1990

Weibel Hans Jakob Schultheiss erinnert sich

Michael Raith

Der Bauer Schultheiss schreibt mit gelenker Schrift, doch sind seine Sätze manchmal falsch gebaut und deswegen nicht immer verständlich. Trotzdem bilden sie wohl die erste «selbstgemachte» und nicht nur darum ausserordentlich wertvolle Quelle der Dorfgeschichte.

Zwei Riehener Zeitgenossen hinterliessen chronikartige Aufzeichnungen über die Geschehnisse im ausgehenden 18. Jahrhundert: es waren dies der letzte Untervogt, Johannes Wenk-Roth (1752-1820), und der letzte Weibel, Hans Jakob Schultheiss-Wenk-Sieglin (1730-1810). Fritz Lehmann hat im Jahrbuch 1964 die Aufzeichnungen Wenks herausgegeben und kommentiert. Der Text des Weibels ist in Auszügen in Pfarrer Emil Iselins «Geschichte des Dorfes Riehen» (Seiten 191 bis 206) zitiert, Eduard Wirz publizierte 1934 in der «Riehener-Zeitung» (Ausgaben vom 13. und 20. Juli, sowie vom 3. bis 24. August) und in der Sonntagsbeilage der «National-Zeitung» vom 1. Juni 1941 grössere Stücke. Eine Gesamtausgabe fehlt noch. Schultheiss beschreibt vor allem Ereignisse um Basel im Zusammenhang mit dem Ersten Koalitionskrieg (1792-1797), an dem hier republikanische Franzosen und kaiserliche österreicher beteiligt waren.

Im vorliegenden Jahrbuch sind diejenigen Passagen aus der Chronik von Schultheiss wiedergegeben, welche auf Obervogt und Landvogtei Bezug nehmen: «Dises Buch ist mir von Unserem Hoch Geeintesten und wohl Wysen Herren, Herren Lucas Fäsch, diser Zeit Wohl Verortneten Herren Land Vogt Zu Riechen Verehrt worden, A[nn]o 1774 Darinen ich als obgedachten Herren Ober Vogts Underthänigster Diener Hanss Jacob Schultheiss, Weybel alle hochoberkeitlichen wie auch die gemeinen Sachen darin auf zu schreiben»
lautet der erste Eintrag. Es folgen 19 beschriebene Folioseiten. Schultheiss hat damit nur einen kleinen Bruchteil des ihm «verehrten» Papiers beschrieben. Pfarrer Gottlieb Linder fand die Chronik um 1880 bei Elise Unholz (siehe Jahrbuch 1980, Seite 25), einer Ururenkelin des Weibels. Sie schenkte sie ihrem Grossneffen Paul Wenk-Löliger, der die Aufzeichnungen des letzten Untervogtes - auch dieser ein Vorfahr - ebenfalls erbte. "Wir danken der Familie Wenk für die treue Pflege des Originals (die herausgerissenen Blätter mussten 1938 neu gebunden werden), für seine vorübergehende überlassung und das Abdruckrecht.

Die Huldigung für den Herrn Landvogt «1792. den 7. May Ist Herr Lucas Fäsch des Geheimen Rahts Kriegs Comissarius und OberVogt Allbier in Riechen gestorben und Auch Allbier den 10'. dito in der Kirche begraben worden seine Ruh Stette war rechter seits neben dem Altar der Nechste Grabstein im C[h]or, Er hatte alibier etwas über 20 Jahr höchst Ruhlich und Wohl verwaltet und Weislich Regiert. Seines Alters auf 68 Jahr und etliche Monat Gott der AllMächtige schänke ihme eine Seelige und Fröhliche Auferstehung Darauf Ist von U[nseren] Gn[ä]d[igen], HE[rren], Allhier das Loss gefallen zu einem Herren LandVogt der Hoch Gelehrte und WohlWeise Herr Lucas Legerant des Rahts Und Allbier Wohl Regiert So das ihme Jederman Gutte Gesundheit und Langes Laben Wünschen thut.

