1992

Daniel Burckhardt-Wildt

Hans Lanz

Ein Stadtbasier des 18. Jahrhunderts erlebt und malt Riehen und seine Umgebung Beschäftigen wir uns mit der Vergangenheit unserer Heimat oder unseres Wohnortes, so greifen wir nicht nur auf schriftliche Quellen zurück, sondern auch auf bildliche überlieferung des ehemaligen landschaftlichen und architektonischen Aspektes, oder auf die Darstellung von einstigen Bewohnern. Solche Bilder beleben unsere Vorstellung, zunächst ganz unabhängig von ihrer künstlerischen Qualität, und ergänzen somit die Kenntnis damaliger Zustände.

Riehen, seine nähere Umgebung und seine Bewohner zu Ende des 18. Jahrhunderts sind wohl am eindrücklichsten fassbar in den Zeichnungen und Aquarellen eines Basler Bändelherren, der auf seinem Riehener Sommersitz Land und Leute auf liebenswürdige Art festgehalten hat. Es war Daniel Burckhardt-Wildt (1752-1819).

In der vorzüglichen Publikation «Riehen - Geschichte eines Dorfes», die der Gemeinderat 1972 zur Feier der 450jährigen Zugehörigkeit Riehens zu Basel herausgegeben hat, figurieren daher nicht weniger als zehn Abbildungen von der Hand Burckhardts1).

Daniel Burckhardt wurde am 22. Juli 1752 als Sohn des Daniel Burckhardt-Kern geboren. Sein Vater war Teilhaber der renommierten Seidenbandfirma Hans Balthasar de Hans Balthasar Burckhardt, Mitglied des Grossen Rates und zugleich des Direktoriums der Kaufmannschaft. Bereits im Knabenalter zeigte sich der Sohn im damaligen, auf Kopieren von Kupferstichen ausgerichteten Zeichenund Malunterricht als überdurchschnittlich begabt2). Doch fühlte er sich nicht zum Künstlertum berufen, vielmehr bildete er sich traditionsgemäss sorgfältig für den Kaufmannsstand aus. Er arbeitete anfänglich im väterlichen Betrieb, wechselte jedoch mit seiner Verheiratung in die Seidenbandfirma seines Schwiegervaters, Jeremias Wildt-Socin.

Als einer der reichsten Basler Kaufherren war Wildt 1756 zum Rechenrat, das heisst zum städtischen Finanzkontrolleur ernannt worden. Im selben Jahr kaufte er Terrain am Petersplatz, das an sein Grundstück an der Neuen Vorstadt (jetzt Hebelstrasse 7) stiess, und gleichzeitig übernahm er von seinem Vater das ehemals Rüdinsche Landhaus unweit der Kirche von Riehen (Erlensträsschen 10). Ein Jahr zuvor war die Tochter Margaretha zur Welt gekommen, die nach dem frühen Tod ihres Brüderchens Alleinerbin des gesamten Wildtschen Besitzes werden sollte. In den Jahren 1763 bis 1770 liess sich Rechenrat Wildt zu Repräsentationszwecken das Haus Petersplatz 13 errichten, das heute unter seinem Namen bekannt ist. Es verwundert daher nicht, dass seine Tochter in den angesehenen Familien Basels und weitherum als «gute Partie» angesehen wurde.

Daniel Burckhardt ist allen anderen Bewerbern vorgezogen worden und durfte 1778 sowohl am Petersplatz wie auch in Riehen mit seiner jungen, hübschen Frau Einsitz nehmen. Politisch hat sich Daniel Burckhardt-Wildt als Mitmeister E. E. Vorstadt-Gesellschaft zur Mägd und als Sechser E. E. Zunft zu Rebleuten nicht speziell hervorgetan. Ihm lagen die 1795 gegründete ökonomische Gesellschaft oder allenfalls seine Petersgemeinde, der er als Kirchenältester vorstand, näher. Insbesondere war er als Malerdilettant einer der Hauptinitianten der Basler Künstlergesellschaft (1812). Seine geistige und künstlerische Grundhaltung war und blieb in der Zeit des grossen Umbruchs konservativ, zuweilen etwas romantisch-sentimental, mit einem gewissen Hang zum Okkultismus, jedoch stets gepaart mit baslerischer Ironie. Mit der Volljährigkeit seines einzigen Sohnes Jeremias und ein Jahr vor dem Tod seiner Gemahlin, hat er seine Firma in Burckhardt-Wildt & Sohn umgewandelt (1809). Zehn Jahre danach, am 9. Dezember 1819, ist Daniel Burckhardt-Wildt 67jährig gestorben. In der Folge gelangte das Rüdinsche Landhaus an seine Tochter Anna Katharina Werthemann-Burckhardt.

