1993

Das Schweizerhaus

Michael Raith

Kurz nach der Gründung der Universität Basel und noch vor den Burgunderkriegen - Kolumbus zählte erst zehn Lenze und dachte noch nicht an die Entdeckung Amerikas - erwähnte man erstmals ein Haus auf dem Areal der späteren Liegenschaft Rössligasse 19: das war 1461. Unmittelbar nach dem Dreissigj ährigen Krieg, zu Zeiten also des grossen Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein, nämlich 1649, entstand der heutige Bau. Er diente meistens gleichzeitig zwei Familien als Bauern-, Bäcker- und Metzgerhaus. Vor gut hundert Jahren, anno 1892, erfolgte eine letzte bauliche Anpassung. Und 1913, also ein Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, zog diejenige Familie in den Hof ein, welche ihm seinen heutigen Namen gab: Schweizerhaus. Die nächste Zäsur fand 1983 statt. Die Enkel Schweizer verkauften ihre Liegenschaft an Immobilienfirmen. Ob das Schweizerhaus und was davon zu erhalten sei, war, wie zu zeigen sein wird, umstritten, und wurde zum Teil sogar gerichtlich entschieden. Seit 1990 steht das äussere unter Schutz. Nach diesem Entscheid konnte mit dem Umbau des ehemaligen Bauernhofes zum Geschäfts-, Wohnungs- und Bürogebäude begonnen werden. Nach über einem Jahr Bauzeit wurde das neue Schweizerhaus Ende August 1993 eingeweiht und bezogen. Dieser Umstand bildete für die Redaktion des Jahrbuches «z'Rieche» Anlass, dieses markante Gebäude im vorliegenden Band näher vorzustellen: Fritz Lehmann vom Historischen Grundbuch Riehen fertigte eine Besitzerliste und Hans Ritzmann von der Denkmalpflege Basel schrieb eine Baugeschichte.

Das Schweizerhaus ist vermutlich deswegen so bekannt geworden, weil es das letzte alte noch betriebene Bauerngehöft im eigentlichen Dorf war. Die Erinnerung an die über die Baselstrasse in die Schmiedgasse und das Webergässchen zum Stall an der Rössligasse 19 ziehende und Spuren hinterlassende Kuhherde wirkt nach. Wäre der Hof - wie andere - schon vor Jahrzehnten verschwunden, hätte sich vermutlich niemand dagegen gewehrt. Aber jetzt war das anders. Bevor vom Kampf um die Erhaltung des Schweizerhauses die Rede sein wird, geben sich frühere Bewohner des Hofs die Ehre: rund 200 Jahre lang befand er sich in verwandten Händen, selten aber wurde er vom Vater auf den Sohn vererbt. Der Blick zurück zeigt einen Bauernhof unter Bauernhöfen, Taunerhäuser, verwinkelte Gässchen, Bauerngärten, Dorfbäche, Misthaufen mit Fliegen, kurz: das heute weitgehend verschwundene Bauerndorf Riehen.

