1993

Autoren in Riehen:
Christian Schmid-Cadalbert
Yolanda Cadalbert Schmid

Dominik Heitz

«Es schäuuelet. I luegen uf d Uur. Es isch schpäät, z schpäät für Psuech, tünkt mi. I lege ds Buech offen u umgcheert uf ds Tischli, das i de nächäär grad wider cha witerläse. Won i d Windfangtüür uftue, gsen i scho, das öpper dusse schteit. Ds Liecht, wo us em Gang dür ds Voorhängli rünnt, meisslet ne udütlich us dr Fiischteri. I tue d Tüüren uuf Es isch e Frömde...»

«Frömd» heisst die Geschichte, die mit den vorherigen Sätzen beginnt. Und etwas fremd mag einem heutzutage, da Hochdeutsch und Lehnwörter aus dem Englischen die Schriftsprache prägen, auch das in Dialektform Geschriebene erscheinen - erst recht gar, wenn es sich nicht um die eigene Mundart handelt.

Denn wer liest heute noch Texte in Mundart, ja wer schreibt heute noch Texte in Mundart? Der Berner Christian Schmid-Cadalbert tut es. «Dialektschreiben halte ich für eine legitime Form der schriftlichen äusserung. Der schriftliche Dialektausdruck soll neben dem hochdeutschen Platz haben, ohne zu ihm in Konkurrenz zu treten. Bedrängen kann er ihn ohnehin nicht», schreibt er im Vorwort zu seinem Buch «Deheimen u frömd».

Liest man Christian Schmids Texte und hört man ihn sprechen, dann wundert man sich, wie ausgeprägt sein Berndeutsch klingt; es gibt Momente, da glaubt man Franz Hohler zu hören, wie er «Ds Tootemügerli» mit den lautmalerischen Fantasiewortschöpfungen zum besten gibt. Verwunderung ob dieses markanten Berndeutsch mag einen aber auch dann überkommen, wenn man weiss, dass der bärtige und grossgewachsene Christian Schmid lange Zeit in geografischer wie sprachlicher Hinsicht alles andere als berntreu gewesen ist. Denn in seiner Kinder- und Jugendzeit hatte er zusammen mit seiner Schwester und den beiden Brüdern das nomadische Leben einer Grenzwächterfamilie durchgemacht: Am 26. Mai 1947 in Rocourt - damals noch Berner Jura - geboren, lernte er zu Hause das Berndeutsch seiner Eltern und «draussen» französisch. Mit sieben Jahren folgte er seiner Familie zuerst nach Neuallschwil, wechselte dann drei Jahre später nach Basel und fand sich nach weiteren drei Jahren in Ittigen bei Bern. Schmid lernte demzufolge neben dem Berndeutsch und der französischen Sprache auch Baseldeutsch, das er noch heute beherrscht.

Mundarten zu unterscheiden und dem einen Dialekt letztlich den Vorzug zu geben, wurde bei Schmid durch die Jugendzeit herbeigeführt. Doch den letzten sprachlichen Schliff auf intellektueller Ebene brachte ihm schliesslich das Studium der deutschen Sprache an der Universität Basel; immerhin promovierte er 1983 im Mittelhochdeutschen und begann danach als Dialektologe am Sprachatlas der deutschen Schweiz mitzuarbeiten, an dem er noch heute mitwirkt.

In jene Zeit - Ende der siebziger, anfangs achtziger Jahre - fallen seine ersten Niederschriften von Gedichten in Schriftdeutsch und Dialekt. Es folgten ab 1985 regelmässige Publikationen unter der Rubrik «im Stübli» in der Samstagsbeilage des «Bund», und 1986 erschien Christian Schmids erster Gedichtband «Affenhaus» - lauter schriftdeutsche Gedichte. Doch schon zwei Jahre später drängte es ihn, auch etwas im eigenen Dialekt niederzuschreiben: Unter dem Titel «öppis säge» legte er berndeutsche Ge Verbii I faaren im Zuug u bi geng scho verbii won i rio nid bi gsii i faare verbii u bi niene gsii Zuug um Zuug Es Määrli Sibegeisslizit isch es. D Wöuf louffe desume mit wiisse Taupe, louffe desume mit weicher Sehtimm. Chriidemacher u Müuuer hei ztüe.

Es gif nume chuum me Verschteck für die Chlinschte, u d Müeter chôme vilech einisch niimm hei.

Verzeuue Wörter in es Reieli schteuuë" verzeuue u lose wi si tüe tööne bim Gheie Verzeuue nid rede Rede cha jede dichte in Buchform vor, um 1992 einen Band von Prosatexten in derselben Mundart folgen zu lassen - eben «Deheimen u frömd».

