1989

Ernst Ludwig Kirchner in der Schweiz

Vera Stauber

Eine Ausstellung im Berowergut
Die Gemeinde Riehen unternahm mit der grossen Ausstellung «E. L. Kirchner in der Schweiz, 1917-1938», welche vom 30. September bis 10. Dezember 1989 im Berowergut stattfand, den ersten ernsthaften Versuch, Kirchners Schweizer Werk repräsentativ vorzustellen. Die Gemeinde, beraten von ihrer Kommission für Bildende Kunst, ergriff damit ein weiteres Mal die Gelegenheit, das Ausstellungsangebot in der Regio zu erweitern und einen Beitrag zum kulturellen Leben im Kanton Basel-Stadt zu leisten.

Besonders erfreulich war, dass die Stadt Lörrach einmal mehr die guten Beziehungen über die Grenze hinweg pflegte und im Oktober mit einer Ausstellung in der Villa Aichele über die Gruppe «Rot-Blau» die Kirchner-Präsentation sinnvoll ergänzte.

Ernst Ludwig Kirchner wurde 1880 in Aschaffenburg geboren. Als Primarschüler verbrachte er bereits zwei Jahre in der Schweiz, in Perlen bei Luzern, wo sein Vater Subdirektor der Papierfabrik war. Die Familie Hess sich 1889 in Chemnitz nieder. Dort und in Dresden besuchte Kirchner die Schulen und schloss 1905 sein Studium als Diplomingenieur ab. Im selben Jahr gründeten die Freunde Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff die «Künstlergemeinschaft Brücke», zu der später auch Emil Nolde, Max Pechstein, Cuno Amiet und Otto Mueller stiessen. Die Künstlergruppe löste sich 1913 auf.

1915 wurde Kirchner, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete, Rekrut in Halle an der Saale. Er konnte aber weder dem militärischen Drill noch dem Druck der Kriegsentwicklung psychisch standhalten. Dazu kam, dass Kirchner, wie viele Künstler, die sich nicht mit dem bürgerlichen Leben identifizieren konnten und wollten, zunehmend unter Alkohol- und Drogeneinfluss stand. Er wurde vom Dienst beurlaubt und brach im Januar 1917 erstmals nach Davos auf, ein Schritt, der eine grundsätzliche Wende für sein Leben und Werk bedeutete.

Kirchner verbrachte die Sommer 1917 und 1918 auf der Stafelalp ob Frauenkirch bei Davos. Im Kunsthaus in Zürich erhielt er erstmals Gelegenheit, sein Werk in der Schweiz zu zeigen. Der Krieg und die Angst, eingezogen zu werden, gingen zu Ende, Kirchner erholte sich zunehmend. Obwohl Berlin nach dem Krieg zu einem kulturellen Zentrum wurde, entschied sich Kirchner dafür, in Davos zu bleiben.

Im Juni 1923 veranstaltete die Kunsthalle Basel eine grosse, repräsentative Kirchner-Ausstellung, die einen nachhaltigen Eindruck auf junge Basler Künstler machte und folgenschwer für die Basler Kunstszene wurde. Hermann Scherer reiste noch im Sommer 1923 zu Kirchner nach Davos, Albert Müller und Paul Camenisch folgten. In der Silvesternacht 1924/25 gründeten die drei Basler Künstler die Gruppe «Rot-Blau», Werner Neuhaus stiess nur wenig später dazu. Die Gruppe, deren künstlerisches Vorbild Kirchner war, versuchte, in die etablierte Malerei der sogenannt «Dunkeltonigen» (Paul Basilius Barth, Jean Jacques Lüscher, Numa Donzé, Karl Dick und andere) einzubrechen. Kirchner nahm regen Anteil an der Tätigkeit der jungen Basler und machte sie auch einem breiten Publikum bekannt. Ende 1926 starb sein Freund Albert Müller im Alter von 29 Jahren, im Frühjahr 1927 Hermann Scherer mit 34 Jahren, die Gruppe «Rot-Blau» löste sich auf. Im Juni 1928 kam es zu einer Neukonstituierung der Vereinigung, von der sich Kirchner aber distanzierte.

Kirchner mietete von 1918 bis 1923 das Bauernhaus «In den Lärchen». 1923 bezog er das Haus auf dem Wildboden, das er bis zu seinem Tod bewohnen sollte und das seit 1982 das E. L. Kirchner Museum beherbergt. 1933 feierte Kirchner mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Bern einen grossen Erfolg. Im selben Jahr wurde Kirchner aus Berlin aufgefordert, auf seine Mitgliedschaft in der Preussischen Akademie der Künste zu verzichten.