Mit Bleistift, Feder, Pinsel, vereinzelt auch mit der Radiernadel hat Daniel Burckhardt seit seinen Jugendjahren alles festgehalten, was ihn interessierte oder ihm kurios erschien: Landschaften, Architekturen, Intérieurs, Personen, Trachten, biblische, historische oder volkskundliche Szenen und vieles mehr. Seine von den Holländern des 17. Jahrhunderts und den Franzosen des 18. Jahrhunderts beeinflussten Blätter sind aber alle, selbst bei vortrefflicher ähnlichkeit oder gefälliger Darstellungsweise, ohne besonderen künstlerischen Anspruch, rein aus Freude an der betreffenden Gegend, an einer Person oder an einer Szene entstanden. Mehrere hundert Blätter haben sich von Generation zu Generation in direkter Erbfolge oder auch bei angeheirateten Familien erhalten, nicht zuletzt, weil sie von Daniel Burckhardt selbst in späteren Jahren eigenhändig in mehrere Folianten geklebt worden sind.

Im Gegensatz zu den weiter hinten dargestellten Wäscherinnen sitzen die Bauern und ihre Knechte gelassener und gemütlicher auf gezimmerten Bänken an einem Schragentisch. Alle tragen langärmlige Hemden mit offenen Kragen, blaue Kniehosen und breitkrempige Stroh- oder Filzhüte. Die beiden Knechtlein haben dagegen hohe, weisse Zipfelmützen über ihr struppiges Haar gestülpt und tragen ausserdem rote, ärmellose, zerschlissene Westen. Unter der vorderen Bank stehen eine strohumwickelte, bauchige Flasche aus grünem Glas und eine Kupferkanne, denen die Tranksame entnommen wurde. Die Gruppierung der Figuren und die Komposition des Bildes mit dem Ausblick auf Buschwerk und ein Stück Himmel ist geschickt. Auch die Farben sind wirkungsvoll aufeinander abgestimmt.

Parallel mit der eigenen künstlerischen Tätigkeit hat Burckhardt während Jahrzehnten gesammelt: Gemälde und Kupferstiche, Glasgemälde, Skulpturen, griechische und römische Münzen und Statuetten, diverse, auch ägyptische Antiquitäten und Chinoiserien. Manches ist in Rechnungsbüchlein oder in seinen «Delineationes...»3) verzeichnet oder bildlich festgehalten.

Daniel Burckhardt scheint als junger Familienvater die Sommermonate im Rüdinschen Landhaus sehr geschätzt zu haben. Das Leben dort war einfacher und ungezwungener als im eleganten Rokokopalais am Petersplatz. Vermutlich waren sein Verhältnis zu den eigenen Lehensleuten ein wohlwollend freundliches und der Kontakt mit einzelnen Dorfbewohnern ein recht intensiver, sonst hätte der verwöhnte Städter wohl kaum den originellen Landwirt Hans Jacob Schultheiss siebenmal porträtiert - eines der Portraits ist in diesem Buch abgebildet. Vor allem aber hatte der geschäftstüchtige Seidenbandfabrikant hinreichend Musse, während seines Aufenthaltes vor den Toren der Stadt in freier Natur zu skizzieren.

Aus einem der obgenannten Klebebände stammen denn auch die hier wiedergegebenen Bilder. Sie beziehen sich di rekt oder indirekt auf Riehen, seine Umgebung und seine Bewohner, Bauern und Handwerker, der 1780er Jahre. Der Grossfolio-Band (41 x 27 cm) ist auf dem Rücken beschriftet: «Zeichnungen von mir». Er enthält 66 numerierte Seiten, unsystematisch, einseitig mit 198 Blättern beklebt (letzte Seite doppelseitig). Dargestellt sind: Porträts, Trachtenbilder, Karikaturen, Genrestücke, Historienbilder (zum Beispiel Tellsgeschichte), Bibeldarstellungen, Vedu ten und Phantasielandschaften, zum Teil Kopien nach niederländischen Radierungen. Diverse Blätter sind nach der Natur gezeichnet und zwischen 1781 bis 1788 (ein Blatt 1791) datiert.

Daniel Burckhardts Darstellungen sind, obwohl in spätbarocker Manier schematisierend arrangiert und mittels malerischer Hell/Dunkel-Effekte leicht dramatisiert, stets anschaulich und überzeugend. Sie zeigen die Bewohner von Riehen, deren Behausungen und die ländliche Umgebung des Dorfes zur Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts ungeschminkt, unsentimental und vermitteln auf diese Weise sympathisch ein lebensnahes Bild aus Riehens Vergangenheit.

