1989

Riehener «Neüigkeiten von anno dazumal»

Michael Raith

Im Jahrbuch 1988 wurde im Artikel «Das Tagebuch Emanuel Le Grands - Ein wertvoller Fund für die Riehener Dorfgeschichte» (S. 66-71 ) der Hoffnung Ausdruck gegeben, im folgenden Band diese Trouvaille näher vorstellen zu können. Und das soll nun geschehen.

Das «Nottizbuch» Emanuel Le Grands umfasst zwei ungleiche Teile. Der erste, weiter unten von Albin Kaspar vorgestellt, besteht aus einem Kassenbuch mit Kommentar, der zweite enthält «Neüigkeiten». Solche finden sich allerdings auch unter die Buchhaltung gemischt, und zwischen den tagebuchartigen Eintragungen stehen plötzlich Rechnungen. Trotz dieser Inkonsequenz nötigt hier schon der beachtliche Umfang der «Neüigkeiten» - er ist zwar weit geringer als derjenige des Kassenbuchs - zur Beschränkung auf diesen Teil und auf Riehener Begebenheiten. Aus der dörflichen Welt des ancien régime, in der Le Grands Leben kreiste, sei die nachfolgende, zwanglos sich reihende Blütenlese der Vergangenheit entrissen:

1776
Mai. Simon Seidenmann kommt zu Herrn Ratsherrn Dietschy, um daselbst Beck zu lernen. Der Kühhirt von Riehen ist von des Schäfers Knaben so übel geschlagen worden, dass er einen grossen Schrammen über der Stirn hat und sich in Lebensgefahr befindet. Die alte Frau Hauserin hat einem Herrn das Nachtgeschirr über das Kleid geschüttet, welcher nun 12 neue Louisdors dafür forderet. Den 10. hat es in der Nachbarschaft geschneyt. Der bekannte Ochsenhänsy, welcher in Welschneuenburg Fechtmeister gewesen, ist von Preüssischen Werbern überlistet worden Dienst zu nehmen und hat wider seinen Willen mit ihnen fort müssen. 13.: Hat sich des hiesigen Weibelhenselins Sohn bey der Musterung auf dem Ruchfeld den Daumen und zwey Finger verloren, weil ihm die Flinte versprungen. 14.: Ich vernehme, dass der Wasenmeister von Haagen gern als Doctor allhier in Riehen angenommen seyn möchte und dass sich die hiesigen Herren Chirurgi viele Bewegung geben, um es zu verhindern. 16.: Habe der junge Singeisen von Mumpelgard wieder hier in Riehen erblickt, er ist gestern arriviert. Unsere redlichen Richemer begiengen [den Bannritt], bey welcher sich insbesonderheit die Herren Dragoner hervorgethan haben; doch lassen sie die alte Gewohnheit abgehen, die Jungfrauen hinter sich aufs Pferd zu nehmen. Nicht ein Einziger erbarmte sich ihrer, ob sie schon ganz parat bey der Wiesen stunden; sie mussten also wieder zu Fusse umkehren. 22.: Questionierter Simon Seidenmann ist wieder zuhause, weil er sich bey Herrn Ratsherr Dietschy nicht gewohnen konnte, indem ihm das Bekkenhandwerck zu schwär fiel. Er will nun Bauer oder Metzger werden. - [Ebenfalls am 22.] besahen wir das Epitafium1), welches der hiesige Herr Schweighauser dem letzthin verunglückten Jüngling sezen liess. Der Stein ist hübsch ausgehauen und oben mit einem nach der Natur gemahlten Todenkopf geziret. Der Grund davon ist schwarz angestrichen und in demselben sind folgende Worte mit goldenen Buchstaben eingegraben: «Unter diesem Erdschollen ruhet in Gott der Leichnahm des ehrbaren Jünglings Hans-Jakob Fuchs, eine der schönsten Blühten von Riehen, so den 13ten Merz 1776, im 25 Jahr seines Alters, seelig in dem Herrn entschlaffen und zwar wenige Stunden nachdem ein von fremder Hand aus Ohnbedacht gethaner unglücklicher Schuss, zur unbeschreiblichen Betrübnuss seiner noch lebenden Elteren, ihne durch die Stirne tödlich verwundet. Wanderer stehe stille! Betrachte! wie Dich der Tod gleichfals ohnversehens & plötzlich überraschen kann, seye dessen täglich eingedenk! Thust Du es? So wirst Du from leben & freudig sterben.» - Ich war kaum mit der Abschrift dieses betrübten Denkmals fertig, so kam des Getödeten halb verwayster Vatter, sie auch zu besehen. Dieser Anblick war rührend; er las und weinte seinem liebsten Sohn noch zertliche Threnen zu. - Herr Johannes [Weissenberger] sagte uns, dass Meine Gnädigen Herren Seinen gefährlichsten Anthagonisten, den Herrn Doctor Scharfrichter von Haagen in seinem Begehren auf immer abgewiesen haben. 25.: Meister Jacob Wenk, Sattler, vom Schlagfluss befallen. 26.: Philipp Wenk soll todschwach gewesen seyn. 30.: Der verunglückte Philipp Wenk ist zu Basel im Spittal gestorben & den 31. durch Herrn de Barys Obstwagen abgeholt worden. Der Mann aus Bottmingen, der auch aus der versprungenen Flinten des sei. Philipp Wenk getroffen worden, in misslichen Umständen.

