1992

Von Riesenschildkröten, Wagenrädern und Napoleons Feldzügen

Paul Bertschmann

Als ich noch ein kleiner Bub war, hat mir mein Vater in den Riehener Strassen oft einen alten Mann gezeigt, den Elias Weiss, Gemeindeschreiber von Bettingen, und mir dazu folgende Geschichte erzählt:

«Als Elias Weiss anno 1854 auf der Luziensteig in der Rekrutenschule war, teilte sein Zugführer bei einem Ausmarsch seiner Truppe voll Stolz mit, die neueste Geschichtsforschung habe ergeben, dass es Schweizertruppen gewesen seien, die beim Rückzug von Napoleons Heer aus Russland den übergang über die Beresina gesichert hätten. <Das weiss ich schon lange>, rief der Rekrut Elias Weiss ganz keck. <Wie willst denn du das wissen?> zweifelte der Leutnant. Doch Elias Weiss erklärte: <Mein Grossvater, Johannes Baltisberger, ist oft von einem ehemaligen Dienstkameraden, dem Heiri Martin aus Frenkendorf, besucht worden. Grossvater begrüsste den alten Freund stets mit dem Ausspruch: <Gäll Heiri, dort hämmer Glück gha!> Auf meine erstaunte Frage erklärte mir Grossvater Baltisberger, dass er anno 1812 für Napoleons Russlandfeldzug zwangsrekrutiert worden sei und - zusammen mit Heiri Martin - mit dem Schweizerregiment jenen legendären übergang über die Beresina geschützt habe. Die beiden Freunde kamen dann in russische Gefangenschaft, konnten fliehen und sich bis Istanbul durchschlagen, wo sie aber von den Engländern aufgegriffen und in englische Uniformen gesteckt wurden. Und so kam es, dass sie bei der Schlacht von Waterloo auf die Franzosen schiessen mussten und bei einem Kavallerieangriff französischer Kürassiere nur mit ganz grossem Glück dem Tod entkamen.>»

Diese kleine Geschichte erscheint mir recht typisch für meine Jugendzeit: Die mündliche überlieferung war damals noch so lebendig, dass wir grosse Ereignisse der Geschichte nicht so sehr aus Büchern kennenlernten, als vielmehr durch die Erzählung von Menschen, die sie miterlebt oder doch direkt davon gehört hatten. Und nicht nur die grosse Geschichte, sondern auch das Leben unserer Vorfahren, der Nachbarn und der ganzen Dorfgemeinschaft wurde uns auf diese Weise vermittelt.

Neben diesen mündlichen Erzählungen war natürlich auch unser tägliches Erleben eine Quelle von Erfahrungen. Was haben wir nicht alles durchs blosse Zusehen erfahren und gelernt über die Arbeit unserer Eltern und Grosseltern, der Bauern und Handwerker.

Ich bin im Haus Rössligasse 44, dort wo die Wendelinsgasse in die Rössligasse einmündet, im Jahre 1907 geboren worden und aufgewachsen. Das Haus war damals noch ein Bauernhaus; meine Grosseltern David und Marie Weissenberger-Schultheiss, die im Erdgeschoss wohnten, betrieben die Landwirtschaft, während wir im ersten Stock wohnten in den Räumen der alten Bezirksschreiberei, die von 1841 bis 1860 in diesem Haus untergebracht war. Die beiden Haushaltungen wurden zwar getrennt geführt, doch waren wir eine Familiengemeinschaft, in der man sich gegenseitig aushalf. Von klein auf steckte ich gerne in der Küche. Grossmutter buk alle drei Wochen Brot in dem grossen Backofen, der noch aus der Zeit stammte, da das 1799 erbaute Haus eine Bäckerei war - über der schön geschnitzten Haustüre sind heute noch Bäckerinsignien zu sehen. Die grossen runden Brotlaibe wurden im tiefen Gewölbekeller aufbewahrt; nach drei, vier Wochen waren sie dann recht hart und brüchig, wurden aber natürlich bis zum letzten Stücklein aufgegessen. Drum konnte man meiner Grossmutter die grösste Freude bereiten, wenn man ihr im Konsum ein «Sonntagsbrot» kaufte.

