1990

Die Baugeschichte der Landvogtei Riehen

Bernard Jaggi

Unmittelbar neben der mittelalterlichen Kirchenburg liegt behäbig die ehemalige Landvogtei. Das Gebäude war von der Mitte des 16. Jahrhunderts an Amtssitz und Zehntenhaus der Basler Obervögte. Die Hauptfassade der Landvogtei ist nicht der Kirchstrasse zugewendet, sondern einem ausladenden Platz links neben der Strasse. An der rechten Hausecke dieser Fassade erinnert das Wappenrelief des Abts Rudolf Wülflinger an die überragende Bedeutung des Klosters Wettingen für Riehen in der Zeit des ausgehenden Mittelalters. Von 1248 bis 1540 stand die Kirche St. Martin in Riehen unter dem Patronat des Wettinger Gotteshauses. Die Einkünfte der Kirche und anderer Gutsbesitze, die das Kloster in dieser Zeit im Dorfe innehatte, wurden jeweils in Form eines Zehnten eingezogen1). In den Jahren 1425 bis 1434 hat Wülflinger selbst den Zehnten in Riehen verwaltet. Es liegt nahe, den Ort dieser Handlungen mit dem Gebäude der späteren Landvogtei in Verbindung zu bringen, zumal die besagten Wappensteine davon Zeugnis abzulegen scheinen2). Die Frage stellt sich daher, ob es sich hier um das alte Wettinger Zehntenhaus handelt, das übrigens erst in der Verkaufsurkunde von 1540 namentlich erwähnt wird, oder ob zumindest noch bauliche Reste dieser Zeit in der Landvogtei überliefert sind.

Damit kommen wir zu den allgemeinen Fragen zur Baugeschichte der Landvogtei. In der Methodik der baugeschichtlichen Untersuchungen ist es unerlässlich, die Fragestellungen differenziert zu erarbeiten, weil vorausgesetzt werden muss, dass die Geschichte eines historischen Gebäudes vielschichtig und verschlungen ist, beinahe wie die Biographien der Menschen, welche die Häuser bewohnten. Ein Haus, dessen Entstehung Jahrhunderte zurückliegt, ist immer das Resultat mannigfaltiger Um- und Ausbauten, die sich in der langen Zeit seines Bestehens ergeben haben. Entsprechend ist die Erforschung historischer Gebäude auf die Auseinandersetzung mit den materiellen Fragmenten früherer Bauzustände ausgerichtet3).

Die wichtigsten Baunachrichten
Bei der Riehener Landvogtei verfügen wir dank der lückenlosen Aufarbeitung der historischen Quellen von Christian Adolf Müller4) über detaillierte Baunachrichten aus der Zeit von 1540 bis heute. Den aktuellen Ergebnissen der Bauuntersuchung soll deshalb eine Zusammenstellung der wichtigsten historischen Daten vorangestellt werden.

1540 wird die Landvogtei (damals Zehntentrotte genannt) zusammen mit einer Scheune daneben vom Kloster Wettingen an Basel verkauft.

1603 erfolgt ein grösserer Umbau, bei dem Maurer sowie Steinmetze zum Einsatz kommen. Erwähnt werden: «Stägen, Kellerstägen, Tramen (Holzbalken) im Dach...». Die Zwingsäulen der Trotte werden erneuert. In diesem Zusammenhang ist auch von Holzschwellen die Rede.

1630 (Johann Rudolf Wettstein) werden erneut umfangreiche Bauarbeiten vermeldet. Die Rede ist unter anderem von zwei neuen Kammern im Dachstock.

1651/52 wird eine grosse Summe für Bauholz sowie Mauer- und Ziegelmaterial ausgegeben. Notiert sind: Böden, Türen, Läden, weiter «Dach der Trotte und auff dem Holtz Hauss...». Es wird viel Eichenholz verwendet, so zum Beispiel eine grosse in Grenzach gefällte Eiche. Alsdann taucht auch die Bezeichnung «Aufrichte» auf.

