1991

Mit Rudolf Serkin unterwegs

Franz Scheerer

Erinnerungen an einen grossen Pianisten, erzählt von Franz Scheerer, notiert von Hans Krättiger
«Kommen Sie schnell zum Fenster, knien Sie nieder und schauen Sie hinaus in den Garten!» Ich tat natürlich diskussionslos, wie mir befohlen war, kniete am Fenster nieder und blickte in den schönen parkartigen Garten; und der mich geheissen hatte, das zu tun, liess sich ebenfalls auf die Knie nieder, und zusammen verfolgten wir das Spiel zweier Eichhörnchen, die sich im Garten tummelten und von Baum zu Baum sprangen. Das war - Ende der zwanziger Jahre - meine erste Begegnung mit Rudolf Serkin, der damals, zusammen mit dem Violinisten Adolf Busch und dessen Familie, in einer Villa an der St. Alban-Vorstadt in Basel wohnte. Doch nicht wegen spielender Eichhörnchen war ich zu Rudolf Serkin beordert worden, sondern wegen seines Flügels, an dem einige Saiten ersetzt werden mussten. Aber diese kleine Episode blieb mir, der ich als junger Klavierbauer und -Stimmer in der Firma Hug & Co. tätig war, unvergesslich in der Erinnerung, vor allem auch deshalb, weil sie bezeichnend ist für das Wesen von Rudolf Serkin, der zwar ganz seiner Kunst lebte und täglich stundenlang übte, daneben aber offene Augen und ein waches Herz hatte für den Reichtum der Schöpfung in der Natur, auch in kleinen, unscheinbaren Dingen. Ich ahnte an jenem denkwürdigen Tag nicht, dass aus dieser ersten Begegnung mit Rudolf Serkin eine lebenslange Freundschaft mit einem der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart werden würde.

Nach der Lehrzeit bei Hug, in welcher Firma mein Vater als Klavierpolierer arbeitete, begab ich mich für ein halbes Jahr nach Freiburg im Breisgau, befasste mich in der Firma Welte mit der Herstellung von elektropneumatischen Klavieren, die damals «in» waren, und spezialisierte mich auf diese Art von Musikautomaten, die anfangs der dreissiger Jahre durch das Radio verdrängt wurden. Hinterher muss ich gestehen, dass dieses Ausser-ModeKommen zum Glück für mich geschah; denn der vermeintliche Schicksalsschlag führte mich zurück zu meinem erlernten Beruf als Klavierstimmer und zur Zusammenarbeit mit Rudolf Serkin. Von 1934 an wieder bei Hug, war ich während 16 Jahren der Hug-Klavierstimmer für Basel und Umgebung, während Jahren auch Konzertstimmer und Klavierstimmer im Studio von Radio Basel. Und in dieser Eigenschaft nun auch wieder in Kontakt mit Rudolf Serkin, der in der Zwischenzeit zusammen mit der Familie Busch nach Riehen übergesiedelt war und 1935 Adolf Büschs Tochter Irene geheiratet hatte; ich tat's ihm im gleichen Jahr nach und führte Friedel Degen zum Traualtar.

Und nun begann die fruchtbare, über Jahrzehnte sich erstreckende Zusammenarbeit mit Rudolf Serkin, zunächst damit, dass ich als quasi Hausstimmer bei Busch/Serkin sehr oft in ihrem Riehener Heim die durch das unermüdliche üben arg strapazierten Flügel zu betreuen und wieder instand zu setzen hatte, später dann in Begleitung Serkins auf seinen ausgedehnten Konzertreisen in Europa, von Mitte der sechziger Jahre an auch in den USA, wo jeweils im Sommer die von Adolf Busch ins Leben gerufenen Marlboro-Festspiele mit namhaften jungen Musikern durchgeführt werden und deren Leitung nach dem Tod von Adolf Busch im Jahre 1952 von Serkin übernommen wurde.

Die ersten Konzertreisen führten zwischen 1947 und 1950 vor allem nach Italien, wobei ich jeweils vor dem Konzert - oft im Beisein des Maestro - den Flügel zu regulieren, zu intonieren und zu stimmen hatte und bei solcher Arbeit nachgerade wusste, wie Serkin «sein» Instrument zum Erklingen bringen wollte. Da die Zeit meistens drängte, kostete es auch manchen Schweisstropfen im sonnigen Süden - so einmal in Palermo, wo es bei der vormittäglichen Besichtigung des Flügels im Konzertsaal zur freundschaftlich ausgefochtenen Auseinandersetzung zwischen Serkin und mir kam, weil er noch Zeit haben wollte zum üben und ich Zeit haben musste zur Instandstellung des reparaturbedürftigen Instruments. Doch nach dem Konzert, das am späten Nachmittag stattfand, erholten wir uns von Streit und Schrecken bei einem gemütlichen Nachtessen.

Unvergesslich bleiben mir auch jene Tage im Sommer 1948 in Florenz, als mich Rudolf Serkin am Tag nach seinem Konzert bat, auch den Flügel eines Freundes zu stimmen. Dieser befand sich in einer prachtvollen Villa an einem Berghang mit Sicht auf Florenz. Den ganzen Tag über arbeitete ich an diesem Flügel, der «es» nötig hatte. Doch abends, als sich Serkin zu einem Hauskonzert an den Flügel setzte, begab ich mich in den weitläufigen Garten, lauschte den Nachtigallen und anderer Vögel Gesang, der sich vermischte mit den Klängen von Schuberts WandererFantasie, die Serkin im Saal der Villa spielte. Ich habe zwar alle Konzerte Serkins entweder im Konzertsaal oder im Hintergrund auf der Bühne miterlebt, aber ich glaube, seinem Spiel noch nie so andächtig gelauscht zu haben wie in jenem Florentiner Garten. Und wie froh war ich, dass mich der Gastgeber vergeblich gesucht hatte und ich mich erst nach dem Konzert unter die Schar der geladenen Gäste mischen konnte.

