1993

Zur Baugeschichte des Schweizerhauses

Hans Ritzmann

Wohl jedem Riehener Einwohner dürfte die Wandlung des ehemaligen Bauernhauses, in dem in den letzten Jahren ein Flohmarkt eingerichtet war, zum neuen Geschäftsund Wohnhaus an der Rössligasse aufgefallen sein. Das unter dem Namen «Schweizer» bekannte Haus besitzt eine ausgezeichnete Lage gegenüber der belebten Einkaufszone am Webergässchen. Das traufständig an der Rössligasse liegende Gebäude gehört zu den älteren Bauten in Riehen; es ist eines der letzten Bauernhäuser in dem von modernen überbauungen geprägten Dorfbild. Im Innern hatte sich bis zum Umbau 1992 die ursprüngliche Struktur weitgehend erhalten. Im Rahmen der jüngsten Renovation wurden sämtliche Innenstrukturen, Teile des Giebels sowie der gesamte Dachstuhl abgebrochen und neu gebaut1).

Der folgende kurze Bericht bietet im wesentlichen einen überblick über das heute nur noch in seiner äusseren Erscheinung existierende Gebäude. Die von der Basler Denkmalpflege durchgeführten, durch diese Eingriffe notwendig gewordenen Bauuntersuchungen hatten zum Ziel, den historischen Bestand umfassend zu dokumentieren2). Allerdings kann die beste Dokumentation die Bedeutung und den Wert des Originals nicht ersetzen3).

Historischer Rückblick
Die Situation in der Umgebung des Schweizerhauses hat sich im Laufe unseres Jahrhunderts derart stark verändert, dass man sich nur noch mit Hilfe alter Dorfpläne eine Vorstellung der früheren Situation machen kann. Der bis 1930 offene Aubach verlief entlang der Rössligasse bis an die Stelle, an welcher heute der Fussweg zum Parkplatz führt. Dort wendete er sich von der Gasse ab und beschrieb die nördliche Begrenzung des Grundstücks, von wo aus sich heute die öde Fläche des Parkplatzes nach Norden ausdehnt.

Die durch den Aubach einerseits und die Rössligasse andererseits eingegrenzte Parzelle war lange Zeit mit zwei Bauernhäusern überbaut. Das eine, welches im Bereich des heutigen Gärtchens stand, brannte 1891 ab und wurde nicht wieder aufgebaut.

Historische Quellen erwähnen die Liegenschaft bereits im Jahre 14614). In der Mitte des 17. Jahrhunderts werden erstmals zwei Häuser genannt. Auf dem Bogensturz des bereits 1983 herausgebrochenen Kellereinganges ist die Jahreszahl 1649 eingraviert. Diese Jahreszahl ist in den Schriftquellen nicht belegt. Mit Hilfe der Dendrochronologie5) konnte aber nachgewiesen werden, dass das Haus tatsächlich 1649 erbaut wurde. In den Quellen werden seit dem 17. Jahrhundert mehrheitlich zwei Bewohnerparteien erwähnt, die gemeinsam den Hof nutzten und dem Besitzer einen jährlichen Zins ablieferten.

Der Bauernhof wurde zeitweise als Metzgereibetrieb genutzt. 1779 wird erstmals ein Metzger genannt. Während fast hundert Jahren (bis 1864) wurde dieses Gewerbe hier nachgewiesen. über der Stalltüre im Westteil hat sich am Sturz das stark verwitterte Relief eines Metzgerbeils erhalten. Solche einfachen Wappen oder Hauszeichen waren früher an vielen Häusern im Dorf Riehen vorhanden6).

Zustand des Hauses vor dem Umbau Das grosse Mehrzweckhaus umfasste Wohnhaus, Scheune und Stall unter einem alles überdeckenden Satteldach. Diese drei Teile sind in der zweigeschossigen Strassenfassade deutlich ablesbar. Das grosse Tor in der Mitte der Fassade führte in das ehemalige Tenn, links schloss der Stallteil an, rechts der Wohnteil.

