1991

Das unverbrauchte Erbe

Jan Milic Lochman

Es gibt ein altes helvetisches Wappenwort, das mich seit Jahrzehnten besonders beeindruckt: Hominum confusione et Dei Providentia Helvetia regitur (Die Schweiz wird regiert durch menschliche Verwirrungen und durch die Vorsehung Gottes). Zum erstenmal habe ich den Satz in der Kirchlichen Dogmatik Karl Barths gelesen - als Schlüssel zur Deutung der allgemein menschlichen, dann auch besonders der schweizerischen Geschichte. Es ist ein nüchterner Satz: Er spricht zunächst von menschlichen Verwirrungen, verklärt die Geschichte nicht, sondern fasst menschliches Fehlverhalten klar ins Auge. Aber er weigert sich, dabei schon haltzumachen; er wagt es, inmitten von Verwirrungen der Geschichte die Vorsehung Gottes zu vermuten und zu bekennen. Das ist im biblischen Sinne zu verstehen, also nicht fatalistisch, sondern als Ruf zur Dankbarkeit für manches Menschenfreundliche, was uns in dieser Geschichte all den Verwirrungen zum Trotz dennoch geschenkt wurde; und als Herausforderung, diese Geschichte in nomine Domini, «im Namen Gottes, des Allmächtigen» , wahrhaft eid-genössisch also, im Einklang mit dem guten Willen Gottes zu gestalten.

Wenn ich die vielen Reden und Beiträge zur 700 JahrFeier der Eidgenossenschaft höre und lese, so kann ich mich manchmal kaum des Eindrucks erwehren, dass in der Stimmung eher der erste Teil des Wappenwortes, also der Hinweis auf die menschliche Verwirrung den Ton angibt: Die kritischen Stimmen überwiegen. Ich habe dafür gewisses Verständnis: Allzu leicht könnte der andere Akzent, das Wort von der Vorsehung Gottes anmassend missbraucht werden. Davor müsste gerade der Theologe warnen. Doch möchte ich die im Motiv der Providentia Dei enthaltene Weisung und Verheissung keineswegs aufgeben; bloss in den Verwirrungen der Geschichte und Gegenwart zu verweilen, verbittert oder auch «genüsslich», schafft eine schiefe Perspektive, die mir gerade im Interesse der Erneuerung unserer res publica als nicht eben fruchtbar erscheint. Die Glocken der ehrwürdigen Riehener Kirche, welche unsere Feier eingeläutet haben (wie auch die mich immer wieder faszinierenden alltäglichen und sonntäglichen cloches de Bàie) erinnern alle, die Ohren zum Hören haben: Es herrschen nicht nur menschliche Verwirrungen, es regiert die Vorsehung Gottes.

Vielleicht wird es leichter, die Wahrheit der beiden Akzente unseres Wappenwortes einzusehen, wenn einer wie ich im Bunde der Eidgenossen nicht geboren wurde, sondern der in ihn - im Wirbel der europäischen Geschichte - weit in der zweiten Hälfte seines Lebens aufgenommen wurde. Denn dann wird das helvetische Erbe nicht selbstverständlich, man sieht im Vergleich der Erfahrungen alter und neuer Heimat verschiedene Aspekte unseres Gemeinwesens differenzierter und anschaulicher. Erlauben Sie mir, bei solchen persönlichen Erwartungen und Erfahrungen anzusetzen.

Wenn ich versuche, mich an das Bild zu erinnern, das ich mir als tschechischer Schüler und Student in meiner Jugend von der Schweiz machte, so besteht kein Zweifel: Es war ein ausgesprochen positives Bild. Die Schweiz erschien uns als ein vorbildliches Land. Dieses Werturteil bezog sich auch und vorzüglich auf politische Traditionen und Formen, auf die «Schweizer Demokratie». Wurde nicht gerade auf diesem Gebiet in der Schweiz Einzigartiges geleistet, was auch anderen europäischen Völkern, vor allem denen, welche - wie die Tschechoslowakei - im Aufbau und in der Verteidigung ihrer Demokratie standen, in mancher Hinsicht als wegweisend und hilfreich aufleuchtete?

Ich erwähne beispielsweise drei Aspekte. Zunächst: Die Multinationalität der Schweiz. Hier gab es ein Land, dem es augenscheinlich gelang, Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen in einem Staat, ja in einer Nation zu verbinden: ein ermunterndes Beispiel im Zeitalter der Aushöhlung der Demokratie durch völkischen Nationalismus. Zweitens: Dieser Staat war die «Eidgenossenschaft», eine uns etwas merkwürdig klingende Bezeichnung, die man aber als einen wichtigen Hinweis darauf verstehen konnte, daß sich eine politische Gemeinschaft nicht auf «Blut und Boden» gründen muß, sondern daß sie in einer «Idee», im Programm, konkret: im Bunde der freien Bürger, bestehen kann. Drittens: Die Schweizer Neutralität, verstanden in ihrer besten Möglichkeit: nämlich als Versuch, sich aus den aggressiven Konflikten der europäischen Nationalismen und Machtblöcke herauszuhalten, und zwar nicht nur «für sich», sondern im Dienste der Vermittlung und Versöhnung. So schien uns die Schweiz ein sinnvolles Modell für ein kleines freies Land zu bieten. Felix Helvetia!

