1992

Bitte nicht füttern

Stefan Suter

Mancher Besucher, welcher den Rundgang in der Au unter die Füsse nimmt, um den Amphibienweiher zu besuchen, freut sich über eine weitere Attraktion, welche er in dieser schönen Gegend vorfindet. Auf einem etwa 50 Aren grossen Grundstück weiden vier Lamas, welche zwar nicht zu den einheimischen Tieren gehören, sich aber schon seit Jahren in ihren Gehegen heimisch fühlen. Die Lamas werden von ihrem Besitzer, Gärtnermeister Andreas Wenk, liebevoll gehegt und gepflegt.

Die Haltung der Lamas geht etwa auf das Jahr 1968 zurück. Damals besuchte Andreas Wenk wieder einmal den Tierpark «Lange Erlen» und verweilte dort bei den Lamas. «Schon als kleiner Junge ging ich oft in den Zoo und blieb lange vor dem Gehege mit den Lamas stehen. Ich war fasziniert vom stolzen, leichten Gang dieser Tiere und den dunklen Augen, die so interessiert und liebevoll in die Welt schauten.» Schliesslich teilte er seiner Familie den Wunsch mit, einmal solche aus Südamerika stammende Tiere zu halten. Zu Weihnachten fand er dann, nicht unter dem Weihnachtsbaum mit Papier und Schleife, dafür aber im Stall, ein weisses junges Lama. Es handelte sich um einen jungen Hengst aus den «Langen Erlen», welcher von der Familie Wenk auf den Namen «Fardo» getauft wurde. Später kam eine Stute dazu, und vor zwei Jahren, im Frühjahr 1990, fand die erste Geburt statt. Andreas Wenk wusste gar nicht, dass die Stute trächtig war und war dementsprechend überrascht, als zwei Spaziergänger ganz aufgeregt mitteilten, dass beim Lama zwei Beine hinten herausschauten. Die Lamas gebären denn auch tatsächlich im Stehen, so dass das Junge aus beträchtlicher Höhe nach unten purzelt und sofort versucht, auf die langen wackeligen Beine zu kommen.

«<Maria, die Unerwartete) wollten wir das Neugeborene nennen», erzählt Andreas Wenk, «doch nach ein paar Tagen stellten wir fest, dass es sich gar nicht um ein Weibchen handelte. Aus Maria wurde somit Marius. Diese Geburt war ein grosses Ereignis, ständig hatten wir Bekannte, Freunde und Nachbarn auf Besuch, die das kleine Lama sehen wollten.» Zwei Hengste zusammen ergaben mit der Zeit Probleme, so dass der ältere kastriert und seine Kampfzähne abgeschliffen werden mussten. Am 10. Mai 1992 kam dann ein zweites Junges zur Welt.

Lamas sind anspruchslose Tiere. Vor schätzungsweise 6000 Jahren begannen die südamerikanischen Inkas und ihre Vorgänger, die Lamas aus wilden Guanakos zu züchten. Sie dienten vorwiegend als Lasttiere, wurden aber auch wegen ihres Fleisches und wegen des weichen Fells gehalten. Noch heute werden in den Anden die Lamas zum Tragen eingesetzt. Die Lamas gehören mit den Kamelen zur Kameliden-Familie (Schwielenhufer). Zur gleichen Familie gehören auch die Alpakas, Vikunjas und Guanakos.

Die Haltung ist bei genügend grosser Weidefläche nicht sehr aufwendig, was allerdings nicht heisst, dass sich der Besitzer nicht täglich um sie kümmern muss. Die Tiere brauchen täglich frisches Wasser und einen geschützten Unterstand. Gras, Heu, Stroh und ein Leckstein dienen zum Stillen des Hungers, jedoch wird kein Kraftfutter verwendet. Im Gegenteil! Grösstes Problem bei der Lamahaltung stellt für Andreas Wenk die Fütterung durch Anlieger und Besucher dar, welche selbstverständlich in bester Absicht den Tieren Brot und andere Esswaren anbieten. Dabei besteht jedoch die grosse Gefahr, dass die Tiere verfetten, was zu schweren Krankheitsbildern führen kann. Um dies zu verhindern, muss Andreas Wenk zuweilen ein Lama in den Stall nach Hause nehmen und es auf Diät setzen.

Viele Leute begegnen - so erzählt der Besitzer - den Lamas aufs erste mit einer grossen Portion Skepsis, da sie Respekt vor den spuckenden Tieren haben. Das Spucken ist, speziell beim Hengst, eine Abwehrmassnahme gegen alle Gefahren von aussen und wird zusätzlich als Imponiermassnahme genutzt. Im Stall an der Oberdorfstrasse sieht man auch eindrücklich zahlreiche Spuckeinschüsse, welche der Hengst in der Brunftzeit in die Stallmauern gezielt hat. Allerdings ist die Gefahr, in der Au von einem Lama bespuckt zu werden, laut Andreas Wenk sehr gering. Gerade die Weibchen sind äusserst friedfertig und lassen sich auch streicheln.

Die Lamas befinden sich in bester Gesellschaft mit einem Fjord-Pferd, Pony, Eseln, Pfauenziegen aus dem Misox und seit zwei Jahren mit einem Wollschwein. Beim Wollschwein handelt es sich, wie beim Lama, um ein Haustier. Seine Heimat ist das alte österreich-Ungarn, und das deutlichste Merkmal der Rasse ist das dichte, gekrauste Borstenkleid von graugelber bis schwarzbrauner Farbe. Mit Wolle haben die langen, harten Borsten allerdings wenig gemein. Sie wurden früher als Stopfmaterial im Sattlergewerbe gerne verwendet. Wegen seiner hervorragenden Speckqualität eroberte das Wollschwein Mitte des 19.

Jahrhunderts halb Europa. Heute ist es vom Aussterben bedroht, obwohl die Tiere sehr robust und widerstandsfähig gegenüber Krankheiten sind und im Gegensatz zu den heutigen Zuchtschweinen keine Stresszustände haben.

Andreas Wenk möchte nicht, dass man sein Grundstück mit den Tieren als «Privatzoo» bezeichnet, hält er doch die Lamas, die Esel, Ziegen, Ponys und das Wollschwein lediglich zum privaten Vergnügen: «Meine Lamas und auch die anderen Tiere sind für mich ein wichtiger Ausgleich zu meiner Arbeit. Auch wenn es oft nur kurz ist, so bleibe ich abends ein paar Minuten im Stall und schaue meinen Tieren zu. Die Aufmerksamkeit und Liebe gegenüber dem Pfleger von diesen sehr anhänglichen Tieren freuen mich immer wieder aufs Neue.» Selbstverständlich freut es ihn, wenn die zahlreichen Spaziergänger den Anblick seiner Tiere schätzen, aber er hat nie daran gedacht, für die öffentlichkeit Tiere zu halten. Den Sommer über bleiben die Tiere fast ausschliesslich auf den Weidegrundstücken in der Au. In der kalten Jahreszeit suchen sie nachts die Stallungen an der Oberdorfstrasse auf, wohin sie den Weg auch alleine finden. Dort warten bereits schon schnatternde Gänse zur Begrüssung auf, was den Gedanken des «Privattiergartens» - von denen es in Riehen erfreulicherweise noch weitere gibt - doch wieder bestätigt.

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