1994

Kulturpreisträger 1993: Martina Schucan und Paul Ragaz

Christian Schmid-Cadalbert

Der Kulturpreis der Gemeinde Riehen für das Jahr 1993 wurde am 28. April 1994 an zwei Musiker verliehen: an die Cellistin Martina Schucan, und an den Flötisten, Multiinstrumentalisten und Komponisten Paul Ragaz.

Klaus Schweizer hat Martina Schucan im Riehener Jahrbuch 1989 unter dem Titel: «Kleines Porträt einer Riehener Musikerin» vorgestellt; er schrieb über ihren Werdegang, ihr Musizieren und ihre Gedanken zur Musik. Es war dies der erste Beitrag einer Serie über junge Riehener und Riehenerinnen, ihre Ideen, Leistungen, Wünsche und Hoffnungen; eine Serie, die seither mit verschiedenen Beiträgen fortgesetzt worden ist. Der Zufall will es, dass in diesem Buch «Junge Riehener Musiker» zu Wort kommen - wer weiss, die Kulturpreisträger von morgen?

Dem zweiten Träger des Kulturpreises 1993, Paul Ragaz, widmet Christian Schmid-Cadalbert im folgenden ein Porträt. 
Die Redaktion

Paul Ragaz, einer der Träger des Kulturpreises der Gemeinde Riehen für das Jahr 1993, ist Musiker: Flötist, Multiinstrumentalist und Komponist in der Gruppe Quattro Stagioni sowie Dirigent, Komponist, Tuttist, Souffleur, Instrumentenwart, Mechaniker, Biihnenwart und Spediteur - also Einmannunternehmer für kurios-poetische Soloprogramme und als solcher Grenzgänger in den Randzonen des Gewohnten. Wo wir uns fraglos bewegen in festen Vorstellungen, nach Mustern und Vorschriften, die wir als gegeben hinnehmen, entwickelt er seine Ideen im Trachten nach dem Ungewohnten oder in der Auflehnung gegen auferlegte Beschränkungen.
 
Hinter allen Soloprogrammen von Paul Ragaz stehen drei Grundvoraussetzungen: erstens der Wunsch, als Einmann-Orchester auftreten zu können, zweitens der Traum vom wandernden Musikanten, der sich am Vorbild des Eichendorffschen Taugenichts entzündete, und drittens die Beschränkung. Dies sei am Exempel erläutert. Der Idee zum ersten Soloprogramm «Stramuzi» - eine Abkürzung für Strassenmusikzirkus - geht die Verfügung des Polizeikommandos des Kantons Basel-Stadt vom 1. März 1979 voraus, Strassenmusikanten dürften nicht länger als eine «gute Viertelstunde» am selben Platz musizieren. Paul Ragaz, der in dieser Zeitspanne nicht einmal seine Instrumente auf- und abbauen konnte, nahm die Verfügung als Aufforderung an, dennoch spielen zu können. Also entwickelte er auf einem Fahrradanhänger eine mobile Kleinbühne, die in wenigen Minuten spielbereit war. Weil seine leise Musik im Strassenlärm oft unterging, wechselte er mit dem Programm auf die Kleinbühnen der ganzen Schweiz, wobei ihm die SBB behilflich sein mussten, auch so ferne Orte wie Winterthur und Genf zu erreichen. Das erfolgreiche Programm erlebte zwischen 1979 und 1982 über 150 Vorstellungen.

Paul Ragaz liebt nicht nur die Musik, sondern auch die Dramatik und den Effekt des Artistischen. Im zweiten Soloprogramm «Flötenspiele», das er von 1984 bis 1988 spielt, führt er als Flötist und Begleiter in einer Person zahllose Flötentypen vor, wobei Blasbälge, Fusspedale und abenteuerliche Konstruktionen mithelfen, das Zusammenspiel von Händen, Füssen und Kopf zu ermöglichen. Wieder ist er mit Fahrrad und Anhänger unterwegs zwischen Romanshorn, Parpan und Basel für nahezu hundert Konzertauftritte. Im bisher letzten Soloprogramm «Paul Ragaz und sein kurioses Orchester» emanzipiert sich das Einmann-Orchester vom Fahrradanhänger und wird zum mechanischen Schnurrwerk mit Schnurzügen, Murmelbahn, Pump-, Pendel- und Tropfvorrichtungen, in dem Pauls Mund, Finger und Füsse so auf den Instrumenten tanzen, dass sich mit einer genau komponierten Abfolge von Bildern und Klängen dem Erleben ein Raum öffnet, der Konzertraum skurrile Galerie und Erfinderwerkstatt in einem ist.

Obwohl sich in den Soloprogrammen die ganze unkonventionelle Spielfreude des Musikers Paul Ragaz zeigt, fassen wir mit ihnen nicht den ganzen Musiker. Er ist Mit glied der Gruppe Quattro Stagioni, die er 1978 gründen half. Das neben dem eigenen Musikstil auffälligste Markenzeichen der Gruppe ist wohl die Tatsache, dass alle vier Musiker und die Musikerin der heutigen Formation mehrere Instrumente spielen. Wer entgeht dem Zauber der zahllosen Instrumente auf der Bühne bei einem Quattro-Konzert, und wer verfolgt nicht mit grosser Spannung die mit Witz, Geschick und fast unglaublicher Sicherheit vorgeführten Instrumentenwechsel während eines Stücks?