«Ich will mit sparsamen Mitteln arbeiten, Bilder evozieren und dem Leser Platz geben, selber Entdeckungen zu machen», beschreibt Schmid seine Schreibarbeit. «Dabei spielt es für mich eine Rolle, dass man Laute ausnutzen kann - Vokalfarben, Assonanzen. Ich bin ein Vertreter jener Autoren, die finden, dass das Gedicht akustisch etwas hergeben soll.» Andererseits liest Christian Schmid viel mehr Prosa als Gedichte, aber «als intellektuelle Herausforderung an das eigene Sprachvermögen ist ein Gedicht natürlich höchst reizvoll».

Ungeniert gibt er zu, sein Berndeutsch sei veraltet, ergänzt hingegen, dass es ihm nicht darum gehe, einen Sprachstand zu bewahren - «ich wehre mich gegen hochdeutsche Strukturen im Dialekt; ich habe es nicht gern, wenn man mit der Sprache unsorgfältig umgeht». Und dieser Drang zur Sprachsorgfalt ist nicht nur dem privaten Gespräch zu entnehmen, sondern auch am Radio zu hören, wo er seit 1990 als Redaktor bei DRS1 tätig ist und in den Sendungen «Siesta» und der Mundartsendung «Schnabelweid» mitwirkt.

« Chemiebekanntschaft»
Streifen wir aber auch jenen Abschnitt von Christian Schmids Leben, der weniger mit Mundart, dafür um so mehr mit einer «Chemiebekanntschaft» zu tun hat: Christian Schmid war sechzehn Jahre alt, als er im Frühling 1963 in Basel eine Lehre als Chemielaborant begann weitab von intellektuellen Mundarthöhenflügen. Doch sieben Jahre später dachte er plötzlich: «Und was jetzt? Was mache ich jetzt? Geht das nun 40 Jahre so weiter?»

Er entschied sich für die eidgenössische FernkursMatur, die er neben seiner Laborantentätigkeit durchzog und nach dreieinhalb Jahren erfolgreich bestand.

Und am Ende dieser maturschweren Zeit machte der heutige Präsident der Jury für die Ausrichtung des Riehener Kulturpreises jene «Chemiebekanntschaft», von der nun im folgenden die Rede sein soll: von Yolanda Cadalbert, Christian Schmids späterer Frau.

Ihre Laufbahn verlief um einiges anders als jene von Christian Schmid. Als geborene Rätoromanin lernte zwar auch sie bald, dass es neben dem Romantsch auch die deutsche Sprache gibt. Doch als Mädchen in einer streng patriarchalisch-katholischen Gesellschaft aufgewachsen, sollte sich Yolanda Cadalbert in späteren Jahren nicht so sehr der Sprache an sich widmen, sondern sich der Sprache als Mittel zur Artikulation von Problemen, zur Durchsetzung von Rechten bedienen.

Rueun, zwischen Disentis und Flims gelegen, war Yolanda Cadalberts Geburtsort. Hier wuchs sie mit zwei älteren Brüdern auf - mehrheitlich unter verwandtschaftlicher Erziehung. Denn ihr Vater war als Saisonnier HotelConcierge in St. Moritz und anderen Ferienorten und ihre an Tuberkulose leidende Mutter kurte mit kurzen Unterbrüchen 15 Jahre lang in einem Sanatorium. Ferien kannte Yolanda Cadalbert nicht, dafür «sehr viel Kirche»; immer hatte sie Messen und Vesper-Gottesdienste zu besuchen mit dem Resultat, dass sie mit 14 Jahren ins Kloster gehen wollte. Doch dazu kam es nicht; es folgte die für sie unglückliche Zeit einer einjährigen Haushaltschule in Soyhières sowie ein Au-pair-Jahr im Welschland, nach welchem Yolanda Cadalbert bei ihrem Vater eine Lehre als Coiffeuse durchsetzte. Nach der Ausbildung arbeitete sie acht Jahre auf dem Beruf, davon drei Jahre als Top-Coiffeuse in England.

Zurück in der Schweiz, in Basel, hatte sie mit 24 Jahren eine Orientierungskrise: «Mir war klar, dass ich nicht heiraten wollte, ich war zu freiheitsliebend.» In diese Zeit fiel denn auch ihr Arbeitswechsel - von der Coiffeuse zur Chemiearbeiterin - und die Bekanntschaft mit Christian Schmid. «Christian akzeptierte mich als gleichwertigen Menschen», so Yolanda Cadalbert.

