1989

Über den Umgang mit alten Gebäuden

Georg Mörsch
Brigitta Hauser-Schäublin

Ein wesentlicher Teil dessen, was das Riehen-Spezifische ausmacht und womit sich Riehener identifizieren, wird zweifellos durch das gebildet, worin sich die Gemeinde rein optisch von anderen unterscheidet: durch ihre historische Bausubstanz, so wie diese im Dorfkern, zum Teil in unverändertem, zum Teil in renoviertem und saniertem Zustand zu finden ist. Diskussionen über den Umgang mit alten Häusern sind im Gang, auch in Riehen. Aus diesem Grund hat sich die Redaktion entschlossen, dieses Thema nicht an einem einzigen Objekt abzuhandeln, sondern es mit einem Fachmann grundsätzlich zu diskutieren.

Als kompetenter Gesprächspartner hat sich Professor Dr. Georg Mörsch, Inhaber des Lehrstuhls für Denkmalpflege an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zur Verfügung gestellt. Da er vor seiner Lehrtätigkeit während zwölf Jahren praktischer Denkmalpfleger gewesen war, kennt er auch die Praxis bestens. Auf einem Rundgang durch Riehen1) wurden ausgewählte Objekte besichtigt. Zu diesen gehörten: das Le Grand-Haus, das Haus Eger Rössligasse 40, das Schweizerhaus, das Schlozerhaus, das Alte Wettsteinhaus (Spielzeugmuseum), das Dannacherhaus, das zur Zeit gerade renoviert wird, und schliesslich der Meierhof und die Alte Kanzlei2). Das daran anschliessende Gespräch mit Professor Mörsch führte Brigitta Hauser-Schäublin.

Wie dörflich ist für Sie Riehen?

Was ich weiss von dem, was ich gelesen habe, und nachdem mir die Probleme solcher Gemeinden im Sog der Großstadt bekannt sind, wirkt Riehen - als erster Eindruck - erstaunlich dörflich, zunächst wegen der städtebaulichen Trennung durch das Bäumlihofareal. Auch
Georg Mörsch Brigitta Hauser-Schäublin
sonst scheint ein Aspekt von Dörflichkeit im noch erkennbaren, landwirtschaftlich nutzbaren Boden erhalten zu sein. Nach diesem ersten Eindruck müsste man dann jedoch fragen, wie Riehen als Dorf funktioniert, und das ist vermutlich schwierig zu beantworten. Offensichtlich war es in sozialer Hinsicht immer ein besonderes Dorf, das bereits im späten Mittelalter und in der Neuzeit in einem bestimmten Verhältnis zur Stadt stand. Riehen war immer eine sozial sicherlich sehr differenzierte, segregierte und früher schon in ihren Gegensätzen hart aufeinander prallende Gesellschaft. Das zeigen die Landgüter reicher Städter einerseits und die Kleinbauernhäuser andererseits noch heute. Wenn man in Riehen also nach dem Dorf fragt, darf man nicht nach einer baulichen und in diesem Zusammenhang sozialen Harmonie suchen, sondern muss in diesem Sinn nach der spezifischen Dörflichkeit von Riehen Ausschau halten.

Im Sinne «meines» Dorfbildes im Allgemeinen, das auch durch die ehemalige Nutzung in den Hauptstrassen geprägt würde, ist Riehen nur noch in einzelnen Ecken dörflich, zum Beispiel beim Schweizerhaus mit seinen Hofgebäuden, da dort die polyfunktionale Form der Nutzung und der Nutzungsmöglichkeit noch besteht. Großstadt, Kleinstadt und Dorf sind auch dadurch definiert, dass der Grad von Spezialiserung von einzelnen Bauten und Bautypen von der Großstadt herunter zum Dorf anders ist. Da müsste man prüfen, wieviele Bauten, das heisst Kleinensembles wie das Schweizerhaus mit seinen Nebengebäuden, hier noch dörflich sind. Oder beispielsweise das Le Grand-Haus, das ja auch sozial ein besonderes Haus war: Hier würde interessieren, wie die Verbundenheit dieses Baus mit dem Dorf ausgesehen hat; diese ist durch die baulichen Massnahmen der jüngsten Zeit leider nicht mehr er kennbar (vergleiche dazu Seite 5-27). Man müsste also fragen, im Hinblick auf die Planung denkmalpflegerischer Massnahmen, ob es solche gibt, die geeigneter sind, diese Polyfunktionalität und auch das Angebot des Hauses an sich besser bestehen zu lassen als andere. Wenn es da Unterschiede gibt, würde ich dieses Gewährenlassen des Hauses generell als die bessere Denkmalpflege bezeichnen.

