1989

Hans und Ruedi Schmid - Bildhauer und Maler

Robert Schiess

Hans Schmid
1903 im schaffhausischen Neunkirch geboren, kam Hans Schmid 1910 mit seiner Mutter und seinen fünf Geschwistern nach Basel. Nach Anfängen in verschiedenen Berufen begann er als 22jähriger beim Grabbildhauer August Drissler am Unteren Rheinweg (neben der Johanniterbrücke) eine Bildhauerlehre. Dort und in der Kunstgewerbeschule, beim Maler und Lithographen Albrecht Mayer (Figürliches Zeichnen und Aktzeichnen ), beim Architekten Paul Artaria (Kunstgeschichte) und beim Bildhauer Otto Meyer (Modellieren) erlernte er das Handwerk des Steinmetzes. Bis ins hohe Alter blieb Hans Schmid der Grabbildhauerei verbunden, war sie ihm doch Brotberuf und konnte er dort sein fundiertes handwerkliches Können mit seinem künstlerischen Empfinden vereinen. 1939 entschloss er sich, selbständig zu werden. Er brauchte ja nur das Geschirr, wie das Steinmetzwerkzeug genannt wird, und einen kleinen, geschützten Platz zum Arbeiten. Bis 1950 arbeitete er in Ateliers an verschiedenen Orten im Kleinbasel (Rosentalstrasse, Riehenstrasse, Landhof, Sandgrube). Und 1950 bezog er zusammen mit seinem Sohn Ruedi, der bei ihm den Beruf des Steinmetzes lernte, einen auf allen vier Seiten offenen Unterstand der ehemaligen Sägerei bei der Habermatte in Riehen. Sie bauten diesen Unterstand zu einem idyllischen Atelier aus. Beide blieben sie dort, bis ihnen 1987 das Baudepartement Basel-Stadt die weitere Benutzung verbot, weil das Gelände in der heutigen Gewässerschutzzone liegt. Und heute arbeitet Hans Schmid in einem Zimmer seiner Wohnung in den Neumatten, zwar nicht mehr als Bildhauer, was er sehr bedauert, sondern als Aquarellist, Glasmaler und Zeichner. Hans Schmid, der, wäre er nicht Steinmetz geworden, den Beruf des Schreiners erlernt hätte, hat im schmälsten Zimmer seiner Wohnung einen perfekten Arbeitsplatz eingerichtet, den er in peinlicher Ordnung hält: Alle Regale für die fertig gerahmten Arbeiten, für Papier, Farben, die farbigen Gläser und die Lote und Bleiruten, für die Skizzenbücher und sonstigen Unterlagen sind selbst gebaut.

In den vierziger Jahren suchte der 1937 aus Düsseldorf von den Nazis von seinem Lehramt an der dortigen KunstAkademie vertriebene Alexander Zschokke in Basel einen Steinhauer. Hans Schmid wurde ihm empfohlen, und es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit, bei welcher der Steinmetz dem in der Steinbearbeitung nicht so erfahrenen Künstler die Hand lieh. Und Alexander Zschokke wurde dafür zum eigentlichen künstlerischen Lehrer für Hans Schmid; er forderte ihn und «machte ihn wach», wie Hans Schmid sich gegenüber dem Verfasser ausdrückte. Sein zweiter Lehrmeister war das Kunstmuseum1), wo er Sonntag für Sonntag hinzog und die Kunstwerke studierte.

1945 schrieb der Kunstkredit Basel-Stadt einen anonymen Wettbewerb für eine Bronze-Plastik beim Gartenbassin des Bürgerspitals aus. Hans Schmid gewann mit seinem «Christophorus» den 2. Preis. Diese Anerkennung war ihm Ansporn für sein weiteres künstlerisches Schaffen. Das heute in der Wohnung des Künstlers stehende BronzeModell des Christophorus macht deutlich, dass der Schüler Hans Schmid noch ganz im Einflussbereich seines Lehrers stand: Von hoher, schlanker Gestalt ist die Figur fest eingebunden in das Spiel von sanft schwingenden, elegant hochgezogenen Linien. Beim «Flötenspieler», ebenfalls aus Anlass eines Kunstkreditwettbewerbes2) entstanden, öffnet einzig das Instrument, die Flöte, das elegante Finienspiel. Trotzdem bleibt der Spieler ganz in sich und seine Musik versunken.

