1991

Abfälle vermeiden, vermindern, verwerten

Jürg Schmid

Der Umweltschutz nimmt in der Gemeinde Riehen eine sehr wichtige Stellung ein. Die Einsicht, dass die meisten menschlichen Tätigkeiten unsere Um- oder besser Mitwelt direkt oder indirekt beeinflussen, führt zu einem ausserordentlich breiten Spektrum der möglichen Umweltschutzmassnahmen. In fast jedem Bereich, vom Landwirtschafts- und Naturschutz bis zur Verwendung von Baumaterialien, von der Verkehrsplanung bis zum Gebrauch von Putzmitteln, vom Konsum bis zum Abfall, ist heute die Sorge um eine lebenswerte Welt spürbar. Der Umweltschutz ist deshalb kein Bereich neben anderen Aufgaben der Gemeinde, sondern ein Ziel innerhalb aller Aufgaben.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen und in eine reine Aufzählung ausarten, wollte man die Umweltschutzbestrebungen innerhalb unserer Gemeinde annähernd vollständig erfassen. Viele Tätigkeiten für den Umweltschutz werden von der öffentlichkeit kaum beachtet; so zum Beispiel die langfristige Raumplanung, die naturnahe Neugestaltung der Waldränder, die (fast) chemikalienfreie Unkrautbekämpfung.

Andere Bereiche nehmen in der öffentlichkeit einen sehr grossen Stellenwert ein; so zum Beispiel die Abfälle. Während der Bund und die Kantone einige wesentliche Aufgaben im Umweltschutz selbst an die Hand nehmen (Gewässerschutz, Luftreinhaltung, Bodengesundheit), wird den Gemeinden weitgehend die « Abfallhoheit » übertragen. Die Abfälle werden somit auf Gemeindeebene zum wichtigsten Umwelt-Problembereich. Diese Einschätzung wird von der öffentlichkeit und den Politikern in Riehen getragen und zum Ausdruck gebracht. So erstaunt es nicht, dass 1989 die vollamtliche Stelle eines Abfallbewirtschafters sowie eine Koordinationsstelle für Umweltschutz in der Gemeindeverwaltung geschaffen, dass aber eine vergleichbare Stelle für den gesamten Umweltschutz nicht realisiert werden konnte.
 
Es liegt sehr wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass erst dann ernsthaft gehandelt wird, wenn unliebsame Zustände endgültig zu brennenden Problemen werden; so auch bei den Abfällen. In sämtlichen industrialisierten Ländern nahmen seit dem letzten Weltkrieg die Abfälle rasant zu, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Nicht nur die unvorstellbaren Mengen, sondern auch die immer unüberschaubarere Zusammensetzung der Abfälle führten zum heutigen Notstand. Dieser kann aus einer logischen Erkenntnis heraus einfach, aber treffend folgendermassen umschrieben werden: Alles, was wir herstellen, kaufen, gebrauchen oder einfach besitzen, wird einmal zu Abfall. Besässen wir wenige und nur einfache Gebrauchsgegenstände, wie dies bis vor wenigen Generationen üblich war, müsste heute niemand über Abfälle sprechen. Der «materielle Haushalt» - wie der Berg von Gebrauchs- und Konsumgütern von Fachleuten etwas verharmlosend genannt wird - nimmt aber immer noch zu.

Wie begegnet nun Riehen diesen anstehenden Problemen? Im ersten Abfallkonzept, das im Jahre 1984 im Auftrag der Gemeinde durch das ökozentrum Langenbruck erstellt wurde, sind die heute noch gültigen Grundsätze bereits erwähnt:

1. Abfälle sollen wenn immer möglich vermieden, vermindert (Menge) und «entschärft» (Zusammensetzung) werden.

2. Können Abfälle nicht vermieden werden, sollen sie möglichst wiederverwertet, also als Rohstoffe für neue Produkte verwendet werden.

3. Die unvermeidbaren, unbrauchbaren Abfälle sollen so behandelt werden, dass sie die Umwelt möglichst wenig belasten. Das heisst im Klartext: in geeigneten Anlagen verbrennen, die Abgase reinigen, die Schlacke und die Filterstäube sicher deponieren.