Sie haben in Ihren Schriften einmal das Denkmal als ein bauliches Original definiert, dessen Eigenschaften in der geschichtlich begründeten Gestalt, in der historischen Materie, in der Konstruktion und im historischen Ort bestehen. Diese Kriterien - will man sie ernst nehmen - geben sehr viel vor im Umgang mit alter Bausubstanz. Sie stehen auch im Widerspruch zu heutigen Forderungen nach Nutzung und dem Anspruch auf Verwendbarkeit alter Häuser.

Man kann aufzeigen, wenn man das Angebot des alten Hauses beobachtet - und dies kann man über kunst-, konstruktionsgeschichtliche und handwerkliche Beschreibungen oder mittels mündlicher und schriftlicher überlieferungen tun -, welche Funktionen in diesem Haus einmal möglich gewesen sind. Dies gibt auch Hinweise darauf, wie man das Haus ohne grossen Verschleiss nutzen kann, das heisst es definiert das Nutzungsangebot. Die Denkmalpflege ist natürlich interessiert, die alte Substanz mit dieser alten Funktion zu sehen, daraus die neue Funktion möglichst nahtlos und verträglich zu entwickeln sowie dann auch entsprechend mit dem Haus umzugehen. Das heisst, ein Wohnhaus müsste im Prinzip ein Wohnhaus bleiben, ein Versammlungsgebäude ein Versammlungsgebäude, und die im dörflichen Bereich ganz wichtigen Lagergebäude müssten Lagergebäude bleiben. Das kann ja dann ein anderes Lagergut sein als früher, Dinge, die wir heute lagern. Bei der Funktionserhaltung würde man bestimmte Verfremdungseffekte, die bei vielen heutigen Nutzungen entstehen - Stichwort: kleines Ackerbauernhaus zu einer Bank umfunktioniert -, vermeiden können.

Inwieweit kann der Denkmalpfleger darauf Einfluss nehmen?

Bei den hiesigen Bestimmungen kann er nur ganz am Rande mitbestimmen; mitberaten kann er viel, denn er besitzt ja sehr viel Erfahrung über das Nutzungsangebot des Hauses, über das Angebot von Raumgefüge, Konstruktion und Materialien. Er kann vielleicht ein Stück weit zur Vernunft der Nutzung mitverhelfen, wobei sich die Frage stellt: woran misst sich die Vernunft? Lassen wir wirklich das Haus selber diese Messlatte sein und das, was mit einem wirtschaftlich leidenschaftslosen Maßstab gemessen, dörflich ist, oder lassen wir die Rendite die einzige Messlatte sein? Wenn das Haus seinen derzeitigen spekulativen Marktwert ständig mit einer bestimmten Renditenmarge erwirtschaften muss, sind die überlegungen, die wir uns gemacht haben, anders, als wenn das Haus nur sich selber tragen muss. Man kann sich fragen, ob etwa alle Liegenschaften der öffentlichen Hand, die ja längst abgeschrieben sind und die in der Regel nicht gerade auf dem Immobilienmarkt gekauft wurden, ob diese also mit dem heutigen Bodenwert eingesetzt werden müssen und ob tatsächlich von diesem Boden- und Gebäudewert her die Häuser dann ihre fünf bis fünfeinhalb ja sogar bis acht Prozent Rendite bringen müssen. Ob da die öffentliche Hand nicht auch den alten Objekten eine andere ökonomie angedeihen lassen kann, muss man fragen dürfen.

Stichwort heimatlicher Anspruch ans alte Haus, die Frage der Identität mit dem Dorf. Heute wohnen auch in einer Gemeinde wie Riehen nicht nur «alte Riehener», sondern es gibt doch eine relativ grosse Mobilität, Neuzuzüger und Wegzüger.

