1994

Graf Alexander Cagliostro

Dominik Heitz

Er wurde zu seiner Zeit im gleichen Atemzug wie Casanova und Marquis de Sade genannt, sein Name war von Rom bis Petersburg, von Basel bis London ein Begriff. Und so weit seine Reisen ihn brachten, so weit dehnte sich auch sein abenteuerlicher Tätigkeitsbereich aus. Der im 18. Jahrhundert im sizilianischen Palermo geborene Giuseppe Balsamo alias Graf Alexander Cagliostro war eine schillernde Figur. Aus diesem Grunde ist denn auch die Literatur über die faszinierende Person umfangreich, obwohl es sich häufig um die gleichen Texte handelt, die immer wieder von neuem aufgelegt werden. Doch wer wie Giuseppe Balsamo mit Begriffen wie «Erzzauberer», «Schwarzkünstler» oder «Mysterienschwindler» tituliert wird, findet stets Interesse in Zeiten, da strenge Wissenschaftlichkeit und Vernunft sich elitär und explizit gegenüber dem übersinnlichen abgrenzen. Dieses Phänomen war während der Aufklärung im 18. Jahrhundert zu Lebzeiten Cagliostros - ebenso festzustellen, wie es heute im Computerzeitalter auszumachen ist. Dass der Figur des Cagliostro gerade jetzt im Riehener Jahrbuch ein Kapitel gewidmet wird, hat allerdings nichts mit diesem Phänomen zu tun. Für uns ist die in diesem Jahr begonnene Renovation des sogenannten Cagliostro-Pavillons an der Aeusseren Baselstrasse Gelegenheit, jenen als «Kavalier der Nacht», «Betrüger» und «Wundertäter» Bezeichneten etwas näher vorzustellen und ihn - soweit als möglich - in die Riehener Umgebung zu rücken.

«Dick, hochbrüstig, mit kleinem schönem Fuss»
Geboren wurde Giuseppe Balsamo am 2. Juni 1743 in Palermo als Sohn des Händlers Pietro Balsamo und seiner Frau Felizia Braconieri. Noch in seinem Geburtsjahr machte sein Vater bankrott und starb. Schon als Kind trieb sich der junge Balsamo in den Seitenstrassen Palermos herum, entlief der Schule und beging schlimme Streiche. Mit dreizehn Jahren kam Giuseppe ins Kloster der Barmherzigen Brüder in Caltagirone, wo er erste Kenntnisse in Chemie und Arznei erhielt. Doch lange vermochte es ihn dort nicht zu halten: Nach zwei Jahren fand er sich wieder in Palermo, beging dort kleinere Betrügereien und Schriftfälschungen, ging dann als Zwanzigjähriger für ein Jahr nach Messina und trat anschliessend von 1766 bis 1767 verschiedene Reisen an. Ein Jahr später, am 20. April 1768, heiratete er Serafina Lorenza Feliciana in Rom, unternahm mit ihr zahlreiche Reisen sowie ebenso zahlreiche Fluchten durch ganz Europa und bestand mit ihr allerlei Abenteuer gemeinsam - bis zu seiner lebenslänglichen Einkerkerung in der Festung San Leo bei Rimini, wo er am 26. August 1795 starb.

Doch was waren das für Abenteuer und wo führten sie ihn hin? In den Jahren nach 1770 zog es ihn über Aixen Provence, wo er zufällig Casanova begegnete, nach Madrid und Lissabon, nach London und Paris, nach Marseille und Neapel, Den Haag und Venedig, Nürnberg und Berlin, Strassburg, Mitau (Lettland) und Petersburg. Liest man sich durch die schriftlichen Quellen, dann haben seine Unternehmungen zu einem grossen Teil aus Betrügereien bestanden, die - einmal aufgedeckt - ihn dazu zwangen, weiterzureisen und das Glück anderswo zu suchen. Erst zehn Jahre vor seinem Tod, im Jahre 1785, verwickelte er sich in eine Geschichte, von der er sich reputationsmässig nicht mehr erholen sollte, obschon er gerade daran wohl die geringste Schuld hatte: die Halsbandaffäre. Und die ging so: Der damalige Strassburger Fürstbischof Prinz Louis von Rohan wollte sein geringes Ansehen bei Marie Antoinette, der Königin Frankreichs, verbessern. Allem Anschein nach gab deshalb Cagliostro dem Bischof den Rat, dass die Königin ihm verzeihen werde, wenn er, Louis von Rohan, der Landesherrin behilflich wäre, sie in den Besitz des anderthalb Millionen Franken teuren Diamantenhalsbandes eines Juwelenhändlers zu bringen.