1796. den 12'. Juny ist die Huldigung für ihne und für HE. LandVogt Schoren dorfvon Klein Hüningen allhieran einem Sontag vor sieb gegangen Auf folgende Art, Erstl[ich], haben die sämtlichen], Draguner allhier die Herren Debütierten [= Deputierten] beim Riechemer Thor empfangen, um sie Allbier zu begleitten; von derLandVogtey bis an die Stras mit der Invandery [=Infanterie] nebst dazumahlfen]. von dem Canton Bern allhier einqua[r]ttierten 40 Mann. Auf beiten Seiten im gewehr gestanden & Abends Widerum Also.

Die Guttaten, so unser W[ohl]: Wfeiserj: HE[rr], LandVogt den Jänigen, so darmit beschäftiget gegeben sind wie folgt.

Den Underbeamtteten ein schön Mittag Essen im Rössle, darzu er den Wein selbst gegeben Mit den von Klein Hüningen auf den Mann 1 Mas was aber noch mehr erfordert so hab ich den Befehl gehabt zu hollen, welches auch geschächen Die oberkeitl[ichen], Bedienten auf gleiche Weis im Ochsen. Die von der»

Der Text bricht unvermittelt ab. Schultheiss hat ihn vermutlich erst einige Jahre später aufgezeichnet. Seltsamerweise wurde der Grabstein für Obervogt Fäsch nach kurzer Zeit entfernt. Deputat Daniel Schorendorf (1750-1817), der letzte Obervogt zu Kleinhüningen, ist bekannt als Grossvater des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt.

Von 1792 bis 1797 standen in Riehen Eidgenössische Truppen zum Schutz der Grenze.

Ein Mass fasst anderthalb Liter. Vermutlich lag der Alkoholgehalt des Weines unter dem heute üblichen.

Der Austausch der gefangenen Franzosen «A[nn]o 1795. den 26'. X[- Decem]br[is]. Ist Allbier in Riechen etwas Grosses in der Landvogtey vor gegangen, welches niemahl geschächen und kaum mehr geschächen wird Erstl[ich]. da bey der bluttigen Exegution über das Königliche Hauss in Franckreich nur eine Printzzessin über gebliben und selbige in Franckreich bis obigen Datum wohl verwahrt gewässen, da es aber vor lengst ein Begehren von dem Kaisser an die [französische] Nattional-fversammlung], ergangen, dise Printzessin aus und an den Wiener Hof zu Uferen, Also ist durch ein Langer Brief Wächsel von beiden Höchen Orten dahin gekomen, das weil der Kaisser von den frantzössischen Crösten Herrn Auch in der Gefangenschaft gehabt worunder Auch der PostMeister von [Sainte-]Menneho[uld]. gewässen, welcher der König samt seiner Ehren famillien allwo er bis an etliche Stunden schon durch sein Geivässenes Gantzes Land entgomen wäre, Auf Gehalten, darbey gewässen mit welchem ich auch gesprochen, samt überigen Vielleri, Allwo Ihier alle Diirgesche [?] gesante und vielle darbey so das die LandVogtey von Nachmittag von 2. Uhr so voll frantzössischen Herren Gewässen welche ich nicht hab zehlen könen Allwo man ihnen die Zeit auf gewarttet aber nicht viel genossen biss Nachts um 9 Uhr, da der fran[z]össische Ambassidor & ein Kaisserlicher Ober Leuttenant Aus der Statt gekomen & den Bericht Schriftlich], gebracht das die frantzössische Printzessin in Bassel Frey angekomen & für Wahrhafft erkant und so gleich durch Basel über Crentzach aufR[h]einfelden Gefahren. Also die Herren Sämtlich auch Frey in die Statt und wider in ihr Land undgehinderet Reissen köhen.