Beeindruckend ist die Art und Weise, wie die Gruppe, die bis heute neun Tonträger eingespielt und im Musikleben der Region einen festen Platz hat, Programme erarbeitet. Nichts ist von vornherein festgelegt, weder existiert eine Hierarchie der Ansprüche, noch eine feste Zuteilung von Rollen. Jedes Mitglied legt Ideen und Kompositionen zur Begutachtung vor, Bearbeitungen und Instrumentierungen werden gemeinsam erarbeitet, endgültige Fassungen im Spiel entwickelt. Diese demokratisch-musikalische Arbeit ist, wie alles Demokratische, nicht immer einfach, denn mit Lob paart sich Kritik, mit Annahme Ablehnung, und gegenteilige Auffassungen verlangen nach Kompromissen. Vielleicht hat aber gerade diese Arbeit Paul Ragaz, der als Finanzverwalter der Gruppe oft auch die davongaloppierende Probedisziplin zu halten sucht, auf seine Aufgabe im Einwohnerrat von Riehen vorbereitet.

Der am 10. März 1949 geborene Paul Ragaz bezeichnet rückblickend die konsequente musikalische Förderung im Elternhaus als wichtig. Vor allem die Mutter unterstützte ihre Kinder beim eigenen Musizieren und nahm sie schon früh an Konzerte mit. Paul besuchte bereits in der ersten Klasse einen Rhythmikkurs und lernte, wie man eine Bambusflöte selbst schnitzt und spielt. Da er Querflöte spielen will, das Instrument aber erst vom 12. Lebensjahr an lernen kann, beschäftigt er sich zuerst mit dem Klavier, klimpert viel und erwirbt sich so eine Kenntnis der Harmonien. Musik bekommt für Paul früh einen wichtigen Stellenwert, er begreift rasch, spielt mit dem Familienquartett gern vor, findet in der Musik früh ein Refugium, wo er sich der elterlichen Kontrolle entziehen kann, hat aber auch Angst vor den Musikstunden, vor eigenen und fremden Ansprüchen, eine Angst, die er erst im Musikstudium verliert. Als Gymnasiast wünscht er sich zwar, Berufsmusiker zu werden, traut es sich aber nicht zu.

In den 60er Jahren beginnt er, musikwissenschaftliche Werke zu lesen und Musik zu analysieren, besonders Werke der modernen E-Musik. An ihm, der immerhin im sagenumwobenen Jahr 1968 die Matura besteht, geht die Popmusik der 60er Jahre spurlos vorüber. Er beginnt an der Universität Musikwissenschaft und Germanistik zu studieren, wechselt aber 1969 ans Konservatorium, weil er an der theoretischen Beschäftigung mit Literatur keinen Gefallen findet. Nach einem Jahr Flötenstudium in Zürich kommt er nach Basel und macht 1972 das Lehrdiplom. Während der Studienzeit tritt er oft mit einem Bläserquintett auf und merkt dabei, dass er die Improvisation liebt, das al fresco-Musizieren, dass seine Stärke im Musikantischen liegt und nicht im interpretativen Ausloten. Er komponiert Musik für ein Mittelschultheater, riecht dabei Theaterluft und findet Gefallen an der Arbeit hinter der Bühne.

Zwischen dem Hang zum Musikantischen und den Anforderungen des konventionellen Musizierens hin und her gerissen, gönnt er sich eine Denkpause und verpflich tet sich für ein Jahr in einem israelischen Kibbuz, den er jedoch 1973 wieder verlässt, nachdem er den Beginn des Jom Kippur-Krieges miterlebt hat. Zu Hause setzt er sich für die Dritte Welt ein und arbeitet an verschiedenen Projekten mit, unter anderem bei der Erklärung von Bern. Das Hebräische in Israel hat auch sein Interesse für Fremdsprachen entzündet, das bis heute geblieben ist.

1974 nimmt Paul Ragaz am Gymnasium Oberwil eine Stelle als Flötenlehrer an; dort arbeitet er noch heute. Doch die entscheidende Frage bleibt: Was kann er mit seinen Interessen machen? Wie kann er als Musiker seine Stärken einsetzen, wie kann er seinen Musikantentraum verwirklichen? Ein Jahr lang fordert er sich in einem Musiktheoriestudium beim Komponisten Jacques Wildberger mit Kompositions- und Stilversuchen, bringt aber diese Realität nicht mit seiner Dritte-Welt-Arbeit zusammen. In den Jahren 1978 und 1979 erlangt er in Zürich das Reifediplom für Flöte. In jene Jahre fallen auch die Arbeit an seinem ersten Soloprogramm «Stramuzi» und die Gründung der Gruppe Quattro Stagioni - er macht Erfindungen, die ihn überzeugen und stolz machen, er findet zu seiner Art des Musizierens. Mit diesem Musizieren musste und muss er sich bis heute auch ökonomisch behaupten, denn seiner Frau Bettina und ihren beiden Kindern, mit denen er seit 1986 in Riehen wohnt, wäre mit Musik allein nicht geholfen.

Paul Ragaz lebt ein vielstimmiges, bewegtes Leben, in dem er seinen Traum vom Musikanten konsequent verfolgt, sich erfüllt und bis heute erhalten hat.

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