1992

Kulturpreisträger 1991: Michael Raith

Rolf Hartmann

Die Institution des Riehener Kulturpreises ist noch keine zehn Jahre alt, und doch ergibt der Reigen der Persönlichkeiten, die bisher mit diesem ausgezeichnet worden sind, eine bunte Palette kultureller Wirksamkeit und Verdienste. Der erste Preis, der geteilt worden war, wurde einer Kunstgewerblerin und einem Studenten der Kunstdidaktik zugesprochen, und mit den späteren Preisen wurden ein Schriftsteller und sozialpädagogisch verdienter Gemeindepfarrer, ein junger Schauspieler, eine Malerin und ein Maler, ein Komponist, ein Filmemacher, eine Kulturjournalistin, ein architekturgeschichtlich verdientes Team und zuletzt, am 1 8. Juni 1992, ein Kulturhistoriker ausgezeichnet. Viermal kamen dabei Frauen zum Zug, und ebenfalls viermal sollte er, im Sinne des Reglements, der Förderung einer laufenden Arbeit dienen und nicht, wie üblich, eine mehrjährige, geschlossene kulturelle Leistung auszeichnen.

Der Kulturpreis für 1991 wurde nun zuerkannt dem Riehener Bürger und Einwohner Pfarrer Michael Raith, der, wie in der Preisurkunde festgehalten ist, «als gelernter Buchhändler und studierter Theologe ein vielfältiges historisches Interesse entwickelt und mit stetig wachsender Könnerschaft eine grosse Zahl von dorf-, bau- und siedlungsgeschichtlichen, von kirchen- und frömmigkeitsgeschichtlichen, von heraldischen und genealogischen, von behörden- und parteiengeschichtlichen, von gemeindeund kantonsrechtlichen Themen abgehandelt, auch mit seiner Gemeindekunde und seiner Tätigkeit in der Jahrbuch- und der Museumskommission kulturpädagogisch gewirkt und so das gemeindegeschichtliche Bewusstsein der Riehener Bevölkerung und ihrer Behörden belebt hat.»

Dieses begründende, schier endlose Satzgefüge, das formal dem antikisierenden Sprachgebrauch von Universitätsdiplomen angeglichen scheint, passt zwar nur schlecht in die Sprachlandschaft unserer elektronisch gesteuerten Gegenwartszivilisation; im vorliegenden Fall aber hat es insofern seine tiefere Berechtigung, als es ein historisches Schaffen zu umreissen sucht, das sich nicht zuletzt durch Breite und Vielfalt auszeichnet. Raith ist bei weitem noch kein alter Mann, und doch umfasst nämlich seine Bibliographie schon über achtzig kleinere und grössere Arbeiten, und dabei ergibt sich eben eine erstaunliche thematische Weite. Entsprechend bunt sind denn auch die Anlässe, die zur Abfassung der einzelnen Arbeiten geführt haben, sowie das Umfeld, in welchem sie erschienen sind. Wo nicht einfach das persönliche Interesse des Autors seinen Niederschlag gefunden hat, haben Ereignisse des Tagesgeschehens, Gedenktage, Familienanlässe, aber nicht zuletzt auch Begehren von qualitätsbewussten Auftraggebern die Entstehung der Abhandlungen und Betrachtungen bewirkt, und so fanden dieselben, soweit sie nicht als Einzelpublikationen erschienen sind, Eingang in Zeitungen und Zeitschriften, Jahrbücher, Fest- und Gedächtnisschriften und dergleichen mehr. Thematisch liegen die Schwerpunkte bei der Riehener Dorfgeschichte, bei familien- und personengeschichtlichen sowie bei kirchen- und frömmigkeitsgeschichtlichen Stoffen, und über Riehen, die Riehener-Zeitung und das Jahrbuch «z'Rieche», in welchem Sie ja gerade lesen, hinaus sind manche Arbeiten auch schon in Basel, Liestal, Schopfheim oder Luzern erschienen.

Auch in diesem Fall bestätigt sich im übrigen die Erfahrung, dass der Gehalt eines Werks der Persönlichkeit, dem Bildungsgang und der beruflichen und anderweitigen Tätigkeit seines Urhebers entspricht. Der Preisträger ist insofern ganz ein Riehener Kind, als er in Riehen aufgewachsen ist und, von einem kürzeren Unterbruch abgesehen, immer auch in Riehen gewohnt hat. Seine Buchhändlerlehre hat er hingegen bewusst in Distanz zur kleinräumigen und wohlgeordneten Schweiz absolviert: in der Grossstadt Berlin nämlich, die zur Zeit seines Aufenthalts fast noch mehr politischer Schmelztiegel gewesen ist als heute. Diesem Abstecher schlössen sich dann der Lehrgang an der Basler Kirchlich-Theologischen Schule und das Theologiestudium an der Basler Universität an, so dass er als Achtundzwanzigjähriger, 1972, ins Basler Ministerium aufgenommen und bald auch mit der Leitung eines gesamtkirchlichen Amtes der Evangelisch-reformierten Kir che Basel-Stadt betraut werden konnte. Diese Stelle bekleidet er immer noch, und daneben ist er, auch schon seit über zwanzig Jahren, insofern politisch tätig, als er dem Riehener Gemeindeparlament angehört und Riehen im Basler Grossen Rat vertritt. Diese letztere Bewandtnis erklärt auch, warum Raiths Arbeiten häufig eine politische und staatsrechtliche Dimension aufweisen, und ebenso erlaubt sie den Hinweis, dass der Preisträger in tätiger Mitgestaltung eines Autonomie-Leitbildes, einer Gemeindeordnung und des Geschäftsreglementes für den Riehener Einwohnerrat nicht zuletzt für unsere politische Kultur etwas geleistet hat.