Juni. Den 2ten bestattete man den Leichnahm des, Gottlob, seelig entschlaffenen Philipp Wenken allhier zur Erden, sein Alter brachte er auf 28 Jahre. Er war ein gehorsames Kind und seine Aufführung untadelbar. Seine Muter hat er so zu sagen kaum gekannt. Er verheuratete sich [bzw. trat in den Stand der heiligen Ehe] den 8ten May 1775 mit seiner nunmehr herzlich betrübten Wittwe, der damaligen Jungfrau Elisabeth Wenk. Mit seinem Vater lebte er im Vertrauen wie mit einem Freund und im Gehorsam wie ein guter Sohn, mit seiner Frau ebenfalls in zärtlicher Liebe. Ihre Thränen zeugen zum Theil von ihrer Liebe und wie man überhaupt höret, so ist diesem Paar die kurze Zeit ihres Ehestandes so angenehm verflossen, dass keines dem andern so zu reden nur ein böses Wort gegeben oder eine saure Mine gemacht hätte. Ein seltenes und schönes Beyspiel in unseren Tagen, dass Nachahmung und ein Denkmal in unseren Herzen verdienet. Seine letsten Stunden waren erbaulich. Durch die Gnade unseres guten Gottes erkannte er gleich, dass nichts ohne seinen Willen geschehe, die aus Anlass des verunglückten Jünglings gehaltene Predig wurde ihm auf seinem Krankenbett lebendig, er unterwarf sich also geduldig der Hand des Herrn, suchte seinen Erlöser, suchte Vergebung der Sünden, fand in Jesum dem Gekreuzigten das und starb endlich zum unausprechlichen Lob der Barmherzigkeit Gottes den Tod des Christen. Nach der Kirche blickte seine getreue Gattin noch einmal nach dem Grabe - Wehmuth, zärtliche Wehmuth durchströmte ihre ganze Seele - todenblass habe ich sie weynen gesehen und auch geweynet - auf ihre Mutter gelehnt und von ihrem Vater gehalten zitterte sie den Umstehenden Mittleiden und Erbarmen zu. Wer kein Unmensch war, musste Theil an ihrem Schmerz nehmen. Der Herr Pfahrer wählte den Text [der Leichenpredigt] aus dem Ev. Lucae am 21. [Kapitel] v. 18a und 192). Götschin Schlosser hatte eine Art Steckfluss, erholte sich aber nach einem Aderlass wieder ziemlich. Gotte gebe, dass dieser Zufall zu seiner Besserung diene und ihn denken lehre, wie bald es um ein Menschenleben ist.