Von 1664 bis 1667 scheint eine der grössten Baumassnahmen zu erfolgen: Bauholz in drei Flössen vom Rhein und 1525 Ziegel werden herbeigeführt. Bauverträge werden abgeschlossen, man schreibt von «... Abbrech und wideraufrichtung der Zehenden Trotten...». Erwähnung findet ein «Trottloch», das ausgemauert werden muss.

Auch 1698/99 erscheinen grosse Summen für Mauer-, Zimmer-, Wagner- und Schmiedarbeiten.

1706/07 wird in der Trotte die Einfahrt «besetzt» (mit Pflastersteinen ausgelegt). Gleichzeitig soll eine neue Treppe mit «Stegen beim (Treppenhaus) und Stegen dritt» aufgerichtet und «verdeffelt» (vertäfert) worden sein. Weiter findet eine untere und eine obere Küche Erwähnung, die «gewissglet» (geweisselt) werden musste.

In den Jahren 1721/22 ist die Rede von einem «newen Cammern boden» und weiteren Reparaturen. Zudem werden in der oberen Stube die Fenster neu verglast und ein Ofen gesetzt.

1748 geht eine grössere Summe an den Weibel von Riehen; ob für Bauliches, bleibt offen.

1772 wird ein sehr grosser Betrag für Bauarbeiten, die den ganzen Sommer über dauern, ausgegeben. Verarbeitet werden viel Backsteine, Wiesentäler Sandstein, Gebälk und Holz für Dielen und Stuben sowie Baluster für Treppen, öfen werden eingebaut.

1802 erfolgt der Ausbau der Trotte, und einige Jahre später wird das Haus instandgestellt.

1807 Verkauf an Johannes Preiswerk-Bischoff.

1860 baut der neue Besitzer, der Bäcker Niclaus LöligerJundt, das Haus nochmals für seine Zwecke um (unter anderem neuer Backofen). Er erwirbt dabei auch die Zehntenscheune.

1910 brennt die Zehntenscheune ab.

1945 wird die Landvogtei unter Denkmalschutz gestellt (in das Denkmälerverzeichnis eingetragen).

1948 kauft Nicolas Jaquet-Dolder das Haus. Er lässt es renovieren und die neuentdeckten Deckenmalereien freilegen und restaurieren. 1959 wird der Dachstuhl erneuert.

1990 beginnt der Umbau durch den neuen Besitzer.

Die Landvogtei vor dem Umbau von 1990
Der Grundriss der Landvogtei beschreibt ein leicht aus dem Winkel verschobenes Quadrat mit 16 Metern Seitenlänge. Auf der Westseite liegt der Garten. Ein schmaler Flügelbau säumt den Rand gegen die unteren Matten. Wie einer Zeichnung Emanuel Büchels von 1756 zu entnehmen ist (siehe Seite 132/133), stand an dessen Stelle früher ein Türmchen am Ende des Gartens. Gegenüber liegt an der Arealmauer eine überdachte Laube. Dahinter befand sich die 1910 abgebrannte Zehntenscheune (siehe Seite 36).

Das Innere der Landvogtei ist in zwei Trakte, einen Westund einen Osttrakt, mit unterschiedlich hohen Stockwerken aufgeteilt. Der Versatz der Geschosse lässt sich auch in der Hauptfassade gegen den Platz ablesen: Zwei Drittel der Fassadenfläche bilden den grösseren Osttrakt mit dem höhergelegenen Obergeschoss und dem Dachgiebel unter dem Krüppelwalm auf der Ostseite. Im Zentrum dieser Fassadenfläche ist der Baselschild mit der Jahreszahl 1603 eingelassen. Der schmalere westliche Teil der Fassade, in dem sich der Hauseingang befindet, markiert mit seiner Befensterung und der tieferliegenden Dachtraufe den niedrigeren Westtrakt. Die Räume im Erdgeschoss sind durch die Teilung in West- und Osttrakt bestimmt. Neben dem Hauseingang liegt eine kleine Stube mit grünschwarzem Kachelofen. Die grösste Fläche des Westtrakts wird vom rankenbemalten Saal dahinter eingenommen. An dessen Ende führt eine spätbarocke Treppe mit geschnitzten Balustern in das Obergeschoss.