Eine Verbrecherbande durchkreuzte allerdings die Pläne, stahl das Collier mit Hilfe gefälschter Briefe und belastete insbesondere den Bischof und Cagliostro in einem Masse, dass sie ins Gefängnis kamen. Auch wenn Cagliostro nach acht Monaten wieder aus der Bastille entlassen wurde, so ging es mit ihm stetig abwärts.

Doch kehren wir zurück in jene Zeit, als er mit seiner Serafina noch kreuz und quer durch die Lande zog und mit fragwürdigen Diensten die Gesellschaft auf sich aufmerksam machte. Nicht immer sei es dabei anständig zu und her gegangen, sagen seine Kritiker. So soll er nicht selten seine Frau verkuppelt haben, um anschliessend Geld zu erpressen. Andererseits ist auch über Cagliostro zu lesen, dass er sich seiner Verführungskünste bediente, um zu finanziellen Mitteln zu kommen. Giovanni Barberi, ein Zeitgenosse, schrieb über Giuseppe Balsamo und dessen Verführung einer jungen englischen Frau: «Man wird vielleicht darüber erstaunen, dass dieser Mann sich so leicht bei dem weiblichen Geschlechte einzuschmeicheln wusste. Wer ihn je zu sehen, oder mit ihm Umgang zu pflegen Gelegenheit hatte, wird bekennen müssen, dass nicht leicht ein Mensch weniger, als er, durch sein äusserliches, so wie auch durch sein Innerliches, empfahl. Klein von Statur, braun von Farbe, mit fettem Körper, schielenden Augen, sprach er mit einem sizilianischen Dialekte, der mit etwas ultramontanischer Mundart vermischt war, beinah wie ein Hebräer. Ohne irgend eine Eleganz, welche in der galanten Welt gemein ist, ohne Kenntnis und Wissenschaften, war er wirklich aller Vorzüge beraubt, welche fähig gewesen wären, Liebe gegen ihn zu erwecken. Wie hat nun ein solcher Mann, wird man hier fragen, sich bei dem weiblichen Geschlechte in Gunst setzen können, und zwar noch auf eine solche Weise, dass er von ihnen noch, nachdem er sie vom Pfade der Tugend abgeführt hatte, reichliche Geschenke und Belohnungen erhielt? Dieses Phänomen löset der Prozess auf, und diese Auflösung bestehet darin, dass die junge Engländerin eine äusserst hässliche und ekelhafte Gestalt hatte, andere Weiber aber, deren Gunstbezeugungen er genoss, bereits schon allzuweit in ihrem Alter vorgerückt waren, um bei jemand anderm, als bei dem Balsamo, ihre Liebschaften finden zu können.»1) Barberi war nicht der einzige, der sich in despektierlicher Art und Weise über Cagliostros Erscheinung äusser te. Auch andere Zeitgenossen stellten Giuseppe Balsamo als eine im Aussehen unvorteilhafte Person dar. «Es ist ein kleiner, dicker, höchst breitschultriger, breit- und hochbrüstiger, dick- und steifnackichter, rundköpfiger Kerl, von schwarzem Haar, gedrungener Stirn, starken feingeründeten Augenbrauen, schwarzen, glühenden, trübschimmernden, stets rollenden Augen, einer etwas gebogenen, feingerundeten, breitrückigen Nase, runden, dicken, auseinander geworfenen Lippen, rundem, festem hervorstehendem Kinn, runder, eiserner Kinnlade, feinem, fast kleinem Ohr, kleiner fleischiger Hand, kleinem schönem Fuss, gewaltig vollblütig, rotbraun, mit einer gewaltig klingenden und vollen Stimme. Das ist der Wundermann, Geisterseher, Geisterbeschwörer, menschenfreundliche, unbezahlbare Arzt und Held, der jahrelang in diesen Gegenden gross gelebt, ohne dass je einer weiss, wo er das Geld hernimmt.» So detailliert beschrieb ihn ein Augenzeuge in der Berlinischen Monatsschrift vom Dezember 1784.2) Und Bildnisse des falschen Grafen bestätigen dies zum Teil.