Mit dieser Frage, «welches Publikum gewinnen unsere alten Häuser und Siedlungen», und umgekehrt, «was können unsere alten Siedlungen für das Publikum tun», beschäftigen wir uns oft. Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade Neuzuzüger sehr schnell bereit sind, sich mit ihrem neuen Ort zu identifizieren. Aber die Frage ist: lässt man sie überhaupt? Denn es gibt nicht-sichtbare Konditionen, irgendwo heimisch zu werden. Dazu gehört etwa das Mietrecht. Wenn der Neuzuzüger (wie auch der bereits Eingesessene) selbst bei grösster wirtschaftlicher Anstrengung, seine Miete bezahlen zu können, dennoch nicht sicher sein kann, in diesem Dorf, das seine Heimat werden soll, wohnen bleiben zu können, dann ist eine ganz starke Motivation, um heimisch zu werden, hinfällig. Dann gerät man sehr schnell in Gefahr, Heimatbildung nur noch im optisch oberflächlichen und kommerziell wirksamen Be reich zu sehen. Man muss sich fragen: wird für diese Identifizierungsfähigkeit des Menschen mit seinem Lebensort genug getan?

Es gibt in Riehen noch private Eigentümer, die in ihren alten Häusern leben und sie auch instand halten. Dann gibt es Grossunternehmen, die alte Häuser erwerben, nicht zuletzt um einen Fuss im Zentrum zu haben, und dann natürlich auch die Gemeinde als Eigentümerin. Wie sehen sie das Verhältnis von Eigentümer und Haus?

Ich glaube, dass es für bestimmte Häuser falsche Eigentümer gibt, genauso wie es für bestimmte Haustier arten falsche Besitzer gibt. Und ich glaube, dass die Denkmalpflege kein unrechtes Begehren erhebt, wenn sie nach Prüfung des historischen Wertes eines Objektes zum Beispiel sagt: Nach aller Erfahrung sind beispielsweise Banken mit ihrem speziellen Umbauverhalten, der für solche Unternehmungen erforderlichen baulichen Infrastruktur, dem Sicherheitsinteresse und so weiter nicht in der Lage, mit dem alten Haus richtig umzugehen. Wenn man die denkmalpflegerischen Ansprüche auf die Aussenhaut, auf die wiederherstellbaren optischen Dinge für das Dorf beschränkt und auf dieser Grundlage definiert, was Denkmalschutz ist, dann ist das Haus bald so weit ausgetauscht, dass sich der Bürger auf der Strasse längst darüber aufgeregt hat. Das führt dann dazu, dass angesichts eines solchen Umgangs mit einem Haus die Leute kopfschüttelnd überhaupt am Sinn der Denkmalpflege zweifeln.

In politischen Diskussionen zählt meines Erachtens vor allem die Aussenhaut, das Ortsbild, ein Begriff, den ich mit Ausserlichkeit verbinde, mehr noch mit «Kulisse».

Das sieht für mich genau so aus. Das Dorfbild darf nicht das Wirken der Denkmalpflege ausfüllen, wenn dieses Bild nur mit Cachet und Ambiance verbunden wird, dies nur in sehr oberflächlicher Hinsicht gemeint ist, ein Thema, das vielleicht bei Fremdenverkehrsorten werbewirksam ist, aber nicht ausreicht, Denkmalpflege zu sein.

Was heisst das für Riehen?

Man muss sich im klaren darüber sein, dass es nicht um ein paar unverbindliche ästhetische äusserlichkeiten geht, sondern um das materielle, soziale, nutzungsmässige, geschichtliche Netz dessen, was wir vielleicht unter «unser Dorf» verstehen.

Wir haben auf unserem Rundgang Dinge gesehen, bei denen Vorstellungen von Dorfbild offensichtlich eine Rolle gespielt haben, etwa Beispiele für totale Auskernungen, wo nur die Fassade stehen blieb, aber auch neugebaute sogenannte alte Häuser.

Ich habe, wie Sie dies bereits implizieren, ebenfalls meine Vorbehalte dagegen. Denn auch in einem vom originalen baulichen Bestand her so reizvollen Dorf wie Riehen darf es neue Architektur geben. Gerade das Beispiel Basels zeigt, dass man dies in sehr unterschiedlichen Stufen der Instrumentierung von Kreativität machen kann. Es muss durchaus möglich sein, auch hier in Riehen an moderne Architektur zu denken. - Aber dieses Imitieren von dörflichen Altbauten hat auch für die historische Bausubstanz selbst einen schlimmen Nachteil: es reduziert das Erhaltenswerte der Substanz in der Meinung der betroffenen Be völkerung auf das Imitierbare, Kopierbare, pastiche-artig Wiederholbare, und das ist Unrecht an der alten Substanz. Nur wenn man sie als einzigartige, nicht wiederholbare Ganzheit versteht, wie das etwa im Wettsteinhaus noch vorhanden und spürbar ist, wird der tötende Stumpfsinn einer Kopie innen und aussen deutlich.

