1991

Erinnerungen an die Anfänge des Niederholzquartiers

Liselotte Dick-Briner

Ein Bild, das 1928 entstanden ist, beeindruckte mich bei einer ersten Konfrontation sehr. Es zeigt den Ausblick von einem etwas erhöhten Garten über weite Wiesen und äcker. Mitten durch die Landschaft zieht sich die scharfe Linie eines Bahntrassees. Im Hintergrund sind zwei, drei Gebäude auszumachen, Zeichen, dass in der Gegend auch einige Menschen wohnen. Eine Anlage lässt auf eine Kiesgrube schliessen. Irgend etwas bekannt Erscheinendes, schon Gesehenes veranlasste mich zu einem zweiten Hinschauen, was dann das Aha-Erlebnis auslöste: Dieses weite, noch völlig freie Gebiet stellt ja das Quartier, in welchem ich wohne und dessen letzte grössere, noch offene Fläche überbaut werden soll, so dar, wie es vor sechzig Jahren war. Es ist der Blick von der Morystrasse über das Nie derholz in Richtung Stadt, wie ihn der Maler Nikiaus Stoecklin damals von seinem Garten aus festhielt.

Noch leben im Quartier einige Menschen, welche sich an die Zeit, als dieses Bild entstanden ist, erinnern. Es sind Leute, welche die grosse bauliche Entwicklung im Quartier und deren Folgen miterlebt haben und die mit den schnellen Veränderungen zurechtkommen mussten. Eine Matte nach der andern verschwand, Schrebergärten wurden aufgehoben, von den Kornfeldern blieb nichts mehr übrig. An deren Stelle entstanden in sehr schneller Folge die grösseren und kleineren überbauungen, in welche Menschen zogen. Sehr oft waren es Familien mit Kindern. Sie brachten Betrieb und Leben, aber auch ein verstärktes Verkehrsaufkommen. Die schmalen Fussweglein wurden breiter, geteerte Autostrassen lösten die Staubstrassen ab, neue Strassenzüge mussten angelegt werden. Das Niederholzgebiet entwickelte sich innert weniger Jahrzehnte zu einem stark überbauten und damit zu einem stark bevölkerten Quartier.

Alle, welche von den Anfängen im Quartier erzählen, denken an eine freie, unbeschwerte Zeit zurück. Sie fühlten sich als Niederhölzler mit dem Dorf verbunden und zum Dorf gehörig. Die älteste mir bekannte Quartierbewohnerin ist Erika Senn-Roth. Ihr Vater baute in den Jahren 1913/14 sein Haus an den Hang des heutigen Gstaltenrainweges, wo das Ehepaar Senn-Roth heute noch lebt. Von vielen Dorfbewohnern musste Karl Roth-Freiermuth damals hören, wie unbedacht es sei, mit einer fünfköpfigen Familie so weltabgeschieden zu bauen. Mit zwei andern Häusern, nämlich denjenigen der Familie des Lehrers Hermann Gschwind und der Familie Spindler, stand es inmitten von Wiesen. Es konnte nur mittels eines Fussweges erreicht werden. Als grosse Errungenschaft an die Technik war fliessendes Wasser vorhanden, Gas und Elektrisch fehlten anfänglich. Dafür war die Sicht sehr weit, keine Häuser beeinträchtigten den Blick zur Haltestelle Niederholz. «Kinder, wascht euch die Hände, der Vater ist soeben aus dem Tram gestiegen», lautete die alltägliche, mütterliche Ermahnung.

Die zwölf Kinder aus den drei Häusern konnten in einem grosszügig bemessenen Lebensraum aufwachsen und ihre Erfahrungen sammeln. Niemand musste sie zu Vorsicht auf den Strassen und zu Rücksichtnahme gegenüber den Nachbarn mahnen. Sie benötigten kaum Beaufsichti gung bei ihren Spielen draussen. War es Zeit zum Essen oder Schlafen, riefen die Mütter nur laut, irgendwie wurden sie immer gehört. Das Wäldlein zwischen der heutigen Kilchgrundstrasse und dem Niederholzboden ermöglichte grossartige und interessante Spiele. Ein riesiger Sandkasten war schon damals ein wichtiger Spielplatz. Die Mädchen bauten Berge und Tunnels, damit die Buben ihre Bähnli fahren lassen konnten. Im Winter tummelten sich alle am nahen Abhang. Rasante Schlittenfahrten bis hinunter zum heutigen Keltenweg wechselten ab mit waghalsigen Sprüngen über die selbstgebauten Schanzen.