Juli. 6.: Hatte Meister Johannes Löliger, der Schuhmacher anhier in Riehen, das Unglück, gegen 40 Seigel3) hoch von einem Kirschbaum hinunter zu fallen, jedoch zur allgemeinen Verwunderung ohne eine hauptsächliche Verlezung davon zu tragen, indem es der menschlichen Vernunft fast unbegreifflich, dass bey einem so fürchterlichen Fall kein Glied gebrochen seyn soll, aber was bey den Menschen unmöglich, das kann doch Gott möglich machen. Was er bey dem Sturz gedacht habe? Weiter Nichts als lieber Heyland hilf mir! 16.: ward in Lörrach ein grosses Freudenfeste, so dass man allhier in Riehen das Krachen der Canonen hörte: die Erbprinzessin gebar zwei Prinzessinnen. 17.: Ist dem hiesigen Simon Wenk, dem Ehemann der verunglückten WeibsPerson, welche in Basel enthauptet worden, ein geladener Wagen mit Holz über die Brust gefahren - so dass man an seinem Aufkommen billich zweiflet - die Rache ist mein, ich will vergelten4), spricht der Herr - Ja, ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun5), denn Du bist gerecht und alle Deine Gerichte sind gerecht6).

Oktober. 10.: Ist dem Singeisen anhier in Riehen 1500 Pfund Geld am hellen Tage von einem Kerl, der ehedessen bey Ihm gedient, gestohlen worden. 13.: Sind die Männer, welche Singeisens Dieb nachgejaget wieder unverichteter Sach zurückgekommen, der Diebstahl beläufft sich auf 2300 Pfund.

November. 22.: Singeisens Dieb soll in Lothringen gefangen sitzen. Nicht in Lothringen sondern bey Pforzheim sitzt Singeisens Dieb, er hat daselbst 8 Stieren gekaufft, ein Mensch heurathen wollen und sich für des Bärenwirths Sohn von Grenzach ausgegeben. Meister Singeisen ist mit Monsieur Schüpbach dahin abgegangen um das Nähere zu vernehmen.

Dezember. 5.: Heut oder Morgen wird man Singeisens Dieb nach Basel bringen. Diesen Morgen ist die junge Frau im Meyerhoff mit einem jungen Sohn entbunden worden. 13.: Starb Frau Chrischona Krebs, Meister Johannes Weissenberger des Chirurgus gewesene eheliche Hausfrau sanft und selig. 16. : Hat man sie begraben, der Text war aus der Offenbarung Johannis: «Der Herr wird abwischen alle Thränen von Ihren Augen»7). 29.: Bin ich in die Gemeinschaft der Glieder Jesu getretten und die Versamlung im Meyerhoff das erstemal besucht8). Der Text der Worte war «Also hat Gott die Welt geliebet»9) etc.

1777
Januar. 10.: Des Morgens hätte ein grosses Unglück geschehen können indem der Götschin Schlosser anhier 2 Pfund Pulfer in der Werkstatt gehabt in welche die Funken gefahren, dass es losgebrent und verschiedenes im Haus beschädigt hat. 26.: Heute predigte Herr Pfarrer Rapp über die wichtigen Worte: «Christus kommt von den Sündern nach dem Fleisch und ist Gott über alles hochgelobt in Ewigkeit»10).

Februar. 1. : Hat Meister Martin Wenks des Geschworenen Ehefrau die Hand gebrochen. Jesus, tröste Sie! 3.: Heut Abend starb Meister Meyerhofers ältiste Tochter.

März. 8.: Ist Singeisens Dieb für 24 Jahre auf die Galeeren condemnirt worden und sogleich nach Hüningen transportiert worden.

April. 21. : Ist der junge Weissenberger in die Fremde gereist um eine Condition zu suchen.