Auf Porträts indes wirkt er anders. Hier zeigt er sich zumeist in ein und derselben Pose: den leicht nach rechts oder links gerichteten Kopf etwas zurückgelegt, die Augen - der Kopfrichtung entgegengesetzt - nach oben in unbekannte Ferne schweifend. Unschwer ist der Bezug zu Heiligenbildern ablesbar, wäre da nicht das offene Hemd und der manchmal auftauchende Pelzkragen, die dem Porträtierten eher etwas Scheinheiliges, ja Anzügliches verleihen. Friedrich von Oppeln-Bronikowski geht in seinem Buch «Abenteurer am Preussischen Hofe» indes entschieden zu weit, wenn er von einem Porträt aus dem Jahre 1781 schreibt: «...der Kupferstecher Charles Guérin (verfertigte) einen bekannten Stich von ihm, der in jedem Zuge den frechen und groben Betrüger zeigt. Trotzdem trägt diese Faunsfratze eine prahlerische französische Unterschrift, die auf deutsch lautet:

<Ein Menschenfreund zeigt sich in diesem Bild,
Mit Wohltun ist sein Tagewerk erfüllt.
Er macht das Leben lang und stillt der Armen Pein,
Die Lust am Wohltun ist sein Lohn allein. >»3)

Doch allen bösartigen Kritiken zum Trotz: Seine Person faszinierte in einem Masse, dass sein Bild nicht nur Eingang auf Karikaturen, sondern auch auf Fächer, Ringe und Schnupftabakdosen fand. Mehr noch: Auch in der Literatur wurde er verewigt. Kein geringerer als Johann Wolfgang Goethe hat für seinen Nachruhm gesorgt; er ist seinen Spuren in seiner «Italienischen Reise» nachgegangen und hat ihn als «Gross-Koptha» zum Helden eines Dramas gemacht. Schiller ist durch ihn zu seinem «Gei sterseher» angeregt worden, die Zarin Katharina II. Hess ihn in zwei Lustspielen auftauchen, und Ludwig Lieck hat ihn in seiner Novelle «Die Wundersüchtigen» wieder aufleben lassen.

Freimaurertum und Alchemie
Das führt uns zurück zu seinen Abenteuern: Gerne gab sich Cagliostro als Freimaurer aus und erhielt so Zugang zur besseren Gesellschaft. Sein «Pflichtenheft» scheint immens gewesen zu sein. Religion, Magie und Freimaurerei liess er ineinanderfliessen: Seancenartige Treffen, bei denen ihm Kinder vermeintlich als Medium dienten, gehörten ebenso dazu wie die unmögliche Diamantenvergrösserung, das angebliche Umschmelzen von kleinen zu grösseren Perlen und die illusorische Goldmacherei - mit anderen Worten: Alchemie. Hinzu kamen fragwürdige Essenzen, diverse Arzneien mit unterschiedlichen Heilerfolgen und scheinbare Verjüngungselixiere, die er - selber hergestellt-als höchst wirksam verstanden wissen wollte.

Einen ersten grossen Erfolg feierte er bei seinem zweiten Aufenthalt in London, als es ihm gelang, Aufnahme in der dortigen ägyptischen Freimaurerloge «Espérance» zu finden und sich einen grossen Anhang zu schaffen. «Jetzt legte er sich auch den Namen Graf Cagliostro zu, trat als Wunderdoktor und Goldmacher auf, lebte auf grossem Fuss, mit Kurieren, Läufern, Kammerdienern und Domestiken in prächtigen Uniformen. Dabei spielte er den Grossmütigen gegen Arme, die er umsonst kurierte, und nahm keinerlei Geschenke an. Dies besorgte seine Frau, indem sie den Gebern tiefste Verschwiegenheit gegenüber ihrem uneigennützigen Gatten gebot.»4) Auch in Mitau gab er sich als Freimaurer aus, gründete in der vornehmen Gesellschaft die «Loge d'Adoption» und soll von einigen Herren Geld und Schmuck erhalten haben.

