1990

Vollendung der Franziskuskirche

Robert Th. Stoll

Die so lange unvollendet gebliebene Kirche der Katholiken Riehens ist mit dem Mut der Vorbereitungs-Kommission, der Zuversicht des Pfarrers, der Zustimmung der Pfarrgemeinde und der überzeugenden künstlerischen Gestaltung des Malers Pierre Casé im Jahre 1989 glücklich vollendet worden.

Der Bau Im Sommer 1950 wurde die Kirche, von Architekt Fritz Metzger entworfen, eingeweiht. Sie zeigte eine neue, für viele ungewohnte Kirchenbauform. Sie ist keine längsgerichtete Weg-Kirche mehr. Die Seitenmauern nähern sich schräg dem ovalen Chorraum; der Boden senkt sich vom Eingang her. Durch diese Raumform werden die Gläubigen an den Altar herangeführt und versammeln sich näher um die liturgische Mitte. Die Lichtführung verstärkt diese Bewegung. Hoch über den Seitenwänden führen zwei schmale Fensterbänder nach vorn; im Chor findet sich rechts eine senkrecht gegliederte Fensterwand, welche das volle, sich stets wandelnde Tageslicht auf den im Zentrum der Chorellipse stehenden Stufenaltar fallen lässt. In der Mitte der Chorwand ist eine von beiden Seiten erhellte Nische für den Tabernakel angeordnet. Der Architekt wünschte ausdrücklich, die Fenster ungefärbt zu belassen. Der Raum ist so gekennzeichnet durch eine heilignüchterne Atmosphäre, ganz dem von Jahreszeit zu Jahreszeit verschieden farbigen liturgischen Geschehen dienend.

In seiner weiteren künstlerischen Ausstattung blieb der Bau unvollendet: der Altar ein Provisorium, das Hängekreuz eine Leihgabe, keine Deckenmalerei, kein Wandbild. Architekt Metzger schrieb 1949 während der Bauzeit einem Freunde: «Die sehr knappen finanziellen Mittel zwingen mich zu grösster Einfachheit.» Damit wird, wie der Erbauer bei der Kirchweihe 1950 aussprach, doch eben
Robert Th. Stoll
auch die Grundhaltung zur Armut des Patrons Franziskus schaubar. Ich zweifle heute, ob damals wirklich nur mangelnde Geldmittel Anlass zur Zurückhaltung in der farblichen Ausstattung waren; es war wohl auch der innere Wunsch, bescheiden zuzuwarten und die Zeit heranreifen zu lassen, wo dannzumal eine Gestaltung möglich sein würde, welche der Geistigkeit des Poverello entsprach.

Das Vorgehen Es hat Generationen gedauert, bis es soweit war. Frühere Versuche schlugen fehl. In den sechziger Jahren dachte man an das Ausmalen der Kuppel. 1975 unterbreitete eine neue Kommission Vorschläge zur durchgehenden Ausmalung der Kirche. Diese wurden von der Pfarreiversammlung angenommen, aber in einem Referendum abgelehnt. Es brauchte Mut und Zuversicht, Mitte der achtziger Jahre die Vision der Kirchenvollendung Wirklichkeit werden zu lassen.

Eine pfarreiliche «Kommission zur Vollendung der Kirche» leitete den Prozess ein und evaluierte die Möglichkeiten. Eine Jury aus Mitgliedern der Gemeinde, dem Pfarrer, Künstlern und auswärtigen Experten, Männern und Frauen verschiedenen Alters, wurde nominiert. Die baulichen Gegebenheiten wurden festgestellt; die Aufgaben für einen Wettbewerb wurden formuliert; sechs zur Lösung befähigte Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Landesteilen wurden zur Teilnahme eingeladen. Es waren: Rudolf Buchli (1940), Ueken; Roman Candio (1935), Riedholz; Pierre Casé (1944), Maggia; Godi Hirschi (1932), Root; Ueli Michel (1953), Basel; Cristina Spoerri (1929), Reinach.

Die Aufgabe umfasste die farbige Gestaltung der Seitenschiffwände, des Chorbezirkes, insbesondere der Tabernakelnische, sowie Ideen für die Gestaltung von Tabernakel, Altar, Ambo und Kreuz. Die Gesamtidee sollte in einer alle Gläubigen ansprechenden künstlerischen Form der Glaubenshaltung des Franziskus Ausdruck geben: seiner tiefen Frömmigkeit, seiner Ergriffenheit vor der Schöpfung, wie sie im «Sonnengesang» dichterisches Gebet geworden ist, und seiner bewusst gelebten Schlichtheit in der Würde seiner Armut.

Die vorgelegten Arbeiten aller Teilnehmer waren künstlerisch dicht und ausführungsreif. Jede einzelne wurde von der Gesamtjury in eingehenden, oft kontradiktorischen Gesprächen bewertet. Die einverlangten, originalgrossen und materialechten Details wurden in der dafür leergehaltenen Kirche am vorgeschlagenen Ort eingesetzt und im Raumlicht und der Raumdistanz sorgfältig evaluiert. Der Entscheid, Pierre Casé mit der Ausführung zu beauftragen, erfolgte mit grosser Mehrheit, zu der sich auch Pfarrer Gerold Beck zählte.