Selbstverständlich musste ich, wie meine Geschwister, daheim helfen; schon als kleiner Knirps sorgte ich dafür, dass immer genug Anfeuerholz unter dem Kochherd aufgeschichtet lag, später war ich für das Tischdecken verantwortlich, und am Samstag hatte ich alles «Gelbe», das heisst alle Messinggegenstände, mit Sigolin zu putzen. Die Arbeit in der Landwirtschaft dagegen war freiwillig und stets ein grosses Vergnügen. Am liebsten fuhr ich am Morgen früh mit dem Knecht hinaus zum Grasen in den Brühlmatten - die Heimfahrt auf dem Graswagen gefiel mir besonders gut. In den Herbstferien oder an freien Nachmittagen mussten wir Kinder das Vieh weiden und - was auch noch schön war - auf der Matte stand meistens ein Apfelbaum, und so machten wir ein Feuerlein und brieten Apfel. Am Ostermontag wurden jeweils die Kartoffeln gesetzt; wir Kinder mussten sie in die Furchen legen und im Herbst bei der Kartoffelernte auch wieder aufsammeln. Bei der Ernte im Sommer legten wir die Bänder aus Roggenstroh, die man im Frühjahr geflochten hatte, auf den Feldern aus; die grösseren Kinder halfen, die Frucht mit den grossen Rechen heranzuziehen. Auch das ährenlesen auf den abgeernteten Feldern war Aufgabe der Kinder; die gesammelten ähren wurden dem Brotgetreide beigefügt oder als Hühnerfutter verwendet, nichts wurde weggeworfen oder vergeudet. Dass beim Heuet alle mitanpacken mussten, war selbstverständlich; zur Heuernte kamen übrigens auch immer Bauernsöhne und -knechte aus dem Wiesental, die für drei bis vier Tage mitarbeiteten, weil der Heuet bei ihnen erst einige Wochen später stattfand. Diese Männer mussten dann auch verköstigt und für die Nacht untergebracht werden - Platz hatte man ja genug.

Natürlich wurde die Landwirtschaft damals nicht so rationell betrieben wie heute, wo alles Land um einen Hof herum liegt: Meine Grosseltern besassen 82 Parzellen, verteilt über den ganzen Riehener Bann - Matten, Äcker, Reben und Wald. Die kleinste Parzelle war kaum 100 Quadratmeter gross, die grösste über fünfzig Aren. Auch im Katasterbüchlein meiner Urgrosseltern mütterlicherseits, Johannes und Magdalena Schultheiss-Wenk, zähle ich 80 Parzellen, die total 8 Hektaren 43 Aren Land umfassen. Man kann sich vorstellen, wie mühselig und zeitaufwendig die Arbeit auf diesen vielen Parzellen war, und was für ein Gehetz das gab, wenn beim Heuet ein Gewitter aufzog und der Grossvater und seine Knechte mit Pferd und Wagen von einer Wiese zur andern sprengten, um das Heu einzubringen.