Das hohe Erdgeschoss im Osttrakt ist auf der südlichen Hälfte gegen die Platzseite zu Wohnzwecken ausgebaut. Der Ausbau stammt aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die hintere Hälfte des Erdgeschosses ist noch unverbaut. In diese grosse hohe Halle hinein ragt - als Erweiterung des Westtrakts - ein Fachwerkbau auf Stützen frei im Raum.

Das Obergeschoss ist vollständig ausgebaut. Die spätbarocke Treppe mündet am hinteren Ende des Westtrakts in einen Raum mit einer älteren, bemalten Decke, die zur Hälfte noch sichtbar ist. Die plastisch gemalten, mit Lichtern aufgehellten Ranken auf rotbraunem Grund sind in die Zeit um 1700 zu datieren5). Unmittelbar daneben schmückt eine ähnliche, jedoch in Grautönen gehaltene Rankendecke die an den Westtrakt angebaute Kammer. Der mittlere Raum des Westtrakts ist voll vertäfert. Die Türrahmen weisen schlichte Verdachungen mit Triglyphenfries auf. Die Räume des höhergelegenen Osttrakts sind um einen zentralen Mittelraum (Vorplatz) herum angelegt, der von zwei Seiten vom Westtrakt und vom Anbau her über Differenztreppen erschlossen wird. Sie sind mehrheitlich mit geohrten Türgestellen (verbreiternder Versatz oben in der Türverkleidung) mit einfachen Verdachungen ausgestattet. Der Eckraum gegen Platz und Strasse ist bis zur Hohlkehle der Gipsdecke vertäfert. Diese eleganten Raumausstattungen dürften aus der Zeit der Deckenmalereien oder kurz danach datieren. In diesem Geschoss sind jedoch auch Veränderungen und Einrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts vorhanden. Das Dachgeschoss ist durch den Neubau des Dachstuhls 1959 leicht erhöht und vollständig ausgewechselt worden.

Die Ergebnisse der Bauuntersuchung
Die Untersuchungen wurden in der Zeit von Januar bis Mai 1990 durchgeführt6). Die nun vorliegenden Resultate erlauben es, die Entstehung des Gebäudes in einzelne Bauphasen chronologisch aufgeteilt nachzuzeichnen. Die wichtigsten Etappen sind zeitlich eingrenzbar und können zum Teil mit den datierten Baunachrichten in Zusammenhang gebracht werden. Vom ersten fassbaren Haus bis zum heutigen Bestand der Landvogtei können sechs Hauptbauphasen definiert werden.

Im Boden sind Reste einer früheren Bebauung, die nichts mehr mit dem überlieferten Bau der Landvogtei zu tun haben, zum Vorschein gekommen. Zusätzlich haben sich auch ältere Böden und Pfeilerfundamente gezeigt, die wertvolle Hinweise auf die frühere Ausgestaltung des Erdgeschosses der Landvogtei, insbesondere der Trotte geben7).

I. Erstes Bauvolumen: Von Anfang an bestand das Gebäude der Landvogtei in seiner heutigen quadratischen Grundfläche als ummauertes Haus mit über vier Meter hohem Erdgeschoss. Auf der Höhe der Mauerkrone lag eine Balkenlage, von der sich ein Balken sowie die darunterliegende Unterzugabstützung erhalten haben. Dieser ursprünglich über die ganze Hausbreite durchgehende Dekkenbalken weist an den Enden schräge Blattnuten auf. Vielleicht waren darin die Streben der ehemaligen Dachkonstruktion verankert. Dieser Balken (allerdings ein Einzelstück!) konnte dendrochronologisch ins Jahr 1535 datiert werden8). Der Mauercharakter der Fassaden lässt eine vorsichtige Datierung ins 16. Jahrhundert zu. Spuren einer Trotteneinrichtung konnten für diese Bauphase nicht nachgewiesen werden. Innerhalb dieses grossen Gehäuses haben sich keine älteren Baureste erhalten. Es ist jedoch aufgrund von Mauerresten im Boden zu vermuten, dass am gleichen Ort eine Bebauung bestand, die aus unbekannten Gründen vollständig verschwand.