Die Strassenfassade des Wohnhauses ist in biedermeierlicher Art gleichmässig gegliedert. Auf drei Achsen sind die Fenster sowie die seitliche Hauseingangstür neben dem Tenn aufgereiht. Die einfachen Rechteckfenster mit vorstehenden, halbrunden Bankprofilen passen in die Zeit des späten 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Gewände der Türe setzt sich aus verschieden profilierten, zum Teil wiederverwendeten Werkstücken zusammen.

Die obere Partie des ökonomieteils wird von Schlitzfenstern durchbrochen, deren Backsteinleibungen rustikal in Läufer-Binderanordnung gefasst sind. Sie stammen aus einer Erneuerung der Scheunenfassade aus dem Jahre 1892.

Auf der Hofseite bildet das weit über die Rückfassade heruntergezogene Dach eine überdeckte Laube. Das Vordach ruht auf zwei eichenen Säulen, die mit beidseitigen Kopfstreben der schweren Last standhalten. Seitlich wird die Laube durch zwei gemauerte Anbauten begrenzt. Der ganze Hof war mit Kopfsteinpflaster belegt. Zusammen mit der originalen, im Obergeschoss in Fachwerk ausgeführten Rückfassade vermittelte er, vielleicht gerade durch den vernachlässigten Zustand, ein stimmungsvolles Bild.

Die Anordnung der Fenster an der dem Garten zugewandten Giebelfassade ist in zwei Teile gegliedert. Die beiden nahe der Strasse liegenden Fenster entsprechen den öffnungen der Strassenfassade. Die vier Fenster im nördlichen Bereich unterscheiden sich von den vorderen in Grösse und Form und sind später eingebrochen worden.

Die westliche Giebelfassade bildet den Abschluss der 1730 erweiterten Scheune. Die schlicht gehaltene Fassadenmauer wurde jedoch im Zuge der Erneuerung von 1892 - mit Ausnahme des Fachwerkgiebels - vollständig ausgewechselt.

Das Anwesen wies als Dreisässenhaus einen funktional gegliederten, für viele Bauernhäuser typischen Grundriss auf, der sich in der Strassenfassade deutlich abzeichnet (siehe Plan unten). Das Tenn in der Mitte sowie Stall und Futtergang westlich davon erstreckten sich über die ganze Tiefe des Hauses von der Strasse bis zum Hof. östlich des Tenns schloss der Wohnteil an mit dem ebenfalls die gesamte Haustiefe durchdringenden, von der Strasse zum Hof führenden Gang. Im ursprünglichen Zustand war er allerdings nicht durchgehend gewesen. Vom Gang her gelangte man direkt in Küche und Stube. Die hofseitigen Zimmer waren von der Küche aus erschlossen.

Diese Wohnstruktur und deren Ausstattung blieben bis zur Auskernung des Hauses weitgehend erhalten. Erwähnenswert ist die ehemalige Wohnstube mit einer Sichtbalkendecke, deren Balkenkanten mit Zierfasen geschmückt waren. In diesem Raum stand bis zum Auszug der letzten Bauernfamilie im Jahre 1983 auch ein schöner Kachelofen. Die Einfeuerung befand sich in der angrenzenden Küche neben dem Holzherd unter einer gemeinsamen Abzugshaube. über den Schüttstein am Fenster wurde das Abwasser ins Freie geleitet.

Vom überdeckten Hof her stieg man in den Keller hinunter. Der Treppenhals konnte mit einem Deckel geschlossen werden. Der Kellereingang war mit einem Rundbogen aus Sandstein gefasst7).