Im Spätherbst und Winter ging es dann geruhsamer zu; eine der Hauptarbeiten in dieser Jahreszeit war das Dreschen. Ich habe mit meinem Grossvater noch Korn gedroschen vom Acker im Schellenberg; wenn vier Mann im Vierertakt arbeiteten - das war interessant. In meiner Primarschulzeit tauchte aber etwas ganz Neues im Dorf auf: eine grosse Dreschmaschine mit Dampfantrieb, die im Herbst von einem Bauernhof zum andern im Einsatz war. Sie gehörte einer Dreschgenossenschaft und wurde von David Nussbaumer, dem Bauern vom Sternenhof in Reinach, den andern Bauern ausgeliehen. Wir Kinder waren fasziniert und folgten dem Ungetüm nachmittagelang von einem Hof zum andern. Die Maschine bestand aus drei Teilen: der Dampfmaschine, die vom Heizer mit Steinkohle angeheizt wurde, dem Mittelteil zum Dreschen, und dem dritten Teil, dem Binder, wo das Stroh direkt zu Ballen gepresst wurde. Sie entwickelte einen riesigen Staub und Lärm, und die Arbeiter, die sie bedienten, waren rohe Kerle; damit sie es in dem Staub überhaupt aushielten, war die Schnapsflasche ihr ständiger Begleiter.

Das Leben im Eltern- und Grosselternhaus war voller Abwechslung. Allabendlich kamen die Milchkunden, um in Grossmutters Küche Milch, Eier, gelegentlich auch Obst und Gemüse zu holen. Dieser Verkauf fand in vielen Bauernhäusern statt und war für die Frauen, die ja wenig aus dem Haus kamen, immer eine Abwechslung, denn die Kunden brachten alle Dorfneuigkeiten mit, und nicht selten wurde es halb zehn Uhr, bis die letzten gingen. Aber auch die Störarbeiter brachten Leben ins Haus; im Winter kam der Korber, um neue Körbe zu flechten und die alten zu flicken, im Herbst und Frühling erschien der Stoffhändler Bollag aus Rheinfelden mit seinen Musterkoffern voll Stoffen, und bald danach kam dann die Schneiderin auf die Stör, um für uns Kinder und auch für die Erwachsenen neue Kleider zu nähen. Besonders interessant aber war der alljährliche Besuch des Störmetzgers, früher Metzger Stebler und in späteren Jahren Metzger Willy Lauer. Hinten im Garten, zwischen den Schöpfen und dem Schweinestall, wurde das Schwein geschlachtet und ausgenommen. Lunge, Leber und Niere mussten aufgehängt und vom Fleischbeschauer begutachtet werden. Die Verarbeitung des Fleisches fand in der Küche statt; auf dem grossen Küchentisch wurde das Fleisch zerschnitten und die Würste gefüllt. Die Speckseiten und Schinken, die geräuchert werden sollten, wurden zuerst drei Wochen lang in grossen ovalen Bütten im «Lak», einer Salzlösung, gebeizt und dann in die Rauchkammer auf dem ersten Estrich gehängt, in welche man den Rauch vom grossen Kachelofen mittels Schieber umleitete. Nach einem bis anderthalb Monaten war das Fleisch dann konserviert.

All die verschiedenen Konservierungsmethoden waren für die Bauern, und auch für uns Kinder, selbstverständli ches Wissen. So machten wir im Herbst auch Sauerkraut: Die Kabisköpfe wurden von Ernst Vögelin aus dem Oberdorf, der diese Arbeit in vielen Häusern als Taglöhner ausführte, in ein hölzernes Weinfass von hundert bis zweihundert Litern Inhalt eingehobelt. Lagenweise wurde nun das Kraut mit Salz bestreut, zuoberst mit einem Tuch bedeckt und mit einem schweren Stein beschwert. Nach einiger Zeit stieg der Saft auf, und so konnte man den ganzen Winter über im Keller Sauerkraut holen. In diesem tiefen, gewölbten Keller lagerten auch die Weinfässer und auf einem Zwischenboden, der an Ketten aufgehängt war, das Obst. Fetthäfen, Grossmutters Känschterli mit dem Brot und Kartoffelhurden vervollständigten die Vorräte.