Und dann fand sie in der Laboristin-Ausbildung mit eidgenössischem Abschluss ihr Schlüsselerlebnis, wie sie es nennt. All das in der Kindheit an Minderwertigkeitsund weiblichen Unterwerfungsmustern Anerzogene erhielt einen Bruch - auf einen einfachen Nenner gebracht, sagt sie: «Ich merkte, dass ich nicht dumm war.»

Yolanda Cadalbert, schon immer eine eifrige Leserin, begann nun gezielter zu lesen - nicht mehr wahllos Krimi-, Wildwest- oder Edelweiss-Romane, wie sie es als Kind verbotenerweise beim Geissenhüten getan hatte («Nur faule Leute lesen» wurde ihr damals eingetrichtert); sie begann unter der Anregung von Christian Schmid auszuwählen. Solche Förderung bewirkte Hand in Hand mit der intellektuellen Schulung auch den Drang, politisch aktiv zu werden und sich für die Rechte der Frau einzusetzen: In der Gewerkschaft Textil Chemie Papier baute sie eine Frauengruppe auf und trat 1977 in die Sozialdemokratische Partei ein; «doch blieb ich in den ersten drei Jahren eine Karteileiche». Es folgten intensive Jahre gewerkschaftlicher Arbeit auf regionaler wie nationaler Ebene sowie eine engagierte Tätigkeit in der Frauenbewegung. Ihre parteipolitische Arbeit fing erst an, nachdem sie 1980 das erste Kind zur Welt gebracht hatte. Daneben führte diese Geburt des Sohnes Giaco dazu, dass Yolanda und Christian Schmid-Cadalbert nach Riehen zogen; die Geburt eines zweiten Kindes, der Tochter Silvana, folgte 1983.

Was sich später in ihrem erfolgreichen Buch «Sind Mütter denn an allem schuld?» niederschlagen sollte, baut auf den Erfahrungen und politischen Arbeiten von Yolanda Cadalbert Schmid als Mutter auf: Sie gründete Kinderspielgruppen und setzte sich für den Verein Tagesschule ein. Weitere wichtige Anliegen waren ihr die Blockzeiten, die Kinderbetreuung und die Frauenförderung. Und folgerichtig präsidierte sie auch 1980 und 1982 die SP-Frauen Basel-Stadt.

Ab Mitte der achtziger Jahre verlagerte sich ihre Arbeit Richtung Journalismus. Als «nicht sehr theoretischer Mensch» arbeitete Yolanda Cadalbert Schmid in der Redaktion von «Emanzipation», der Zeitschrift der Ofra (Organisation für die Sache der Frau), und begann viel zu schreiben. Später wechselte sie zur Redaktion «Das rote Heft», eine der ältesten Frauenzeitschriften der Schweiz. Dabei war die Redaktionsarbeit für sie von allem Anfang an eher eine politische denn eine journalistische.

Ab 1988/89 folgten erste Artikel für verschiedene Zeitungen - unter anderem auch ein Beitrag für die «Weltwoche», in dem sie jenes Thema aufgriff, das 1992 in Buchform erschien und auf die Bestsellerliste gelangte: «Sind Mütter denn an allem schuld?»

«Es ärgerte mich, für wie dumm Experten manchmal die Mütter verkaufen; das war der Grund für mein Buch, einmal verschiedene Seiten zum Thema Kindererziehung aufzuzeigen», so die heutige Grossrätin Yolanda Cadalbert Schmid. Eines ihrer Statements am Ende des Buches soll denn auch auf diesen Umstand hinweisen und den Müttern Mut machen; es heisst: «Experten sind Menschen wie andere auch. Auch sie können sich irren. Auch sie haben gestörte Kinder. Die ideale Erziehungsmethode wurde bis heute noch nicht gefunden. Und doch lassen wir uns immer wieder irritieren. Auch Mütter sind Expertinnen. Expertinnen mit einem gesunden, praktischen Menschenverstand, mit einer Vielseitigkeit und praktischen Erfahrungen, mit einer Sensibilität, die in Labors nicht messbar ist, die aber heute oft in ärztlichen Praxen wieder ernster genommen wird.»

Yolanda Cadalbert betont auch, dass sie die Situation der Hausfrau nicht privatisieren, sondern politisieren wollte - «Ich will Hausfrauen, Mütter und Arbeiterinnen auch nicht auseinanderdividieren». So findet sich im Buch keine einzige Betroffenheitsgeschichte. Die 46jährige Autorin lehnt sich an Statistiken, geschichtliche Hintergründe, Sachbücher und kurze Fallbeispiele. Dennoch «lebt» das Buch; es ist frech und provozierend geschrieben wie das Haarband, das Yolanda Cadalbert Schmid um ihren wilden, dunklen Haarschopf trägt.