Mai. 9.: Monsieur Schüpbach sei in Neuchätel gestorben, welcher ist vor circa drei Wochen von Riehen wieder hingezogen. 13.: Herr Schüpbach ist nicht gestorben, son dern nur todkrank gewesen. Der Schärer Johannes [Weissenberger] ist wieder ein Bräutigam - Gott gebe, dass diese Ehe besser als die erstre ausfallen und sich unter den guten Ehen so sehr distinguire, als sich die erstere 26 Jahre lang unter den bösen vorzüglich distinguieret hat.

Juni. 17.: Haben Herr Johannes Preiswerk mit der Jungfrau Rosina Bischoff sich hier in Riehen copulieren lassen. Es war dabey eine grosse Music mit Harpauken11) aufgeführt und französische Arien dabey gesungen. Es ist mir dabey eingefallen, weil die Arien ziemlich verliebt und weltlich waren, dass unser Herr Jesus vielleicht hier auch eine Peitsche genommen hätte, wenn dieses im Tempel zu Jerusalem geschehen wäre und gesagt hätte: Mein Haus soll ein Betthaus heissen, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht, denn Dauben in einer Kirche zu verkaufen und Geld daselbst zu wechslen12), scheint mir noch pardonabler zu seyn als die Wohllüste, die dem Herrn ein Greuel, durch Lieder zu erheben. Voilà mon sentiment là dessus. 27.: Ist Andreas Stahl, der Hebammen Sohn, im wahren Glauben an unseren Herrn Jesum Chrisum selig verschieden, nach dem er gegen 2 Jahre krank und nun % Jahr bettlägerig gewesen in einem Alter von 24 Jahr und 7 Monat. 29.: Bestattung von Andreas Stahl. 30.: Heute hat sich Meister Johannes Weissenberger, der Chirurgus, mit Jungfrau Catharina Schwäbin von Pratteln copulieren lassen. Text: «Wer den Herrn suchet hat keinen Mangel...»13). Der Mensch bringt nichts auf die Welt als die Sünde. Heute wurde auch die Schlupfriedlenen, eine Witwe von 84 Jahren und etlichen Monaten, begraben. Text: «Rufe mich an in der Not»14).

Juli. In diesem Jahr hab ich auch nicht eine einzige süsse Kirsche gemacht. 17.: ist die Barbara Sieglin allhier in Riehen begraben worden. 21.: Beging Herr Müller, der überreuter15), mit seiner Frauen Allhier in Riehen sein Ehefest er war vor 50 Jahren in dieser gleichen Kirche copuliert worden. Der Herr Pfarrer hielt ihm eine schöne GedächtnissPredig und nachdem assen sie mit ihren Kindern im Ochsen zu Mittag.

August. 31.: Die vorige Woche hat sich der junge Johannes Weissenberger, der Chirurgus, mit Hintansetzung Sei ner Frau und seines Kinds von Riehen wegbegeben, nachdem Er Alles gethan, was zu seinem Nachtheil gemacht und durch Seine Liederlichkeit sich selbst am unglücklichsten gemacht hatte.

September. 1.: Das Häufflein im Meyerhof hat sich um eine Seele vermehret, indem der liebe Bruder Sieglin im Höfli auch in diese Gemeinschaft getretten. 14.: Des lieben Bruders Sieglins Frau heute auch zum ersten Mal der Versammlung beygewohnet. Heute morgen bin ich mit dem lieben Bruder Meyerhoffer in Tüllingen in der Kirche gewesen. 20.: Heute ist es schon 7 Wochen, dass es hier geregnet hat. Zum Zeichen der Trauer beim Hinschied der alten Frau Markgräfin läuteten in Tüllingen, Weil und anderen Markgräfler Orten von 11 bis 12 und von 4 bis 5 alle Glocken. 28. : Ist Simon Wenk nebst Seiner lieben Frau hinzugethan worden zu dehnen, die da geheiligt werden16) sollen. Am Samstag ward es schon 8 Wochen, dass es hier nicht geregnet hat - man hat Gott im Kirchengebätt wegen der grossen Trockne um Regen gebetten.

