1993

Feuersalamander und Quelljungfern im Gebiet um St. Chrischona

Daniel Küry

Eine erste Begegnung mit diesen wenig bekannten Bewohnern unserer Bäche gelang uns unbeabsichtigt. Im Rahmen einer Studie über die ökologische Qualität der Fliessgewässer in Riehen und Bettingen stiessen wir bei Tierfängen im Bettingerbach auf Larven des Feuersalamanders und einer Grosslibellenart. Bei der gefundenen Libelle handelt es sich um die Zweigestreifte Quelljungfer. Feuersalamander (Salamandra salamandra) und Zweigestreifte Quelljungfer (Cordidegaster boltonii) sind Arten, die gesamtschweizerisch in den letzten Jahrzehnten einen starken Bestandesrückgang zeigten.

Diese Gefährdung veranlasste uns, die Vorkommen der beiden Arten im Kanton Basel-Stadt etwas genauer zu untersuchen und ein entsprechendes Projektzu planen.

Mit den Erhebungen wurden die folgenden Ziele angestrebt:

1. Auffinden der Vorkommen von Feuersalamandern und Quelljungfern im Gebiet um die Chrischona
2. Abschätzen der Grösse der Bestände (ungefähre Individuenzahl) in den jeweiligen Gewässern
3. Ansprüche der Arten an ihre Wohngewässer
4. Massnahmen zum langfristigen Schutz dieser Arten im Kanton Basel-Stadt

Im Verlaufe der Untersuchungen wurde in den untersuchten Gewässern noch eine zweite Libellenart nachgewiesen, die Gestreifte Quelljungfer (Cordidegaster bidentata). Auch diese Art besiedelt kleinere Fliessgewässer, doch liegt ihr Verbreitungsschwerpunkt vorwiegend in bewaldeten Abschnitten.

Das Untersnchnngsprogramm

In den folgenden Gewässern des Dinkelbergs wurde nach Vorkommen von Feuersalamandern und Quelljungfern gesucht: Aubach, «Chrischonatalbach» (mit Quelle in der Schweiz), Wilengraben- und Rustelgrabenbach (mit Quellgebiet in der Schweiz), Bettingerbach, Immenbächlein sowie Nollenbrunnen. Die Untersuchung bestand in regelmässigen Begehungen der Gewässer. Zur Beobachtung von ausgewachsenen Feuersalamandern waren wegen ihrer Nachtaktivität Begehungen nach der Dämmerung und bei regnerischer Witterung erforderlich. Die Suche nach Feuersalamanderlarven und allen Stadien der Quelljungfern erfolgte tagsüber. An jedem Fundort wurden die äusseren Bedingungen (Beschattung, Sediment usw.) protokolliert. Gesamthaft fanden zwischen März und August 1990 etwa zwei Dutzend Begehungen statt.

Vorkommen und Lebensweise des Feuersalamanders
Im Verlaufe der nächtlichen Begehungen wurden nur je zwei, respektive drei ausgewachsene, weibliche Tiere am Bettingerbach und am Nollenbrunnen festgestellt. Gruppen frisch abgesetzter Salamanderlarven lassen jedoch ebenfalls auf die nächtliche Anwesenheit mindestens eines weiblichen Tieres schliessen. Diese Nachweise zeigen, dass 1990 das Chrischonatal und der Nollenbrunnen jeweils von mindestens fünf weiblichen Tieren als Absetzgewässer besucht wurden. In schweizerischen Abschnitten des Wilengrabens waren es sechs und am Bettingerbach insgesamt acht weibliche Tiere. Verschiedene Autoren erklären übereinstimmend, dass die weiblichen Tiere etwa 25 bis 30 Prozent einer gesamten Population (Fortpflanzungsgemeinschaft) ausmachen. Unter Berücksichtigung dieser Angaben lassen sich zusätzlich die männlichen und die nicht geschlechtsreifen Individuen abschätzen. Dementsprechend wurden die einzelnen Teilgebiete von 20 bis 32 Feuersalamandern bewohnt (Tabelle 1). Im ganzen schweizerischen Gebiet des Dinkelbergs waren es knapp hundert Individuen. Diese Schätzung muss allerdings mit einiger Vorsicht betrachtet werden, weil sie nur die Situation in einem zufällig gewählten Untersuchungsjahr wiedergibt. Aus früheren Jahren liegen keine detaillierten Zählungen oder Schätzungen der Feuersalamander im Kanton Basel-Stadt vor, doch waren Vorkommen im Chrischonatal und im Aubach bekannt, eine Population im Wilengraben wurde vermutet. Die Bestätigung im Wilengraben und der Nachweis im Bettingerbach sind also neu (Karte Seite 144).