Das Anwesen von Nicolas Hagenbach erhebt sich vor der bewaldeten Gegend des Riehenteichs. Es besteht aus einem zweigeschossigen Riegelbau unter ausladendem Walmdach; der Brandgefahr wegen ist die Waschküche aus Steinquadern aufgebaut. Davor, in einem offenen Brunnenhäuschen, werden die aufgehäuften Stoffbahnen gewässert. An das Haupthaus schliesst sich rechts ein niedriges ökonomiegebäude an, mit Stallung, Remise, Knechtenwohnungen und Taubenschlag im Dach. Ein Leiterwagen, ein offenes Kaleschlein und eine Kutsche sind sichtbar. Auf der linken Seite des Wohnhauses ist eine hohe Holzbeige aufgeschichtet und davor steht eine Reihe von Gestellen zum Aufhängen von Wäsche. Auf der grossen Wiese sind über dreissig lange Stoffbahnen zum Bleichen ausgelegt. Fünf Arbeiter haben begonnen, weiteres, auf einem Schubkarren herbeigeschafftes Material auszubreiten.

Die Hagenbach'sehe Bleiche lag allerdings nicht mehr auf Riehener Gemeindebann, sondern bei der Schorenbrücke zwischen Eglisee und dem heutigen Tierpark der Langen Erlen. Das Bild zeigt aber anschaulich einen Gewerbebetrieb halbwegs zur Stadt, dessen Wiesen wie jene der benachbarten Bauerngüter geheut werden mussten. Daniel Burckhardt hat diesen Vorgang auf einer fast identischen Radierung des folgenden Jahres 1787 festgehalten. Sie zeigt statt der arbeitenden Bleicher heuende Mägde und Knechte, die ein mit Ochsen bespanntes Heufuder laden. Aus der Hagenbach'schen Bleiche und ähnlichen Gewerbebetrieben ist die heutige chemische Grossindustrie herausgewachsen; in unserem Fall über eine nachfolgende Seidenbandfabrik beziehungsweise die Industriegesellschaft für Schappe zum heutigen Konzern der Ciba-Geigy, der in unmittelbarer Nachbarschaft ein grosses Verwaltungsgebäude errichtet hat.

Anmerkungen
1. «Vue de Riehen prise près de Wencken», 1785 (Farbtafel I); Imkerei, 1785 (S. 92); Blick vom Erlensträsschen in die Schmiedgasse, 1780 (Farbtafel III); Rüdinsches Landgut, 1780 (S. 122); «Jacob Schulthess von Riehen», 1787 (S. 186); «Krappendonner von Riehen »/Riehener Bauernfrau, 1787 (S. 187); Rüdinsches Landhaus, 1780 (Farbtafel V); «Bey Wencken», 1784 (S. 221); Dorfkern von Osten, 1785 (S. 304); «Christina Frey» und «Hans Jacob Frey von Riehen», 1787 (Farbtafel VIII)
2. Zeichenbuch von «Daniel Bourcardt 1762» mit Exlibris Danielis Burcardi Pictor Basiliensis, Historisches Museum Basel (Inv. Nr. 1987.638.)
3. «Delineationes Partim secundum Naturam, partim ex propria Inventione, partim secundum Iconea confecta DANIELE-BURCARDO Incepta MDCCLXXIX finita initio anni MDCCLX...» (letzter Datumseintrag 1789)

Literatur
Carl Brun: «Schweizerisches Künstler-Lexikon», Bd. I, Frauenfeld 1905, S. 238
Daniel Burckhardt-Werthemann: «Die Basierischen Kunstsammler des 18. Jahrhunderts», Beilage zum Jahresbericht des Basler Kunstvereins, Basel 1901, S. 32-35, mit Selbstporträt Ders.: «Basler Kunstdilettanten vergangener Zeit», Beilage zum Jahresbericht des Basler Kunstvereins, Basel 1905, S. 34-39, mit zwei Abbildungen
Ders.: «Das Baslerische Landgut vergangener Zeit», Beilage zum Jahresbericht des Basler Kunstvereins, Basel 1911, S. 22/23, mit Abbildung
Dorothea Christ: «Bildende Künstler», in: ckdt. (BASEL), Streiflichter auf Geschichte und Persönlichkeiten des Basler Geschlechts Burckhardt, Basel 1990, S. 263/4, mit Abbildung Paul Leonhard Ganz: «Das Wildtsche Haus am Petersplatz zu Basel», Basel 1955, S. 52-60, mit drei Abbildungen
Stefan Suter: «Er war ein frommer Mann..., Das Leben eines Eremiten in Inzlingen», in: Das Markgräflerland, Schopfheim 1987, Heft 2, S. 174-177, mit drei Abbildungen
 


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