An erster Stelle der gesteckten Ziele steht also klar die Abfallvermeidung. Wer zur Abfallvermeidung aufruft, sollte aber als eine Art Vorbild dastehen können. Deshalb betrachtete die Gemeindeverwaltung zuerst ihre eigenen Gewohnheiten und wurde rasch fündig: Die verwendeten Putzmittel enthielten zu viele ökologisch bedenkliche Stoffe. Das ganze Sortiment wurde nach Schadstoffen durchgegangen und die schwer abbaubaren, gewässerbelastenden Mittel durch harmlose ersetzt. Putzsprit, Putzessig und Schmierseife hielten Einzug.

Das gesamte Büromaterial wurde nach ähnlichen Kriterien durchgegangen. Besonders kurzlebige Artikel (zum Beispiel Markierstifte aus Kunststoff mit flüssigem Farbstoff) wurden durch weniger materialintensive Artikel ersetzt. Recyclingpapiere traten im ganzen Verwaltungsbereich an die Stelle von Neupapieren. Seit neustem werden die Farbkassetten der Drucker nicht mehr weggeworfen, sondern neu aufbereitet und bis zu zehn Mal wiederverwendet.

Bei Gemeindeanlässen und Personalverpflegung wird kein Wegwerfgeschirr mehr verwendet. Auch Kaffeeautomaten geben keine Plastikbecher mehr aus, und kalte Getränke werden nur noch in Mehrwegflaschen verkauft. Die Abfälle konnten so spürbar verringert werden.

Wie in der Verwaltung wurde auch in den Handwerksbetrieben, beim Strassenunterhalt oder in der Gärtnerei nicht nur auf die Verringerung, sondern auch auf die «Entschärfung» der Abfälle geachtet: Weniger umweltbelastende Stoffe ersetzen bisherige Artikel. So konnte die Malerei Farben mit Lösungsmitteln auf Kohlenwasserstoffbasis stark reduzieren und schwermetallhaltige Farbstoffe ganz eliminieren. Die Gärtnerei ihrerseits stellte den Betrieb auf schadstoffarme, sogenannte integrierte Produktion um.

Bei den öffentlichen Diensten der Gemeinde wird in jüngster Zeit ein weiterer Grundsatz strikte beachtet, welcher der Abfallvermeidung dient: Bei der Fahrzeug-, Maschinen-, Geräte- und Werkzeugbeschaffung wird auf das Prinzip der Dauerhaftigkeit, der Modernisierbarkeit und der Reparierbarkeit geachtet. Das heisst in der Praxis: Muss eine neue Maschine beschafft werden, wird nicht mehr das billigste Gerät seiner Leistungsklasse ausgewählt, sondern dasjenige, das durch hohe Fertigungsqualität eine lange Lebensdauer verspricht. Die Lebensdauer wird nochmals durch die Möglichkeit verlängert, Einzelteile nicht nur zu ersetzen, sondern auch zu reparieren. Können Einzelteile später der technischen Entwicklung angepasst, «modernisiert» werden, schiebt sich der Zeitpunkt des Maschinenersatzes, der Abfallentstehung, nochmals hinaus.

Was die Gemeinde ernst nimmt, stösst in gewerblichen Betrieben wie in privaten Haushaltungen noch oft auf Unverständnis und Ablehnung. Das ist durchaus verständlich, denn Abfallvermeidung heisst auch oft Verzicht. Verzieh tet werden soll im privaten Bereich auf unnötige, oft spontane Käufe, die durchaus Spass machen können.

Im gewerblichen Bereich heisst Abfallvermeidung oft, etwas höheren Arbeitsaufwand in Kauf nehmen, um Material zu sparen. Dass bei niederen Rohstoffpreisen und hohen Löhnen dazu wenig wirtschaftliche Anreize bestehen, fördert nicht eben die Bestrebungen zur Abfallverminderung.