Die Tatsache, dass sowohl stehende Gewässer als auch Bäche als Larvengewässer akzeptiert werden, ist ein Hinweis dafür, dass weibliche Tiere jeweils das nächstgelegene Gewässer aufsuchen und ihre Larven ins Wasser setzen.

Da die ausgewachsenen, nachtaktiven Feuersalamander nur am Laichgewässer beobachtet wurden, fehlen Angaben zu den Jahreslebensräumen der Adulttiere. Die Tagesverstecke und überwinterungsorte dürften sich mehrheitlich in kleineren Höhlen und Spalten der karstigen Hügel des Dinkelbergs befinden. Eine stichprobenweise Suche solcher Quartiere blieb aber erfolglos.

Feuersalamanderlarven entwickeln sich in der Regel während etwa vier Monaten im Gewässer, wobei ihre Länge von drei Zentimeter auf zirka 5,5 Zentimeter anwächst. Der grösste Teil der Larven gelangt im Frühling in die Gewässer. Werden die Larven im Herbst abgesetzt, so ist es auch möglich, dass Larven überwintern. Als Nahrung dienen ihnen Kleintiere des Gewässers wie Bachflohkrebse, Stein-, Eintags- und Köcherfliegenlarven, Mückenlarven oder Käfer und Schnecken. Auf diese Beute lauern sie bevorzugt an strömungsarmen Stellen der Bäche oder in Austiefungen hinter Schwellen.

Vorkommen und Lebensweise der Quelljungfernarten
Ein Blick auf die übersichtskarte (Seite 144) zeigt, dass die beiden Quelljungfernarten nicht gleichmässig verbreitet sind. Während die Zweigestreifte Quelljungfer an drei Bächen nachgewiesen wurde, besiedelte die Gestreifte Quelljungfer nur den Wilengraben und Rustelgraben in der badischen Nachbargemeinde Grenzach-Wyhlen.

Die Larven der Zweigestreiften Quelljungfer leben eingegraben in sandigen Ablagerungen kleiner Bachläufe. Hier bleiben sie die meiste Zeit gut versteckt und kommen nur zur Nahrungssuche hervor. Ihre Kost ist mit derjenigen der Feuersalamanderlarven vergleichbar. Die versteckte Lebensweise als Larve dauert drei bis vier Jahre. Um Mitte Juni findet die Umwandlung der reifen Larven zu ausgewachsenen Geschlechtstieren statt. Nach längerer Abwesenheit kehren sie erst ab Mitte Juli wieder an die Gewässer zurück. Die folgende Phase des Lebenszyklus dient vor allem der Partnersuche und der Fortpflanzung. Meist sind männliche Tiere zu beobachten, die an den gleichen Abschnitten der Bäche hin und her fliegen. Sie warten auf weibliche Tiere, welche die Gewässer aufsuchen. Paarung und anschliessende Eiablage der weiblichen Tiere erfolgen rasch und sind nur äusserst selten zu beobachten. Die Weibchen «stechen» dabei im Fluge ihre Eiablagescheide in senkrechter Körperhaltung in sandige Uferbereiche des Bachsediments.

Der Grossteil unserer Larvenfunde und die Beobachtungen fliegender Männchen stammen aus sogenannten Wiesenbachabschnitten. Die Uferbereiche waren hier hauptsächlich gesäumt von Spierstauden, Rohrglanzgras und flutendem Süssgras. Die dichteste Larvenpopulation wurde 1990 im Bettingerbach nachgewiesen. Auf einer Wiesenbachstrecke von zirka 70 Meter Länge fanden sich insgesamt 14 Larven und Schlupfhäute (Exuvien). Dies entspricht allein für die Generation der gerade erwachsen werdenden Tiere einer Dichte von zwei Individuen pro Meter! (Tabelle 2) Im benachbarten Abschnitt, der von Gebüsch bestanden war, fand sich nur eine einzige Schlupfhaut.

