 1989 befassten sich die Riehener Sekundär- und Reallehrkräfte intensiv mit der Zukunft ihrer Schule. Ein Ergebnis dieser Arbeitstagung war die Forderung: Für die1 Riehener und Bettinger Schüler und Schülerinnen soll innerhalb der Landgemeinden eine eigene Orientierungs- und Weiterbildungsschule geschaffen werden. Beide Schulen unterstehen dem Rektorat Landschulen.

Der Forderung lagen pädagogische Vorteile einer eigenständigen zukünftigen Schule zugrunde, die verteidigt werden mussten: Die Kinder von Riehen und Bettingen gehen möglichst lange gemeinsam innerhalb der Gemeindegrenzen zur Schule.

Aufgrund der überschaubaren Grösse der Schule kann ein persönlicher Kontakt zwischen Kindern, Eltern, Lehrpersonen und Schulleitung gepflegt werden.

Kinder und Lehrpersonen der Landschulen können sich in hohem Mass mit ihrer Schule identifizieren.

Die ganze Schule wird von einem einheitlichen Geist getragen. Sie fördert den Bezug zum eigenen Lebensraum und sucht die Teilnahme am Leben der Gemeinde.

Das Erziehungsdepartement äusserte sich anfangs 1990 zustimmend zur vorgelegten Forderung, allerdings ohne sich festzulegen.

Die Schulsynode hingegen nahm sich der Sache dezidiert an und vertrat die Ansicht: «Eine Ausgliederung der neuen Schulen aus dem Gesamtrektorat Orientierungsschule/Weiterbildungsschule und ihre regionale Unterstellung unter das Rektorat der Landschulen ist nicht zwingend und würde einen Sonderstatus bedeuten, der nicht zu rechtfertigen ist.»

Vielleicht trübte ein gewisser Neid auf die Riehener Verhältnisse den Blick. Lehrerschaft, Schulleitung und Inspektion mussten ihrer Forderung Nachdruck verleihen. Sie konnten sich dabei auch abstützen auf einen Passus im Bericht 8010 der Grossratskommission Schulreform. Dort heisst es: Fusionen bedeuten für alle Betroffenen einen Identitätsverlust, der dem Gedanken der Schulreform nicht förderlich ist. Soweit es die Orientierungsschule betrifft, fand die Gemeindeschule nun auf kantonaler Ebene die gebührende Beachtung. Mit Regierungsratsbeschluss vom 17. September 1991 stand fest, dass die Orientierungsschule der Landgemeinden dem Rektorat Landschulen untersteht.

Nun konnte die Schulraumplanung konkret angegangen werden. Auch die Bautätigkeit des Kantons für die Riehener Schulen setze ich hier in den Zusammenhang der gesamten Entwicklung.

Um die Jahrhundertwende betrug die Zahl der Riehener Schülerinnen und Schüler etwa 400. Sie wuchs dann ständig an auf über 2000 im Jahr 1960. Dem Bau des Schulhauses Burgstrasse und dessen späterer Erweiterung folgte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Titel «Basel baut für die Zukunft» die Umsetzung von Millionenprojekten: Es entstanden das Niederholz- und das Hebelschulhaus, ein Erweiterungsbau am Erlensträsschen und das Wasserstelzenschulhaus, mit dem 1964 das grosse Bauen abgeschlossen wurde. Dann begann die Zahl der in Riehen schulpflichtigen Kinder wieder abzunehmen; bei meinem Amtsantritt im Jahr 1988 waren es noch knapp 1000. An dieser Entwicklung hatte mitgewirkt, dass immer mehr Kinder im Anschluss an die Primarschule dem nahe an der Gemeindegrenze entstandenen Gymnasium Bäumlihof zustrebten und die Riehener Mittelschulen an Anziehungskraft einbüssten.

Heute, 30 Jahre nach dem grossen Bauen, wird in Riehen wieder zum Spaten gegriffen. War die Schule in den letzten Jahren bereits wieder gewachsen - auf 1250 Kinder im Schuljahr 1993/94 -, so wird sie jetzt durch die Auswirkungen der Schulreform noch grösser. Die der neuen Schule zugrunde liegenden Ideen schaffen zusätzlich Raumbedarf.