Während der Primarschulzeit mussten alle ins Erlensträsschenschulhaus, nur wer zu den Grossen gehörte, durfte das neue Schulhaus an der Burgstrasse besuchen. Der halbstündige, gemeinsame Schulweg führte entweder dem Bahngeleise oder dem Tramgeleise nach. Lustiger war letzteres, weil beim Hüpfen von Schwelle zu Schwelle der Weg kürzer erschien. Kam ein Tram, ging man eben schnell zur Seite. Schön war es auch, nachdem der Staat die Bäume entlang der Aeusseren Baselstrasse gesetzt hatte, deren Wachsen und Werden zu verfolgen. Wenige Fuhrwerke und Kutschen, zu denen sich je länger je mehr Autos gesellten, ratterten über die staubige Aeussere Baselstrasse. Nur im Winter durften die Kinder manchmal mit dem Tram fahren. Aber weil es dann wegen der Eisglätte besonders interessant war, wurde oft auf die Vergünstigung verzichtet und eine Eisrutschete vorgezogen.

Das Haus, in welches die Erzählerinnen Irma GanserDettwiler und Hedi Pfammatter-Dettwiler im Jahr 1925 einzogen, steht noch heute an der Niederholzstrasse 88. Vater Theophil Dettwiler kaufte den renovationsbedürftigen Rosskopfhof, wie das Haus damals hiess, und richtete ihn in jahrelanger Arbeit her. Bei den Renovationsarbeiten fand sich im Dachfirstbalken die Jahrzahl 1837, eine Brandversicherung besteht aber erst seit dem Jahr 1872. In diesem Haus verbrachten die beiden Töchter eine schöne Kinder- und Jugendzeit. Sie leben noch heute im Quartier. Gerne erinnern sie sich an die Zeit zurück, als neben wenigen Wohnhäusern nur der Bauernhof Büchi an der heutigen Rauracherstrasse, der Neumattenhof bei den Habermatten und der Bauernhof «Zur Holzmühle» neben dem Restaurant Niederholz (damals «Rheinischer Hof» genannt) standen. Vom Haus aus sahen die Dettwilers hinunter zum Tram, so konnte die Ankunft eines etwaigen Be suches sehr genau im voraus erfahren werden. Auch die Sicht in Richtung Süden war noch ganz offen. Vom Stubenfenster aus verfolgte die Familie die grosses Aufsehen erregende Landung eines Zeppelins und beobachtete aus sicherer Entfernung das Geschehen auf dem Sternenfeld. Den eigentlichen Landeplatz konnte sie allerdings nur erahnen.

Das Leben im Haus an der Niederholzstrasse war schon recht komfortabel. Es gab Wasser und Elektrisch, geheizt wurde in den Holzöfen. Einmal im Monat fand der grosse Waschtag draussen hinter dem Haus statt. Da heizte der Vater für das Heisswasser den grossen Kupferkessel ein. In anstrengender Folge wuschen die Mutter und ihre Hilfe die ordentlich sortierte Wäsche zuerst von Hand auf dem Waschbrett vor, um diese darauf im Kupferkessel zu brühen, von Hand zu spülen und ihr, wenn nötig, noch mittels eines «Bläuinuggis» ein effektvolles Weiss zu geben.

Die Milch lieferte die Firma Felder aus der Grendelgasse per Pferdefuhrwerk. Mit den schön geformten Litermassen schenkte der Milchführer in gekonnten Bewegungen die Milch aus der grossen Tanse in die Kesseli aus. Die Bäckerei Trautwein aus der Schmiedgasse brachte das Brot, in den späteren Jahren tat sie dies per Auto, das dann nach erfolgter Lieferung wieder von Hand angekurbelt werden musste. Das Fleisch wurde nach entsprechender Bestellung vom Konsum geliefert. Mit der Zeit gab es zwei Konsums, den ersten an der Burgstrasse und später den zweiten in den Habermatten. Bezahlen musste man da mit Konsumgeld. Ein wichtiger Bestandteil der hausfraulichen Finanzen bildete das Rabattmarkengeld, das jeweils einmal im Jahr eine hochwillkommene Möglichkeit darstellte, sich etwas Besonderes leisten zu können.