Die Larven der Gestreiften Quelljungfer leben im Gegensatz zu der vorgenannten Art in Quellbächen. Die im Untersuchungsgebiet beobachteten Larvenlebensräume waren kleinste «Tümpelchen», durch die das Wasser treppenartig die steilsten Abschnitte eines Quellhangs hinunterfloss. Die Ablagerungen an diesen Stellen waren relativ grob und bestanden meist aus Kalksinterplättchen. Alle Stellen lagen in bewaldetem Gebiet des Wilengrabens und Rustelgrabens. Die meisten Individuen der Art lebten im östlichen Arm des Wilengrabens (insgesamt 13 Larven). Auf schweizerischer Seite der Grenze wurden aber keine Individuen beobachtet.

Die Schlüpfzeit der Gestreiften Quelljungfer dauert von Ende Juni bis etwa Mitte Juli. An den Abschnitten mit Larvenbeobachtungen wurden aber mit einer Ausnahme keine Schlupfhäute gefunden. Das eine Exemplar befand sich auf einem Ast eines jungen Baumes auf einer Höhe von zirka zwei Meter über Boden! Fliegende männliche Tiere konnten jedoch ab Mitte Juli auf den entsprechenden Strecken regelmässig beobachtet werden.

Bedrohung der beobachteten Arten und Massnahmen zu ihrem Schutz
Die Grösse der Population des Feuersalamanders könnte zur Annahme verleiten, dass diese Art nicht weiter gefährdet sei. Betrachten wir aber zurückliegende Bestandesaufnahmen, so erkennen wir, dass die Art früher auch im Aubach heimisch war. Heute ist der Feuersalamander dort verschwunden. Der Hauptgrund dürften die immer wieder auftretenden Verschmutzungsfälle sein, die (wie 1992) zur Vernichtung der gesamten Fauna führen können. Eine wichtige Gefährdung in der Larvenzeit sind Gewässerverbauungen, die die Entstehung strömungsarmer Zonen verhindern. Eine Bedrohung ausgewachsener Salamander besteht hauptsächlich auf vielbefahrenen Strassen und in gewissen Einrichtungen zur Naherholung (Biozideinsatz in Pflanzgärten teilweise unter Einbezug der Bachufer, Einrichtung von parkartigen Flächen mit Einbezug des Baches, Nadelholzaufforstungen in bewaldeten Abschnitten und ähnliches).

Die folgenden Massnahmen ermöglichen einen langfristigen Schutz der Feuersalamanderpopulationen:

- Sicherung der Wasserqualität durch Sanierung von Kanalisation und Abwasserreinigungsanlagen (vor allem Aubach)
- Effiziente Unterschutzstellung der Fliessgewässer mit einer Uferschutzzone (Bachparzelle schaffen) und einer Pufferzone (ausserhalb der Wälder)
- Wiederbelebung verbauter Bachabschnitte
- Verzicht auf Nadelholzaufforstungen in Bachnähe
- Signalisation von Strassen auf Laichwanderwegen der Salamander (falls notwendig, Bau eines Amphibientunnels)
- Regelmässiges Ausräumen von Schlamm und Laub in Waldweihern, die vom Feuersalamander besiedelt sind.

Die Bedrohung der Zweigestreiften Quelljungfer ist offensichtlicher und wahrscheinlich lokal grösser als diejenige des Feuersalamanders. Die starke Bindung an unbestockte Uferstrecken und sandige Ablagerungen machen die Erhaltung dieser Strukturelemente zu einer absoluten Notwendigkeit. Eine mögliche Verbuschung der Uferbereiche und die Tatsache, dass Wiesenbachabschnitte oft in Siedlungen oder relativ intensiv landwirtschaftlich genutztem Gebiet liegen, bilden die wichtigsten Gefährdungsfaktoren. Die sich fast ausschliesslich in Waldbereichen entwickelnde Gestreifte Quelljungfer scheint hauptsächlich durch allfällige waldbauliche Intensivierungen bedroht zu sein.