Drei Jahre lang hat uns die Unterbringung der Kinder in den Riehener Schulhäusern beschäftigt. Der Wunsch, mit einem Schulhausneubau Hinter Gärten zu einer guten Verteilung der Kinder über ganz Riehen zu kommen, musste fallen gelassen werden. In gedeihlicher Zusammenarbeit mit den Baufachleuten des Kantons konzentrierten wir uns darauf, die bestehende Infrastruktur optimal zu nutzen. Die in der Realisierung stehende Lösung kostet rund neun Millionen Franken. Der Spatenstich für den neuen Flügel des Hebel-Schulhauses fand am 11. Oktober 1993 statt. Dessen Einweihung am 15. August 1994 war ein denkwürdiges Ereignis. Als Sinnbild für die über gäbe der Verantwortung an das Rektorat und den Weg, den das Basler Schulwesen gehen soll, wählten der Baudirektor Dr. Christoph Stutz und der Erziehungsdirektor Professor Dr. Hans-Rudolf Striebel einen Notenschlüssel. Er soll die individuellen Möglichkeiten und Neigungen aufzeigen, den Zugang zur Gemeinschaft erschliessen und Gefühl und Verstand harmonisch vereinen. Noch im Gang sind die Arbeiten zur Erweiterung des Burgschulhauses. Sie werden im nächsten Sommer abgeschlossen sein.

Nach den Sommerferien hat die neue Schule ihre Türen geöffnet für drei Klassen im Burg-, zwei Klassen im Wasserstelzen- und fünf Klassen (eingeschlossen eine Klasse mit heilpädagogischem Auftrag) im Hebel-Schulhaus. Nach vollem Ausbau wird die Orientierungsschule in Riehen voraussichtlich mehr als 30 Klassen umfassen.

Wie gestaltet sich der Aufbau der neuen Schule parallel zum Abbau der alten, deren letzte Klasse im Sommer 1998 entlassen wird? Alter und geschätzter Tradition entsprechend, sind die Sekundär- und die Realschule der Landgemeinden eng miteinander verbunden: In allen drei Schulhäusern leben gemischte Gemeinschaften, die Lehrkräfte unterrichten zum Teil in beiden Schularten und vereinigen sich in einer Konferenz. Die gesamte Infrastruktur wird von allen genutzt. Stufen- und schulübergreifende Projekte sind keine Seltenheit, die Durchführung gemeinsamer Skilager eine Selbstverständliche! t. In diese Verflechtung wird die neue Schule eingefügt, mit den angestammten Lehrkräften und denjenigen aus dem Gymnasium Bäumlihof und den städtischen Real- und Sekundärschulen, die neu in Riehen wirken werden. Die übergangszeit soll für alle Schülerinnen und Schüler möglichst ruhig verlaufen. Die Lehrkräfte gestalten einen fliessenden übergang, indem die meisten von ihnen in der alten und in der neuen Schule unterrichten. Die baulichen Massnahmen sind so geplant, dass keine Klasse das Schulhaus wechseln muss.

Die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, ob neu auch besser sei, lasse ich offen. Ich erlaube mir aber, die meines Erachtens keineswegs veralteten Gedanken eines früheren Erziehungsdirektors zu zitieren.

Dr. Fritz Hauser hielt 1930 fest: «Nicht das neue Schulgesetz ist das Entscheidende für die Schule; es ist der Geist und Drang steter Weiterentwicklung, der verankert werden muss in einer Lehrerschaft, die sich verbunden weiss mit ihrer Aufgabe und im Interesse unserer heranwachsenden Jugend alles zu tun bereit ist, nicht wenn es neu, sondern wenn es gut ist.»

Der «Schule im Dorf» sollen Kinder entwachsen, die für den weiteren Schulweg gut gerüstet sind und sich ihrem Wohnort verbunden fühlen. Eingebettet in das kantonale Schulsystem wird die Riehener Orientierungsschule den Rahmen bieten, in dem Schulleitung und Lehrerschaft ihre Mitverantwortung für die pädagogische und administrative Führung der neuen Schule wahrnehmen werden.

Ich freue mich auf die wachsende Gemeinschaft der Riehener und Bettinger Schulkinder, die das Leben in zwei blühenden Landgemeinden spiegeln. Wenn die neue Schule etwas zur Integration der Gemeindeglieder beitragen kann, erfüllt sie eine wichtige Aufgabe.

Literatur
L. Freivogel: «Die Landschulen», in: «Das Basler Schulwesen 1880-1930», hrsg. vom Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt, Basel 1930 GKR/Iselin
Hans Adolf Vögelin: «Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart», in: RGD
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