Für uns Kinder war aber nicht nur das Elternhaus, sondern das ganze Dorf Tummel- und Spielplatz. Auf dem Plätzchen vor unserm Haus sammelte sich am Abend oder an den Sonntagnachmittagen meist eine Kinderschar, und da ging es hoch her. Wir spielten Ball, machten Handstand und «Fangis», versteckten uns beim «Wolf gseh» in all den kleinen Gässlein und Bauerngärten - ohne Rücksicht auf die Sonntagskleider - oder wateten im Aubach herum. Das «Bachgumpe», wo man mit langen Rebstecken über den Bach sprang und gelegentlich hineinfiel, gehörte natürlich auch dazu. Wir rannten dem Dorfwächter nach, wenn er zuerst vor Karlins Bauernhof und dann vor unserm Haus die Bekanntmachungen ausschellte: den Beginn des Herbstens etwa, oder eine Gant. Und wir hänselten, ich muss es zu meiner Schande gestehen, die Dorforiginale, wie etwa die Samel-Hanse.

Manchmal geschahen auch ganz ungewöhnliche Dinge, die uns lange beschäftigten. So erinnere ich mich an ein zauberhaftes Erlebnis: Als ich etwa sechs Jahre alt war, richtete sich auf dem Platz unter dem Primarschulhaus der Zirkus Stey ein. Zu Reklamezwecken liess Heinrich SteyLevy, der Chef der Zirkusfamilie, einen Heissluftballon aufsteigen. Fasziniert schauten wir zu, wie da Reiswelle um Reiswelle verfeuert wurde und der Ballon sich langsam füllte und sich hob. Nun befestigte Heinrich Stey unten am Ballon ein Trapez, schwang sich darauf und liess sich durch die Luft davontragen - am Kirchturm vorbei, dann die Schmiedgasse hinauf und bis zur Schützengasse, wo der Ballon im Obstgarten von Niggi Fischer wieder zu Boden kam. Wir Kinder rannten natürlich hintendrein und verrenkten uns fast die Hälse um zuzuschauen, wie der Artist hoch in der Luft seine Trapezkünste zeigte.

Faszinierend für uns Kinder war die Arbeit der verschiedenen Handwerker im Dorf. Ich hielt mich ganz besonders gern in der Schmiede an der Rössligasse 36 auf, nur zwei Häuser von meinem Elternhaus entfernt, dort wo noch heute Ernst Lemmenmeier und seine Söhne in der kaum veränderten Werkstatt arbeiten. Der Schmiedemeister Fritz Rüsch war ein freundlicher Mann, der Kinder gern hatte und uns gewähren liess, wenn wir stundenlang bei ihm in der Werkstatt standen und ihm bei der Arbeit zuschauten. Ich war fasziniert vom Feuer der Esse, vom Bearbeiten des glühenden Eisens, und ich liebte den Geruch des verbrannten Horns, wenn ein Pferd beschlagen wurde. Auch bei Wagnermeister Max Grosshardt, dessen Werkstatt sich nebenan im gleichen Haus befand, waren wir immer willkommen - seltsamerweise hiess es nie: «Pass auf, gib Sorg! », es wurde vorausgesetzt, dass wir uns in der Nähe der Maschinen vorsichtig verhielten und keine waghalsigen Sachen machten. Und so erlebte ich denn in der Wagnerei, wie eine Leiter entsteht, wie ein Wagenrad hergestellt wird, ja, die ganzen Wagnerarbeiten lernte ich kennen. Wenn Herr Grosshardt für einen Brückenwagen vier Räder fertiggestellt hatte, brachte er sie hinüber in die Schmiede, wo Herr Rüsch die eisernen Reifen anbringen musste. Auf zwei Feuern wurden die Reifen rotglühend erhitzt und dann vor der Werkstatt auf die Räder aufgezogen. Die glühenden Reifen frassen sich gewissermassen ins Holz hinein und mussten nun sehr schnell abgekühlt werden. Zu diesem Zweck hatte der Schmied vorher den Aubach mittels Schwellen angestaut; das Rad wurde mit zwei Holzlatten zum Bach hinüber befördert und hineingeworfen. Das gab eine Dampffontäne, um die wir Kinder uns ganz aufgeregt versammelten. Neben diesen grösseren Arbeiten wurden in beiden Werkstätten vor allem viele Reparaturen ausgeführt - Hauen geschliffen, Spitzeisen geschärft, Leitern geflickt und Wagen repariert. Wir mussten nicht fragen, was das und jenes sei - wir kannten die Ar beiten, die Werkzeuge und ihren Zweck, und auch die Holzarten waren uns vertraut von jung auf.