Leute aus dem Schweizerhaus
Anno 1788 kaufte der Witwer Johannes Wenk das heutige Haus Rössligasse 19. Er stammte aus dem Familienzweig der Metzgerhansen: sein Vater, sein Sohn und sein Enkel hiessen alle Hans Wenk und übten den Beruf eines Metzgers aus. Während der Käufer als vermöglich - «hat viel Land» - und honorig - «seit 21 Jahren am Gescheid, seit 15 Jahren am Gericht» (1796) - geschildert wird, stieg der Sohn sozial ab: Johannes Wenk-Kleiber «wird in besseren Zeiten das Metzgerhandwerk wieder treiben»; zwar kann er «lesen, aber nur wenig schreiben». Er verkaufte den Hof dem Mann seiner Cousine Catharina Fäsy, auch sie stammte aus der Rössligasse, und zwar aus der heutigen Nummer 32. Diese hatte als gutsituierte Witwe 1807 den 13 Jahre jüngeren Metzger Heinrich Graf - alias «Groofeheiri» - aus Wintersingen geheiratet: Geschäft und Liebe durften durchaus zusammenwirken, und notfalls ging es auch ohne letztere. Der Sohn aus dieser Ehe, «Groofeheiri» junior, ehelichte Maria Katharina Oetlin aus Oedingen, Tochter des damals bekannten Obstbaumzüchters Daniel Oetlin (1782-1845). Die Mutter, die aus Fischingen stammende Elisabetha Oetlin geborene Estlinbaum starb wenige Tage vor ihrem 82. Geburtstag im Jahr 1873 bei der Tochter in Riehen. Diese hatte, jung verwitwet, 1840 dem Metzger Wilhelm Salathe die Hand zur Ehe gereicht. Auch der zweite Mann stammte aus dem Baselbiet, erst Seltisberg und dann Liestal war die Heimat seiner Familie. Zwei Jahre nach der Hochzeit wurden er und seine Frau Bürger von Riehen, was Maria Katharina geborene Oetlin aber nicht hinderte, ihr Leben lang die Markgräfler Tracht mit der Hörnerkappe zu tragen. Sie bekamen elf Kinder. Obwohl diese Familie Salathe von Riehen im Mannesstamm ausgestorben ist, hinterliess das Ehepaar Salathe-Oetlin eine immense Nachkommenschaft. Der jüngste Sohn, Ernst Salathe, übernahm den Hof und starb zeitig. Seine Witwe, Elisabeth Salathe-Schweizer, stellt endlich die Verbindung zu derjenigen Sippe her, die dem Haus seinen gegenwärtigen Namen gegeben hat.

Die Familie Schweizer kam ebenfalls aus der Landschaft Basel nach Riehen. Ursprünglich war sie eventuell, was ihren Namen erklären würde, im Kanton Schwyz zuhause. In Titterten werden 1461 und in Oberdorf 1491 Träger des Namens Schweizer erwähnt. Der lückenlose Stammbaum beginnt mit Hans Schweizer: er ehelichte 1671 in der Kirche zu St. Peter bei Oberdorf Jungfrau Rosina Schaub von Wittinsburg. Der Enkel Hans Schweizer (1723-1758) tat 1751 das nämliche in der Kirche St. Jakob bei Basel mit Catharina Schmid (1716-1758) von Riehen und zog in die Heimat seiner Frau.

Die Schmid sind eine Riehener Urfamilie und schon bei den ersten Namensnennungen dabei. Der eigentliche Stammbaum lässt sich bis Mitte des 16. Jahrhunderts zurückführen, und zwar auf den «Schmidhensslin» Hans Schmid, der dreimal verheiratet war. Sein 1590 geborener Sohn Jacob Schmid lebte als Schneider, und dessen Urenkel, der Seidenweber Baltzer (= Balthasar) Schmid (1682-1756) und seine aus Münchenstein stammende Frau Verena Schmid-Buser (1678-1758) wurden zu Schwiegereltern des ersten Vertreters der Familie Schweizer von Riehen.

Die Geschichte der Nachkommen des Paares Schweizer-Schmid kann hier nur zum kleinsten Teil erzählt werden. Als erster Vertreter der Familie Schweizer wohnte Gemeinderat Johannes Schweizer-Gysin (1831-1907) offensichtlich bereits an der Rössligasse 19; Besitzer waren aber sein Schwiegersohn, der erwähnte Ernst Salathe, und seine Tochter, Elisabeth Salathe-Schweizer. Aus dieser Ehe gingen keine Kinder hervor, und so kam das Schweizerhaus an Elisabeths Bruder Johann Jakob Schweizer-Mory.

Seine Frau Elise Schweizer-Mory war die Tochter des Gemeindepräsidenten und Zieglers Johann Jakob MoryStump. Die Hugenottenfamilie Mory kam nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes aus der Picardie nach Binningen (1686) und betrieb dort im Holee eine Ziegelei. Spätestens 1755 zog ein Nachkomme «hinter das Horn» bei Grenzach und widmete sich dort dem Zieglerhandwerk. Gut hundert Jahre später (wohl 1862) verlegte der spätere Präsident seine Ziegeleifirma von Grenzach nach Riehen, wo er sich 1867 einbürgerte. Das ging vermutlich deswegen so rasch, weil ihn nicht allein die Ehefrau, sondern schon die Mutter - Anna Mory-Löliger (1806-1887) vielfach mit der neuen Heimat verbanden.