II. Einbau eines Stockwerks (Westtrakt): Im westlichen Drittel des ummauerten Gebäudes wurde entlang der Westfassade ein Stockwerk eingebaut, das gegen den Osttrakt von drei Stützen getragen wird. Die Stützen bilden im Erdgeschoss eine von Norden nach Süden laufende offene Tragachse. Diese Tragachse säumte gleichzeitig die im Osttrakt verlaufende gepflästerte Einfahrt, zu der auch eine Trotteneinrichtung mit abgetreppten Holzschwellen gehörte. Die mittlere der drei Stützen steht genau in der Mittelachse, in der auch der ursprüngliche Unterzug verläuft. Unmittelbar vor dem eingebauten Geschoss bricht der Unterzug ab, vermutlich war er vorher durchgehend.

Dafür spricht ein unter dieser Stütze im Boden erhaltenes älteres Fundament, das die zweite Stütze dieser primären Unterzugskonstruktion aufgenommen haben könnte. Heute steht sekundär der Mittelpfosten des Westtrakteinbaus darauf. Die Bodenbalken des eingebauten Obergeschosses liegen einen Meter unterhalb der bestehenden Deckenbalken des ursprünglichen Gebäudes. Dafür überragt nun dieses neue Geschoss die alte Mauerkrone um zwei Meter. Der obere Wandabschluss dieses Einbaus ist durchwegs in sichtbarem Fachwerk aufgeführt. Vermutlich waren auch die Fassaden des aufgehöhten Obergeschosses in Fachwerk erstellt. Die Hölzer weisen Dendrodaten auf, die in der Zeitspanne von 1600 bis 1664 liegen. Der Einbau des Westtrakts erscheint uns zwar als einheitliches Ensemble, trotzdem kann nicht einfach von der jüngsten Datierung ausgegangen werden. Auffallenderweise verjüngen sich die Dendrodaten gleichmässig von unten nach oben. Der Einbau könnte etappenweise in den Baujahren 1603, 1630, 1651/52 und 1664/66 erfolgt sein oder in diesen Zeiten periodisch erneuert worden sein.

III. Anbau Fachwerkkammer an Westtrakt-. Am nördlichen Ende des Stockwerkeinbaus von Phase II wurde auf der Höhe dieses Obergeschosses eine weitere Kammer mit Fachwerkwänden angekoppelt, die im Erdgeschoss in die offene Halle des Osttrakts auf eine Eckstütze abgestellt ist. In dieser Flucht lag die Einfahrt in die Zehntentrotte, deren Pflasterung unter dem Boden zum Vorschein gekommen ist. Die Nordfassade dieses Anbaus überragte ebenfalls den Mauerring des alten Gebäudes und war vermutlich in Fachwerk aufgeführt. An der Aussenseite der Ostwand haben sich am östlichen Ende die Spuren eines kleinen hölzernen Anbaus (vielleicht ein Aborterker) erhalten, der über eine Türe in der Ecke der Stockwerkkammer erreicht werden konnte. Konstruktiv ist die Stockwerkkammer eindeutig an den Westtrakt angebaut, also als sekundär einzustufen. Von der Dendrochronologie her liegt eine unsichere Datierung vor.

Im Zeitraum dieser Bauphase dürfte der Keller in der hinteren Hälfte des Westtrakts entstanden sein. Er wurde nachträglich unter die Fundamentmauern des Hauses eingefügt9). Die ehemalige Kellertreppe lief vom Erdgeschossboden aus über die innere Kellerquermauer entlang der östlichen Seitenmauer. Die Lage der Treppe ist im Verputzabdruck dieser Mauer ablesbar. Wie das Dendrodatum eines Deckenbalkens nahelegt, könnte der Kellereinbau aber schon 1603 erfolgt sein. Dies würde der Nachricht von der «Kellerstägen...» von 1603 entsprechen.