«Betrüger und Wundertäter»
Cagliostro - der Name stammt von seiner Grosstante mütterlicherseits, die eine verheiratete Cagliostro war scheint zwar vehemente Kritiker und unter diesen zahlreiche Personen gehabt zu haben, die sich von ihm betrogen gefühlt hatten. Doch es gab auch ebensoviele Bewunderer, die in Giuseppe Balsamo den ehrenvollen, uneigennützigen Arzt sahen. Einer von ihnen war der wohlbetuchte Basler Seidenband-Fabrikant Jacob Sarasin (1742-1802), der seinen Sitz im Weissen Haus am Rheinsprung hatte. Anstoss für Sarasins Freundschaft mit Cagliostro gab ein wahrscheinlich psychosomatisches Leiden seiner Gattin Gertrud, einer geborenen Battier. «Unheimliche, von furchtbaren Krämpfen begleitete Anfälle traten bei ihr auf und Hessen auf ein schweres, der ärztlichen Wissenschaft unbekanntes Leiden schliessen. In den stets kürzer werdenden Zeiträumen, da die Anfälle ausblieben, war die Kranke von einem Gefühl der Kälte durchschauert, das mit keinen gewohnten Mitteln zu überwinden war; mitten im Hochsommer musste sie sich in dicke Pelze hüllen. Dazu war das Gemüt der jungen, einst kindlich fröhlichen Frau tief verdüstert.»5) Als sich im Jahre 1781 die Krankheit bei Gertrud Sarasin verschlimmerte, machte sich Johann Caspar La vater, Sarasins treuer Hausfreund, auf den Weg nach Strassburg, da er dort den ihm unbekannten Grafen Cagliostro zu finden hoffte, von dem er gehört hatte, dass er nicht nur hellseherische Fähigkeiten habe und bisweilen schleierhafte, ja geheimnisvolle Handlungen durchführe, sondern dass er auch «gütiger Helfer» und «menschenfreundlicher Arzt» sei.6) Das Treffen zwischen Lavater und Cagliostro kam zustande, und ersterer nahm letzteren trotz mancher Zweifel in einer Weise ernst, dass er Ja cob Sarasin überzeugen konnte, mit seiner Frau Getrud noch im April 1782 nach Strassburg zu jenem Arzte zu gehen. Mit Erfolg: Anderthalb Jahre später war Gertrud Sarasin in den Händen des Grafen Cagliostro genesen und konnte nach Basel zurückkehren.

Heilungserfolge wie jene an Gertrud Sarasin mögen schwer begreiflich erscheinen, stellt man sie in Bezug zu Cagliostros hochstaplerischen Verjüngungselixieren und ärztlichen Mixturen, die aus mit Brechmitteln versetztem Brunnenwasser bestanden. Kein Wunder lässt sich schwerlich ein gültiges Urteil über Cagliostros Fähigkeiten fällen. Bezeichnend sind denn auch jene Worte, die Goethe im hohen Alter dem längst verstorbenen Lavater in den Mund legte: «Es hat zwei Grafen Cagliostro gegeben; der Betrüger Cagliostro war ein anderer als Cagliostro, der Wundertäter. Letzterer aber war eine heilige Person.»7) Was genau die Heilung von Gertrud Sarasins Krankheit bewirkt hatte, ist nicht bekannt, bekannt ist, dass sich Cagliostro vor und nach diesem Erfolg zwischen 1781 und 1788 mehrere Male im Weissen Hause für längere Zeit aufgehalten hatte. Er wohnte im ersten Stock nach dem Hofe hin; sein saalartiges Laboratorium, das heute eine Gedenktafel an den eigenartigen Mann schmückt, lag eine Treppe höher. Cagliostro muss in Basel schnell an Popularität gewonnen haben. Wenn er im Weissen Haus seine unentgeltlichen Sprechstunden abhielt, war der «Zulauf der Kranken, die mit Kutschen, Karren und Bauernwagen aus allen Orten herbeigebracht, so gross, dass man fast nicht an das Sarasinsche Haus herankommen konnte».8) Und in seinen «Briefen eines Sachsen aus der Schweiz an seinen Freund in Leipzig» berichtet Karl Gottlieb Küttner unter anderem: «Das Vertrauen zum Grafen von Cagliostro wird so allgemein, dass seitdem er wieder hier [in Basel] ist, täglich über zweyhundert Personen bey ihm gewesen sind, Leute von allen Ständen, und von denen ich mit fünfzig oder mehreren bekannt bin. Er weist niemanden zurück, hört alle mit viel Geduld an und fordert die Armen gewöhnlich zuerst auf, weil sie, wie er sagt, ihre Zeit nötiger haben, als die Wohlgekleideten. Man raubt ihm auf diese Art täglich fünf bis sechs Stunden seiner Zeit; ich habe oft neben ihm gestanden und kann nicht sagen, dass er Unmut oder Unwillen hat blicken lassen.»9) Zu diesem Interesse unter der Bevölkerung trug sicherlich nicht zuletzt auch Cagliostros Auftreten bei. So soll er häufig einen weiten, aus Blaufuchsfellen geschneiderten Pelzmantel getragen haben - mit einer Kapuze, von der drei Fuchsschwänze herunterbaumelten. Und bei grossen Gesellschaften will er einmal in blauseidenem Kittel mit goldenen Nähten und golddurchwirkten Strümpfen, Diamanten an Fingern, Uhrketten und Schuhschnallen gesehen worden sein.