Johann Jakob Schweizer-Mory führte zuerst einen Bauernhof an der Baselstrasse 18 und übernahm dann denjenigen an der Rössligasse 19. Das Schweizerhaus ging zuerst auf seine beiden Söhne, Hans Jakob Schweizer-Welti und Emil Schweizer, über, die den Hof gemeinsam bewirtschafteten, und anschliessend auf seine beiden Enkel, Hans Heiri Schweizer-Bucciolini und Wilhelm Schweizer. Und obwohl diese den Hof bekanntlich verkauften, blieb ihr Name an ihm haften, was in Riehen - vom Fischerhaus einmal abgesehen - eher eine Ausnahme darstellt.

Wieviel Schutz braucht das Schweizerhaus?
Schon 1977 wurde beantragt, das Schweizerhaus unter Denkmalschutz zu stellen. Gemeinderat und Gemeindeparlament, die darin eine Beeinträchtigung ihrer Gestaltungsfreiheit in der Quartierplanung Gartengasse erblickten, wandten sich 1981 gegen dieses Vorhaben. Da sich die Liegenschaft Rössligasse 19 bis 1987 in einer Planungszone befand, geschah zunächst nichts Irreparables. Im Jahr 1983 verkauften bekanntlich die Gebrüder Schweizer den Hof an Immobilienfirmen. Ein erstes generelles Baugesuch lehnte das Bauinspektorat 1984 ab. Nach dem Aus laufen der Planungszone folgte ein Abbruchgesuch. Dieses mobilisierte Denkmalpflege und öffentlichkeit gleichermassen.

Der Antrag, das Schweizerhaus unter Schutz zu stellen, wurde erneuert, und der Gemeinderat schloss sich diesmal an, was er in einer Interpellationsbeantwortung im Einwohnerrat bekanntgab (Januar 1988): es hatte sich herausgestellt, dass die Erhaltung des Bauernhofes mit der Quartierplanung in Einklang gebracht werden konnte. Gleichzeitig reichte ein aus den damaligen Redaktionsmitgliedern des Jahrbuchs «z'Rieche» bestehendes Komitee eine von 522 Personen unterzeichnete Petition zur Rettung des Schweizerhauses ein. Diese wurde im Herbst des Jahres vom Einwohnerrat in positivem Sinne erledigt.

Schon vorher, nämlich im September 1988, hatte der Regierungsrat dem Unterschutzstellungsantrag stattgegeben. Die Liegenschaftseigentümer rekurrierten dagegen vor dem Verwaltungsgericht. Dieses fällte rund ein Jahr später folgendes Urteil: die Einsprache wird teilweise gutgeheissen. Der integrale Schutz der Liegenschaft ist unverhältnismässig. Das äussere des Bauernhauses ist erhaltenswürdig, dem Inneren geht die erforderliche Denkmalqualität ab. Das Geschäft wird an den Regierungsrat zurückgewiesen.

Im März 1990 beschloss darauf die Kantonsregierung, lediglich die nach aussen sichtbare Bausubstanz der Liegenschaft, also die Vorder-, Hinter- und Seitenfassaden sowie das Dach unter Denkmalschutz zu stellen. Dieser Entscheid wurde nun nicht mehr angefochten. Der Kostenvorschlag für die Renovation der Fassaden und des Dachs belief sich auf 774'000 Franken. Daran bewilligte der Einwohnerrat Ende November 1992 nach gewalteter Diskussion unter Berufung auf das kommunale Bausanierungsreglement 127'500 Franken. Damit fand das Thema Schweizerhaus auf dem juristischen und politischen Parkett ein Ende, was von der öffentlichen Diskussion über Sinn und Umfang des Denkmalschutzes nicht gesagt werden kann.

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