IV. Ausbau des Osttrakts 1698/99: Dank der hervorragend gelungenen Holzdatierung ist eine entscheidende Ausbauphase in der Landvogtei fassbar. Im Osttrakt wurden auf die hohe Deckenlage, die durch den alten Unterzug gegeben ist, neue Balken verlegt. Sie verlaufen jeweils von der Nord- beziehungsweise Südfassade bis zum mittleren Unterzug. Auf diese «Plattform» wurde in der Mitte gegen die Platzseite ein Fachwerkgehäuse aufgestellt, das eine Kammer umschliesst und eine Fachwerkfassade gegen den Platz aufwies. Dieses neu geschaffene Obergeschoss war damals noch nicht vollständig ummauert. Auch dürfte der Ausbau der weiteren Kammern dieses Geschosses erst sukzessive nachgefolgt sein (vergleiche Baunachrichten 1706/07 und 1721/22), denn ihre Zwischenwände scheinen sekundär um das Fachwerkhäuschen herum gebaut zu sein.

In der Zeit von 1698/99 wurden im Erdgeschoss des Westtrakts die Joche zwischen den drei Stützen mit einer Riegelwand versehen. Erst mit dieser Unterteilung erfolgte auch die rotgetönte Rankenbemalung an der Decke. Spuren davon finden sich auch an den drei Holzstützen sowie an der eingesetzten Riegelwand.

V. Letzter grosser Umbau: Die heutige Dimension der Landvogtei entstand im Zuge der Ummauerung der Obergeschossfassaden zusammen vermutlich mit der Errichtung eines neuen Dachstuhls. Mit grosser Wahrscheinlichkeit erfolgte dieser Umbau im Jahre 1772. Diese Bauphase brachte auch die spätbarocke Treppe mit den Balustern, die sich bis zum Umbau von 1990 im Westtrakt erhalten hat. In dieser Zeit oder kurz davor wurden zwei zusätzliche Holzstützen mit Unterzügen zur Unterstützung des Geschosses über der Trotte eingesetzt. Wie das Haus nach diesem Umbau ausgesehen hat, zeigt der Stich von Christian von Mechel ( 1795 ), der die Ankunft der französischen Kriegsgefangenen vor der Landvogtei darstellt (siehe Seite 47). Das grosse Tor vor der Einfahrt bestand noch immer, der Baselschild war im Sturz darüber eingelassen.

VI. Ausbau des Trottengescbosses: Das nun in Privatbesitz befindliche ehemalige Amtshaus wurde im 19. Jahrhundert, zwischen 1802 und 1860, den neuen Bedürfnissen angepasst. Das Erdgeschoss des Osttrakts, in dem sich die Trotte befand, wurde ausgebaut und unterteilt und der tonnengewölbte zweite Keller entlang der Hinterfassade eingerichtet. Die neue Unterkellerung setzte die Auflassung der gepflästerten Einfahrt sowie des Trottenbodens voraus. Die Fassade bekam eine einheitliche Befensterung mit dem Baselschild im Zentrum der Giebelfassade (Abbildung neben Seite 5).

Von 1948 an befand sich die Landvogtei im Besitz von Nicolas Jaquet-Dolder. Er liess das Haus instandstellen und renovieren. Dabei wurden die bemalten Decken freigelegt und restauriert, der hohe Erdgeschossraum hinter der ehemaligen Trotte als offene Halle belassen, sowie unter anderem Küchen und Bäder eingerichtet. An der Platzfassade wurden zwei neugotische Staffelfenster an Stelle der schlichten Rechteckfenster eingesetzt.

Anscheinend war es dann im Jahre 1959 unumgänglich, einen neuen Dachstuhl (immerhin unter Wahrung der alten Form) auf leicht höherem Niveau aufzurichten. Dessen moderne Zangenkonstruktion überträgt die Kräfte ausschliesslich auf die Aussenwände.

Fazit
Die alte Landvogtei in Riehen stammt aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, aus der Zeit des Basler Besitzes. Die Wappen des Wettinger Abtes Rudolf Wülflinger sind Reminiszenzen einer früheren Zeit, in der dieses Kloster in Riehen bedeutende Güter und Rechte besessen hatte. Wie die Quellen nahelegen, war damit wohl auch eine örtliche Verwaltung sowie ein Zehntenhaus verbunden. Das Gebäude der Landvogtei ist jedoch erst nach dieser Zeit entstanden. Vielleicht sollen die Wettinger Wappen an ein früheres Amtshaus an diesem Platz erinnern. Die Bauuntersuchung konnte ein solches nicht nachweisen.