Das Haus Schweizer wurde über Jahrhunderte von zwei Familien bewohnt. Dies hat sich in der Wiederholung der räumlichen Anordnung des Erdgeschosses im Obergeschoss niedergeschlagen. Die Wohnräume des Obergeschosses waren über eine steile, gradläufige Treppe erschlossen. Vom Vorraum aus gelangte man nach Osten in das gartenseitige Zimmer. In diesem Zimmer befand sich die Einfeuerungsstelle des Kachelofens der angrenzenden Stube nach demselben Schema wie im Erdgeschoss. Die grosse Stube mit strassenseitiger Dreifensterfront und einfachem Stuckprofil wurde nachträglich mit einer Holztrennwand unterteilt. Das Fenster des Zimmers zum Hof mündete unter die weit ausladende Dachfläche der Laube. Um trotzdem eine ausreichende Belichtung des Innern zu gewährleisten, war dem Fenster eine grosse Dachgaupe8) vorgelagert.

Der Treppenaufgang vom 1. Obergeschoss zum Dachgeschoss mündete in einen kleinen, mit Brettern verschalten Vorraum. über eine Türe erreichte man den nördlichen Dachraum, der auch mittels einer Bretterwand vom südlichen getrennt war. Im Kehlgeschoss darüber stand nahe der Giebelfassade eine grosse Rauchkammer. Eine schmale Stiege führte auf dieses obere, über den Kehlbalken liegende Geschoss, von wo sich der Blick über die ganze Länge des weiträumigen, eindrücklichen Dachstuhls öffnete.

Der Dachstuhl war als Pfetten-Sparrendach mit doppeltem, liegendem Stuhl konstruiert9). Der originale Stuhl umfasste fünf Binder. Infolge der späteren Erweiterung der Scheune gegen Westen um 1730 (siehe Baugeschichte), wurde der Dachstuhl in gleicher Art um einen zusätzlichen Binderabschnitt erweitert. Die äusseren Binder waren im Fachwerk der Giebelfassaden integriert. Zwischen den fünf Bindern waren Windverstrebungen in Form von Andreaskreuzen eingefügt.

Baligeschichte
Möglicher Vorgängerbau
In der vorderen Wohnhausfassade wurden Reste von älteren Fensteröffnungen freigelegt, deren Innenleibungen von Rahmenmalereien begleitet waren. Die Mauer, in welche diese originalen Fensterleibungen eingebunden sind, endet genau an der Stelle, an der die innere Abschlussmauer des Kellers ansetzt. Daraus lässt sich die vage These ableiten, dass der strassenseitige Teil des Wohnhauses bei der Neuerbauung von 1649 bereits bestanden hatte und in den Neubau integriert wurde. Dies erklärte auch, weshalb nur der hofseitig neu hinzugekommene Wohnteil unterkellert wurde. Allerdings sind diese Befunde allein noch kein Indiz für einen Vorgängerbau, da sämtliche Fenster des Wohnhauses in spätbarocker oder biedermeierlicher Zeit ersetzt worden sind.

Der Bau von 1649
Das Bauernhaus wurde 1649 von Grund auf neu errichtet. Den exakten Beleg dafür lieferte uns die Dendrochronologie. Sie erlaubt eine genaue Datierung der in einem Bau verwendeten Hölzer10). Von den an der Rössligasse 19 entnommenen 40 Bohrproben konnten mehr als 30 ausgewertet werden. Datiert wurden die eichenen Deckenbalken des Kellers, die Fachwerkwände im Erdgeschoss (Rückfassade sowie Trennwand zwischen Tenn und Wohnhaus) sowie der Dachstuhl, präzise ins Jahr 1649. Der Befund der konstruktiven Einheit, mit Ausnahme der um 1730 erfolgten Erweiterung, wird damit bestätigt.

Der Wohnteil im Erdgeschoss zeigte gegenüber dem Zustand vor der Sanierung von 1992 einen leicht veränderten Grundriss: Anhand der Deckenbalken der Wohnstube im Parterre, deren Zierfasen sich nach Westen in den Gangbereich fortsetzen, darf man annehmen, dass die ursprüngliche Stube den Raum des heutigen Ganges miteinschloss. Der durchgehende Stichgang gehörte folglich nicht zur originalen Raumanlage. Die Eingangstür zum Wohnteil befand sich auf der Hofseite. Von der Strasse her gelangte man nur über das Tenn in den Wohnteil. Der hofseitige Raum war unterteilt, wie im Obergeschoss. Beide Geschosse wiesen somit einen praktisch identischen Grundriss auf.