Neben diesen beiden Werkstätten, in denen ich viele Stunden und Tage verbrachte, hielt ich mich auch gerne in der kleinen Schlosserboutique unseres Nachbarn Friedrich Heller auf, der ein einfallsreicher Handwerker war und nicht nur Schlösser und Schlüssel, sondern auch Velos flickte, Gartenhäge erstellte und vieles mehr. Er war ein bescheidener Mann, und als er mir einmal - das war freilich viele Jahre später - an einem Sonntag aus der Patsche half und mir mit einem Dietrich die Haustüre öffnete, antwortete er auf meine Frage nach dem Preis: «'s choscht nüt, 's isch jo Sunntig.» An die Backstube meines Onkels Emil Wenk-Weissenberger kann ich mich nicht mehr erinnern, da ich, als er 1914 von Riehen wegzog, noch zu klein war, um dort zu helfen. Aber dafür half ich, zusammen mit meinem älteren Bruder, am Samstag Brot und Weggli austragen. Da mussten wir oft wegen einem einzigen Schwöbli in die «besseren Quartiere», aber da wir Onkels Velo für diese Botengänge verwenden durften - eines der wenigen Velos, die es im Dorf gab - war uns kein Weg zu weit.

Wir hatten aber auch Nachbarn, die in einer ganz andern Welt lebten: die Familie Sarasin im Sarasinpark. Oft ging ich mit ein paar Spielkameraden zum Sarasinhaus, der heutigen Musikschule, läutete und fragte, wenn Fräulein Hanna Sarasin oder ihre Schwester, Frau Esther RefardtSarasin uns öffnete: «Dorfe mer go spiile?» Das war nun eine geheimnisvolle Sache! In dem grossen Park gab es viele Dinge, die uns wunderbar dünkten: Neben dem Haus befand sich ein Rundlauf und ein Karussell, eine gekreuzte Eisenstange mit vier Sesselchen, das von einem Kind angestossen werden musste. Besonders geheimnisvoll war das «Hexenhäuschen», ein kleines Holzhaus im Wald vor dem Le Grand-Haus; es hatte einst den Schwestern Sarasin als Spielhäuschen gedient, und Fräulein Sarasin zeigte uns die kleinen Bettchen, die Tische und Stühle, Geschirr und Kochherd, die sich noch darin befanden. Auch der seither verschwundene luftige Pavillon gegen die Baselstrasse mit seiner schön geschnitzten Decke gefiel uns. Auf dem Weiher bei der Orangerie lag ein kleines Boot, mit dem wir herumrudern durften, und in der Nähe dieses Weihers tauchten oft auch die beiden Riesenschildkröten auf, die im Park wohnten - zwei für meine Begriffe riesige, fast un heimliche Tiere, die mich kleinen Knirps nachhaltig faszinierten.

Neben all diesen Erlebnissen im Haus und im Dorf muss ich nun auch noch von meiner Schulzeit erzählen. Ich besuchte ab fünf Jahren den Kindergarten an der Schmiedgasse, bei Schwester Anna. Wir waren etwa vierzig Kinder in unserer Klasse. Meist sassen wir an unsern kleinen Tischen und spielten mit Klötzchen oder Beschäftigungsspielen; die Mädchen waren auch mit Handarbeiten beschäftigt. Ich erinnere mich an die Spaziergänge, bei denen wir uns an einem langen Seil mit kurzen Querseilen halten mussten, damit ein bisschen Ordnung war, an die «Gutzischnitten» (Butterbrot mit Zucker bestreut), die ich fast jeden Tag in meinem Znünitäschli fand, und an die Weihnachtsfeiern in der Kapelle des Diakonissenhauses, bei denen wir Lieder sangen und nachher ein Päckli mit ein paar Süssigkeiten und einem kleinen Geschenk, etwa gestrickten Handschuhen, entgegennehmen durften.