Wir nehmen durch das Belassen nur von Fassaden und durch das Nachbauen alter Häuser dem Ort aber nicht nur die geschichtliche Erkennbarkeit. Wir nehmen ihm auch die Chance zur modernen Erkennbarkeit. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Thema, das unsere Kultur generell noch nicht thematisiert, geschweige denn gelöst hat, nämlich: wie sieht Moderne im dörflichen Kontext aus.

Nochmals zurück zum optischen Eindruck des Dorbildes. Alle Bauten, die Kopien, die ausgekernten Häuser, die sorgfältig restaurierten, sie alle wirken zeitlos, das heisst Altersspuren sieht man fast keine. Haben Gebäude einen Ewigkeitsanspruch auf fugetidlichkeit?

Ich meine natürlich nicht! Dies hängt sicher mit unserer wirtschaftlichen Situation zusammen, die ja sonst sehr viel Positives hat. Aber unser ganzes Habitat, das heisst unser Lebensraum im umfassenden Sinn, wird zeitlich eindimensional gemacht. Es ist alles «gerade von gestern», ganz neu. Wir sind offenbar gar nicht in der Lage, Altersspuren - von Verfall will ich gar nicht sprechen - zu ertragen, und das gilt nicht nur für Häuser.

Man muss sich sehr genau überlegen, wenn man eine Renovierung eines Hauses plant: welche Vorgaben geben wir dem Gebäude, das heisst wie darf es einmal altern. Und da gibt es ebenfalls Unterschiede zwischen Stadt und Dorf. Die Stadt hat andere Altersspuren als das Dorf. Beispielsweise die Schwalben, die ihre Nester und deren Spuren am Bauernhaus hinterlassen, sind so in der Stadt schon seit langem nicht mehr sichtbar. Wenn man diese Spuren lesen kann, wirken sie vielleicht nicht mehr nur als ärgernis, sondern auch als Spur für ein Habitat, für ein Biotop.

Deshalb lädt derjenige, der wider besseres Wissen sein Dorf nur von der Optik her definiert, Schuld auf sich. Man kann über ein Dorf mehr als nur das Cachethafte und Ambiancemässige wissen und deshalb auch schützen. Unser Schutzverhalten geht über die drei Schritte: erkennen; lieben, was man verstanden hat; und schützen, was man auch liebt.

Hier muss man präzisieren: Wir wollen nicht die Armut, selbstverständlich nicht, aber wir wollen, dass der Reichtum nicht der grösste Denkmalzerstörer wird. Im Grunde genommen müssen wir das Gefühl für den nicht bezahlbaren Reichtum entwickeln, und ich meine, dass dies über die Partizipationsfähigkeit am Habitat geschehen könne. Wenn man nicht nur auf Abruf in einem Haus, sondern mit diesem leben darf im Wissen, hier treibt mich niemand hinaus, dann wird das Haus zum eigentlichen Lebensraum, wie wir dies beispielsweise im Haus Rössligasse 40 bei der Hausherrin gespürt haben. Ich kenne viele Einzelfälle, wo man den Eigentümern riesige Summen für ihr Haus angeboten hat, wo diese jedoch abgelehnt haben mit der Begründung: «Das eine ist Geld, das andere ist mein Leben». Hier werden Werte deutlich, die sich nicht an der ökonomie im gängigen Sinn orientieren, sondern vermutlich an anthropologischen Werten, jenen des Menschen selbst. Es gibt Untersuchungen aus deutschen Großstädten, die zeigen, dass von allen Leuten über 60 Jahre, die aus ihrer angestammten Wohnung ausziehen mussten, ein Drittel innerhalb des ersten Jahres stirbt. Also nur zwei Drittel überleben den erzwungenen Wohnungsumzug. Ich glaube deshalb, dass Denkmalschutz ganz stark auch an diesem Verbleibeschutz arbeiten muss.

«Sanfte Renovation», was versteheti Sie darunter, und wie sieht diese inhezug auf die Gebäude, die wir besichtigt haben, aus?