Hans Schmid wuchs in die Zeit der auch die Bildhauerei vollständig erfassenden und sie umkrempelnden Abstraktion hinein. Ihn interessierte es nun nicht, den Schritt über eine letztlich im Dienste der Figürlichkeit stehende Abstraktion hinaus in die völlige Freiheit des von der Figur losgelösten Schaffens zu vollziehen. Ihm war und ist die Figur höchstes Ziel skulpturaler Bestrebungen. Sein «Mädchen mit Taube», 1961 in Originalgrösse im Rahmen einer Weiterbearbeitung eines Kunstkreditwettbewerbes in Bronze gegossen3), verdeutlicht diese, sich an klassische Vorbilder, wie Aristide Maillol oder Emile-Antoine Bour delle, anlehnende skulpturale Auffassung von blockmässiger Geschlossenheit und einer sich über die runden, plastischen Formen nach aussen mitteilenden Ausdruckskraft. Auch mit der kurz danach entstandenen Bronze-Plastik «Mutter mit Kind»4) bestätigt Hans Schmid diese Haltung. Und in seinem «Bogenschützen»5) überzeugt dessen formale Geschlossenheit und die in die Bogenform sich allmählich steigernde Kraft des Schützen.

Seit den vierziger Jahren malt Hans Schmid. War es in der Frühzeit der Naturalismus, der ihn interessierte, so wandte er sich später einer eher impressionistisch geprägten Bildauffassung zu. Thematisch gliedern sich seine Werke in Landschaftsbilder und Blumenstilleben. Auffal lend ist die Materialsinnlichkeit von Hans Schmid: vom Skizzenbuch bis zum fertig gerahmten Bild begleitet er sein Werk mit selbst gefertigten Bedingungen - das Skizzenbuch ist ebenso in seinem Atelier entstanden wie der Rahmen und der Passepartout. Auch in seinen Glasbildern - Gian Casty brachte Hans Schmid zur Glasmalerei - ist die gleiche Sorgfalt zu spüren: Die Zusammensetzung der ins Glas bei 600° Hitze eingebrannten Lote bestimmt er aufgrund seiner Erfahrungen. Im Keller steht sein Glasofen. Und er giesst die Bleiruten selbst und presst sie mit seinem Bleizug in die richtige Form. Seine Glasbilder sind Werke von gesteigerter Farbintensität, die jeweils heraldisch ein Motiv wie den Baum, eine Taube oder den Fuchs zeigen. Und in jüngster Zeit experimentiert er mit der Aquarellmalerei auf Japanseide, welche er zuvor auf eine Kartonunterlage aufgezogen hat. Hier abstrahiert er stärker - ausgehend von der in der Glasmalerei notwendigen Reduzierung der For men vollzieht Hans Schmid im hohen Alter von über achtzig Jahren den für ihn in der Bildhauerei nicht möglichen Schritt zur Abstraktion, zum freien Spiel der Formen.

In ungebremster Vitalität arbeitet Hans Schmid in seinem Atelier. Im Gespräch mit ihm ist nichts von der Last des Alters zu spüren. Die bildende Kunst scheint ihm Stimulans zu sein. Ihr verdankt er seine Lebensfreude.

Ruedi Schmid
Als einzige gemeinsame künstlerische Arbeit schufen Hans und Ruedi Schmid 1953 die Rutschfiguren auf dem Spielplatz vor dem Basler St. Johann- und Pestalozzi-Schulhaus. Basels ehemaliger Stadtgärtner Richard Arioli kam eines Tages ins Atelier der beiden Bildhauer: Er habe da einige Steinblöcke, aus denen sich etwas machen Hesse. Für ein Trinkgeld haben Vater und Sohn dann den Prototyp für die «Beggli-Gump-Figuren»6) daraus geschlagen.