Im Frühling 1914 kam ich in die Schule ins Erlensträsschen zu Lehrer Eduard Heyer; wir waren 52 Buben in unserer Klasse. Lehrer Heyer war ein strenger Lehrer und sparte nicht mit Tatzen und Haarrupfen. Beim Schreibunterricht ging er von Bank zu Bank und schrieb jedem Kind die Buchstaben vor; wir lernten die deutsche Schrift, und erst viel später, in der Realschule in Basel, lernte ich die lateinischen Buchstaben kennen. Natürlich gehörten auch Lesen und Rechnen zum Pensum. Die Heimatkunde dünkte mich recht einfach; was wir da lernten, kannten wir ja, etwa den Lauf des Aubachs und des Immenbächleins oder der Wiese. Turnunterricht erhielten nur die Buben die Mädchen waren in dieser Zeit im Handarbeitsunterricht; wir turnten in der Turnhalle, und im Sommer durften wir auch manchmal baden gehen in der alten Badi.

Um ganz ehrlich zu sein - ich bin nicht gerne in die Schule gegangen; zuhause und im Dorf war es einfach interessanter und lustiger. So ist es eigentlich nicht verwunderlich, wenn mir von der Schule vor allem die Heuferien in Erinnerung geblieben sind, jene freien Nachmittage, die wir an heissen Sommertagen erhielten (anstelle der Fasnachtsferien der Stadtkinder), und an denen wir barfuss dem Spritzenwagen nachliefen und mit Wonne den nassen Strassenstaub zwischen den Zehen spürten. Oder die Schulausflüge, oder auch die Schlachten, die wir bei der Kiesgrube am Haselrain gegen die Kinder der «Neuen Häuser», also der grossen Wohnblöcke an der Lörracherstrasse, führten. Diese Häuser waren meist von deutschen und italienischen Familien bewohnt, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir diese «Fremden» verachteten, obwohl sie ja zum Teil unsere Schulkameraden waren, und mit Spiessen und Säbeln gegen sie loszogen.

Sonst waren ja unsere Beziehungen zu Deutschland bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges völlig locker und selbstverständlich. Für uns Riehener lagen Stetten und Lörrach viel näher als Basel; nach Basel ging man nur an die Herbstmesse, nach Lörrach aber zum Zahnarzt und zum Coiffeur (weil es da ein paar Rappen billiger war), man kaufte in Lörrach den Weihnachtsbaum und vieles mehr. Die Zollformalitäten konnten oft ganz einfach umgangen werden; so kaufte mein fussballbegeisterter Bruder einmal mit Kollegen in Lörrach einen Fussball; sie nahmen den Heimweg über die Wiesenmatten und «schütteten» auf dem ganzen Weg, bis sie samt dem Ball auf Riehener Boden waren.

Man brauchte ja vor 1914 keinerlei Personenausweise, um über die Grenze zu gehen. Das änderte sich schlagartig beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges; alle Riehener, die Land in der Nähe der Grenze besassen, mussten sich Ausweise besorgen, um ihr Land bestellen zu können, und viele wurden damals zum erstenmal fotografiert. Ich war sieben Jahre alt, als der Krieg ausbrach und verstand natürlich nicht, um was es da ging. Aber ich merkte, wie es im Dorf lebendig wurde: Unsere Pferde und Wagen wurden requiriert, auch Heu und Stroh, und überall tauchten Soldaten auf. In der Turnhalle des Primarschulhauses wurden Soldaten einquartiert, die Küche stand beim Brunnen im Schulhof. Viele Leute holten hier am Mittag und am Abend mit dem Milchkesseli Soldatensuppe - nicht nur arme Leute, man fand die Soldatensuppe einfach besser. Wir Kinder umringten die Küche und hofften, etwas von den übriggebliebenen Lebensmitteln zu ergattern, welche die Soldaten an die Bevölkerung verteilten. Am Anfang des Krieges gab es ja noch keine Rationierung, erst ab 1917 wurden Zucker, Brot, Teigwaren und Fett rationiert.