Das Stichwort ist zum Schlagwort geworden; deshalb muss man im Umgang damit vorsichtig sein. Es gibt hier eine ganze Reihe von Sanftheiten. Zunächst einmal die sanfte Renovierung, auch Sanierung; diese bedeutet, dass man möglichst viel von der denkmalwerten Substanz übrig lässt. Diese Sanftheit kann auch bedeuten, dass man das Haus nicht auf den ersten Zustand zurückrenoviert. Die Sanftheit kann auch in den Ansprüchen an das Denkmal bestehen und kann so zum Beispiel Sanftheit gegenüber dem statischen Tragverhalten des Objektes bedeuten. Aber es gibt auch sanfte Renovierungen, die in anderer Hinsicht überhaupt nicht sanft sind, zum Beispiel hinsichtlich der Kosten.

Dann gibt es eine Unsanftheit, die darin besteht, dass das Objekt, obwohl es zum Beispiel in der Materie gar nicht gerupft worden ist, obwohl die Kosten gar nicht so exorbitant waren, nachher so verfremdet ist, dass es nicht mehr als geschichtliches Objekt benutzbar ist.

Eine gute denkmalpflegerische Massnahme wäre eine solche, die alle solchen Sanftheiten vereint. In einem Ort wie Riehen, der unter dem Druck von Umwälzungen steht und durch diese leiden kann, sehe ich die Aufgabe der Denkmalpflege in erster Linie darin, dass bei jeder bevorstehenden Veränderungsmassnahme die betroffenen historischen Bereiche oder Objekte genau erforscht werden, um als Ganzes lesbar zu bleiben und zur Geltung gebracht zu werden. Es gibt für den Denkmalpfleger Prioritäten, wenn er Zerstörung mithilft abzuwenden. Dies ist etwa beim Le Grand-Haus nur unvollkommen gelungen, wenn die Malereien zwar wunderbar erhalten und restauriert sind, das Haus aber tiefgreifend verändert ist, weil in seine, vielleicht anonym erscheinende, Substanz, die jedoch das Haus erst lesbar und in seiner Verfasstheit begreifbar macht, zu stark eingegriffen wurde.

Nochmals zurück zum Thema Alter und Altern eiries Gebäudes, ich denke etwa an das Schweizerhaus, wo in der öffentlichkeit darüber diskutiert wird, ob sein Zustand überhaupt eine vernünftige Sicherung und Erhaltung des Gebäudes zulässt. Oder anders gefragt: gibt es für den Denkmalpfleger auch nicht-rettbare Bausubstanz, weil sie in schlechtem Zustand ist?

Ich will diese Frage nicht am Beispiel des Schweizerhauses diskutieren, da mir dort noch viel zu viel Substanz vorhanden ist. Das ist denkmalpflegerisch und bautechnisch kein Problem; Aufgabe ja, das ist es, aber kein Problem! Aber die Frage an sich ist wichtig. Der Denkmalpfleger wird in der Regel der letzte sein, der freiwillig von einem baugeschichtlich interessanten Rest sagt: «Nein, er ist eigentlich gar nicht mehr da.» Auf der anderen Seite ist er auch der erste, der sagen kann, dass bei bestimmten geplanten Baumassnahmen nach allen Erfahrungswerten von der originalen Substanz später nichts mehr vorhanden sein wird. Es gibt für den Denkmalpfleger Baustellen von einem solch immensen Schadensumfang, dass er nur noch den Weg eines totalen Materialaustauschs, also einer Kopie gehen kann. Hier muss er sich die Möglichkeit offenhalten zu sagen: «Nein, hier werde ich ehrlicherweise nicht mehr von einem Denkmal sprechen können; ich muss mich hier verabschieden.» - Ich habe einmal geschrieben, ein Denkmal hat auch das Recht auf seinen Untergang, das galt für einen ganz speziellen Zusammenhang, aber ich wäre bereit, unter gewissen Umständen diesen Satz auch auf die Behandlung von einzelnen Baustellen anzuwenden.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch gerne zwei kurze, zum Teil provokative Fragen stellen: Wann ist ein Haus ein Denkmal?

Ein Haus ist ein Denkmal, wenn seine materielle Substanz so viele geschichtliche Spuren trägt, dass die Erhaltung dieser Spuren im öffentlichen Interesse ist. Es lässt sich nachweisen, dass es für den Menschen viele Formen der Erinnerung gibt, auch Erinnerung vor geschichtlicher Materie in ihrer Authentizität, das heisst Erinnerung mittels Materie, originaler Substanz. Aus diesem Grund ist keine Kopie und keine Dokumentation der Originalsubstanz ebenbürtig.