Der Maler Pierre Casé wurde am 16. Februar 1944 in Locamo geboren. Seine Familie ist lombardischer Abstammung, aber seit Generationen im Tessin beheimatet. Mit seiner eigenen Familie wohnt er in Maggia. Als Künstler ist er sehr anerkannt; zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland belegen dies. Seit 1987 amtiert Casé als Präsident der schweizerischen Künstlervereinigung GSMBA. Er ist welterfahren; er kennt alle Stilepochen, die neuesten Entwicklungen. Aber das Tessin ist seine Heimat, ist seine Welt mit ihrer Italianità, mit ihrer landschaftlichen und geistigen Prägung. Seine Umwelt ist die der herben Täler, der wilden Wasser, der Saumpfade und Felsen, der Rebberge mit den granitenen Pergolen, der alten Mauern mit ihren Spuren verstrichener Zeiten, der alten Häuser, von Menschen durchlebt, und den Kirchlein mit den ärmlichen Zeichen eines einfachen Glaubens aus dem Herzen. Diese rissigen, verfärbten Wände mit ihrem Gekritzel, Mauern, von denen der Verputz abbröckelt: sie auferstehen in Casés über viele Schichtungen langsam werdenden Gemälden. Er ist ein Spurensucher.

In seinen «Considerazioni sul mio lavoro» notiert er sich seine Beobachtungen. Da finden sich Sätze zur bäuerlichen Architektur mit ihrer Schlichtheit und Echtheit. Er sieht die einfachen Menschen, welche bei aller Schwere dem Schöpfer dankbar sind für alles, was atmet; sie wissen, dass auch aus dem Dunkel zuletzt wieder ein Licht bricht. In diesem Dialog mit der Schöpfung ist Casé an seinen Auftrag zur Vollendung der Franziskuskirche herangegangen.

Seine Gestaltung des Innenraumes
Wer in die Kirche eintritt, verspürt es. Dem Konzept des Architekten entsprechend, wird die Mittelachse zum schwingenden Zentrum des Chores betont. Am Chorrand, den Gläubigen zugekehrt, steht senkrecht der Ambo, das grau-granitene Verkündigungspult, geschmückt mit sechs Messingstreifen. In der Chormitte erhebt sich der Altar aus gleichem Tessiner Granit; er breitet sich waagrecht wie empfangend und schenkend zugleich; seine Zahl der leuchtenden Messingstreifen ist zwölf, wie die Zwölf der Apostel. In der Tiefe der Chornische erkennt der Gläubige den steinernen Kredenztisch mit der Siebenzahl der Streifen, Zahl der Fülle. Golden gründet darauf der Tabernakel mit seinen zehn Streifen. Zehn ist im Symbolwert der Zahlen die erhöhte Wiederkehr der Eins nach den neun Grundzahlen der Welt: Eins dessen, welcher der Anfang und das Ende von allem ist.

Dem Lob dieser göttlichen Fülle gilt die Ausmalung, die Casé geschaffen hat. Farbe und Form sind eins. Hier wird nicht in Bildern erzählt, sondern sinnfällig erhellt. Es ist ein sichtbar gewordener Farbengesang. Der Klang der schwebend wechselnden Farben, der Rhythmus der leise spielenden Formen fuhren hin in den liturgischen Bereich, wo die Feier Ereignis wird.

In jede der vier Nischen der Schiffseiten hat Casé über Haupteshöhe langrechteckige Platten eingelassen. Sie sind mit Erdpigmenten körnig und trocken bemalt. Mittseits jeder Tafel kragen metallene, bemalte Bandstäbe heraus, «arte povera», verwittert und simpel wie ein weggeworfenes Ding, das aufgenommen und in neuen Dienst erhöht angenommen worden ist. Die Malerei mahnt in ihrer rauhen Schichtenstruktur an alte Mauern, mit ihren Spuren der Vergänglichkeit, «impronte nel tempo», verritzt, aber die innere farbige Lebenskraft ist durch nichts zu mindern.

Die beiden Seitenmalereien sind verschieden, doch verwandt. Auf der linken verspürt man ein kühles Fluten, dem Wasser ähnlich, rhythmisch pulsierend, von Ocker zu Orange zu Blau und Hellblau und Graublau zurückkehrend. Auf der rechten Seite erscheinen die Farbmodulationen der Erde zugehörig mit ihrem sandfarbenen Ocker, dem Grün und dem schwärzlichen Dunkel. ähnlich differenziert sind auch die Konstellationen der Stäbe, gebündelt und gestreckt und Winkel bildend in verschiedene Richtungen. Es ist, als ob sie zu einer Form finden möchten.

In den Malschichten verstreut tauchen da und dort Kritzeleien auf, teils Buchstaben, ein Y, ein K, ein O und S, auch ein Jesuszeichen IHS, anderes wie erst im Werden, nicht entzifferbar, aber etwa an etruskische Zeichen erinnernd. Hin und wieder jedoch - den Betrachter zur Meditation einladend - ein Kreuz, wie es eine unbeholfene Hand zu zeichnen versuchte, auch ein ChiRo, ein Alpha, Omega, ferne Nachrufe einer christlichen Vorzeit; «reliquie quasi», notiert Casé in seinem «Quaderno privato», seien sie, «simboli dei poveri cristi».

Diese beiden Spurenwände, welche wie ein Singen sind, für welches jeder Betrachter die eigenen Worte suchen soll, streben nach vorne zur farblich strahlenden Tabernakelnische. Hier leuchten die Lichtfarben, das Gelbrot des Feuers, das Gelb der Sonne, in allem das Weissgelb der Freude. Und die grossen Stabelemente, welche wie Strahlenweiser zum Tabernakel und zum Altar erscheinen, wollen sich, Teile eines Ganzen, zum alle Schöpfung umfassenden Kreuz der Auferstehung fügen.

Mit diesem Gesamtkunstwerk von Pierre Casé ist die Franziskuskirche in Riehen in der Schöpfungs-Spiritualität des Poverello in reiner Weise vollendet worden.

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