Es ist heute rückblickend nicht schwer zu erkennen, dass ein solches Bild der Schweiz zu idealistisch war, und zwar im doppelten Sinne des Wortes «Idealismus»: Es verklärte die Wirklichkeit. Und vor allem: Es griff die bevorzugten politischen Ideale heraus aus ihrer Verflechtung mit massiven gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen, die sie an eigene Zielsetzungen banden. Wie überall auf der Welt entsprach auch in der Schweiz das reale politische Leben den hehren Idealen nicht ganz.

Man denke nur an unsere drei Leitideen: Wie leicht kann die Multinationalität zu einer blossen konjunkturorientierten Interessengemeinschaft werden, ohne wirklichen kulturellen Austausch und Solidarität, ohne Ausstrahlungskraft nach aussen. Wie leicht kann die Eidgenossenschaft, der Bund der Freien, zum Bunde der Privilegierten werden, die nur die eigene Freiheit wirklich ernst nehmen und die Freiheit der anderen - selbst im eigenen Lande, etwa der Flüchtlinge und Gastarbeiter, vorsichtig und bedingt auf Widerruf dosieren. Wie leicht kann vor allem die Schweizer Neutralität in einer selbstbezogenen Isolierung erstarren, die nur das Eigene halten will in einer Igelstellung der übrigen Welt gegenüber.

Niemand ist sich dieser Gefahr so bewusst wie manche Schweizer selbst. Ich denke vor allem an die kritische jüngere Generation, an die massgebenden Schweizer Schriftsteller, an manche Künstler, Journalisten, auch kritische kirchliche Kreise. Wir erleben gerade in den letzten Monaten eine ganze Welle der schweizerischen Kritik und Selbstkritik. Die nationalen Mythen werden fast rücksichtslos demontiert. Die überlieferten Autoritäten und Verhaltensweisen werden überprüft. Und die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse werden geradezu hyperkritisch beleuchtet. Unsere Schweiz befindet sich im Prozess eines relativ radikalen Umdenkens.

Diese Wandlung ist, soweit ich verstehe, ernstzunehmen, ja mit Vorbehalt zu begrüssen. Eine wahre Demokratie kann durch einen «entmythologisierenden» Prozess nur gestärkt werden. Ein Volk der Kritischen und Selbst kritischen ist freier als ein Volk der Gerechten und Selbstgerechten. Es stellt sich mir aber die Frage: Was geschieht in diesem Prozess mit dem «eidgenössischen Erbe»? Wird es endlich und endgültig preisgegeben? Manche scheinen zu diesem Schluss zu neigen: «700 Jahre sind genug.» Es gibt eine «Demontage» der eidgenössischen Tradition, bei welcher von den geschichtlichen Intentionen und Programmen der «Väter» nur das bäuerlichschlaue «Menschlich-Allzumenschliche» als treibende Kraft der Schweizer Demokratie übrigbleibt. Und es gibt eine Kritik der gegenwärtigen Zustände, die an den überlieferten politischen Formen einfach verzweifelt und von der Möglichkeit ihrer sinnvollen Veränderung nicht viel hält.

Als Reaktion gegen allzu idealistische Bilder und Leitbilder sind diese hyperkritischen Stimmen und Urteile verständlich. Als Beiträge zur kulturell-politischen Erneuerung scheinen sie mir aber zu kurzschlüssig, weil ungeschichtlich. Geschichtliche Orientierung - wozu auch die Reflexion der geistesgeschichtlichen überlieferung, deren sich wandelnde Interpretationen und Gestaltungskraft, mit gehört - ist eine der Grundbedingungen sinnvollen gesellschaftlichen Engagements.

Der unvergessene tschechoslowakische Philosoph und Staatsmann Thomas G. Masaryk prägte als einen der Leitsätze seiner politischen Praxis den Satz: «Die Staaten erhalten sich durch die Ideale, aus welchen sie entstanden sind.» Der Satz klingt zunächst fast hoffnungslos konservativ: Das Erhalten der überlieferten Ideale als Grundsatz der Politik? Wer die Praxis von Masaryk bedenkt, wird aber bald merken, dass sein Ruf nach Treue zum geschichtlichen Fundament nicht konservativ gemeint war. Masaryk war einer der radikalsten «Demontierer» nationaler Mythen, vor allem in seinem eigenen Volk. Den konservativ-nationalen Kräften war er immer eine unheimliche Gestalt. Woran uns sein Satz aber erinnert, ist das Folgende: Gerade im kritischen überprüfen des überlieferten bleibt man mit den «Vätern» im Gespräch-wobei die «Väter» und «Mütter» zu «Brüdern» und «Schwestern» werden, das heisst nicht als unantastbare Autoritäten agieren, sondern als «Eid-Genossen», Verbündete und Mitstreiter auf dem gemeinsamen Wege.