Wieviele Denkmäler erträgt eine Gesellschaft?

Die Schweiz verwöhnt sich nicht mit authentischem Denkmalschutz. Ihre Frage lässt sich für den Denkmalpfleger nicht mit einer absoluten Kreditsumme beantworten, sondern nur gemäss den vorhandenen geschichtlichen Spuren. Bei der Definition dieser Spuren spielt auch das Argument der Seltenheit eine Rolle. Die Denkmäler, die so benannt werden, mutet der Denkmalpfleger seiner Gesellschaft zur Erhaltung zu, aber er kann sie nicht bindend bestimmen - als Denkmäler benennen ja, als Erhaltungsobjekte dekretieren nein, denn es kann auch zwingende Gründe geben, die einmal gegen die Erhaltung sprechen.

Wenn man die Geschichte der Denkmalpflege anschaut, dann erkennt man, dass diese in einer Zeit entstanden ist, als sich rascher und tiefgreifender kultureller Wandel abzuzeichnen begann.

Ja, die Einrichtung staatlichen Denkmalschutzes ist eine Funktion der Schnelligkeit des Wandels. Durch diesen schnellen Wandel ist die Perspektive auf ein Gut, das immer schneller weggenommen wurde, eröffnet worden und dann in öffentlichen Denkmalschutz übergeführt worden.

Die Schweiz war eines der Länder Europas, das am längsten mit der Einrichtung einer staatlichen Denkmalpflege gewartet hat, weil man offenbar die Bedrohlichkeit des Schwundes lange nicht zur Kenntnis genommen hatte. Inzwischen kann man sich über diese Bedrohlichkeit keine Illusionen mehr machen. Als Arbeitshypothese kann man vielleicht formulieren: jene Gesellschaften, die einen griffigeren Denkmalschutz besitzen, haben auch diesen Grenzwert der Veränderung brutaler gemerkt, beispielsweise die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg, und später, nach den Zerstörungen der sechziger Jahre, in denen noch einmal so viel Bausubstanz ausgetauscht wurde, wie der Krieg zerstört hatte. Das Mass des Austauschs wurde eine negative Qualität. Der Grenzwert war sicher sehr viel brutaler aufgetreten als in der Schweiz. Hier in der Schweiz besteht ein Problem darin, dass auch dann, wenn hier vieles zerstört und durch Neubauten ersetzt wird, dies so solid gemacht wird und zum Teil so historisch wirkt, dass die öffentlichkeit in ihrem diffusen Denkmalbewusstsein nicht genügend aufgeschreckt wird. Die Denkmalpflege muss meiner Meinung nach den Leuten klar machen, was sie dadurch verlieren, muss ihnen zeigen, dass sie beraubt werden, ohne dass sie es wahrnehmen. Denn selbst wenn die Menschen in dieser Generation es nicht sehen würden und wir arbeiten ja nicht nur für diese Generation -, spätestens in der Zukunft wird die Frage auftauchen: Was habt ihr damals gemacht, was habt ihr uns vorenthalten?!

Anmerkungen
1) Ich danke meinem Kollegen Michael Raith dafür, dass er mich auf dem Rundgang durch Riehen begleitet und dabei sein immenses historisches Wissen zur Verfügung gestellt hat.
2) Le Grand-Haus, Rössligasse 67 (siehe S. 5-27); Haus Eger, Rössligasse 40 (RJ 1981, S. 13-34, 35-46); Schweizerhaus, Rössligasse 19; Schlozerhaus, Rössligasse 20; Altes Wettsteinhaus, Baselstrasse 34 (RJ 1962, S. 31-42; 1968, S. 23-27; 1972, S. 7-25, 26-53); Dannacherhaus bzw. Haus «Zur Waage», Baselstrasse 12; Meierhof, Kirchstrasse 20/Erlensträsschen 7-9 (RJ 1975, S. 10-28); Alte Kanzlei, Baselstrasse 43/Erlensträsschen 1 (RJ 1961, S. 17-24; 1983, S. 511, 13-23,24-34).

Im Dezember 1989 erscheint beim Birkhäuser Verlag Basel der Band «Aufgeklärter Widerstand, das Denkmal als Frage und Aufgabe», der gesammelte Aufsätze von Georg Mörsch enthält.

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