Oktober. 3.: Heut hat der Herr das Gebätt des Volkes erhört und dem Land einen fruchtbaren Regen gegeben17). 12.: Heute ist Meister Wenks Ehefrau, eine Tochter vom lieben Jacob Eger, zum zweitenmal im Meyerhoff gewesen und folglich schon vor 8 Tagen hinzugethan worden ... 5 Schafe sind hinzugethan. - Es hat etwas mehr Wein als vor einem Jahr gegeben und in der Qualitaet besser, weil er mehr Sonne gehabt. 15.: War in der Nacht ein starkes Donnerwetter. 28.: Heute sind es 10 Jahre, dass unser lieber Herr Pfahrherr Rapp der hiesigen Gemeine als Seelsorger vorgestellt worden.

November. 3: Ist Simon Meyers Frau um Vi Sechs Uhr glücklich mit einer jungen Tochter erfreut worden. 30.: Bruder Samuel [Wenk] und Sein Sohn haben mir heute ohne Worte den Spruch erklärt «Jedermann sey gehorsam der Obrigkeit, die Gewalt übr ihn hat»18) - denn da man Ihnen mitten im Lesen anzeigte, dass die Herren Officiers hier wären und Sie sprechen wollten, haben Sie in puncto alles liegen gelassen und sind gehorsam gewesen. - Es hat sich vor etlichen tagen zu dreyen wiederholten Malen ein starker Mondschein des Abends um 9 Uhr am Himmel se hen lassen. - Ein junger Rynacher von hier, der in einer Woche 2 Kinder durch den Tod verloren, hat nun an einem Tag wieder zwey tauffen lassen.

Dezember. 31.: Heute hat man hier gestürmt, weil es in Inzlingen gebrannt.

1778
Januar. 5.: Nachbar Götschin hat von Frau Ratsherr Heusler gekauft 10 Tauen Matten, 30 Jucharten Feld, 3 Jucharten Wald; zusammen 11 000 Pfund.

Februar. 7.: Hat man in Nachbar Löligers Haus mit Herrn Lieutenand Fechter an die Cante geredt, welcher den Vorschlag gethan, auf alle BrunnRechte und Anforderungen zu renoncieren, wann man Ihnen noch zu denen in handen habenden 100 Neuthalern 50 Neue Louisdors geben wolle. 11.: Der alten Frau Bärbel, der Hebamme, hat von dem lieben Emanuel Müngenroth geträumt er sey in ihrem Garten gewesen und habe auf ein wohlschmeckendes Kraut gewiesen und gesagt, man nenne dieses Cipresse.

April. Am Sonntag ist der hiesige Kübler Jacob Eger jünger wegen seiner Ausgelassenheit in Bahn gethan worden19). Gott lass diese Zucht zu seiner Errettung dienen.

August. 6.: Ist Simon Egers Grosskind in die warmen Kirschentruesen gefallen und den Tag darauf verschieden.

November. 3.: Vernomen, dass die liebe Frau Doctor Müngenroth und ihre älteste Tochter mit Gott durch alle Bedenklichkeit hindurch gebracht worden. - An stille Ehren Personen ist in Riehen ein Hauss, welches eine ungemein schöne Aussicht und nebst anderen Kommlichkeiten auch Stallung und Garten hat und noch ein andres Losament von einer Stube, Vorgemach, Sommerhaus, Cameren, Kuchy und Plaz zu verleihen und sich dissfalls im Le Grandischen Hoff daselbst anzumelden20).

1779

Januar. 1.: Ist die liebe Schwester Meyerhoferin selig und sanft zum lieben Heyland heimgegangen. Der Herr sey gelobt für All das Gute so er ihr an Leib und Seel erwiesen. Er walte nun ferner mit seiner Gnade über ihren lieben hinterlassenen Mann und thue Barmherzigkeit an ihren armen Kindern. 4.: Ward die liebe Schwester Meyerhoferin zur Erde bestattet. Der liebe Herr Pfahrer hat sie eine christliche Hausmutter und selige Mitschwester genannt und angebracht, dass sie eine demüthige Frau gewesen und diejenigen geliebt habe, die da lieb haben unseren Herrn Jesum Christum21). ... Sie sey die erste, die in diesem Jahr in dieser Gemeine ins Todten Register gekommen, aber auch die erste, die in diesem Jahr, wie Er hoffe und gewiss glaube, Ihren Nahmen im Himmel geschrieben finde.