Der 1931 geborene Ruedi Schmid lernte bei seinem Vater den Beruf des Steinmetzes. An der Kunstgewerbeschule besuchte er Kurse beim Maler Hans Weidmann, beim Plastiker Walter Bodmer (Figürliches Zeichnen) und beim Bildhauer Emil Knöll (Modellieren). Später arbeitete er im Atelier des Steinhauers Jacques Weder, wo er einmal eine muschelförmige Skulptur für Hans Arp aus dem Stein schlagen durfte. Wie für seinen Vater ist auch für Ruedi Schmid die Grabbildhauerei Brotberuf, und die Steinhauerei ist für beide unabdingbare handwerkliche Voraussetzung für ihr künstlerisches Schaffen. Daneben arbeitete Ruedi Schmid im Winter - mit klammen Fingern lassen sich keine Steine behauen - während 24 Jahren als Larvenmacher beim Larven-Tschudi, wo er rund 1000 Modelle modellierte und so massgeblich die Entwicklung der Basler Larve seit den frühen sechziger Jahren beeinflusste. Und für die Augster Freilichtspiele war er für die Masken verantwortlich. Seit 1957 wohnt er mit seiner Familie in einer Genossenschaftswohnung in den Neumatten, in der gleichen Siedlung, in der auch seine Eltern seit 28 Jahren leben.

Auch Ruedi Schmids bildhauerisches Thema ist das der menschlichen Figur. Oszilliert er in seinen Arbeiten zwischen Gegenständlichkeit und kubistischer Auflösung der geschlossenen Form, so hat er auch schon den Schritt in die freie Gestaltung vollzogen - spürbar aber bleibt auch dort das Herkommen von der menschlichen Figur, etwa in der 1968/69 im Auftrag des Kunstkredites Basel-Stadt geschaffenen Freiplastik für das Felix-Platter-Spital7). Und Abstraktionen von pflanzlichem Rankenwerk bestimmen den ornamentalen Aufbau der vier Seiten seines Brunnens in der Moosweg-Anlage in Riehen (1974)8). Im Auftrag der Gemeinde Riehen haute er aus dem Stein für den Werkhof Haselrain die Stele «Gigant»9), deren Wirkung, weil sie unglücklich zwischen den sie bedrängenden Baumaschinen und Autos plaziert ist, nicht voll zum Tragen kommt: ihre weiche, an Pflanzlichem sich orientierende Formgebung formuliert Widerspruch zur orthogonalen Architektur der Werkhofbauten.

Sein Malatelier ist im Kleinbasel, im obersten Geschoss des Hauses Rheingasse 43 mit Blick aufs Arbeitsamt. Diese ehemalige Wohnung ist kein Ort für grossformatige Malerei - die Altstadtidylle ruft nach einer ruhigen Malerei gesteigerter Intensität, was wiederum auf dem zurückhaltenden Naturell des Künstlers fusst.

Zur Malerei brachte ihn Ende der fünfziger Jahre Benedetto Ghisalba10), er lehrte ihn das Handwerk und er lehrte ihn, wie sich ein Bild aufbaut und dass ein Bild letztlich Empfindungsträger ist, in welchem sich die Stimmungen des Künstlers niederschlagen. Ruedi Schmid verweigert sich mit seinem malerischen Werk den Moden. Er malt denn auch konsequenterweise nur Stilleben oder Landschaftsevokationen seiner Reisen nach Fern-Ost oder Australien, und er malt sie fast alle auf Holz, auf Pavatex. Er studiert die Lichter, holt die geschauten Farben mit all ihren Facetten ins Bild - nicht à la Cézanne als Farbfleck neben Farbfleck, die erst im Auge des Betrachters das Bild entstehen lassen, sondern in einer modellierenden Haltung, in der, Farbschicht über Farbschicht gesetzt, die feinsten Nuancen erlebbar sind und in diesen Schichtungen den ungeheuren Farbreichtum beispielsweise auch eines Schattenschlages aufscheinen lassen. Ruedi Schmid meidet die Primärfarben. Es sind die Töne, auch die Zwischentöne, die ihn interessieren und denen sein subtiler malerischer Dialog gilt. Und diese erscheinen organisch mit dem Bildgrund verbunden, gleichsam aus ihm herauswachsend. Seine Malerei ist keine «stilbildende», sie ist in ihrer Verhaltenheit aber von einer Beharrlichkeit, die unter die Haut geht.