Der sukzessive Ausbau der Landvogtei lässt vermuten, dass ursprünglich ein offener unverbauter ökonomiebau bestand. über das Innere des ersten Bauzustands kann jedoch nichts Konkretes ausgesagt werden, da die späteren Ausbauten die vorherigen Strukturen wohl auch zum Teil ersetzten. Trotzdem scheint eine zunehmende «Auffüllung» mit Wohngeschossen beziehungsweise Amtsstuben die Nutzung der ehemaligen Zehntentrotte fortwährend verändert zu haben. Womöglich führte dies im Laufe der Zeit zur Erbauung der benachbarten, 1910 abgebrannten Zehntenscheune, über die wir - ausser einigen wenigen Bildern - nichts wissen und auch in Zukunft nichts mehr erfahren können.

Anmerkungen: 
1 ) Der Zehnten war eine in der Regel jährlich abzugebende Naturalsteuer: ein Teil des Grundstückertrags aus Getreide-, Weinernte usw.
2) Allerdings können die Wappenreliefs erst nach 1434 entstanden sein, da Wülflinger in diesem Jahr Abt wurde. Siehe auch S. 27 ff.
3 ) Seit 1978 werden in der Basler Denkmalpflege baugeschichtliche Untersuchungen an historischen Gebäuden durchgeführt. Solche Untersuchungen ergeben sich immer aufgrund von Umbau- oder gar Abbruchabsichten. Sie sind - wie auch die Grabungen der Archäologischen Bodenforschung - verankert im Denkmalschutzgesetz von 1980. Zu den Aufgaben der Bauforschung gehören: a) die Erforschung des Baudenkmals nach baugeschichtlichen Fragestellungen, b) die Sicherstellung wertvoller Bau- und Ausstattungsteile (z. B. Deckenmalereien), die durch spätere Umbauten verdeckt waren, c) die Erarbeitung einer baugeschichtlichen Dokumentation des Bestandes sowie der Befunde, welche die Belegstücke einer baugeschichtlichen Synthese bilden. Dazu sind die Schriftquellen zu konsultieren, deren Bedeutung oftmals erst in der Gegenüberstellung von präzisen Fragen aus der Bauuntersuchung erkannt wird. Im günstigen Fall erhellen der datierbare Baubefund zusammen mit der spezifischen Baunachricht die Konturen einer früheren Zeit- und Bauepoche, d) Die Resultate der Baugeschichte bilden die Grundlage der Restaurierung.
4) Die hier aufgeführten historischen Quellen wurden demTyposkriptvon C(hristian) A(dolf) Müller: «Das Zehntenhaus in Riehen genannt die <Alte Landvogtei» Seine Vergangenheit, Bewohner und Aufgabe» entnommen, das 1949 im Auftrag von Nicolas Jaquet-Dolder geschrieben wurde. Seine Familie stellte das unveröffentlichte Typoskript dem Verfasser dieses und der beiden folgenden Aufsätze in verdankenswerter Weise zur Verfügung.
5) Vgl. Romana Anselmetti, Paul Denfeld, Daniel Reicke: «Das Le GrandHaus» RJ 1989, S. 16
6) Beteiligt waren Bernard Jaggi, Hans Ritzmann und Dieter Sommer. Die denkmalpflegerische Betreuung hatte Dr. Alfred Wyss.
7) Die Grabungen der Archäologischen Bodenforschung sind zurzeit noch nicht abgeschlossen. über die Bodenfunde in der Trotte siehe Bericht auf Seite 21f.
8) Die dendrochronologischen Datierungen wurden vom Dendrolabor Egger in Boll BE durchgeführt. Zur Methode s. Abb. und Legende auf Seite 16/17 9) Baugeschichtliche Untersuchungen wurden bereits 1979 an den Kellermauern von Frau Christine Greder durchgeführt. Dabei konnte der Nachweis, dass die Kellermauern nachträglich unterfangen wurden, erbracht werden.

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