Februar. 3 (?).: Martin Wenks kranke Frau ist gesund geworden. 15.: Meister Fridlin Hagist in Riehen ist gestorben.

November. 29.: Als eben der liebe Herr Pfarrer Battier mit Jungfrau Zäslin sein Hochzeitsfest beging, ist Bruder Johannes Wenk Abends um 10 Uhr mit einer jungen Tochter gesegnet worden und bey der Genesung alles sehr wohl gegangen.

1780

Januar. 12.: Ist meinem Nachbarn Simon Meyer ein Töchterlein geboren.

Mai . 13. : Ist Meister Bettener, des alten Schreiners Frau, eine gebohrne Schultheiss, begraben worden. Sie brachte es auf 70 Jahr und 3 Wochen und lebte 42 Jahre in der Ehe. Der Herr Pfarrer sagte: diese Leute hatten lang bey einander gelebt und seyen alt worden, ohne sich um ihre Seligkeit zu bekümmern ... Gott aber habe ihr Zeit zur Busse gegeben. ..

Juni. 5.: Fiel hier in Riehen ungefehr Nachmittags um Ein Uhr ein solches Hagel Wetter, dergleichen bey Manns Denken hier nicht gewessen ist, zuerst fielen Schlössen wie Haselnüsse, dann wie Nüsse und endlich gar wie Hüner Eyer, jedoch dauerte es nicht lange. 18.: Ist der junge Bieler, der Indienne Drucker, zum erstenmal in den Meyerhoff gekommen, um am heiligen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe mit Theil zu nehmen.

September. 17.: Heute habe ich in Bruder Samuel Wenks neuem Hausse22) die erste Erbauungs Stunde besorgt.

Oktober. 7. : Ist allhier in Riehen ein lediger Mensch von 45 Jahren Nahmens Johann Georg Sieglin, der Sohn einer alten Wittwe, bey welcher er gewohnet, zur Erde bestattet worden. Text dieses Tags: des Jünglings zu Nain23). Er hat vor einiger Zeit das Unglück, von einer über ihm zusammengefallenen Leimgrube bedeckt zu werden, und nahm sich vor, seine künftigen Tage dem Herrn Jesu zu weihen, ward aber wiederum ins äussere verflochten, da liess Ihn Gott ab einem Bierenbaum fallen, wobey er sich neuerdings vornahm, dem Heyland zu dienen, er dachte es aber leyder nicht besser als das erste mal. Nun fiel er wieder ab einem Nussbaum und erkannte bussfertig seine Sünd und die Bemühung Gottes an seinem Herzen...

Dezember. 29.: Der letzte Freitag war mir auch aus dem Grund ein sehr wichtiger Tag, weil es an demselbigen just vier Jahre gewesen, dass mich der Heyland gewürdiget hat, sein Häufflein im Meyerhoff das erste mal zu besuchen. Gesegnet sey mir diese Stunde ewiglich.

1781
Januar. 18.: Ist hier in Riehen Abends in circa um 5 Uhr ein hübscher Regenbogen gesehen worden. 28.: Ist bei Herrn Verweser Meyer die Ehe Abred zwischen Johannes Seidenmann und Jungfrau Anna Maria Wenk in Riehen unterschrieben worden - Gott segne sie. Amen. - Dem Actus haben beygewohnet der Bräutigam, die Braut, Simon Seidenmann, des Bräutigams Vatter, Johannes Wenk an der Schmidtgass, der Braut Vatter, Martin Wenk, des Bräutigams Oheim und seines Bruders Beystand, Dietler, Untervogt von Muttenz, der Braut Oheim, Herr Meyer, Notarius.