Der ökonomieteil war vor der Erweiterung nach Westen um gute drei Meter kürzer, so dass der Wohnteil genau die gleiche Grösse einnahm wie Stall und Scheune.

Die Erweiterung um 1730
Mit der dendrochronologischen Altersbestimmung konnte auch die um 1730 erfolgte Erweiterung des ökonomieteils um gute drei Meter nach Westen nachgewiesen werden. Diese Erweiterung war im Dachstuhl gut sichtbar. Dem Dachstuhl mit ursprünglich fünf Binderachsen wurde um 1730 westlich eine weitere Achse hinzugefügt. Der Anbau ist auch im Grundriss durch die eingerückte Hoffassade ablesbar.

Spätere Veränderungen Im Jahre 1892 wurde der Wirtschaftsteil erneuert. Zu diesem Umbau gehören die Schlitzfenster mit den Backsteinleibungen in der Strassenfassade.

Nachwort
Ein Haus, das nicht bewohnt wird, nimmt schnell Schaden. Auch im «Schweizerhaus» sind die grössten Schäden an der Baustruktur in der kurzen Zeit, seit der letzte Bewohner den Hof verlassen hat, entstanden. Leider wurden die notwendigen Massnahmen zur Verhinderung der Schäden nicht an die Hand genommen.

Die jetzt erfolgte Sanierung war so eingreifend möglich, weil durch gerichtliche Verfügung nur das äussere geschützt wurde.

Anmerkungen
1) Siehe auch Michael Raith: «Das Schweizerhaus», in: RJ 1993, S. (164)-171
2) Die Bauuntersuchung wurde von Bernard Jaggi und Hans Ritzmann durchgeführt, die Pläne von Hans Ritzmann erstellt und von Stephan Tramèr für diese Publikation umgezeichnet. Dendrochronologische Untersuchung durch Heinz und Kristina Egger, Boll. Dank an Mathias Merki und Bernard Jaggi für redaktionelle Mithilfe.
3) Vgl. Bernard Jaggi: «Die Baugeschichte der Landvogtei Riehen», in: RJ 1990, S. 20, Anmerkung 3
4) Vgl. Fritz Lehmann: «Eigentümer des Hauses Rössligasse 19», in: RJ 1993, S. 172-175 5) Jahrringdatierung der im Bau verwendeten Hölzer. Vgl. Erklärung in: RJ 1990, S. 16/17 6) Vgl. Daniel Reicke: «Die Häuser an der unteren Rössligasse», in: RJ 1992, S. 19, und GKR, S. 241, Riehener Familienwappen. Das Wappen mit einem Metzgerbeil der Familie Stump ist formal vergleichbar mit dem Befund im Sturzstein.
7) Das Tor ist im Einfamilienhaus der Familie Schweizer in Riehen neu aufgebaut worden. Die Jahreszahl 1649 auf dem Sturzstein erinnert an die Erbauung des Bauernhauses.
8) Dachgaupe = Dachaufbau für ein stehendes Dachfenster
9) Liegend wird ein Stuhl genannt, wenn er anstelle von Säulen in der Dachschräge liegende Streben ausweist. Der Begriff Pfetten-Sparrendach bezeichnet ein Sparrendach mit längslaufenden Balken (Pfetten). Pfetten als Bestandteile des Stuhls liegen auf sogenannten Bindern, die gleichsam als Böcke das tragende Gerüst eines Dachstuhls bilden. Ein Binder besteht aus jeweils zwei gegenüberliegenden Streben, die in Bundbalken eingezäpft sind und dem dazwischengespannten Spannriegel, der die obere Horizontale des trapezförmigen Bocks bildet. Besteht der Binder aus zwei übereinander angeordneten Böcken, handelt es sich um einen doppelten Stuhl.
10) Siehe Anmerkung 5
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