Anmerkungen und Quellen

1 ) Hans Schmid schlug im Auftrag des Architekten des Kunstmuseums (1932-36 erbaut), Rudolf Christ, den Satz «Die Stadt Basel den Werken der Kunst» in die steinerne Brüstung der die Hauptfront dominierenden Kanzel und schmückte sie mit dem Stadtwappen.
2) Peter Zschokke: «50 Jahre Basler Kunstkredit», Basel 1969, S. 97: Allgemeiner Wettbewerb von 1949 für eine Rundplastik für die Dreirosenanlage. Heinz M. Fiorese erhielt mit dem «Fussballspieler» den 1. Preis.
3) Peter Zschokke: a.a.O., S. 107: Allgemeiner Wettbewerb für eine Plastik im Garten des Bernoullianums, bei dem nach ergebnislosem Wettbewerbsausgang Paul Suter, Alfred Wymann und Hans Schmid eingeladen wurden, ihre Entwürfe in Originalgrösse vorzulegen. Die Ausführung erhielt dann Alfred Wymann.
«National Zeitung» vom 22.6.1965: Nachdem das «Mädchen mit der Taube» einige Jahre vor dem Atelier des Künstlers stand, kaufte es auf Veranlassung des damaligen Regierungsrates Max Wullschleger das Basler Baudepartement und stellte diese Plastik vor das Schwesternhaus des Felix-Platter-Spitals.
4) Im Auftrag der Kunstkreditkommission Basel-Landschaft für den Brunnen vor der Gemeindeverwaltung Oberwil 1963/64 entstanden (Quelle: «Basellandschaftliche Zeitung» vom 7.2.1964, S. 8).
5) Vom Weiteren Gemeinderat Riehen (Sitzung vom 15. März 1972) aufgrund eines Modells und in Erledigung eines von Albert Schudel im Mai 1951 eingereichten Anzuges als Ersatz des alten Pumpbrünnleins (am Chrischonaweg über dem Eingang zum Schiess-Stand) durch einen «schmucken Brunnen» beschlossen. Der «Bogenschütze» wurde als 26. Riehener Dorfbrunnen im Mai 1974 eingeweiht (Quelle: «Basler Woche» vom 10.5.1974).
6) Edith Schweizer-Völker, in: «B wie Basel» vom April 1989, S. 46
7) Peter Zschokke, a.a.O., S. 115,FotoS. 221.
8) RZ vom 15.11.1974
9) RZ vom 1.4.1977 und 6.5.1977; RJ 1977, Bild neben S. 104
10) Der als Flachmaler in Basel lebende Ghisalba trat als dilettierender Künstler kaum in der öffentlichkeit in Erscheinung, obwohl ihm beispielsweise Max Kämpf ein fundierteres Wissen über die Malerei nachsagte, als er selbst es besitze.

Personen
soweit nicht im RRJ erwähnt oder ohne regionalen Bezug: Richard Arioli (* 1905), Stadtgärtner Basel Hans Arp (1887-1966), Bildhauer Gian Casty (1913-1979), Maler Rudolf Christ (1895-1975), Architekt August Drissler (1889-1968), Grabbildhauer Benedetto Ghisalba (1913-1981), Flachmaler Otto Meyer (1879-1981), Bildhauer Paul Suter ( * 1926), Bildhauer Hans Weidmann ( * 1918 ), Maler Alfred Wymann (*1922), Bildhauer



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