in der Zeit Allhier sind sie vor jeder Thür in der Landvogtey allwo sie gewässen mit Kaisserlichen Underofficier verwacht. Vor der Landvogtey mit 24 Mann von hier mit Feld Weibel Claus Davit & WachtM[ei]st[e]r. Joh[annes] Si[e]gwald verwacht ivor den, Aufdisen Bericht sind sie erst mit Freuden Allda gewässen und um halb ?0 Uhr von hier in die Statt gefahren mit 6 Dragunern von hier bis in die Statt begleittet Alhvo sie mit Freuden gefahren Bey dissem vorbemelten, unerwarteten Geschäft Ist die sach von U[nseren]: Gn[ä]d[igen], HE[rren]. so ins Geheime Eingerichtet worden, das kein Burger in der Statt nichts darVon geivusst, sonst würde es ein grosser zu lauf aus der Statt gewässen sein, Nun sind nicht mehr aus der Statt darbey Als zu forderst unsser Hoch GeAchter Wohl Weisser Herr LandVogt, Legerant, von U[nseren]. Gn[ä]d[igen], HE[rren], darzu bestimbt & Herr Frey Wägele Herr & Herr Ehrlacher, im Winkele bey der R[h]einbrug welche mit denen frantzössischen Herren in der nacht um halb 10 Uhr in die Statt gefahren! Wie auch von hier nur 3. Mann beordert und darbey gewässen, Naml[ich]. Hanss Jakob Stump Kilchmeyer & Statthalter für den UnderVogt. Ich H[ans Jacob] S[chul]t[heiss], W[ei]b[e]l. & Johannes Stump Rösslewirt Da wir den Auftrag gehabt den HE[rren], auf zu warten, und auch mit zu trinken, welches auch geschächen und nun die Neiiwe einrichtung in Franckreich Freyheit und Gleichheit auch empfunden Wie es in das künftige gehen wirt ist Gott bekant.»

Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beziehungsweise als Kaiser von österreich regierte seit 1792 Franz II. (1768-1835), ein Onkel der französischen Prinzessin.

Jean Baptiste Drouet (1763-1824), erkannte 1791 in Varennes an der belgischen Grenze den vor der Revolution fliehenden französischen König Louis XVI. und nahm ihn gefangen. Drouet versah das Amt eines Postmeisters und später eines Unterpräfekten in Sainte Menehould in der Champagne, in Varennes hatte er dienstlich zu tun. Im Ersten Koalitionskrieg fiel er den österreichern in die Hände.

Der Elsässer Jacques Augustin Théobald Baron von Bacher (1748-1813) pendelte an jenem 26. Dezember zwischen Basel und Riehen hin und her: er bekleidete zwar nicht das Amt eines Ambassadeurs Frankreichs in der Schweiz, sondern lediglich dasjenige eines Sekretärs der Botschaft, doch war er der bedeutendste Mann des Tages. Rheinfelden war die Basel nächstgelegene österreichische Stadt.

Die durch Schultheiss erwähnten Riehener können alle im Register zum Jahrbuch nachgeschlagen werden, wobei dort <Claus Davit> Nikiaus David-Rohrer heisst.

Die Basler Stadtbiirger Frey und Erlacher, <Frey Wägele Herr> und <Ehrlacher im Winkle bey der Reinbrug> sind nicht, wie Iselin auf Seite 196 schreibt, <Besitzer benachbarter Güten, sondern wie Le Grand - Mitglieder des frankreich- und revolutionsfreundlichen Kämmerleins zum Rheineck. Remigius Frey (1765-1809) diente in Frankreich und bekleidete zuletzt den Grad eines Oberstleutnants. Nach Basel zurückgekehrt wurde er, was Schultheiss erwähnt, Verordneter zur Fuhrwaage, später Platzkommandant und 1798 Helvetischer Gesandter in Paris. Sein Enkel Emil Frey (1838-1922) ist der bekannte Baselbieter Bundesrat.

<Im Winkel» hiess ein Haus unten am Rheinsprung. Hier wohnte zeitweise Johann Jakob Erlacher (1754-1821), Küfer, Bierbrauer und Wirt zum Rheineck. Er wurde Mitglied der Basler National Versammlung und des Helvetischen Grossen Rates, schliesslich Helvetischer Kommissär in St. Gallen und zuletzt wieder in Basel Polizeisekretär.

Warum die Basler Umwälzung von 1798 ohne Blutvergiessen verlief «Allem Allhier in Riechen haben wir so einen für die Gemein ivie auch für das gantze Land so Ex[c]el[l]enten Herrn LandVogt Nahmens Herrn Johfann], Lucas Legerant der auch in dissen Begebenheiten Allwo er in der grössten Aufruhr so gewisse Herrn den Brand angezündt, durch seine Ankunft von U[nseren] Gn[ä]d[igen], HE[rren] gleich wieder gelöscht worden ist In Liechtstahl [= Liestal]».

Schultheiss erwähnt noch Le Grands Vermittlungsmission am 18. Januar 1798 in Liestal, dann hören seine Nachrichten auf. Sie bringen Farbe und Leben ins Bild der ihrem Ende zustrebenden Zeit der Landvögte.

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