Das Thema und der Schreibstil geben ihr recht: Heute steht bereits die vierte Auflage ihres Erstlingswerkes in den Regalen der Buchhandlungen, und mehr als 15 000 Exemplare sind schon über den Ladentisch gegangen. Christian Schmid freut sich über den Erfolg seiner Frau so wie sich auch Yolanda Cadalbert über die Erfolge ihres Mannes glücklich zeigt. Denn beiden ist gemeinsam, dass sie der Kreativität des anderen freien Raum lassen, sie schätzen und respektieren.

Leseprobe aus dem Buch:
Sie haben als Frau und Mutter viele Möglichkeiten, täglich auf mehreren Ebenen zu scheitern, denn die Fettnäpfchen, in die Sie täglich treten können, die Unterlassungssünden, die auf Ihr Konto gehen, sind breit gestreut. Sei es im Haushalt, sei es bei Ihren Kindern, sei es bei Ihrem Liebes- und/oder Lebenspartner, sei es bei den Eltern oder Schwiegereltern, sei es in der Schule, am Arbeitsplatz, bei den Nachbarn, beim Verein, bei dem Sie Mitglied sind (oder eben nicht, obwohl alle dies von Ihnen erwarten): es gibt unzählige Situationen, in denen Sie ein schlechtes Gewissen entwickeln können. Und wenn es sich mit der Zeit herausstellt, dass sich Ihr Kind im Leben nicht problemlos zurechtfindet, dann wissen alle, wo die Schuld zu suchen ist. Natürlich bei der Mutter! Schliesslich war sie diejenige, die sich zuerst jahrelang um das Kind gekümmert hat - oder eben nicht da war. Für beide Arten von Müttern gibt es die geeignete Theorie der Schuldzuweisung. Leidet eine Mutter unter schweren Schuldgefühlen, so hörte ich neulich eine Psychologin öffentlich erklären, dann hat diese Mutter ihre eigene anale Phase nicht gut überwunden. Doch aufgepasst! Hätten Sie als Mutter kein schlechtes Gewissen, würde man Ihnen selbstverständlich auch nicht trauen! In diesem Falle wird Ihnen vorgeworfen, rücksichtslos zu sein, Ihre Kinder zu wenig zu lieben und mit Ihrer Ichbezogenheit nicht imstande zu sein, sensibel auf die Bedürfnisse Ihrer Familie zu reagieren. - Sie können es drehen, wie Sie wollen, die Mutter ist immer schuld!


Publikationen
Yolanda Cadalbert Schmid: «Sind Mütter denn an allem schuld?», München 1992; «Was bewegte die Frauen zur extremen Gegenposition?», Beitrag zum Buch «Der Brunner-Effekt», Zürich 1993.

Christian Schmid-Cadalbert:
Literarisches als Autor: «Affenhaus», Gedichte, Basel 1986; «öppis säge. Bärndütschi Gedicht», Bern 1988; «Rostfreie Rosen», Poesie und MusikProgramm mit der Gruppe Quattro Stagioni, Ettingen 1992; «Deheimen u frömd», Langnau 1992; seit 1985 Mitautor der Mundartrubrik «Im Stübli» der Berner Tageszeitung «Der Bund». - Als Herausgeber: mit Barbara Traber: «gredt u gschribe. Eine Anthologie neuer Mundartliteratur der deutschen Schweiz», Aarau 1987; mit Robert Schläpfer: Reihe «Lebendige Mundart», Aarau 1986 ff.
Wissenschaflliches als Autor: «Der Ortnit AW als Brautwerbungsdichtung. Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur», Bern 1985 (Bibliotheca Germanica Bd. 28); verschiedene Aufsätze in Sammelbänden und Zeitschriften in den Bereichen Dialektologie, Mundartliteratur, Oral Poetry-Forschung, Mediävistik und Volkskunde. - Als Herausgeber: Eugen Dieth: «Schwyzertütschi Dialäktschrift. Dieth-Schreibung». 2. Auflage, Aarau 1986; «Das ritterliche Basel. Zum 700. Todestag Konrads von Würzburg», Basel 1987. - Als wissenschaftlicher Mitarbeiter: mit Paula Hefti: «Deutsche Wortgeschichte», hrsg. von Friedrich Maurer und Heinz Rupp, Band III, Berlin 1978; «Sprachatlas der deutschen Schweiz», Bände VI und VII, Bern und Tübingen 1988 und 1993.


^ nach oben