Wie aber ist nun zu erklären, dass dieser gelernte Buchhändler und studierte Theologe zum Historiker geworden ist? Pfarrer, und Raith ist doch auch einer, empfinden eben von Berufs wegen die Spannung von Zeit und Ewigkeit intensiver als andere Menschen; sie kommen bei der Beschäftigung mit der Bibel nicht darum herum, auch Geschichtsbücher zu studieren, ja sie lassen, indem sie Geburts-, Tauf-, Trau-, Sterbe- und Bestattungsregister führen müssen, historische Quellen sprudeln, und überdies werden sie doch hoffentlich auch heute noch, unter einem eminent historischen Aspekt und eben von Berufs wegen, darauf aus sein, die Ausbreitung des Reiches Gottes zu befördern und damit mit höherem Bewusstsein als andere geschichtsbildend tätig zu sein.

Die Nähe zur Geschichte ergibt sich für sie aber ebenso leicht dadurch, dass Geschichtsschreibung immer auch Identitätssuche darstellt und damit der kollektiven seelischen Gesundheit dient - ein Sachverhalt, den Findel- und Adoptivkinder vielleicht am besten zu würdigen wissen, genau gleich wie die vielen, die einmal so verschütt gegangen sind, dass sie mit seelsorgerlicher Hilfe ein Inventar ihrer Seelengehalte haben erstellen müssen. Kein Wunder nun, dass die ganze Historiographie von schreibenden Pfarrern und Theologen wimmelt und dass es im besonderen gerade vier Pfarrherren sind, die auch der Riehener Geschichtsschreibung den Akzent aufsetzen: Johann Rudolf Huber im 18. Jahrhundert, Johann Gottlieb Linder im 19., Ludwig Emil Iselin und eben gerade Michael Raith im 20. Jahrhundert.

Raiths Schriften können im übrigen ebenso gut am wissenschaftlichen Arbeitstisch als im Biedermeiersessel gelesen werden, denn sie bieten sowohl verlässliche Information, «wie es (im einzelnen) eigentlich gewesen ist», wie auch vergnügliche, kurzweilige Unterhaltung für stille Stunden, und immer erfolgt die Erläuterung auch aus dem Zusammenhang des umgreifenden Geschehens heraus. Raith schreibt meist einen kurzatmigen, vorwärtsdrängenden Stil, gibt, wo es nötig ist, eingängige, aber nie einfältige Erklärungen und liefert in grosser Zahl peinlich exakt evaluierte, absichernde Belege. Nur aus solchem handwerklichen Vermögen heraus hat ihm auch die Riehener Gemeindekunde glücken können, die aus Auftrag und mit grosszügiger Dotation der Gemeindebehörden schon 1980 (2. Auflage 1988) erschienen ist. Neben der Riehener Kirchengeschichte, die im grossen Riehener Buch von 1972 ( « Riehen - Geschichte eines Dorfes» ) enthalten ist, und der noch unveröffentlichten Monographie über den Altbasier Bändelherrn, Regierungs- und Kirchenmann Adolf Christ ist dieses Buch das bedeutendste Werk, das der Preisträger bisher verfasst hat.

Reich mit Bildern, Aufrissen, schematischen Darstellungen und Tabellen versehen, gibt die Gemeindekunde auf weniger als dreihundert Seiten Aufschluss über sozusagen alles, was Riehen in jeder Hinsicht ist und ausmacht - vom tektonischen Unterbau bis zum überbau der gesamten Vereine in Gegenwart und Vergangenheit, von der Entwicklung des Steuerwesens (mit Vergleichstabellen zur durchschnittlichen Belastung in den schweizerischen Nachbargemeinden!) bis zur Schul- und zur Postgeschichte, von der Nutztierstatistik bis zur lückenlosen Liste der Riehener Vögte, Weibel, Statthalter, Pfarrer und Gemeindepräsidenten. So ist denn die Gemeindekunde, mit der Fülle ihres Inhalts und in vorzüglicher didaktischer Ausrichtung, ebenso unterhaltende Lektüre wie auch verlässliches und belehrendes Nachschlagekompendium, und wer sie aufschlägt, läuft Gefahr, solchermassen einem Lesen und Stöbern zu verfallen, dass er darob seiner Umgebung und der wegfliessenden Zeit nicht mehr achtet. Nie aber, weder hier noch in andern Schriften Raiths, wird Riehen traut und niedlich konditioniert, so dass es besser in unser Herzhäuschen hineinpassen könnte, und ebenso wenig erscheint irgendwo ein dramatisches oder gar dämonisches Riehen, denn ein solches wäre ja auch gänzlich an der Wirklichkeit vorbeigeschrieben.

Schliesslich ist noch vor dem Irrtum zu warnen, dass Raiths Schriften nicht über den Riehener Horizont hinausreichen würden und dass weiter nichts mehr zu erwähnen wäre, das mitbegründen könnte, warum ihr Verfasser den Kulturpreis wohl verdient hat. So könnte man etwa noch auf Abhandlungen staatsrechtlichen Inhaltes hinweisen oder dann vor allem auf die Verdienste, die Raith im Verein mit andern trefflichen Frauen und Männern in der Betreuung des Gemeindemuseums wie eben auch dieses Jahrbuches, in welchem Sie noch immer lesen, erworben hat.

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