1936/37 intensivierten sich die Beziehungen zu Amerika. Das Institut of Art in Detroit führte eine Kirchner-Ausstellung durch, eine Galerie in New York zeigte 32 Werke des Künstlers. In Deutschland dagegen, in seiner Heimat, wurde Kirchner wie viele andere Künstler diffamiert. In der von den Nationalsozialisten veranstalteten «Ausstellung entarteter Kunst» waren 25 ölbilder von Kirchner dabei. Kirchners Gesundheitszustand verschlechterte sich unter diesem Druck, er wurde mehr und mehr von Depressionen heimgesucht. Am 15. Juni 1938 nahm sich E. L. Kirchner in seinem Haus in Davos das Leben.

Es ist der für die Organisation der Ausstellung beauftragten Ursula M. Gutzwiller gelungen, eine ausgesprochen gute und vielseitige Auswahl von Kirchners Werken ins Berowergut zu bringen. Unter den insgesamt 94 Werken waren 39 ölgemälde aus den Jahren 1918 bis 1937 zu sehen. Viele Holzschnitte, mehrere Aquarelle, Radierungen, Zeichnungen, diverse Wirkereien und zwei Plastiken vermittelten dem Publikum einen Einblick in das Gesamtkunstwerk Kirchners, der sich auch mit der Wandmalerei, der Photographie, der Herstellung von Möbeln und anderm mehr beschäftigte.

Deutlich zeigte die Ausstellung den Einfluss der Bergwelt auf Kirchner, der sich vom Maler der Großstadt zum Maler der Alpen wandelte. Sein Epos der alpinen Welt, die Ewigkeit der Berge, die Schlichtheit und Ruhe des Bergbauernlebens wirkten sich auf seine Malweise aus. Der nervöse, splittrige und scharfkantige Pinselstrich, der in seinen Stadtbildern vorherrschte, wich oft zugunsten einer grossflächigen Monumentalisierung, die ihn zum sogenannten «Teppichstil» führte. Es war ein Glücksfall, dass im Berowergut sowohl das Bild «Schwarzer Frühling» von 1923 wie auch die später daraus entstandene und von Lise Gujer gewobene Wirkerei gezeigt werden konnte. Die Farben, die Kirchner für seine Bergwelt wählte, wurden frei und lösten sich von der realen Erscheinung. Rosa, violett und blau geben in expressiver Erhöhung Licht und Schatten wieder.

Kirchner berücksichtigte aber auch immer wieder Themen, die ihn schon vor der Schweizer Zeit beschäftigt hatten. Dazu gehören die Beziehung zwischen Mann und Frau, die im «Schwarzen Frühling», im Bild «Vor Sonnenaufgang» von 1924-1926 und vor allem im Holzschnittzyklus von Petrarcas «Triumph der Liebe» aus dem Jahre 1918 zum Ausdruck kommt. Noch einmal griff er auch das Thema des Stadtbildes mit Ansichten aus Zürich, Bern und Basel in der Mitte der dreissiger Jahre auf.

1980 fanden vielerorts Ausstellungen zu Kirchners 100. Geburtstag statt. 1979/80 erlebte auch Basel die bislang letzte Kirchner Ausstellung, die von Eberhard W. Kornfeld aus den Beständen in Davos zusammengestellt wurde. Eberhard W. Kornfeld, Galerist und Konservator des Kirchner-Museums Davos, stand auch der Ausstellung im Berowergut beratend zur Seite. Rund 50 Jahre nach dem Tod von Ernst Ludwig Kirchner zeigte diese Ausstellung sein in der Schweiz entstandenes und für Schweizer Künstler wichtig gewordenes Werk.

Literaturauswahl
Annemarie und Wolf-Dieter Dube: «E.L.Kirchner - Das graphische Werk», zwei Bände, München 21980 Donald E. Gordon: «Ernst Ludwig Kirchner», München 1968 LotharGrisebach(Hg.): «E.L.Kirchner-DavoserTagebuch»,Köln 1968 Eberhard W. Kornfeld: «Ernst Ludwig Kirchner - Nachzeichnung seines Lebens», Bern 1979
Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog erschienen.

Personen
soweit nicht bereits im RRJ erwähnt oder ohne regionalen Bezug
Paul Camenisch (1893-1970), Maler
Lise Gujer (1893-1967), Kunstgewerblerin
Ursula Margrit Gutzwiller-Vögelin ("'1949), Mitglied der Kommission für Bildende Kunst Eberhard Walter Kornfeld (s"1923), Dr. phil. h.c., Galerist, Kunsthistoriker
Albert Müller (1897-1926), Maler, Glasmaler, Graphiker und Bildhauer
Werner Neuhaus (1897-1934), Maler
Hermann Scherer ( 1893-1927), Bildhauer und Maler
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