1994

Ein Brunnen gegen die Zollfreistrasse

Bettina Eichin

Seit nunmehr 142 Jahren wird die Zollfreistrasse geplant - wir haben im Jahrbuch 1984 diese Planung ausführlich dargestellt. Und seit Jahrzehnten wehren sich die Bewohner des Riehener Schlipfs gegen die Zerstörung ihres kleinen Paradieses am rechten Wieseufer, wehren sich Naturschützer und die Gemeinde Riehen gegen den Bau dieser Strasse, die sich im Laufe der Jahrzehnte von dem 1852 geplanten, simplen Verbindungsweg zwischen Lörrach und Weil am Rhein zu einer gigantischen, vielspurigen Autostrasse gewandelt hat. Aber alles scheint vergebens; gegen Staatsverträge und gegen Strassenpläne scheint jeder Widerstand zwecklos.

In dieser Situation haben zwei Landbesitzer im Schlipf, deren Familie im Jahre 1909 hier ihr Rebhäuschen und einen kleinen Rebberg bauten, sich entschlossen, ein Denkmal gegen die Zollfreistrasse zu stiften. Sie beauftragten die Bildhauerin Bettina Eichin, einen Brunnen gegen die Zollfreistrasse zu gestalten. Im Herbst 1993 wurde der Brunnen am Lampiweg im Schlipf errichtet, und am 23. April 1994, einem strahlenden Sonnentag, unter Anteilnahme einer grossen Menschenmenge eingeweiht. Der Fällbefehl für den Auenwald am Fusse des Schlipfs ist zu Beginn dieses Jahres publiziert worden, doch zur Zeit der Drucklegung dieser Zeilen steht das kleine Paradies noch unversehrt. Wie es weitergeht im Schlipf? Keiner weiss es. Aber hoffen dürfen wir.

Bettina Eichin hat im Frühjahr 1994 ihre Gedanken zur Gestaltung des Schlipfer Brunnens niedergeschrieben; sie wurden erstmals in der zur Brunnen-Einweihung erschienenen Broschüre «Zollfreistrasse - Entstehungsgeschichte eines Brunnens» publiziert und werden hier mit freundlicher Erlaubnis der Autorin nachgedruckt. Die Redaktion

Ein Brunnen gegen die Zollfreistrasse? Leicht gesagt, leicht bestellt. Aber welche Bilder sind und bleiben lesbar, ob die Strasse gebaut wird oder nicht?

Bestellt wird ein kleiner Brauchbrunnen für eine winzige Landwirtschaft an der äussersten Landesgrenze mit Weinberg, Schafstall und Hühnerhof, mit Obst-, Gemüseund Blumengärten und einem Rebhäuschen. Ein Brunnen für ein Stück Land, in das sich bald schon - im staatsvertraglichen Einvernehmen zwischen Eidgenossenschaft und Bundesrepublik - die Zollfreistrasse durch Auenwald und das kleine Schwimmbad graben soll.

Welche Bilder vermitteln geschützte Idylle und drohende Gefahr, die von einer Strasse ausgehen soll, die seit 142 Jahren geplant und vielleicht nie gebaut wird? Wie bildet man Dummheit und Verführbarkeit von Menschen ab, wie das Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein, wenn sie doch realisiert wird, wie die Kapitulation vor den selbsterfundenen Sachzwängen?

Gegen solche Planung, die so lange gediehen ist und selbst die Klippen zwischenstaatlicher Einigung überwunden hat, ist kein Kraut gewachsen, auch kein kleiner Brunnen. Heute würde diese Strasse nicht mehr geplant, geschweige denn realisiert, sagen alle, und alle wissen, dass diese Einsicht heute noch nicht dazu verhilft, auf diese Strasse zu verzichten, sie dank besserer Einsicht nicht zu bauen.