Grundsätzlich gelten für die Quelljungfern die im Zusammenhang mit dem Feuersalamander genannten Massnahmen. Zusätzlich müssen die Uferbereiche der Wiesenbachabschnitte sorgfältig gepflegt werden
- Jährliches Zurückschneiden der hohen Stauden
- Entfernung des im Bachbett liegenden Astschnittguts
- Eventuelle Ausdehnung der Wiesenbachabschnitte auf Kosten bestockter Strecken.

Die Massnahmen können nur wirksam werden, wenn ihre Umsetzung von Gemeinden und Kanton gemeinsam in Angriff genommen wird. Ein Massnahmenplan wurde im Rahmen der Studie ausgearbeitet (siehe Seite 146), jetzt muss die Umsetzung folgen. Diese ist im Rahmen folgender Naturschutzaktivitäten denkbar: Umsetzungen im Rahmen des Naturschutzkonzepts der Gemeinde Bettingen, Umsetzungen im Rahmen des zurzeit in Ausarbeitung stehenden Naturschutzkonzeptes im Kanton Basel-Stadt, konsequente Revitalisierungen durch Fachleute bei baulichen Eingriffen in Gewässernähe.

Ausblick: weitergehende Gestaltungsmassnahmen und Erfolgskontrolle
Ob sich die Populationen des Feuersalamanders und der Zweigestreiften Quelljungfer im Kanton Basel-Stadt mit Hilfe dieser Massnahmen erhalten lassen, können wir nicht voraussagen. Noch kennen wir zu wenige Details über Dichte und Lebensweise der Arten. Es scheint aber unabdingbar, dass Gestaltungsmassnahmen die oben skizzierte Bewahrungsstrategie sinnvoll ergänzen.

Neben Eingriffen, die die spezifischen Bedingungen an den bereits besiedelten Gewässern verbessern (Bettingerbach, Chrischonatalbach, Wilengraben), können weitere gestaltende Massnahmen das Angebot an möglichen Lebensräumen erhöhen. So wäre zum Beispiel abzuklären, ob der oberirdische Lauf des Immenbächleins bis in den Bereich des Nollenbrunnens verlängert werden kann. Mit einer Offenlegung der Hauptdrainage im Chrischonatal wird der Bachabschnitt auf schweizerischem Boden länger. Mit diesen gestaltenden Massnahmen lässt sich das Lebensraumangebot für Feuersalamander und Zweigestreifte Quelljungfer entscheidend erhöhen. Langfristig dürfte erst mit Hilfe von Neugestaltungen ein ausreichendes Lebensraumangebot für die beiden Arten zur Verfügung stehen. Eine Vermehrung potentieller Lebensräume für die Gestreifte Quelljungfer scheint hingegen auf schweizerischem Gebiet nicht realisierbar.

Ein wichtiger Punkt ist die Erfolgskontrolle. In periodischen Untersuchungen vor und nach der Realisation von Pflege- und Gestaltungsmassnahmen muss deren Erfolg geprüft werden. Mit relativ geringem Aufwand könnten zum Beispiel die Abschnitte des Bettingerbaches jährlich nach Schlupfhäuten abgesucht werden.

Stattliche Populationen von Feuersalamandern und Quelljungfern sind an unseren scheinbar friedlich dahinfliessenden Bächen keine Selbstverständlichkeit mehr. Um sie langfristig zu schützen, sind schon besondere Anstrengungen erforderlich. Erst dann haben sie eine Chance, in unserem Kanton zu überleben.

Anmerkung
1) Die Durchführung der Studie erfolgte gemeinsam mit Jürg Christ, Thomas Reiss und Thomas Baerlocher. Ihr Titel lautet «Feuersalamander und Quelljungfern im Kanton Basel-Stadt. Eine Studie zu Vorkommen, Lebensweise und Schutz gefährdeter Arten». Typoskript, Basel 1990

Dank
Die Durchführung des Projekts wurde finanziert von den folgenden Institutionen: Koordinationsstelle für Umweltschutz Basel, Gemeinde Riehen, Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL), WWF Region Basel und Basler Naturschutz.


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