Später verschwanden die Soldaten aus dem Dorf, sie wurden nun an der Weilstrasse bei der Wiesenbrücke einquartiert. Dort errichteten sie auch eine Art Fliegerabwehrstand, ein Gestell, in welchem die Gewehre senkrecht gegen den Himmel gerichtet werden konnten. Mit dieser einfachen Vorrichtung schössen sie im Oktober 1918 auf ein kleines deutsches Flugzeug, das die Grenze überflog. Das Flugzeug wurde getroffen und stürzte am Schellenberg ab. Im Dorf sahen wir, dass da ein Flugzeug kam und immer tiefer sank, und rannten ihm nach bis zu der grossen Kirschbaumwiese von Louis Löliger-Plattner am Schellenberg, wo es zerschmettert lag. Der verwundete Pilot war bereits abtransportiert worden.1) Manch bekanntes Gesicht war aus dem Dorf verschwunden; viele Deutsche mussten einrücken, so auch der Schmied Rüsch, der Bäckermeister Trautwein, und die Gärtnermeister Breitenstein und Weidele. Der letztere kam nicht mehr zurück, er wurde erschossen, als er versuchte, bei Stetten über den Stacheldrahthag wieder nach Riehen zurückzukommen.

So warf der Krieg einen Schatten auf unsere unbeschwerte Kinderzeit, doch wir waren noch zu jung, um sei ne Tragik zu verstehen. Wir spürten höchstens die Sorgen der Erwachsenen oder die Einengung die sich dadurch ergab, dass man nicht mehr nach Lörrach und Stetten oder auf den Lüllingerberg gehen konnte - die ewigen Sonntagsspaziergänge auf die Chrischona verleideten uns. Nach dem Kriegsende veränderte sich das Leben für mich recht stark: ich kam 1919 in die Realschule nach Basel und verlor so den Kontakt mit dem Dorf und meinen Schulkameraden. Aber durch mein ganzes Leben, das ich mit Ausnahme weniger Jahre in Riehen verbrachte, begleitete mich die Erinnerung an eine fröhliche, lebendige und farbige Kinderzeit in meinem Dorf.

Zusammengestellt auf Grund von Tonbandaufnahmen und mündlichen Erzählungen von Paul Bcrtschmann durch Lukrezia Seiler-Spiess

Anmerkungen
1) Vergleiche Iselin, S. 249

Personen

(soweit nicht schon in der GKR, im RRJ oder in RJ 1986 ff. vorgestellt)
Johannes Baltisberger (1783- ? ), Wirt in Bettingen
Karl Jakob Breitenstein (1878-1938), Gärtnermeister
Nicolaus (Niggi) Fischer (1864-1953), Kaufmann
Friedrich Heller (1871-1945), Schlossermeister
Johannes Schultheiss-Wenk (1812-1886), Landwirt, Armenschaffner
Magdalena Schultheiss-Wenk (1815-1879)
Josef Stebler (1856-1916), Metzger
Ernst Vögelin (1872-1926), Taglöhner
Elias Weiss (1834-1924), Landwirt, Posamenter, Naturarzt, Mitglied Grosser Rat, Kirchensynode, Kirchenvorstand, Strafgericht und Schulinspektion, Gemeindeschreiber, Einzelrichter und Zolleinnehmer Bettingen
Gustav Weidele (1882-1917), Gärtnermeister
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