April. 12.: Heut, am Hohendonnerstag, ist auf den Abend schon ein Donnerwetter gewesen. Je dois encore 16 de florins aux Héritiers du Docteur Michael Schüpbach à Langnau.

Hier bricht das zunehmend inhaltsärmer gewordene Tagebuch ab. Jüngere Aufzeichnungen sind entweder nicht geschrieben wordeil oder haben sich nicht erhalten. Mag auch die penetrante Moral und die oft harte Frömmigkeit des Autors befremden und - ungewollt - manchmal auch belustigen, der Einblick in das Riehener Leben um 1 780 ist wertvoll: es war ein Leben auf dem Dorfe: geruhsam, unterbrochen durch Unglücks-, Krankheits- und Todesfälle, es wurde geheiratet und Kinder kamen zur Welt, das wichtigste Medium war die Sonntagspredigt. Es geht jetzt nicht um abschliessende Interpretation, sondern darum, den nur leicht redigierten Text mitzuteilen. Weggelassen worden sind die Namen der vielen städtischen Besucher Le Grands, die erbaulichen Betrachtungen, die meisten Predigt-, Andachts- und Liedtexte, was, da die eigentlicheil Auslegungen fehlen, sich verantworten lässt (sollte einmal eine Biographie von Pfarrer Johann Rudolf Rapp geschrieben werden, müsste man darauf zurückkommen) soivie alles, was sich nicht deutlich auf Riehen bezieht. Es bleibt teils amüsanter und teils nachdenklich stimmender Dorf klatsch von anno dazumal.

Anmerkungen
Auf eine eigentliche Kommentierung des Textes ist bewusst verzichtet worden.
1) Epitaph[ium] = Gedenktafel mit Inschrift für eine(n) Verstorbene(n)
2) Le Grand berichtet zweimal über die Bestattung des Philipp Wenk. Der vorliegende Text verbindet die beiden Fassungen.
3) Seigel = Leitersprosse
8) Im Meierhof versammelte sich die Riehener Pietistengemeinde, vgl. RJ 1982, S. 27f.
11) Harpauke = Heerpauke, ursprünglich ein Instrument der Militärmusik
15) überreuter, Einspänn[ig]er = berittener Amtsbote
19) Bahn = [Kirchen]bann. «In den Bann tun» = einen Fehlbaren öffentlich im Gottesdienst vorstellen, über seinen Fehler predigen und ihn vom Abendmahl ausschliessen
20) Letzte Fassung eines Inseratenentwurfes für die Vermietung des Le Grandschen Sommerhauses an der Baselstrasse, siehe Abbildung S. 38
22) Neuer Meierhof, Erlensträsschen 7, Baubeginn wohl 1777
Die übrigen Anmerkungen betreffen Bibelstellen (sie werden nach Luther zitiert, viele hier nicht aufgenommenen Redewendungen sind ebenfalls biblischen Ursprungs, Emanuel Le Grand schreibt «Sprache Kanaans»): 4) Dtn 32,35; 5) Ps 39,10; 6) evtl. nach Ps 119,75a; 7) Apk 7,17b; 9) Joh 3,16a; 10) Rom 9,5; 12) Mt 21,12f. (par); 13) Ps 34,10; 14) Ps 50,15;
16) Hebr 2,11a; 17) nach Ps 68,10a; 18) Rom 13,1a; 21) Eph 6,24; 23) Lk 7,11-15.
Das Portrait Emanuel Le Grands wurde eventuell von Johann Rudolf Huber (1731-1779) gemalt.
Weitere Informationen sind aus der GKR zu schöpfen.

Literatur (soweit noch nicht genannt): 
Paul Koelner: «Streifzüge durch ein Notizbuch aus der Zopfzeit», in Basler Jahrbuch 1935, Basel 1935, S. (50)-69. Michael Raith: «Die Le Grands in Riehen», RZ Nr. 11 vom 17. März 1989

Personen
werden im Artikel «Leute aus Riehen um 1780» vorgestellt, siehe S. 5759.


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