Am liebsten gingen die Kinder aber in den Laden an der Ecke Niederholzstrasse/Aeussere Baselstrasse zu Herrn und Frau Osswald und später zu Fräulein Dettwiler, wo alles zu kaufen war, was man im Alltag benötigte. Aus grossen Säcken und geheimnisvollen Behältern wog Fräulein Dettwiler die Waren noch von Hand kiloweise ab. Dennoch fand sie immer Zeit für einen Schwatz. Sie war auch sehr lieb und verständnisvoll zu den Kindern. Nach einem Einkauf verliessen diese oft mit einer Dreingabe in Form von «Däfeli» den Laden. Sogar für das Zeugnis zeigte Fräulein Dettwiler Interesse. Nach den notwendigen Ermahnungen und Ermunterungen bekam jedes Kind eine Belohnung, wenn es seine Noten über Leistungen und Betragen gezeigt hatte.

Die stillgelegten Kiesgruben waren für die Kinder wichtige Tummelplätze. In der Grube an der Stelle des heutigen Hebelmättelis führten die Mädchen ihre Puppen spazieren.

Es waren Ausflüge ins Land der Phantasie, denn in der Wildnis wucherten Pflanzen aller Art. Den Buben hatte es zweifellos die verlassene, für sie eigentlich verbotene Kiesgrube am Bluttrainweg, dem Areal der heutigen Freizeitanlage Landauer, angetan. Die Mauerreste inmitten der Grube stellten für sie eine Ritterburg dar, die abenteuerliche Spiele ermöglichte. Da der Kies bis auf das Grundwasserniveau und teilweise noch tiefer ausgehoben worden war, bildeten sich bei Regenwetter schnell grössere und kleinere Tümpel. Auf dem kieshaltigen Grund gedieh der Pflanzenwuchs nur spärlich, so entfaltete sich eine idylli sehe Auenlandschaft. Das Interesse der Buben galt den Molchen, Fröschen und Salamandern, den Eidechsen und Schlangen. Nicht nur beobachteten sie diese interessanten Tiere in deren natürlichen Umgebung, in dem wohl grössten Biotop Riehens, sie nahmen diese auch mit nach Hause ins selbst angefertigte Weiherchen. Pflanzen aus der Grube sollten den Tieren die ihnen vertraute Atmosphäre schaffen. Allein, alles was Beine hatte, zog sich über Nacht wieder ins angestammte Gebiet zurück. Die einzelnen Salamander und Molche wurden als «Pendler» zu eigentlichen Freunden der Kinder, denen es aber nie gelang, ein Tierlein länger zu Hause zu halten. Auch die Hoffnung auf eine eigene Froschzucht mittels gefangener Rossköpfe musste begraben werden, weil sich die im Garten angelegten Weiher leerten, sobald sich an den Tieren die Metamorphose vollzogen hatte.

Die Gruben wurden kommerziell einzig noch von Sandguschteli genutzt. Sandguschteli, ein kleines Männlein, galt als Kleinbasler-Original. Mit seinem Wägelchen zog er von Haus zu Haus, um den aus der Grube geholten, feinen Putzsand zu verkaufen.

Das viele Bauen bescherte den Kindern besondere Erlebnisse, die grosse Abwechslung und ein Lernen durch Erleben und Zuschauen ermöglichten. Beim Bau der Niederholzstrasse war es zum Beispiel für die Kinder ein abenteuerliches Vergnügen, in den das Baumaterial anliefernden Wägelchen auf den ausgelegten Schienen hin- und herzufahren. Auch die grosse Bretter-Gigampfi beim Bau des Zäslin-Hauses an der Niederholzstrasse ist bis heute nicht vergessen.

Das Leben in diesem freiheitlichen Rahmen verursachte wenig Angstgefühl. Dennoch erinnern sich die Schwestern an brenzlige Situationen. Hedi Pfammatter denkt dabei besonders an die aufregende Zeit, als die Verbrecher Sandweg und Veite nach einem Banküberfall zur Fahndung ausgeschrieben waren. Wie erleichtert waren die Kinder, als deren Tod gemeldet wurde.