Ein Pavillon für Cagliostro?
Wie in anderen Aufenthaltsorten zuvor und danach, so fand Cagliostro auch in Basel nicht wenige Personen aus der oberen Gesellschaftsschicht, die dem Logenwesen nicht abgeneigt waren und ihn aufgefordert haben sollen, eine ägyptische Loge einzurichten.10) «Als er sich noch in Strassburg aufhielt und von Zeit zu Zeit nach Basel streifte, liess er auf dem Gebiete dieser Stadt ein Pavillon, oder ein Landhaus nach chinesischer Art bauen», schrieb Giovanni Barberi. Und weiter: «Eben dieses Landhaus, welches seiner eigentlichen Bestimmung nach den Versuchen einer physischen und moralischen Wiedergeburt gewidmet sein sollte, diente ihm zum Vehikel, eine gewisse Person [gemeint ist Jacob Sarasin]... um eine ansehnliche Summe Geldes zu prellen. Dieses Gebäude steht noch und wird, wenn wir den Aussagen des Cagliostro glauben dürfen, in so hohen Ehren gehalten, dass die Basler sich nicht anders als mit den grössten Bezeugungen von Ehrfurcht und Verehrung demselben nähern und der Meinung sind, dass hier das Mausoleum sei, welches dem Grafen Cagliostro zur Begräbnisstätte bestimmt ist.»11)

Wie genau der Pavillon auf die Basler und Riehener Bevölkerung wirkte und was für Zwecken er damals diente, ist heute nicht mehr eindeutig belegbar. Fest steht, dass in der Zeit, als Cagliostro im Hause von Jacob Sarasin in Basel verkehrte, bauliche Veränderungen im Gartenpavillon des Glögglihofgutes vorgenommen wurden (siehe Beitrag von Bernhard Jaggi in diesem Buch, Seite 25/26). Der Besitzer des Glögglihofs, Johann Jakob Bischoff (1761-1825), Sarasins Freund, kannte Cagliostro und war wohl auch Mitglied seiner in Basel gegründeten «ägyptischen Loge». Dass Cagliostro sich wegen des Pavillon-Baus mindestens einmal in Riehen aufgehalten hatte, beweist das Tagebuch von Jacob Sarasin.12)

Angenommen wird zudem, dass Cagliostro anfänglich seine mit Baslern gegründete «ägyptische Loge» zuerst in eben jenem Pavillon an der Aeusseren Baselstrasse in Riehen abhielt, um der Heimlichkeit dieser Sache mehr Gewicht zu verleihen. Für seine Zusammenkünfte benötigte Cagliostro drei Räumlichkeiten: Das erste Zimmer hatte als Garderobe, das zweite als Vorhof des Heiligtums und das dritte als Heiligtum selber zu dienen. Der Vorraum enthielt nichts anderes als eine aufrechtstehende, steinerne Tafel, auf der in Goldbuchstaben ein Gebet geschrieben stand, das mit der Anrede begann: «Vater des Weltalls, höchstes Wesen, Quell der Weisheit.» Das innerste Zimmer, das Heiligtum, war mit orientalischen Leppichen an Wänden und Fenstern verhangen; siebenarmige Leuchter aus schwerem Silber hatten für Licht zu sorgen. Zentrales Möbelstück in diesem Raum war ein altarartiger Tisch, bedeckt mit einem schwarzen Tuch, in das mit roter Seide Worte einer fremdartigen Geheimsprache gestickt waren. Auf dem Tisch standen ägyptische Götterfiguren, uralte römische Krüglein, die Wasser zur Reinigung enthielten, sowie ein Kreuz, doch ohne die christliche Form, aber mit dem Abbild der Sonne auf dem Querbalken versehen. Zentrales Objekt auf dem Tisch bildete schliesslich eine grosse, mit destilliertem Wasser gefüllte Glaskugel, die dem Medium als Fixationspunkt diente.13) Damit wird deutlich, dass Cagliostro mit dem eigentlichen Freimaurertum nur wenig zu tun hatte.