Die Gemeinde Riehen kann die Abfallvermeidung bei den Einwohnerinnen und Einwohnern nur indirekt fördern. Dies geschieht vor allem durch öffentlichkeitsarbeit.

So war die Gemeinde zum Beispiel am kleinen ökomarkt beim Rauracherzentrum am 9. Juni 1990 mit einem Informationsstand vertreten, und am 23. März 1991 wurde ein grösserer ökomarkt beim Gemeindehaus durch die Gemeinde ins Leben gerufen. An beiden Anlässen wurden auch recht simpel tönende Ratschläge zu Konsumgepflogenheiten gegeben. Zum Beispiel werden immer wieder die Mehrwegflaschen bei Getränken oder das Milchkesseli bei der Milch propagiert. Was sich beim einzelnen banal ausnehmen mag, macht im grossen Zusammenhang durchaus Sinn: Würde alle Trinkmilch in der Schweiz mit dem Kes seli, der Mehrwegflasche oder im Kunststoffbeutel eingekauft, könnten jährlich rund 15 000 Tonnen Verbundstoffpackungen vermieden werden, die nur einmal gebraucht werden können und sich nicht einmal zur Wiederverwertung eignen.

Auch während den Sammelaktionen für Problemabfälle aus Haushaltungen, die jeden Herbst mit geschultem Personal an drei Orten in Riehen und an einem in Bettingen durchgeführt werden, steht das umweltschonende und abfallarme Haushalten zuoberst in der Beratung. Bei dieser Gelegenheit werden jeweils an Interessierte über 30 verschiedene Broschüren zu den verschiedensten Themen abgegeben.

Mit dem zweitwichtigsten Grundsatz «Abfälle verwerten statt vermcbteti» stiess die Gemeinde von Anfang an auf viel Bereitschaft in der Bevölkerung. Die Spezialabfuhren für Altpapier und Gartenabfälle sind aus der Gemeinde nicht mehr wegzudenken und müssen periodisch weiter ausgebaut werden (vergleiche den Chronikbeitrag «Aus dem Geschäftsbericht des Gemeinderates für das Jahr 1990», Seite 199f.).

Ein weiterer grosser Schritt auf das Ziel «wiederverwerten statt vernichten» wurde seit 1990 mit der Errichtung des neuen Sammelstellennetzes für wiederverwertbare Abfälle getan. War man in früheren Jahren der Meinung, zwei bis drei Grosssammelstellen würden für das ganze Gemeindegebiet ausreichen, entschloss sich die Gemeindeverwaltung zu einem fast gegensätzlichen Konzept: Viele kleine Sammelstellen sollten eingerichtet werden, die auch zu Fuss bequem erreichbar sind; alle zehn geplanten Sammelstellen sollten zudem die gleichen Abgabemöglichkeiten anbieten.

Seit August 1990 können nun Flaschen nach Farben getrennt, Aluminium, Konservendosen und Speiseöle an den ansprechend gestalteten und benutzerfreundlichen Sammelstellen abgegeben werden. Bis 1992 werden noch zwei weitere Sammelstellen dazukommen und einige bestehende etwas erweitert worden sein.

Mit der Konzeption des Riehener Sammelstellennetzes wurde übrigens in der ganzen Region Neuland betreten: Die Sammelcontainer werden zur Entleerung nicht mehr abgeführt, sondern an Ort in ein Spezialfahrzeug mit Kran der Muldenzentrale entleert (für vier Sammelstellen reicht eine Fahrt mit dem Spezialfahrzeug). Mittlerweilen wurde diese Art Sammelstellenentleerung von vielen Gemeinden eingeführt oder geplant.

So viele Materialien mittlerweilen wiederverwertet werden können, konnten für die Kunststoffe bisher keine praktikablen Lösungen gefunden werden. Hunderte von verschiedenen, schwer unterscheidbaren Kunststoffen lassen sich in der Wiederverwertung nicht einfach beliebig mischen. Ausserdem haben Sammelversuche in anderen Gemeinden gezeigt, dass Kunststoffe aus Haushaltungen oft stark verschmutzt und mit anderen Materialien vermischt abgegeben werden und damit unbrauchbar sind.