Dieser Weg ist für jede Generation in eigener Verantwortung von neuem zu gehen. Und doch: Das menschlich Neue ist geschichtlich Neues. Das Haus, das neu zu ge stalten ist, ist nach der Tragfähigkeit seiner Fundamente zu beklopfen. Vergisst man oder verschmäht man dieses «Beklopfen», so gefährdet man den geplanten Neubau. So halte ich den Satz von Masaryk mutatis mutandis auch für die Schweiz relevant - vorausgesetzt, dass man ihn im Masarykschen Sinne versteht, also eben nicht einseitig konservativ, sondern reformatorisch (wozu gerade in dem klassischen Land der helvetischen Reformation noch gewisse Voraussetzungen gegeben werden müssten!). Das eidgenössische Erbe ist nicht verbraucht. Es wäre töricht (gerade auch politisch töricht!) es preiszugeben und nicht kritisch aufzunehmen und in neuer Situation zu entfalten.

Ich denke konkret noch einmal an jene drei Komponenten, die sich mir am Anfang dieser Rede zu jenem «Idealbild der Schweiz» zusammengefügt haben. Das Bild habe ich idealistisch gefunden. Es ist aber nicht einfach aus der Luft gegriffen. Gerade auch mit jenen drei «Idealen» wurden in der Geschichte dieses Landes Intentionen formuliert und partiell realisiert, die bis heute wichtige Impulse vermitteln können - und zwar nicht bloss für unser Land. Es ist kein Zufall, dass im gesamteuropäischen Kontext zum Beispiel die jahrhundertelange helvetische föderative Erfahrung von verschiedenen Seiten «entdeckt» und beachtet wird. «Kritische überprüfung» müsste hier also heissen: Nicht «Demontage» schlechthin, sondern Demontage der «Krusten», die sich um diese Schweizer Initiativen im Laufe der Geschichte vor allem eben unter dem Druck von enggezogenen Eigeninteressen gelegt haben.

Die Multinationalitäts-, Eidgenossenschafts- und Neutralitätsidee können in der heutigen Welt, welche immer klarer zu der einen Welt der miteinander auf Gedeih und Verderb verbundenen Menschen und Völker wird, nie in blosser Abgrenzung und Igelstellung sinnvoll vertreten werden, sondern nur in öffnung und Bewegung auf andere hin. Eine solche Bewegung bedeutet keineswegs kosmopolitische Preisgabe der helvetischen Identität, wohl aber deren Integrierung in breitere Kontexte: Im überschreiten der etablierten Grenzen im eigenen Land (in Richtung auf die Unterprivilegierten vorgegebener Zustände, etwa die Behinderten oder Mitbürgerinnen und Mitbürger an der Armutsgrenze, so wie wir sie auch in unserem Kanton und in unseren Gemeinden, oft kaum bemerkt, unter uns haben) und vor allem auch nach aussen (in Richtung auf die wirksamere Solidarität mit anderen Völkern, vor allem in Osteuropa, und den Entwicklungsländern).

Es ist erfreulich und wegweisend, dass symbolische Handlungen anlässlich unseres Jubiläums (Vergabungen an sozial besonders Schwache im eigenen Haus und im gemeinsamen Haus der Menschheit) gerade in diese beiden Richtungen weisen: Sie sollten in den kommenden Jahren ihre strukturelle Fortführung finden. Denn gerade das dürfte den authentischen Motiven des eidgenössischen Erbes wohl entsprechen.

Eine Bemerkung zum Schluss. Anlässlich der Eröffnungsfeier zu unserem Jubiläumsjahr in Bellinzona hielt der Genfer Professor Jean Starobinski einen eindrücklichen Kurzvortrag. Er erinnerte darin an einen spätmittelalterlichen Text, das «Grosse Gebet der Eidgenossen». Vor allem in den Notzeiten wurde dieses Gebet nicht nur von Einzelnen, sondern in der Gemeinschaft gesprochen, um sich auf den bisherigen Weg zu besinnen und vor allem: um den Weg in die Zukunft freizulegen. Starobinski hat mit Recht vor allem zwei Akzente dieses Gebetes hervorgehoben: «Erstlich soll ein jeglicher Mensch sich selbst erkennen wegen seiner Sünden und Missethaten, die er wider Gott unseren Herrn gethan hat und festiglich fürsetzen, uns zu hüten vor Sünden und Gelegenheiten der Sünden...» Eine klare Erkenntnis und Bekenntnis des eigenen Versagens und der gemeinsamen Schuld steht unmissverständlich am Anfang: als Schutzwall gegen jede Versuchung der Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit.

Und dann, im Fürbitteteil, als konkrete Folge solcher Haltung: «Wir wollen auch bitten für diejenigen, so allenthalben Steg und Weg bessern, auch mit ihren Unkosten und Arbeit, so wohl geistlich als leiblich, den gemeinsamen Nutzen treuwlich befürdern helfen.» Ja, Stege und Wege der Versöhnung und der Solidarität zu bessern - mit geistlicher und materieller Opferbereitschaft: Wäre dies nicht das unverbrauchte, treu eidgenössische Erbe und ein nur zu aktuelles Programm für unser Gemeinwesen - gestern, heute und morgen?

Hominum confusione - et Dei providentia.

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