Beim Zusammensein auf diesen Konzertreisen ergab es sich fast unwillkürlich, dass Rudolf Serkin aus seinem bewegten Leben erzählte und mir schilderte, wie er, Spross einer kinderreichen Familie und Sohn eines Kantors in der Synagoge im ehemals böhmischen Eger, in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, mit der Familie nach Wien kam und wie sich sein angeborenes musikalisches Talent entfalten konnte. Ein erster Höhepunkt in seiner Künstlerlaufbahn bestand darin, dass er als zwölfjähriger Pianist mit den Wiener Symphonikern konzertieren durfte.

«Und weisst Du», erzählte er mir einmal, «wie es zur Zusammenarbeit mit Adolf Busch kam?» - «Keine Ahnung.» - «Nun, Busch war 1919, damals schon ein berühmter Violinist, in Wien, trennte sich von seinem Partner am Klavier, unbefriedigt von dessen Spiel, und erkundigte sich nach einem begabten, jungen Pianisten. Als ich ihm empfohlen wurde, suchte er mich sofort zu Hause auf, wo er jedoch erfuhr, dass ich im Wiener Westbahnhof sei und bereit, in den Westen zu fahren, worauf sich Adolf Busch mit einer Droschke auf schnellstem Weg zum Bahnhof fahren liess und mich Ahnungslosen aus dem Zug holte. Und zusammen ging dann die Reise nach Berlin, wo Busch in jenen Jahren noch wohnte. So <dramatisch> fing das mit uns an.»

Als im Sommer 1950 erstmals das vom Cellisten Pablo Casais ins Leben gerufene Musik-Festival von Prades in Südfrankreich, am Nordhang der Pyrenäen gelegen, stattfand, wurde ich telegraphisch als Klavierstimmer angefordert. Ich stand damals vertraglich noch im Dienst der Firma Hug, was den damaligen Direktor veranlasste, das Gesuch abzulehnen. Als er auch ein zweites Telegramm aus Prades mit der Bemerkung: «Sie sind genug herumgereist» ablehnte, folgte ich trotzdem dem Ruf nach Prades, worauf ich fristlos entlassen wurde. Die letzte Arbeit für Hug bestand im Stimmen eines Flügels, auf dem Arthur Rubinstein in Basel und in Zürich ein Konzert gab. Und die Folge war, dass ich mich selbständig machte und mich im Schweizerischen Verband der Klavierbauer und -Stimmer (SVKS), dem ich zwanzig Jahre lang als Vorstandsmitglied angehörte, für die erst in den fünfziger Jahren erfolgte Anerkennung des Klavierstimmerberufs einsetzte. Dem Ruf nach Prades Folge geleistet zu haben, hatte ich nicht zu bereuen, lernte ich doch neben Serkin auch andere bedeutende Künstler kennen, und Dankesschreiben wie dasjenige von Casais: «...La qualité de ces pianos fut améliorée par vos soins de telle façon que cela nous parut miracle» spornte mich erst recht an, mein Können ganz in den Dienst von Frau Musica zu stellen.

So auch, als mir Mitte der sechziger Jahre Rudolf Serkin aus Amerika schrieb: «Mein Stimmer in USA hätte Dich nötig. Kann er einmal zu Dir kommen?» Ich konnte nicht nein sagen und so machte ich Bekanntschaft mit dem gebürtigen Schweden Oskar Edberg, der während eines dreiwöchigen Aufenthalts in Riehen von meinen Kenntnissen profitieren konnte, zur Zufriedenheit von Rudolf Serkin. Doch gleichwohl bat mich Freund Serkin, nach Marlboro zu kommen, um - zusammen mit Edberg - die über zwanzig Klaviere und Flügel zu betreuen, die während des Festivals und der damit verbundenen Kurse in Marlboro benützt wurden.

Diesem ersten Abstecher in die USA folgten sechzehn weitere; von 1967 bis 1983 verbrachten meine Frau und ich alljährlich sechs bis acht Wochen in Marlboro, in Kontakt mit Rudolf Serkin und ungezählten Künstlern aus aller Welt, in der anregenden, ungezwungenen, von Musik durchdrungenen Atmosphäre der «Marlboro-Familie». Neben der Arbeit an den Flügeln durften meine Frau und ich bisweilen auch die Gastfreundschaft des Ehepaars Rudolf und Irene Serkin in ihrem abseits der Heerstrasse gelegenen Heim in Guilford, einer ehemaligen Farm, erfahren. Und Jahr für Jahr kehrten wir mit unauslöschlichen Eindrücken aus Marlboro nach Riehen zurück.

Als meine Frau und ich im vergangenen Herbst in Amerika waren und zu einem kurzen Besuch in Serkins Heim in Guilford weilten, fanden wir zwar einen erkrankten und körperlich geschwächten Freund vor; doch wenn wir auch annehmen mussten, dass Rudolf Serkin nicht mehr werde Konzertreisen unternehmen können, so hofften wir gleichwohl, dass es nicht unser letzter Besuch sein werde. Und doch war es ein Abschied für immer; denn am 8. Mai 1991 starb Rudolf Serkin, wenige Wochen nach Vollendung seines 88. Lebensjahres. In der Erinnerung an die gemeinsam verbrachten Stunden lebt er weiter.

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