Aber auch an eine ganz andere Art von Angst erinnert sie sich, gab es doch einen Baum mit saftig süssen Pflaumen, die besonders früh reif waren, auch lockten die Nüsse am Langenlängeweg. Meistens konnte man sich ungestört den Gaumenfreuden hingeben. Nur eben, einmal kam gerade im dümmsten Moment der Bammert Kunz daher. Eine schnelle Flucht nach Hause in ein geeignetes Versteck rettete im ersten Moment. Leider dauerte es nicht lange, bis der gestrenge Wächter draussen stand. Zum Glück für die Mädchen nahm Frau Cenci die Missetäterinnen in Schutz. Auch eine Velofahrt hinten auf dem Gepäckträger verursachte schlaflose Nächte, weil der Dorfpolizist die Mädchen anhielt, ihnen eine Strafpredigt hielt und, was das Schlimmste war, sie aufschrieb. Welcher Schande mussten sie entgegensehen? Als dann aber über längere Zeit nichts passierte, verlor der Schrecken allmählich seine Wirkung.

Sobald es im Sommer heiss und trocken zu werden begann, wurden, um das Bewässern zu erleichtern, die Gräben, welche sich von den Langen Erlen her durch die Felder und äcker gegen das Niederholzgebiet zogen, mit Wasser gefüllt. Die Kinder nahmen selbstredend auch ihr Fussbad darin.

Duscheinrichtungen im Burgschulhaus ersetzten die in den Häusern damals noch fehlenden entsprechenden Installationen. Von Zeit zu Zeit unterzogen sich die Buben und Mädchen unter dem strengen Regiment von Frau Vaterlaus, der Frau des Schulhausabwarts, einer gründlichen Reinigung. Die Mädchen mussten sich vor dem Duschen ein weisses Schürzchen vorbinden, sie erhielten einen Waschlappen mit einem Klacks feinriechender flüssiger Seife darauf. Wie es bei den Buben zuging, können die Schwestern nicht sagen, das Duschen fand ja an getrennten Tagen statt.

Der Raum fehlt, um alle während des Erzählens auflebenden Gedanken festzuhalten. Erwähnen möchte ich trotzdem noch, dass auch die Kriegstage nicht vergessen sind. Die Unsicherheit, wie es wohl weitergehen solle, lastete schwer auf den Kindern, wenn sie ihren Müttern beim üben in der Luftschutztruppe zuschauten, oder wenn sie in der Schule wegen Fliegeralarm in den Keller mussten. Am unheimlichsten war es auf dem Schulweg, wenn von den Flugzeugen aus «Silberfäden» abgeworfen wurden, welche die übermittlungsleitungen stören sollten. Froh und beinahe wehmütig stimmen dagegen die Erinnerungen an die herrlich langen, schönen Heimwege durch die Felder abends bei Mondschein.

Ich beende meine Aufzeichnungen mit einem grossen Dank an alle, welche sich Zeit genommen haben, mir zu berichten.

Personen
(soweit nicht schon in der GKR, im RRJ oder in RJ 1986ff. vorgestellt)
Cenci-Tottene, Elisabeth (1891-1976), Gemüsehändlerin
Dettwiler, Emma (1897-1962), Speziererin
Dettwiler-Klumpp, Theophil (1881-1940), Bahnangestellter
Ganser-Dettwiler, Irma (* 1912), Schneiderin
Osswald-Lehmann, Karl (1867-1948), Wirt, Spezierer
Osswald-Lehmann, Bertha (1881-1958), Wirtin, Speziererin
Pfammatter-Dettwiler, Hedwig (*1918)
Sandweg, Kurt (1910-1934), Raubmörder
Senn-Roth, Erika (s'1909), kaufmännische Angestellte
Senn-Roth, Hans (*1911), Substitut Handelsregisteramt, Ersatzrichter
Spindler, August (1876-1954), Kaufmann
Vaterlaus-Rohrer, Emil (1887-1961), Abwart
Vaterlaus-Rohrer, Magdalena (1885-1947), Abwartin
Velte, Waldemar (1910-1934), Raubmörder
Zäslin, Hans Heinrich (1891-1965), Dr. phil., Chemiker
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