Glaubt man gewissen literarischen Werken, dann hatte sich Sarasin gerade ein einziges Mal gemeinsam mit Cagliostro für ein Gespräch im Pavillon eingeschlossen. Danach sollen sie den Schlüssel dem Gärtner zur Obhut ausgehändigt, in die Kutsche gestiegen und nie mehr zusammen im Pavillon gesehen worden sein.14) Mehr noch: Plötzlich, im Februar 1785, seien alle Möbel wegtransportiert worden und Jacob Sarasin schien am Pavillon nicht mehr interessiert gewesen zu sein.15) Später fand die Loge ausschliesslich im Weissen Haus statt, wobei Cagliostro als Medium der junge Felix, Sohn von Jacob und Gertrud Sarasin, diente.

Damit verschwand der seltsame Giuseppe Balsamo so plötzlich aus dem Riehener Bann wie er gekommen war. Geblieben ist der Pavillon, mit dem er bis heute immer wieder in Beziehung gebracht und dem sein Name gegeben worden ist. Dass auf diese Verbindung noch eingehender aufmerksam gemacht wird, dafür hat der Gemeinderat respektive die kantonale Nomenklatur-Kommission gesorgt. Auf Antrag aus dem Einwohnerrat beschloss er, einer der beiden Strassen, die in die überbauung Glögglihof führen, den Namen Cagliostro-Strasse zu geben; es ist jener Weg, der von der Rebenstrasse aus - parallel zur Burgstrasse - verläuft. Die andere Zufahrtsstrasse von der Burgstrasse her wird als Glögglihof-Strasse bezeichnet.

Die Freimaurerei
Die Freimaurerei ist aus der alten englischen Werkmaurerei entstanden. 1717 gründeten vier Londoner Bauhütten die erste Grossloge. Die Freimaurerei ist eine weltbürgerliche Bewegung mit dem humanitären Ideal des nach Vervollkommnung strebenden Menschen. Der Name ist von den freien (im Gegensatz zu den zunftgebundenen) Steinmetzen an den mittelalterlichen Bauhütten übernommen und wird in symbolischer Bedeutung gebraucht: So ist jeder Freimaurer verpflichtet, nach Wahrheit, Menschenliebe, Selbstkritik und Duldsamkeit zu streben. Die Freimaurer verehren Gott im Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten». Sie setzen sich für eine allgemeine humanitäre Ethik ein, bekämpfen Totalitarismus, Chauvinismus, Fanatismus, Aberglaube, Kastengeist und treten für ein friedliches, sozial gerechtes Zusammenleben ein. Aus dem dtv-Brockhaus-Lexikon


Literatur
Ernst Baumann: «Cagliostro in Riehen und seine Beziehungen zum Sarasinschen Freundeskreis», in: «Der Rauracher», Nr. 2, 2. Quartal 1934, S. 44-51 Daniel Burckhardt-Werthemann: «Häuser und Gestalten aus Basels Vergangenheit», Basel 1925 Johannes von Guenther (Hrsg.): «Der Erzzauberer Cagliostro», München 1919 Klaus H. Kiefer (Hrsg.): «Cagliostro Dokumente zu Aufklärung und Okkultismus», München 1991 Friedrich von Oppeln-Bronikowski (Hrsg.): «Der Schwarzkünstler Cagliostro», Dresden 1922 Friedrich von Oppeln-Bronikowski: «Abenteurer am Preussischen Hofe 1700-1800», Berlin/Leipzig 1927 Constantin Photiadès: «Les vies du Comte de Cagliostro», Paris 1932 Alfred R. Weber: «Cagliostro in den Augen seiner Zeitgenossen», in: Basler Jahrbuch 1959, Seiten 160-172

Anmerkungen
1) Klaus H. Kiefer (siehe oben) S. 476
2) Johannes von Guenther (siehe oben) S. 185 f.
3) Friedrich von Oppeln-Bronikowski: «Abenteuerer », S. 135 f.
4) Friedrich von Oppeln-Bronikowski (Hrsg.): «Der Schwarzkünstler Cagliostro», S. 9 5) Daniel Burckhardt-Werthemann (siehe oben) S. 110 f.
6) ebenda S. 111
7) ebenda S. 113
8) ebenda S. 115
9) Ernst Baumann (siehe oben) S. 48
10) Klaus H. Kiefer (siehe oben) S. 551
11) ebenda S. 552
12) vgl. den Artikel von Katharina Huber auf S. 33-35 dieses Buches
13) Daniel Burckhardt-Werthemann (siehe oben) S. 119
14) Constantin Photiadès (siehe oben) S. 32 15) ebenda S. 33
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