1992

Eine italienische Schule in Riehen

Erika Saxer

Während 45 Jahren behauptete sich an der Lörracherstrasse 110 Riehens grösste Fabrik: das Metall- und Stahlbauwerk Vohland & Bär. Doch wirtschaftliche Bedingungen machten für die Firma einen Wegzug aus Riehens Gemeindebann unumgänglich - zu Beginn des Jahres 1991 wurde die Fabrik stillgelegt; jetzt kommt anstelle der Fabrikationshalle eine grossräumige überbauung zu stehen.

Vom ganzen Firmenkomplex noch stehen geblieben ist allein jener Teil der Fabrik, in dem die Büroräumlichkeiten untergebracht waren, und hier geht es seit dem 20. Oktober 1991 wieder etwas turbulenter zu. Jeden Morgen strömt dort eine lachende und scheinbar endlos plaudernde Schülerschar in das Gebäude: Wo früher bis zu 120 Arbeiter tätig waren, gehen heute 110 italienische Schülerinnen und Schüler ein und aus, um hier die Scuola Media «Carlo Levi» und das Liceo Linguistico «Moderno» zu besuchen. Zuvor wurden praktisch in eigener Regie die leerstehenden Büroräume in Schulzimmer umgestaltet, wurde gehämmert, gemalt, wurden Wände eingesetzt, Wandtafeln montiert, Toiletten eingebaut und Türen verschoben, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen.

Die beiden rein italienischen Schulen bestehen in Basel seit 1986 und hatten ihren anfänglichen Sitz an der Nauenstrasse. Damals gründeten drei gleichgesinnte Lehrkräfte, eine Schweizerin und zwei Italiener, mit wenigen Mitteln die Schule für italienische Emigrantenkinder. Denn sie erkannten, dass viele ausländische Kinder in den lokalen Schweizer Schulen aus sprachlichen Gründen ihre intellektuellen Ziele nicht zu erreichen vermochten. Mit der neuen Schule sollte ihnen deshalb die Möglichkeit geboten werden, eine ihrer Identität entsprechende Ausbildungsanstalt besuchen zu können. Dabei schliesst diese Schulform eine Integration nicht aus, im Gegenteil: Der übergang von der Heimat in ein fremdes Land fällt milder aus, weil das Kind nicht völlig aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen, aber trotzdem in die ihm unbekannte Lebensweise eingeführt wird.

Bei der Scuola Media handelt es sich um jene Schulstufe, die drei Jahre dauert und gleich an die fünfjährige Primarschule anschliesst. Damit ist die obligatorische Schulpflicht erfüllt, und erst jetzt kann - im Gegensatz zu den meisten schweizerischen Schulsystemen - die Wahl der verschiedenen weiteren Schulspektren erfolgen: das Liceo «Classico» mit Griechisch und Latein, das «Scientifico» mit Mathematik und Latein sowie das «Linguistico» mit Hauptgewicht auf modernen Sprachen. All diese Institute enden mit dem Maturitätsdiplom.

In Riehen existiert ein Liceo «Linguistico», ein Sprachgymnasium, das neben den Fächern Italienisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Latein auch Mathematik, Chemie, Physik, Philosophie, Psychologie, Geschichte, Geografie, Turnen, Religion und Kunstgeschichte aufführt. Unterrichtet wird nach dem offiziellen Lehrprogramm der italienischen Staatsschule. Das heisst auch: Die Schule in Riehen ist vom italienischen Staat anerkannt.

Allerdings ist die Schule für italienische Emigranten in Riehen auf privater Basis entstanden und hat nur wenig finanzielle Mittel zur Verfügung. Begonnen wurde vor sechs Jahren mit einem Anfangskapital von 50 000 Franken und mit einer Zahl von rund zwanzig Schülern für das erste und zweite Liceo-Schuljahr. Jährlich erfuhr die Schule dann eine Erweiterung um eine Klasse, bis sie ihre volle Klassenzahl fünf erreichte. Heute zählt die italienische Schule rund 85 Schülerinnen und Schüler am Liceo und deren zwanzig an der Media. Damit kann die Schule gesamthaft eine ähnliche Zahl vorweisen wie die Schule in Zürich, die seit zehn Jahren besteht, und die beiden vor 30 Jahren gegründeten Schulen in St. Gallen und Lausanne.

Unterstützt wird die Schule vom italienischen Staat nur mit bescheidenen Beiträgen: Jährlich stellt das italienische Aussenministerium 30 000 Franken und einen bezahlten Lehrer zur Verfügung. Von der Schweiz sind bisher keine Unterstützungsbeiträge geflossen. So bezahlen die Schulkinder respektive ihre Eltern ein Schulgeld, mit dem alle Auslagen beglichen werden: Lehrerlöhne, Sozialleistungen, Miete, Unterhalt und was noch alles dazu gehört.

Besucht wird die Schule von Schülern, deren Eltern vorübergehend in der Schweiz weilen, und von Schülern, deren Eltern in ihrem Heimatland keine sichere Existenz aufbauen können und deshalb für längere Zeit in der Schweiz leben, aber als Ziel eine Rückkehr nach Italien vor Augen haben. Es kommen zudem Schüler, deren Eltern in der Schweiz wohnen, von ihrer italienischen Art, ihrer Tradition und Mentalität überzeugt sind und darum ihre Kinder auch in die Media oder ins Liceo schicken. Da die Schule in Riehen eine von insgesamt vieren in der Schweiz ist, finden sich unter den Schulbesuchern nicht nur in Basel und Umgebung wohnhafte, sondern auch solche aus Aargau, Solothurn, Luzern, Bern und der Waadt; sie nehmen täglich den Weg nach Riehen an die Lörracherstrasse unter die Füsse, um dort jeweils von morgens 8 Uhr 30 bis 13 Uhr 30 respektive 14 Uhr 30 die Schulbank zu drücken. Das heisst, dass keine Mittagszeit eingeplant ist, sondern lediglich kurze Pausen. Zum Turnen begeben sich die Schülerinnen und Schüler ins Wasserstelzenschulhaus und in die Sprachheilschule, womit sie eigentlich beinahe schon «richtige» Riehener sind.

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