Anders sieht es bei den gewerblichen Betrieben aus, bei denen in der Regel wenige, bekannte Kunststoffsorten anfallen. Seit Frühjahr 1991 geben einige Betriebe versuchsweise Schrumpffolien aus Polyäthylen der Gemeinde ab. Diese Folien können wie die Sammelsäcke für Altpapier, die beim Altpapierhändler wieder aussortiert werden müssen, wiederverwertet werden.

Die Wiederverwertung ist so gut, wie die aus den Abfallstoffen hergestellten Gegenstände akzeptiert und gekauft werden. Deshalb verwendet die Gemeindeverwaltung wenn immer möglich Artikel aus wiederverwerteten Stoffen, wie zum Beispiel Recycling-Papiere, Kunststoffar tikel aus Kunststoffabfällen (Blachen, Folien, Matten, Sitzbänke) und aufgummierte Reifen für Fahrzeuge. Andererseits ist die Vermarktung von Artikeln, die aus Metallschrott hergestellt worden sind, seit langem eingespielt und selbstverständlich.

Bleibt noch das dritte Ziel zu erwähnen: Unbrauchbare Abfälle so zu behandeln, dass sie möglichst umweltneutral endgelagert, sprich deponiert werden können. Dies trifft für wenige Abfallarten zu. Kehricht und Sperrgut aus Riehen werden der Kehrichtverbrennungsanlage Basel zugeführt, die über eine der modernsten Rauchgasreinigungen in Europa verfügt. Allerdings sind mit der optimalen Ver brennung mit Wärmenutzung (Elektrizitätserzeugung und Fernwärme für Heizzwecke) nicht alle Probleme vom Tisch: Rund ein Zehntel des in Basel angelieferten Kehrichts fällt nach der Verbrennung als schadstoffhaltige Schlacke an, die im Elsass deponiert werden muss. Das macht alleine aus den Abfällen aus Riehen jährlich rund 550 Tonnen Schlacke aus. Die aus den Abgasen ausgefilterten Rückstände sind zusätzlich hochkarätiger Sonderabfall. Eine positive Entwicklung zeichnet sich allerdings ab: Seit 1982 nehmen Kehricht und Sperrgut aus Riehen stetig etwas ab.

Was die Gemeinde zur Milderung der Abfallprobleme unternimmt und bisher unternommen hat, kann an dieser Stelle nur bruchstückhaft und sehr allgemein umrissen werden. Zwei Wirkungsfelder lassen sich aber klar unterscheiden: Zum einen muss sie alles technisch und administrativ mögliche unternehmen, um die hier und jetzt vorhandenen Abfälle möglichst sinnvoll einzusammeln und umweltschonend und gesetzeskonform der richtigen Behandlung zuzuführen. Diese Behandlung besorgen ausser bei der Kompostierung der Kanton Basel-Stadt oder beauftragte Firmen. Dies gilt sowohl für Abfälle, die vernichtet werden müssen, als auch für Abfälle, die wiederverwertet werden können. Das zweite Wirkungsfeld betrifft die Information der Bevölkerung. Wenn jeder einzelne Abfallproduzent begreift, dass Abfälle keine Zufälle sind, ist bereits viel gewonnen. Wenn beim Einkaufen klar wird, dass mit der Art der persönlichen Versorgung bereits spätere Entsorgungsprobleme geschaffen oder vermieden werden, ist ein wesentliches Ziel des Umweltschutzes auf unserer Gemeindeebene erreicht: Alle müssen Verantwortung übernehmen und mit ihrem Handeln persönlich - bewusst - mitentscheiden, wie die Zukunft aussehen soll.

Anmerkung:
Für einen eher geschichtlichen Abriss der Abfallbehandlung in unserer Gemeinde sei auf den Jahrbuchartikel von Marlene Minikus: «Vom Glöggliwagen zur modernen Kehrichtverwertung», RJ 1986, S. 178-190, verwiesen.

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