Gesucht wird ein Bild für eine Strasse, die den Verkehr nicht etwa von den Menschen wegleitet, sondern den Verkehr anziehen und bisher ruhige Erholungszonen mit Lärm und Dreck verpesten wird. Und wenn schon der Schwerverkehr, der heute noch unterhalb der Burg Rötteln von Weil nach Lörrach braust, durch Weil und Riehen hindurch soll, warum nicht auf dem linken Ufer der Wiese, wo freies Feld für freie Fahrt lockt? Aber diese Felder dienen der Trinkwassergewinnung aus dem Grundwasserstrom links der Wiese, versauen darf man nur das trinkbare Grundwasser rechts der Wiese, wo kein Wasserschutzgebiet eingetragen ist. Ein Bild voll Häme, mit einer Parodie auf die Logik der Strassenbauer und ihrer Rechtfertiger.

Lässt sich in einer Brunnenskulptur ein Schlipf skizzieren, der, erst einmal an seinem Fussende abgegraben, wie sein Name verrät, ins Rutschen kommen und sich für die Dummheit rächen wird? Wie lesbar wäre ein sarkastischer Entwurf, wenn das Menetekel Wahrheit werden würde: die heitere Natur des Schlipfs den Hang hinunter, das kleine Bad weggebaggert, der Auenwald zerstört, Pirol und Eisvogel schweigen.

Die Herausforderung, in diesem gedanklichen Umfeld ein dingliches Zeichen zu finden, das alle Wünsche, alle Interpretationen, alle Kampfmotive visualisiert, ist unerfüllbar. Das Thema ist gestellt, der Rah men ist gegeben; wie vereint sich all das zu einem sprechenden Bild, zu der einen aussagekräftigen Form der Symphonie zwischen der pragmatischen Funktion eines Brunnens, der ästhetischen Freude an einem wohlproportionierten Bildstock und dem politischen Anspruch der Auftraggeber: Ruhe gegen Zerstörung, Natur gegen Gewalt, Weisheit gegen Dummheit.

Der Grundgedanke des Schlipfer Brunnens ist ein «ex voto», ein Votivbild, auf dem das bereits glücklich, wie durch ein Wunder überstandene Unheil dargestellt ist.

Hier der blühende Garten, geschützt im Kasten, wie sich die Leute vom Schlipf gemeinsam schützend um die ihnen anvertraute Natur stellen. überlebensgross sind die Blumen und Früchte darin, sie sind gross, damit wir sie besser sehen, besser begreifen lernen, wie wichtig sie für uns sind.

Die überstandene Gefahr wird sichtbar in der Spitzhacke, dem Blitz, dem Strassenschild und dem beschädigten Kasten. Das Bauvorhaben bedrohte den Schlipf, unberechenbar wie ein Blitzschlag. Das Strassenschild «Zollfreistrasse» ist umgedreht, verkehrt, es meint die Dummheit und den Irrsinn dieser Strassenplanung, die verkehrte Welt, die gescheitert ist.

Das «ex voto» verbildlicht Dank; Dank an die Natur, auch Dank an jene, die sich um ihr Fortbestehen Mühe gemacht haben. So sind die Türen des Gartenkastens ein bewusstes Zitat eines Triptychons und wie die Seitenflügel des Altars auch Schutz, Schutz für den Garten wie Schutz für sein bronzenes Abbild.

Wird die Strasse trotz allem gebaut, ist der Brunnen Grabmal, sichtbares Bild des Elendes, der Zerstörung und der Erinnerung an ein ehemaliges Refugium, an eines der unzähligen Paradiesgärtlein, die wir Menschen verspielt und verschachert haben.

Beständige Aufklärung, Erinnerung und Mahnung helfen vielleicht, das Kleinod Schlipf zu erhalten, wie es heute ist. Aufklärung über die tatsächliche Lage, in die uns Generationen von Funktionierern gebracht haben, Erinnerung daran, dass es auch ohne sie geht und die Mahnung, nicht noch mehr zu verderben als schon verdorben ist. Vielleicht kann der Brunnen und das geformte Bild einer Rettung von Mensch und Natur aus einer von Menschen entworfenen Bedrängnis ein wenig zu Aufklärung, Erinnerung und Mahnung beitragen.

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